Mittendrin Mittwoch #33

Bevor ich Kurdistan verließ, ging ich zum Grab von Mohamadi Glasherz. Nein, nicht zum ersten Mal. Wie ein langbärtiger Landstreicher, wie ein hoffnungsvoller Derwisch wanderte ich damals zwischen den Gräbern, Spuren und Lebensorten dieser jungen Männer hin und her. Bei diesem letzten Besuch küsste ich seinen Grabstein. Ich wollte mich verabschieden, denn ihm verdanke ich alles. Durch seine Liebe lernte ich die weißen Schwestern kennen. Ohne ihn wäre niemand auf die Spuren der Saryasis gestoßen. Niemand hätte die Bedeutung hinter den gläsernen Granatäpfeln erkannt. Der Welt letzter Granatapfelbaum hätte seine Bedeutung nicht preisgegeben. Ich stand in seiner Schuld. Ich kreise, wie alle anderen auch, immer noch im Nebel seines Todes.

(Ali, Bachtyar : Der letzte Granatapfelbaum. S. 172f)

Der Roman des kurdischen Autoren hat mich anfangs irritiert: die pathetisch-blumige Sprache der Protagonisten – so reden doch nur Figuren in orientalischen Märchen; die verschiedenen Handlungsstränge, die anfangs so gar nicht zusammenzupassen schienen;  die mystisch-märchenhaften Elemente und Symbole. Ich hatte einen eher realistischen Roman über Bürgerkrieg, Unterdrückung, Armut und Flucht erwartet, aber der Text wirkt wie kunstvoll miteinander verschachtelte, düstere Episoden aus einer zeitgeschichtlich-modernen „1001 Nacht“-Version.

Magischer Realismus – ich weiß auch nicht, warum mich dieser Stil bei einem orientalischen Roman so überrascht hat. Dabei machen es Bachtyar Ali und seine Übersetzer mir, dem westlichen Leser, gar nicht so schwer; auch wenn hier über einen fremden Kulturkreis erzählt wird, sind sowohl die Charaktere als auch die Symbole und Sprachbilder leicht verständlich. Gewöhnungsbedürftig bleibt allein die bilderreich-ausladende Ausdrucksweise.

Wir tauchen ein in eine teils archaische, teils zeitgeschichtliche Welt – das entspricht wohl so auch der Realität in manchen Regionen des Nahen Ostens. Eine Inhaltsangabe fällt mir schwer, ist der Roman mit den verschiedenen Handlungssträngen – die natürlich sehr wohl zusammengehören, überhaupt ist alles mit allem verknüpft – doch sehr raffiniert verwoben und nicht chronologisch erzählt. Da ist einmal der verdiente Peschmerga-Krieger, der einst seinen Anführer rettete und dann für 21 Jahre völlig isoliert in einem Gefängnis in der Wüste verschwand. Von Familie und Freunden längst für tot gehalten, macht er sich nach seiner überraschenden Freilassung auf die Suche nach seinem Sohn, den er zuletzt als Neugeborenen sah. Dann ist da Mohamadi Glasherz, ein sehr empfindsamer junger Mann, dessen Name für seinen Charakter spricht: Er ist von einer geradezu mystischen Klarheit und Reinheit, er will alle Geheimnisse ergründen – und er hat ein Glasherz, das ihm aus Liebe bricht; er stirbt jung. Da sind zwei Schwestern, die sich für ein exzentrisches Leben entschieden haben, deswegen werden sie von den einen als Engel verehrt, von den meisten aber als Hexen oder Zauberinnen gefürchtet. Und da ist die Geschichte des Sohnes, sein kurzes Leben und das Geheimnis, das ihn umgibt. …

Der Erzähler all dieser Geschichten gleicht ein wenig der Scheherazade, er erzählt gegen den Tod an. Zusammen mit anderen Flüchtlingen treibt er in einem Boot auf dem Meer, sie wissen nicht, ob sie jemals eine Küste erreichen oder ob sie sterben, bevor sie irgendwo angetrieben, angespült werden. Auch in seinen Geschichten ist der Tod allgegenwärtig, die Menschen werden im Krieg/Bürgerkrieg/Stammeskonflikt getötet oder von Polizisten oder Geldeintreibern erschlagen, sie werden Opfer von Naturkatastrophen, von Armut, Willkür oder sie sterben an gebrochenem Herzen.

Doch da gibt es auch einen paradiesgleichen Ort, ausgerechnet ein Blinder kennt den Weg, dort steht der Welt letzter Granatapfelbaum, dort findet man in all dem todbringenden Chaos Ruhe, Erkenntnis und Frieden. Und es gibt einen, nein, zwei (vielleicht sogar noch mehr?) gläserne Granatäpfel, deren Geheimnis wohl die Verbindung zwischen all den Personen und Geschichten sein wird.

Bachtyar Ali lebt schon seit einigen Jahren in Deutschland im Exil, trotzdem ist dies sein erster Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde. Im Feuilleton als Entdeckung gefeiert, schaffte der Autor mit diesem Buch seinen Durchbruch hierzulande, während er im Irak schon lange als kritischer Intellektueller und Kultautor gilt.

hilda

Der letzte Granatapfel / von Bachtyar Ali

 

Ali, Bachtyar : Der letzte Granatapfel : Roman / aus dem Kurdischen (Sorani) von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim. – Deutsche Erstausgabe – Zürich : Unionsverlag, 2016. – 343 Seiten 
Originaltitel: Dwahamin Hanari Dunya
          Standorte: Romane Ali
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Elizzy von read books and fall in love hat sich die Blogaktion ausgedacht. Der „Mittendrin Mittwoch“ besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.

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