Didier Eribon: „Rückkehr nach Reims“

Muizon ist Ernstfall und alltägliche Realität. Es entsprach meiner Vorstellung: eine Karikatur der Zersiedlung, einer dieser semiurbanen, von Feldern gerahmten Räume, von denen man nicht genau weiß, ob sie noch Land oder schon zu dem geworden sind, was man gemeinhin Banlieue nennt. In Muizon nahe bei Reims trifft  Didier Eribon nach dem Tod des Vaters seine Mutter nach langen Jahren der Abkehr und abgebrochenen Kommunikation wieder. – Mit dieser Konstellation setzt Didier Eribons autobiografischer Bericht ein. Er spiegelt ein soziales und mentales Abenteuer. Eine Klassenreise. Die Rückkehr zu den eigenen, lange abgelegten und lange verleugneten Wurzeln.

Didier Eribon, Jahrgang 1953, lehrt Soziologie an der Universität von Amiens und ist einer der angesehensten Intellektuellen seines Landes. Die Weichen waren nicht in diese Richtung gestellt. In einem Land, in dem nach wie vor ein spezifisches Establishment die Regeln macht, entscheiden die Familienzugehörigkeit, die besuchten Schulen und Universitäten darüber , welchen Posten, nicht Job, man in Industrie, Politik und Verwaltung einnimmt. Ganz gleich ob, man sich rechts oder links einordnet. Ein Arbeiterkind, das sofort am falschen Dialekt, den falschen Redewendungen und der mangelnden Vertrautheit mit der klassischen Kultur detektiert wird, hat da nichts zu suchen.

Die Schule teilte früh zu. Vor allem traf es die, die sich nicht den Anstrengungen des Lernens unterwerfen wollten. Wie Eribons Brüder. Ihnen machten es die Lehrer leicht, ihrer Klasse und ihren Riten verhaftet zu bleiben. Eribon formuliert daraus einen Vorwurf an das System Schule und die Lehrer, nicht an seine Brüder. Sie konnten es nicht anders wissen, sie haben es nie anders lernen dürfen, sie blieben die Kinder ihrer Klasse.

Die Lebens- und Wohnverhältnisse der Eribons, einer Arbeiterfamilie mit vier Söhnen im industriell-kapitalistischen Nordosten Frankreichs um Reims, waren nie privilegiert und immer prekär. Das Leben pendelte zwischen offener Armut und einem schlussendlich geborgten „besseren Leben“. Die Ehe der Eltern? Eine permanente, von Gewalttätigkeiten und Gehässigkeiten geprägte Ehekrise. Und damit sind wir mitten in anderen als harmonischen und glücklichen Kindheits- und Lebenserinnerungen. Es gehört schon viel Mut dazu, dies publik zu machen.

Dieses Buch hat einen Doppelcharakter. Die individuelle Emanzipation aus einem Milieu alltäglicher Gewalt, der Homophobie und des Fremdenhasses, das so gar nicht zu den idealisierten Bildern vom Proletariat passen will, ist die eine Seite. Die andere ist der Leitfrage gewidmet, warum die linken Parteien die Arbeiterklasse an die Rechte, an den Front National, verloren haben. Wo früher die Kommunistische Partei Frankreichs oder die Sozialisten dominierten, wird heute stramm rechts gewählt. So im Arbeiternordosten Frankreichs. So in der Familie des Autors, wo man sich früher natürlich als links verstand und als stolze Angehörige der Arbeiterklasse.  Man kommt aber um diese eine Frage nicht herum. Immer war man gewohnt, die Arbeiterschaft mit linkem Bewusstsein und linker politischer Haltung gleichzusetzen. Das ist perdu. Warum haben die Linken den Kampf um die Köpfe verloren? Eribon liefert schlüssige Ideen und einen fesselnden autobiografischen Bericht.

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