„Dem Volk auf‘s Maul geschaut“

Martin Luthers stilbildender Einfluss auf die deutsche Sprache

Martin Luther wird oft als „Vater der deutschen Sprache“ bezeichnet. Keiner anderen Persönlichkeit wird in der deutschen Sprachgeschichte so eine Bedeutung beigemessen, auch nicht den großen Dichterfürsten und Philosophen.

Drei Bücher in denen man viele Beispiele zu Luthers Einfluss auf die Deutsche Sprache finden kann

Die Lutherzeit fiel mitten in eine Zeit des Wandels: viele technische Neuerungen, eine zunehmende Urbanisierung, Ende des Rittertums und Erstarkung einer städtisch-bürgerlichen Schicht; durch Handel und Entdeckungsfahrten wurde die Welt „kleiner“, naturwissenschaftliche Entdeckungen erschütterten mehr und mehr das bisherige Weltbild. Der Beginn dieses Wandels lag aber schon im späten Mittelalter, lange vor Luthers Geburt. Auch die Entwicklung einer frühneuhochdeutschen Sprache begann bereits um 1350 – und endete erst Mitte des 17. Jahrhunderts, lange nach Luther. Doch sein Wirken und vor allem Schreiben setzte in diese lange Entwicklung einen markanten Meilenstein.

Standardsprache für Kirche, Wissenschaft und fast die gesamte Hochkultur war – auch für Luther selbst – noch immer Latein. Für die deutsche Sprache gab es keine vereinheitlichenden Regelwerke, aber viele Varietäten sowohl im Mündlichen wie auch im Schriftlichen – weit mehr als die heutigen Dialekte. Die zunehmende Verschriftlichung des bürgerlichen Alltags, der billige Beschreibstoff Papier sowie vor allem die neue Technik des Buchdrucks waren die eigentlichen Beschleuniger im Prozess zu einer einheitlichen deutschen Hochsprache. Und Luthers deutschsprachige Schriften – seine Bibelübersetzungen, aber auch seine veröffentlichten Tischreden, Predigten und Kirchenlieder – waren durch ihre große und schnelle Verbreitung eine Art Katalysator.

Martin Luther wollte die Gefühle ansprechen, das Herz als das geistige Erkenntnisorgan. Er verlieh dem geschriebenen Text einen neuen Stil, der unmittelbar berühren sollte. Und er wollte, dass alle Kreise, auch das gemeine Volk, die Bibeltexte verstehen konnten, also dachte er die Übersetzung von seinen Lesern (bzw.  Hörern) her, keine hölzerne Wort-zu-Wort-Übersetzung. Das war ein ganz neuer Ansatz, wie er selbst mit Stolz unterstrich:

„Man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll Deutsch reden, wie diese Esel tun, sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen; da verstehen sie es denn und merken, daß man deutsch mit ihnen redet.“ (Martin Luther : Sendbrief vom Dolmetscher, 1530)

Lesebücher zu Luthers Schriften

Luther verwendete gerne Redewendungen und Sprichwörter, die so durch ihn weit über ihren Ursprung hinaus popularisiert wurden. Nicht wenige sind uns noch heute geläufig, selbst wenn einzelne Begriffe längst veraltet sind. Wir verstehen die Redensart „sein Licht unter den Scheffel stellen“, obwohl kaum noch jemand weiß, was ein Scheffel ist (ein altes, deutsches Hohlmaß für schüttbare, feste Körper sowie der gleichnamige Messbecher)

Weitere Beispiele für sprichwörtliche Redensarten, die Luthers Bibeldeutsch prägen:

  • Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein
  • Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach
  • der Stein des Anstoßes
  • ein Dorn im Auge
  • wider den Stachel löcken
  • sein Scherflein beisteuern

Luther gab auch einigen Worten neue Bedeutungen, die später in die Standardsprache übergingen, z. B.:

  • anfahren – im Sinne von: in heftigem Ton zurechtweisen
  • verfassen – im Sinne von: schriftlich niederlegen
  • fromm – im Sinne von: gläubig, religiös (früher: tüchtig, rechtschaffen, aber so kennen wir es nur noch aus der Dichtung)
  • Beruf – war gleichbedeutend mit Berufung, erhielt bei Luther die Bedeutung „gewerbliche Arbeit“

Weitere Beispiele für Luthers bildreiche Wortschöpfungen:

Feuereifer, Götzendienst, Langmut, Lückenbüßer, Machtwort, Herzenslust, Gnadenbild, Bubenstück, Gewissensbisse

und auch:

friedfertig, kleingläubig, wetterwendisch, gottesgelehrt

Durch die Verbreitung von Luthers Schriften setzten sich auch viele Wörter aus dem ostmitteldeutschen Raum gegen andere Varietäten durch, auch dazu ein paar Beispiele:

  • Heuchler   |  Gleißner
  • Hügel          |  Bühel
  • Scheune    |  Scheuer
  • Kahn           |  Nachen    (Die Worte in der 2. Spalte kennen wir heute nur in einigen Regionen oder aus der Poesie.)

Die deutsche Sprache verdankt Luthers sprachschöpferischer Leistung einige der kräftigsten Wendungen und Bilder.

hilda

Literaturempfehlungen zum Thema:

Martin Luther : Das große Lesebuch / herausgegeben, in modernes Deutsch gebracht, kommentiert und mit einer Einleitung versehen von Karl-Heinz Göttert. – Frankfurt am Main : Fischer Taschenbuch Verlag, 2016. – 511 Seiten. – (Fischer ; 90636 : Fischer Klassik)
          Standorte und Inhaltsangabe im Online-Katalog

„Habe ich nicht genug Tumult ausgelöst?“ : Martin Luther in Selbstzeugnissen / Günter Scholz. – Originalausgabe – München : C.H. Beck, 2016. – 240 Seiten : Illustrationen. – (C.H. Beck Paperback ; 6255)
          Standorte und Inhaltsangabe im Online-Katalog

Als unser Deutsch erfunden wurde : Reise in die Lutherzeit / von Bruno Preisendörfer. – 1. Auflage – Köln : Galiani Berlin, 2016. – 472 Seiten
          Standorte und Inhaltsangabe im Online-Katalog

Von Pontius zu Pilatus : Redewendungen aus der Bibel / von Gerhard Wagner. – Darmstadt : Theiss, 2014. – 158 Seiten : Illustrationen
          Standorte und Inhaltsangabe im Online-Katalog

Geschichte der deutschen Sprache : eine Einführung / von Jörg Riecke. – Stuttgart : Reclam, 2016. – 277 Seiten. – (Reclams Studienbuch Germanistik)
          Standorte und Inhaltsangabe im Online-Katalog

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