Winterzeit ist Märchenzeit #3

Die Bremer Stadtmusikanten

Die Bremer Stadtmusikanten / illustriert von Bernadette

Für ein privates Vorhaben benötigte ich Informationen und vor allem Bildmaterial zu dem Märchen „Die Bremer Stadtmusikanten“. Zum Glück bin ich ja regelmäßig in einer großen Bibliothek 😉und wurde dort fündig. So fündig, dass dieser Beitrag vielleicht etwas bildlastig wird.

„Die Bremer Stadtmusikanten“ ist eines der beliebtesten Märchen der Brüder Grimm. Als Quelle nennen sie in ihren Anmerkungen „aus dem Paderbörnischen“, es stammt also hier aus unserer Heimatregion, übermittelt von der Familie von Haxthausen, so zumindest der Stand in der Märchenforschung.

Die Bremer Stadtmusikanten / illustriert von Gerda Muller

In der ersten Auflage der „Kinder- und Hausmärchen“ war die Geschichte allerdings noch gar nicht enthalten. Erst seit der zweiten Auflage 1819 gehört die Tierfabel zum Grundbestand der Grimm’schen Sammlung als KHM 27 und wurde dann 1825 von Wilhelm Grimm auch als eines der 50 schönsten Märchen für die Kleine Ausgabe ausgewählt. Heute fehlt es in kaum einer Märchensammlung. Viele Illustratoren haben sich dem Thema gewidmet und so fand ich sehr verschiedene Bilderbücher in unserem Bibliotheksbestand.

Die Bremer Stadtmusikanten / von Marko Simsa und Doris Eisenburger

Die Märchenbilder von Bernadette (Bernadette Watts) sind schon Klassiker. Die niederländische Künstlerin Gerda Muller hat die Geschichte ebenfalls fabelhaft illustriert. Das Konzept der Musikbilderbücher von Doris Eisenburger und Marko Simsa ist besonders reizvoll, da kann man (vor-)lesen, schauen und mitsingen. Und dann ist da noch Janosch, der nicht nur frech-ironische Bilder zum Märchen liefert, sondern die Geschichte auch auf seine ganz eigene Art erzählt. Im Buchhandel fand ich ein Bilderbuch illustriert von Markus Lefrançois, bei dem mir schon die Umschlaggestaltung mit ihren vielen Details gefiel – kam gleich in meine private Märchensammlung.

Die Bremer Stadtmusikanten / illustriert von Markus Lefrançois

Hier unsere Katalogdaten zu den genannten Bilderbüchern:

 

„Die Bremer Stadtmusikanten“ waren schon einmal Thema eines interkulturellen (Schüler-)Projektes in unserer Bibliothek; aber dass wir so viele Ausgaben in den unterschiedlichsten Sprachen haben, war für mich doch eine Überraschung: Das Janosch-Bilderbuch gibt es in Englisch, Französisch, Niederländisch, Türkisch, Chinesisch, Russisch; dann gibt es zweisprachige Ausgaben von „The Buskers of Bremen“ von Henriette Barkow in Englisch/Albanisch sowie Vietnamesisch, Persisch, Serbo-Kroatisch, Russisch.
All das findet Ihr in unserer Interkulturellen Bibliothek, ebenso die Mappe „Die Bremer Stadtmusikanten in 20 Sprachen; ein Beitrag zum interkulturellen Unterricht“ (mit einer ausführlichen Einleitung und mit Anregungen für den Unterricht).

Die Bremer Stadtmusikanten / von Janosch (mehrsprachig)

The Buskers of Bremen / von Henriette Barkow (mehrsprachig)

Die Bremer Stadtmusikanten in 20 Sprachen

 

 

 

 

 

 

Die Bremer Stadtmusikanten als Graffito

Graffito beim DRK-Kita Weltweit

Das schönste Bild zu den Bremer Stadtmusikanten fand ich übrigens zu meiner Überraschung bei einem Spaziergang ganz in der Nähe der Stadtbibliothek vor einem Kindergarten im Ostmannturmviertel. Man muss also nicht extra nach Bremen fahren. Obwohl – das Stadtmusikanten-Denkmal vor dem Rathaus (von Gerhard Marcks) und ganz besonders die fröhlich-bunte Skulptur in der Stadtbibliothek Bremen möchte ich schon einmal vor Ort sehen.

hilda

 

MittendrinMittwoch #37

Fünf Tage. Das Monster war seit fünf Tagen nicht gekommen. Vielleicht wusste es nicht, wo seine Großmutter wohnte. Oder der Weg war ihm einfach zu weit. Sie hatte sowieso keinen ordentlichen Garten, obwohl ihr Haus viel größer war als das von Conor und seiner Mutter. Sie hatte ihn mit Geräteschuppen, einem von Steinen umrandeten Teich und einem holzverkleideten „Büro“ zugebaut, das sie sich im hinteren Teil des Gartens hatte einrichten lassen und wo sie, jedenfalls weitgehend, ihren Beruf als Immobilienmaklerin ausübte. Eine Arbeit, die Conor so langweilig fand, dass er immer schon nach dem ersten Satz abschaltete, wenn sie davon zu erzählen anfing. Ansonsten gab es nur gepflasterte Wege und Blumen in Töpfen. Kein bisschen Platz für einen Baum. Es gab ja noch nicht einmal Gras.

Sieben Minuten nach Mitternacht von Patrick Ness, und Siobhan Dowd, Seite 90

Da bin ich ganz bei Conor. Ein Garten ohne Gras, das wäre für mich auch kein echter Garten… Conor ist 13, seine Mutter hat Krebs, in der Schule läuft es für ihn nicht gerade gut, sein Vater lebt weit entfernt in Amerika und mit seiner Großmutter kommt er auch nicht so richtig klar. Da steht plötzlich eines nachts, genau sieben Minuten nach Mitternacht, die Eibe, die er sonst von seinem Fenster aus sehen kann als Monster im Garten. Doch bis zu seiner Großmutter, bei der Conor, so lange seine Mutter im Krankenhaus ist wohnt, scheint das Monster nicht zu kommen.

Das Buch erzählt bisher eine nicht nur sehr traurige berührende Geschichte und ist wunderschön geschrieben, sondern enthält auch genauso schöne Illustrationen, die der Geschichte noch mehr Leben einhauchen.
Mir gefällt das Buch auf den ersten 90 Seiten sehr und ich freue mich schon weiter zu lesen. Ob das Monster Conor doch noch bei seiner Großmutter besuchen kommt? Ich habe allerdings auch das Gefühl, dass die Geschichte recht traurig weitergehen wird.

Das Buch ist bei uns in der TeenBib, sowie in Sennestast und Stieghorst ausleihbar. Aber auch das Hörbuch, das eBook oder den im letzten Jahr erschienenen Film kann man bei uns finden.

lga

Elizzy von read books and fall in love hat sich die Blogaktion ausgedacht. Der „Mittendrin Mittwoch“ besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.

 

Fotoausstellung „Requiem“

Seit dem 16. Januar ist bei uns in der Stadtbibliothek am Neumarkt auf der Ausstellungsfläche im 1. OG die Fotoausstellung „Requiem“ zu sehen.

Angeregt durch das Deutsche Requiem von Johannes Brahms zu Textpassagen aus der Heiligen Schrift, entfalten sich Bilder, die trösten. Sie greifen damit den zentralen Unterschied des Brahms-Werkes gegenüber anderen Requien auf: Trost für die Lebenden, anstatt Trauer um die Toten.
Die Fotogedanken dieser Wanderausstellung sind eine persönliche Deutung. Die Bildfahnen können zudem die Wechselwirkung und Gleichwertigkeit von Text, Musik und Bild veranschaulichen. Einige der Fotos sind auf Bielefelder Friedhöfen entstanden.

Siegfried Baron, geboren 1941 in Liegnitz/Schlesien, ist Photograph, Graphik, Maler und Lyriker. Er lebt in Hiddenhausen und hat als Kartograph, Photograph, Graphiker und Ausstellungsgraphiker unter anderem in Bielefeld gearbeitet.

Die Ausstellung ist bei uns noch bis zum 15. Februar 2018 zu sehen.

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Puten-Curry-Auflauf mit Aprikosen

Zutaten für 4 Personen:

  • 750g Kartoffeln (bei meinem Versuch hätten es auch gern 2 mehr sein können)
  • Salz, Pfeffer
  • 500g Putenschnitzel
  • 1 Dose (425 ml) Aprikosen
  • 50g Rosinen
  • 1 Bund Lauchzwiebeln
  • 1-2 EL Öl
  • 50g Mandeln (ohne Haut)
  • 2 TL Curry
  • 150g Schlagsahne
  • 2 TL Hühnerbrühe
  • 2 EL (20g) Speisestärke
  • Fett für die Form (bei meiner geht’s auch ohne)
  • geriebener Edamer

Zubereitungszeit: ca. 1 Stunde

Und so geht’s:

  1. Kartoffeln schälen, waschen und halbieren. In Salzwasser ca. 20 Min. kochen. Anschließend abgießen.
  2. Fleisch waschen, trocken tupfen und würfeln,. Aprikosen abtropfen lassen. Rosinen waschen und abtropfen lassen. Lauchzwiebeln putzen, waschen und klein schneiden.
  3. Öl in einer großen Pfanne erhitzen. Fleisch darin rundherum kräftig anbraten. Mandeln kurz mit braten. Mit Salz, Pfeffer und Curry würzen. 1/2l Waser, Sahne und Brühe einrühren. Aufkochen und offen ca. 5 Min. köcheln lassen.
  4. Stärke und etwas Wasser glatt rühren. In die Soße rühren und aufkochen. Aprikosen, Lauchzwiebeln, Kartoffeln und Rosinen in eine große gefettete Auflaufform (ca. 30 cm lang) füllen. Putenragout abschmecken und darauf verteilen. Käse darüber streuen.
  5. Im vorgeheizten Backofen (E-Herd: 225°C / Umluft 200°C / Gas: Stufe 4) 10-15 Min. überbacken.

🙂

kwk

 

Mittendrin Mittwoch #36

Einen Grabplatz zu haben, in dem drei Generationen ruhen, ist, wenn man so will, auch ein Luxus, aber der Gedanke ist Richard erst in den letzten Wochen gekommen. Die längste Zeit seines Lebens hat er im hintersten Winkel seiner Seele gehofft, dass die Menschen aus Afrika weniger um ihre Toten trauern, weil das Sterben dort schon seit jeher so massenhaft auftritt. Jetzt saß in diesem hintersten Winkel seiner Seele stattdessen die Scham darüber, dass er es sich die längste Zeit seines Lebens so leicht gemacht hat.

(Erpenbeck, Jenny : Gehen, ging, gegangen. S. 209)

Die Flüchtlinge waren das Thema 2015 und so wurde Jenny Erpenbecks „Gehen, ging, gegangen“ für einige Rezensenten zum Roman der Stunde.

Gehen, ging, gegangen / von Jenny Erpenbeck. Knaus, 2015

Wie ihr Protagonist Richard, der Professor, fragten (und fragen) sich viele: Woher kommen die Fremden? Warum sind sie geflohen? Und wie fühlen sie sich hier im Exil, die Flucht zwar überlebt, aber längst nicht angekommen? Der Professor geht diese Fragen mit gewohnter Gründlichkeit an; Zeit hat er ja, denn er richtet sich gerade in seinem neuen Lebensabschnitt ein, dem sogenannten Ruhestand, ohne berufliche Verpflichtungen und ohne Familie (die Ehefrau ist verstorben, Kinder hat er nicht, da sind nur einige Freunde und Nachbarn, die gelegentlich zum Essen oder Spaziergang einladen). Er geht zu Versammlungen, nimmt an einem ehrenamtlich geführten Deutschkurs teil, und er liest. Als Altphilologe beginnt er mit den alten Griechen und ihren Erzählungen über das mythische Volk der Garamanten (womöglich die Vorfahren der nordafrikanischen Berber und der Tuareg?). Er informiert sich über die Folgen der Ausbeutung durch die Kolonialmächte und die Globalisierung, über Korruption, ungleiche Handelsverträge, Kriege, Bürgerkriege, Armut, Menschenhandel … . Doch vor allem interviewt er die Männer aus Afrika, die vorübergehend in einem Wohnheim in seinem Stadtteil untergebracht sind. Aus seinen Fragen werden Gespräche, in den exotischen Fremden erkennt er mehr und mehr Persönlichkeiten, Menschen mit jeweils eigenen Geschichten und Schicksalen.

Das eigentliche Hauptthema des Romans ist für mich die Verwirrung des Professors, ein Intellektueller, der nun einsam in seinem Haus lebt, der sich neue Routinen zulegen muss, um den Alltag zu bewältigen und seinen Tagesablauf zu strukturieren, und der sich eine Aufgabe sucht, um wieder ein Ziel zu haben. Er befragt die Fremden, die Geflohenen, die wartenden und zur Untätigkeit gezwungenen jungen Männer aus Afrika; doch er sucht eigentlich Antworten für sein eigenes Leben.

Zwei sehr unterschiedliche Welten begegnen sich und Jenny Erpenbeck schildert das sehr einfühlsam. Doch ich bin jetzt knapp über die Mitte des Buches hinaus und frage mich, was da noch kommen soll. Die Erkenntnisse und Überlegungen des Professors über die aussichtslose Situation der asylsuchenden Afrikaner sind interessant und informativ; die Lebenssituation des alten Mannes ist deutlich charakterisiert. Vielleicht kommt ja noch eine unerwartete Wendung. Es wäre schade, wenn das letzte Drittel den Roman nur künstlich in die Länge ziehen würde, denn die erste Hälfte hat mir sehr gut gefallen.

Der Roman war 2015 Bestseller, wir haben ihn gebunden in vielen Exemplaren (auch in allen Stadtteilbibliotheken), als eBook und als Hörbuch: die Katalogdaten hier.

hilda

Elizzy von read books and fall in love hat sich die Blogaktion ausgedacht. Der „Mittendrin Mittwoch“ besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.

 

Hörbuchtipp

In Sachen Hörbüchern bin ich absolut nicht bewandert. Warum auch immer hatte ich einfach nie wirklich das Bedürfnis ein Hörbuch zu hören. Ich glaube das einzige richtige Hörbuch, dass ich besitze ist „Die Wilden Hühner“ von Cornelia Funke (das ist dafür aber auch wirklich toll, finde ich immer noch). Abgesehen davon, den ganzen anderen Hörspielen aus Kindheitstagen und vielleicht noch diesen nicht ganz ernst zu nehmenden Harry Potter Hörspielen von coldmirror (hier der Link, falls jemand mal reinhören möchte 😉 ) habe ich, glaube ich kein einziges Hörbuch oder dergleichen gehört.

Das wollte ich jetzt doch mal ändern und habe mir aus unserer Onleihe das Hörbuch „Das Licht der letzten Tage“ von Emily St. John Mandel, gesprochen von Stephanie Kellner ausgeliehen (neben dem Hörbuch, dass es bei uns in der Onleihe gibt, kann man vor Ort auch das Buch bei uns ausleihen). Es geht hier darum, wie schnell es gehen könnte, dass unsere Zivilisation zusammenbricht. Hier ist es eine neue Form der Grippe, an der große Teile der Weltbevölkerung sterben und nur wenige Überlebende zurückbleiben. Man begleitet verschiedene Personen in ihrer Zeit nach der Katastrophe, kehrt aber auch immer wieder in Rückblicken in die Zeit vor der Grippe zurück. Erst zum Ende hin laufen die verschiedenen Handlungsstränge zusammen.
Ich habe die Geschichte sehr gerne gemocht, weil sie mir nicht so wie die typische Geschichte einer Apokalypse vorkam und weil es sehr spannend war, wie sich erst nach und nach die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Personen und Geschichten offenbarten.

Außerdem hat mir die Sprecherin auf Anhieb super gefallen. Ich mochte sehr, wie sie die verschiedenen Personen mit ihrer Stimme zum Leben erweckt hat. Natürlich habe ich wenig Vergleichsmöglichkeiten, da das wie gesagt mein erstes Hörbuch ist, das nicht für Kinder oder aus Quatsch gemacht wurde, aber umso mehr freue ich mich, dass ich direkt eins erwischt habe, dass mir super gefällt.

Das Experiment Hörbuchhören ist für mich jedenfalls sehr gut verlaufen und in Zukunft werde ich mich wohl öfter mal in der Onleihe nach neuen Hörbüchern umschauen.

lga

Winterzeit ist Märchenzeit #2

Grimms Märchen, wie wir sie nicht kennen

Sie waren nicht die einzigen, nicht einmal die ersten Märchensammler, aber sie wurden die weltweit berühmtesten. Jeder kennt die Märchen der Brüder Grimm. Oder etwa nicht?

Kinder- und Hausmärchen, illustrierte Ausgabe

Grimms Märchen / hrsg. von G. Jürgensmeier

In insgesamt drei Bänden „Kinder- und Hausmärchen“ (KHM) veröffentlichten Jakob und Wilhelm Grimm zwischen 1812 und 1857 über 200 Märchen einschließlich verschiedener Versionen, Anmerkungen und (leider nur sehr spärlichen) Quellenangaben. Und nein, ich habe (noch) nicht alle Märchen gelesen, kenne viele nicht einmal dem Namen nach. Wie wäre es mit „Der Hund und der Sperling“ oder „Die Nelke“, „Der Hahnenbalken“ oder „Die schöne Katrinelje und Pif Paf Poltrie“. Selbst bei bekannten Märchen erlebe ich so manche Überraschung.

Nehmen wir gleich das erste, KHM Nr.1: „Der Froschkönig oder Der eiserne Heinrich“. Schon den im Titel anklingenden Heinrich, den treuen Diener des verzauberten Prinzen, kennen viele gar nicht mehr. Und wie ist es mit dem berühmten Höhepunkt der Geschichte? Die zickige Prinzessin küsst angeekelt den glibberigen Frosch und *peng* …  🐸💥🤴
Tja, aber so steht das bei den Grimms eben nicht, in keiner einzigen Version (Wilhelm Grimm feilte für jede neue Ausgabe an Sprache und Ausdruck). Tatsächlich wirft das undankbare Prinzesschen den Frosch mit aller Kraft an die Wand, was jedes normale Tier nicht überlebt hätte, doch *peng*… – der Rest ist wieder bekannt:🐸💥🤴…
In den Anmerkungen wird noch eine andere Variante des Märchens aufgeführt, die sogar eine Art Fortsetzung hat, in der ist der Prinz plötzlich der Schuft: Er wird noch vor der Hochzeit untreu; die Prinzessin folgt ihm als Reiter verkleidet und benimmt sich ganz undamenhaft. Na, neugierig? Nachzulesen in Band 3 der Großen Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen.

Eine ganz besondere Überraschung war für mich das Märchen KHM 142. Mein Großvater war ein wunderbarer Geschichtenerzähler, natürlich gehörten auch Märchen zu seinem Repertoire. Mir sind seine Eigenkreationen leider nicht in Erinnerung geblieben, aber eine seiner Geschichten war eine seltsame Variante eines bekannten Motivs aus „1001 Nacht“, allerdings als deutsches Märchen erzählt. Ich hatte das für eine dieser eigenwilligen Erfindungen meines Opas gehalten, doch tatsächlich erzählte er wohl „Simeliberg“ nach, zu finden in Band 2 der Kinder- und Hausmärchen. Auch die Grimms bemerkten übrigens die merkwürdige Übereinstimmung mit „dem orientalischen von den vierzig Räubern“ (also der Ali-Baba-Geschichte).

Grimms Märchen, wie wir sie wohl doch nicht kennen. Sie sind das meistübersetzte und weltweit bekannteste Werk der deutschen Literaturgeschichte. Da sollten wir vielleicht einmal genauer lesen und uns nicht nur an einer Disney-Verfilmung, der sonntäglichen ARD-Reihe „6 auf einen Streich“ oder einer modernen Bilderbuchbearbeitung erfreuen. Bekam „Aschenputtel“ ihre Ballkleider nun durch drei Zaubernüsse oder betete sie am Grab der Mutter? Wusstet Ihr, dass „Hänsel und Gretel“ am Ende Hilfe von einer weißen Ente erhalten? Und wer weiß, was bei „Tischchendeckdich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack“ aus der verlogenen Ziege wird?

Wem die Große Ausgabe mit all den Anmerkungen zu wissenschaftlich ist: Die Grimms veröffentlichten ab 1825 auch eine Kleine Ausgabe mit einer Auswahl von 50 Märchen – die eigentliche Grundlage ihrer Popularität; die Kleine Ausgabe erreichte noch zu Lebzeiten der beiden Brüder zehn Auflagen. Heute sind unzählige verschiedene Ausgaben auf dem Markt (und natürlich auch in unserer Bibliothek); einzelne Märchengeschichten sind als Bilderbuch veröffentlicht, Märchensammlungen bieten meist eine Auswahl; es gibt an die heutige Sprache angepasste Versionen, kindgerechte Überarbeitungen, moderne Fassungen und herrliche Parodien.

Kinder- und Hausmärchen, 3 Bände

3-bändige Reclam-Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen

Doch ich empfehle wenigstens einmal auch einen Blick in die Große Ausgabe: Muss man nicht komplett lesen, aber stöbert einfach mal durch Eure Lieblingsmärchen und lest die Anmerkungen dazu. Es gibt erstaunlich viel zu entdecken.

Wer mehr über die Quellen der Brüder Grimm zu ihrer Volksmärchensammlung erfahren möchte: Der bekannte Märchenforscher Heinz Rölleke hat im Grimm-Jahr 2012 in der ZEIT eine erhellende Zusammenfassung neuerer Erkenntnisse gegeben: Was uns die Brüder Grimm nicht verraten wollten.

Verwendete Ausgaben der Kinder- und Hausmärchen:

Kinder- und Hausmärchen / Jacob u. Wilhelm Grimm. – Jubiläums-Ausgabe. – Stuttgart : Reclam. – Bd. 1 – 3.
Bd. 1. Märchen : Nr. 1 – 86. – 1984. – 419 S.
Bd. 2. Märchen : Nr. 87 – 200. Kinderlegenden : Nr. 1 – 10. Anhang : Nr. 1 – 28. – 1984. – 528 S.
Bd. 3. Originalanmerkungen. Herkunftsnachweise. Nachwort. – 1984. – 624 S.
Standort: Märchen Grim (Online-Katalogdaten hier)

Grimms Märchen / Jacob u. Wilhelm Grimm. Hrsg. von Günter Jürgensmeier. Mit Bildern von Charlotte Dematons. – Düsseldorf : Sauerländer, 2007. – 559 S. : zahlr. Ill. (farb.)
Standort: Märchen Grim (Online-Katalogdaten hier)

Hilda

MittendrinMittwoch #35

“ Also, dann fragt ihr zu Hause, ob ihr mitdürft?“ Sprotte konnte nicht glauben, dass ihr schwarzes Unglück sich in so etwas wunderbares wie Wilde Hühner-Ferien verwandeln könnte. „Wir fahren zusammen?“
„Ja!“ Frieda hob ihren Becher. „Denn wir sind die Wilden Hühner. Wir trennen uns nie.“
„Nur in dringenden Notfällen“, sagte Wilma und stieß ihren Becher gegen Melanies. „Alle für eine und eine für alle!“
„Hört sich gut an“, sagte Melanie. „Ist das auch aus Romeo und Julia?“

Cornelia Funke, „Die wilden Hühner und das Glück der Erde„, S. 30

Manchmal muss es einfach ein Kinderbuch sein. Vor allem, wenn es so schön geschrieben ist wie die Reihe der „Wilden Hühner“. 🙂
Die Wilden Hühner– das sind Sprotte, Melanie, Trude, Frieda und Wilma. Sprottes Mutter möchte mit ihrem neuen Freund in den Urlaub fahren und meldet Sprotte kurzerhand für Ferien auf einem Reiterhof an. Das passt Sprotte aber so gar nicht und nach langem hin- und her dürfen schließlich auch ihre Freundinnen mit. Es könnte alles so schön sein- selbst Sprotte schließt die Pferde schnell ins Herz. Doch dann tauchen die Pygmäen auf, eine Truppe von Jungs, die den Hühnern oft das Leben schwer macht. Ich bin gespannt, ob es mitten in den Ferien zu einem Bandenkrach kommt.

Bei uns findet ihr dieses und die anderen Bücher der Reihe unter ab 9 J. Funk

Elizzy von read books and fall in love hat sich die Blogaktion ausgedacht. Der „Mittendrin Mittwoch“ besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.

kwk

Harry Potter fällt eine Treppe runter

Aus Zufall stieß ich vor einiger Zeit auf einen Artikel im Internet, der von einem neuen Harry Potter Kapitel berichtete. Harry Potter and the Portrait of what looked like a large Pile of ash (zu deutsch etwa: Harry Potter und das Portrait, das aussah wie ein großer Haufen Asche), heißt das Buch aus dem das Kapitel stammt. Klingt seltsam? Ist es auch. Das Buch wurde nämlich nicht von J. K. Rowling verfasst, sondern von einer künstlichen Intelligenz. Ein Kollektiv von Künstlern, Schriftstellern und Entwicklern (Botnik) hat eine Schreibsoftware entwickelt und sie alle Harry Potter Bücher analysieren lassen. Im Anschluss hat die Software dann eigenständig Sätze geschrieben. Mit Logik hat die Schreibsoftware es allerdings nicht so, der Text ist nämlich absolut sinnlos, eigentlich ein großer Haufen Mist. Allerdings ein sehr amüsanter. Für alle die mal herzlich lachen wollen über diesen grandiosen Unsinn, hier gibt es das dreizehnte Kapitel auf englisch zu lesen.

Aber weil es einfach zu lustig ist, hier ein paar Sätze aus dem Kapitel (frei von mir übersetzt, muss also nicht unbedingt korrekt sein …):

  • Ron stand dort und führte eine Art seltsamen Stepptanz auf. Er sah Harry und begann auf der Stelle Hermines Familie zu essen.
  • Harry riss sich die Augen aus dem Kopf und warf sie in den Wald. Voldemort schaute mit hochgezogenen Augenbrauen zu Harry, der gerade nichts mehr sehen konnte.
  • „Gar nicht mehr so schön“, dachte Harry als er Hermine in die scharfe Soße tunkte.
  • Die große Halle war gefüllt mit unmöglich stöhnenden Kronleuchtern und einem großen Bibliothekar, der die Waschbecken mit Büchern über Mauerwerk dekoriert hatte.
  • Das Schwein von Hufflepuff schwoll an, wie ein großer Ochsenfrosch. Dumbledore lächelte es an und legte ihm seine Hand auf den Kopf: „Du bist nun Hagrid.“

Und zu guter Letzt:

  • Harry sah sich um und fiel dann für den Rest des Sommers die Wendeltreppe hinunter.

Das klingt nach einer recht seltsamen Beschäftigung für die Sommerferien, aber recht passend als Abschluss für eine seltsam sinnlose Geschichte…

lga

Winterzeit ist Märchenzeit #1

Regal mit Märchenbüchern

Märchenbücher in der Kinderbibliothek

 

Natürlich kann man Märchen zu jeder Jahreszeit lesen. Aber traditionell spielen Theater zur Adventszeit ein Weihnachtsmärchen für Kinder (in Bielefeld war es 2017 „Schneeweißchen und Rosenrot„), für viele die erste, prägende Theatererfahrung. Und wenn sich früher, so anno dunnemal, die Familie an den langen Winterabenden im einzig beheizten Raum um den Ofen versammelte, dann wurden halt Geschichten erzählt; Märchen wurden so von Generation zu Generation weiter gegeben.

Aufgeschrieben und in Büchern veröffentlicht wurden diese Volkserzählungen (Oberbegriff für die hauptsächlich mündlich überlieferten Märchen, Sagen und Legenden ) verhältnismäßig spät, erst in der deutschen Romantik wurde mit wissenschaftlichem Ehrgeiz gesammelt (Brentano, Grimm). Gleichzeitig wurde dieses Genre auch bei Dichtern sehr beliebt; sie griffen Motive, Themen und den scheinbar schlichten Erzählstil der Märchen und Sagen auf und schufen Kunstmärchen. Die bekanntesten Märchendichter sind Hans Christian Andersen und Wilhelm Hauff. Aber auch Goethe, E.T.A. Hoffmann, Oscar Wilde, Adelbert von Chamisso (um nur die auch heute noch bekanntesten zu nennen) schufen Weltliteratur in Märchenform. Und im 20. Jahrhundert entstand als Mischung aus Märchenroman, Sage, Heldenepos und anderen Elementen der Phantastik das neue Genre der Fantasy-Literatur.

Märchen sind natürlich nicht gleichzusetzen mit Kinderliteratur. Genau wie die anderen mündlichen Erzählformen wurden sie meist von Erwachsenen für Erwachsene erzählt. Da war also nicht nur die Märchenomi, die am gemütlichen Kachelofen der Kinderschar von Aschenputtel oder Dornröschen erzählte – so unsere romantisierende Vorstellung der klassischen Märchenübermittlung. Auch am Kneipentisch oder in fröhlicher Runde nach getaner Arbeit wurde erzählt – entsprechend derbe kann es auch in Märchen zugehen. Für einige Geschichten entstanden so vielleicht unterschiedliche Varianten; und einige Märchen wurden eben gar nicht erzählt, wenn Kinder dabei waren.

viele Bilderbücher mit Märchen

Märchen-Bilderbücher in der Kinderbibliothek

In der Bibliothek haben wir Märchen aus aller Welt sowohl für Kinder als auch im Erwachsenenbereich; die Märchen für Kinder sind oft überarbeitet, es gibt einzelne Märchen im Bilderbuch und Märchensammlungen, die aber nicht zu umfangreich sind. Die Märchensammlungen im Erwachsenenbereich sind meist nicht oder nur wenig illustriert, sie sind kaum überarbeitet und haben oft umfangreiche Vor- oder Nachworte, denn sie sollen die Märchen der Völker (und auch die Kunstmärchen) als Kulturgut präsentieren.

Es ist also nicht nur zu jeder Jahreszeit, sondern auch in jedem Alter interessant, sich mit Märchen zu beschäftigen. Doch zum Winter passen sie nach wie vor besonders gut.

Viel Freude beim Lesen, Vorlesen und Erzählen.

hilda