Mittendrin Mittwoch #51

Und als die ausgemergelte Bibliothekarin dem Vater ein paar Strophen lang zugehört und einen Blick auf den Buchumschlag erhascht hatte, schob sie angewidert ein einziges Wort durch die bräunlichen Zähne: Juden-Heine!, spie sie, aber der Vater sagte nur: Dichter!, und merkte nicht, dass er längst im Sterben saß und die hölzernen Deckenverstrebungen des Luftschutzkellers tiefer und tiefer kamen.

Die Frau besah sich den Vater eine Weile, während draußen Flakgranaten explodierten und Sprengstücke auf den Bürgersteig knallten, dann erklärte sie ihm, dass dieser Juden-Heine auf der Liste stehe, und Gwendolins Vater beharrte darauf, dass das nicht stimme, weil sich die Verirrten ihre Loreley nicht nehmen ließen, im Leben nicht.

(Pirasol / von Susan Kreller. – Berlin-Verlag, 2017. – Seite 55f.)

Nein, die „Verirrten“ haben die „Loreley“ weiterhin gesungen, aber sie leugneten, dass Heinrich Heine der Dichter ist; in den Lesebüchern wurde unter das Gedicht einfach  „Autor unbekannt“ geschrieben. Bis heute glauben nicht wenige, die „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten …“ gefühlsduselig anstimmen, sie sängen ein uraltes, anonym verfasstes Volkslied, weil sie es so in der Schule gelernt haben.

Roman „Pirasol“ von Susan Kreller vor einem alten Katalogkasten

Pirasol / Roman von Susan Kreller. – Berlin-Verlag, 2017

In dem Roman von Susan Kreller wird der Vater der Hauptfigur Gwendolin von der zufällig im Luftschutzkeller anwesenden Bibliothekarin denunziert, er wird abgeholt, in ein Lager gesteckt, von den unsagbaren Strapazen wird er sich nie erholen. Für Gwendolin, die im Krieg auch ihre Mutter verliert, endet die Kindheit abrupt. Nur ein Handlungsstrang des wunderbaren Romans „Pirasol“.

Ins Gefängnis, Arbeitslager, letztlich sogar in den Tod, nur weil er aus dem Werk Heinrich Heines vorgelesen hat. Beim Gespräch mit der Autorin, die am Welttag des Buches bei uns gelesen hat, habe ich nicht gefragt, ob sie bei dieser Szene in ihrem Roman einen realen Fall vor Augen hatte. Aber dass es Fälle dieser Art gegeben hat, steht außer Frage. Und leider haben auch Bibliothekarinnen in dieser Zeit eine unrühmliche Rolle gespielt: „Schwarze Listen“, „Säuberungen“ der Bibliotheksbestände; den propagandistischen Höhepunkt bildeten die öffentlichen Bücherverbrennungen in mehreren Städten rund um den 10. Mai 1933 (hier mehr dazu auf dem Internet-Portal „Westfälische Geschichte“, ein Beitrag von der Historikerin Christine Witte). Doch es blieb nicht bei symbolischen Bücherverbrennungen: Zensur, Überwachung, „Gleichschaltung“ der Verbände, Publikations- und Berufsverbote; Autor*innen und Journalist*innen, die nicht ins System passten, wurden eingeschüchtert, ins Exil getrieben, verfolgt, inhaftiert, mundtot gemacht oder gar ermordet.

Plakat der Aktion „Lesen gegen das Vergessen 2018“

„Lesen gegen das Vergessen“ am 9. Mai 2018, Rathausvorplatz Bielefeld

Und nicht nur zeitgenössische kritische Stimmen wollte man zum Schweigen bringen, auch die Vergangenheit sollte der Ideologie entsprechend „bereinigt“ werden, also alles (und alle), was als „undeutsch“ eingeordnet wurde, sollte aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht werden, die Werke genauso wie die Personen selbst. Und für viele (Exil-)Schriftsteller*innen wurde das auch tatsächlich erreicht, ihre Schriften blieben vergessen. Daran erinnert die Aktion „Lesen gegen das Vergessen“ am 9. Mai 2018, ab 17 Uhr auf dem Rathausvorplatz in Bielefeld (eine ähnliche Veranstaltungen gab es auch schon am 26. April auf unserer Lesebühne).

„Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher
Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.

(aus der Tragödie „Almansor“ von Heinrich Heine, 1821)

Wieder Heine, der sich vor fast 200 Jahren in seinem Drama zwar auf die Inquisition in Spanien um das Jahr 1500 bezog, aber mit diesem Zitat geradezu prophetisch für das 20. Jahrhundert wirkt. Und heute? Reicht es, an vergangene Diktaturen zu erinnern oder auf Autokraten in fernen Ländern zu zeigen? Leider denken auch heute und hierzulande viel zu viele Menschen, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Sie leugnen oder brüllen alles nieder, was nicht in ihre Denke passt, sie behaupten „Fake News“ oder schüchtern Andersdenkende ein.

In dem Roman „Pirasol“ von Susan Kreller gelingt es der Hauptfigur Gwendolin im hochbetagten Alter, endlich „Nein“ zu sagen und sich zu widersetzen. In drei kunstvoll verwobenen Handlungssträngen auf drei Zeitebenen lesen wir über eine Frau, die dem Schicksal und den despotischen Menschen in ihrem Leben scheinbar ausgeliefert ist, ihnen kaum etwas entgegen zu setzen weiß. Erst mit 84 Jahren wagt sie ein klares Nein. Wie schrecklich angesichts der verlorenen Zeit? Autorin und Publikum waren sich bei der Lesung am Welttag des Buches einig, die Schlussaussage des Romans ist: Es ist immer möglich, noch einen Neuanfang zu wagen! Was für ein optimistisches und hoffnungsvolles Ende. „Das ist mir wichtig“, erklärte Susan Kreller.

Hier die Katalogdaten zum Roman „Pirasol“.

Elizzy von read books and fall in love hat sich die Blogaktion ausgedacht. Der „Mittendrin Mittwoch“ besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.
Die Blogaktion-Regeln habe ich hier allerdings leicht unterlaufen, denn tatsächlich habe ich den Roman bereits vor einigen Wochen gelesen. Aber anlässlich des Tages des freien Buches am 10. Mai bin ich noch einmal mittendrin eingestiegen.

HilDa

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