Joachim Meyerhoff: Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Meyerhoff, Joachim : Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke. Roman

Der dritte Teil von Joachim Meyerhoffs autobiographischem Romanzyklus „Alle Toten fliegen hoch“ erzählt von seinen Ausbildungsjahren als Schauspielschüler in München und dem Zusammenleben mit seinen Großeltern, bei denen er während dieser Zeit unterkommt. Skurril bereits der Beginn, als der Abiturient, der vorher keinerlei Theaterleidenschaft oder Faible für dramatische Stoffe verspürt hat, sich spontan für den Beruf des Schauspielers entscheidet und prompt bei der ersten Bewerbung unter Hunderten Konkurrenten von der Otto-Falckenberg-Schule angenommen wird. Was dann folgt, sind drei Jahre schulisch eingeforderte Seelenentblößung, eine Klippe, an der der Erzähler regelmäßig zu scheitern droht. Wie soll man auch Fontanes „Effi Briest“ als Nilpferd darstellen oder mit den Brustwarzen atmen?

Als hilfreicher Kontrast stehen dem Protagonisten in dieser Dauerkrise seine Großeltern zur Seite, deren ritualisierter Tagesablauf auf stilvolle Weise vom Alkohol getaktet wird. Die beiden Senioren – sie eine Ehrfurcht gebietende ehemalige Schauspielerin und Diva, die die großen Gesten beherrscht und der Großvater ein emeritierter Philosophieprofessor – leben großbürgerlich in einer Villa mit Haushälterin, Gärtner und geschmackvoll eingerichteten Räumen, die museal unveränderlich gehalten werden. Wie z.B. das rosa Zimmer, in dem der „Lieberling“ genannte Enkel für drei Jahre einquartiert wird. Herrlich, wie der Autor den Tagesablauf und die skurrilen Eigenheiten der Großeltern schildert, satirisch und doch niemals bloßstellend. Frühsport-Exzesse auf dem Balkon, abseitige Methoden, Verlorengegangenes wiederzufinden und natürlich der Alkohol: Zum Aufstehen Gurgeln mit Enzianelixier, vor und nach dem Frühstück je ein Glas Champagner für den Kreislauf, Lunch mit Weißwein, dann der 6-Uhr-Whiskey, Rotwein zum Abendessen, Cointreau zur guten Nacht. Der wohltemperierte und kontrollierte Suff.

Lustig erhebende Anekdoten im Haus der Großeltern wechseln sich mit oft dramatischen Erlebnissen in der Schauspielschule ab; einmal vermischen sich beide Welten sogar, als der Enkel für die ersten Dreharbeiten seines Lebens mit der filmerprobten Großmutter vor der Kamera steht, was für ihn in einem ziemlichen Fiasko endet. Auf die weiteren Bände darf man gespannt sein, nach Aussage des Autors könnten es insgesamt 5 – 6 werden, womöglich sogar mehr.

„Ach diese Lücke … “ in der Stadtbibliothek als Buch, eBook und eAudio.

Alice

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