„Führer für Bibliotheksbenutzer“ von Dr. Arnim Graesel aus dem Jahre 1905

Auch im Jahre 1905, als unsere Stadtbibliothek in Bielefeld gerade geboren wurde und in der Wiege lag, brauchte man eine Anleitung für die Benutzer. „An unseren […] Bibliotheken macht man immer wieder die leidige Erfahrung, dass neuhinzukommende Benutzer sich oft schwer zu helfen wissen“ – so der Autor – [und] „dieses Buch hat dazu zu dienen, dass die Benutzer sich leichter orientieren.“
capros-alte-buecher-1-fotoBegonnen wird das Werk erstmal mit einer kurzen Beschreibung von Bibliotheken „im allgemeinen“, deren Gebäude und Verwaltung. So erfahren wir u.a., dass es auch vor 111 Jahren der Verwaltung einer großen Büchersammlung „eines umfangreichen, geschulten Personals, mit einem Bibliotheksdirektor an der Spitze“ bedurfte. Der Beamtenkörper setzt sich zusammen aus den „wissenschaftlichen Beamten (Oberbibliothekaren, Bibliothekaren, Hilfsbibliothekaren, Assistenten und Volontären), den Expedienten und den Dienern“ (was die Aufgaben den letzteren gewesen sein mag, wird nicht erläutert). Sowohl in der Vergangenheit – als auch heutzutage – mussten der Verwaltung „reich bemessene Mittel zur Verfügung stehen, wenn sich eine Bibliothek auf der Höhe halten soll“ (klingt doch bekannt, nicht wahr?).

Was so alles mit den erworbenen Büchern geschah, bis sie in den entsprechenden Sälen aufgestellt wurden, mag ich hier nicht zu beschreiben, dazu fehlt der Platz. Der Zugang zu den Büchersälen – nicht zu verwechseln mit den Lesesälen – war zu der Zeit dem Publikum selbstverständlich untersagt.
Die Sache lag günstiger bei den Katalogen. Der Text berichtet uns, dass viele deutsche Bibliotheken ihren alphabetischen Katalog (einige von uns kennen das noch…) „an bestimmten Tagestunden der allgemeinen Benutzung freigegeben haben“ und „die Einsichtnahme auf besonderes mündliches Ersuchen [und] unter Aufsicht eines Beamten“ gestattet sei.

Um ein Buch aus der Bibliothek zu erhalten, schrieb man am besten auf „einem gedruckten Bestellschein – im Notfall auf einem weißen Zettel von der Größe etwa einer Postkarte – den Titel des gewünschten Buches auf“, unterzeichnete den Schein „in möglichst deutlicher Schrift eigenhändig“ und warf ihn in einen dafür extra „angebrachten Bestellkasten, deren Öffnung mehrmals am Tage geschah“. Auf diese Weise bestellte Bücher wurden „seitens der Verwaltung in der Bücherausgabe niedergelegt“. War ein Buch verliehen, bekam der Benutzer den Zettel mit einem entsprechenden Vermerk zurück. Der Benutzer konnte sich nunmehr das Buch für später „in der Weise sichern, dass er den Titel und seinen Namen in ein aufliegendes Journal eintrug“. Er erhielt dann am nächsten Tage Bescheid, wann die Ausleifrist für den derzeitigen Inhaber ablaufen würde, und wurde, wenn es erwünscht war, nach Rückgabe des Werkes benachrichtigt – eine etwas aufwendigere Vormerkungsaktion!

Interessant ist weiterhin das wir einiges über das unangemessene Benehmen unserer Nutzer und Nutzerinnen vor 111 Jahren erfahren: „…man knickt beim Lesen Blätter, um die betreffende Seite leichter wiederzufinden, man beleckt die Fingerspitzen beim Umwenden und befeuchtet so die Blattränder, man bricht beigegebene Tafeln falsch um, schreibt mit Bleistift oder gar mit TINTE in die Bücher, lässt – [o Horror ! ]– Zigarrenasche auf die Bücher fallen, niest auf die Bücher [pfui!] und dergl.“ Na so was, die Probleme haben wir heute nicht mehr so, und ein E-Book ist ja sowieso nicht mehr so einfach abzulecken, mit Asche zu verschütten, oder anzuniesen …  ein Vorteil der modernen Entwicklungen, oder?

Soweit mit der Reise in die Vergangenheit, ich begebe mich jetzt in den Publikumsbereich, wo unsere Kunden heutzutage direkten Zugang zu den Medien haben, den Katalog auch ohne unserer Aufsicht – tagsüber oder in der Nacht – abfragen können, keine Zettel mehr ausfüllen und nicht mehr bis zum nächsten Tag warten müssen, um die Ausleihfrist des entliehenen Buches zu erfahren. Schade nur, dass wir keine Diener mit goldenen Livreen mehr in den Bibliotheken haben … so hätten wir vielleicht unsere Post auf dem silbernen Tablett geliefert bekommen…

Iulia Capros

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