Mittendrin Mittwoch #64

Was direkt danach passierte, wusste Dinesh nicht mehr. Wie er sich in dem Moment gefühlt und was er getan hatte, ob er geschrien oder geweint hatte oder einfach still stehen geblieben war. Vielleicht war alles so schnell gegangen, dass er es nicht richtig mitbekommen hatte, oder der Moment war später aus seiner Erinnerung ausgelöscht worden, damit er nicht immer wieder darum kreisen würde.

(Arudpragasam, Anuk : Die Geschichte einer kurzen Ehe. – Hanser, 2017. – Seite 98)

Die Geschichte einer kurzen Ehe / von Anuk Arudpragasam. - Hanser, 2017

Die Geschichte einer kurzen Ehe / von Anuk Arudpragasam

Die Handlung des kurzen Romans spielt in nur einer Nacht und einem Tag; erzählt wird aus der Perspektive eines jungen Mannes, der bereits seine Mutter verloren hat und sich seines baldigen Todes gewiss ist – so wie all die anderen Flüchtlinge in dem Lager. Jede Nacht fallen Bomben. Dinesh hat kein Ziel mehr, aber er hilft, wo er kann: beim Bau von Schutzständen oder bei der Pflege von Verwundeten. Ein alter Mann bittet ihn ganz unvermittelt, seine Tochter Ganga zu heiraten. Es gibt keine Zeremonie, keine Papiere, nur den Segen des Vaters, der sein einzig verbliebenes Kind versorgt wissen will. Die beiden jungen Leute willigen ein.

Dinesh und Ganga nähern sich zögerlich an. Kann ein Leben zu zweit in dieser hoffnungslosen Situation vielleicht doch eine Sehnsucht stillen? Können zwei einander fremde Menschen inmitten von Krieg, Gewalt, Angst, Hunger und der Lethargie des Lagers Zusammengehörigkeit, ja Zärtlichkeit entwickeln? Wenn es keine Zukunft gibt, was für einen Sinn hat dann eine Ehe?

Der tamilische Autor Anuk Arudpragasam hat in seinem Debütroman offenbar den Bürgerkrieg in seiner Heimat Sri Lanka als Hintergrund gewählt. Doch er schreibt nicht über Politik und die Kriegsparteien; er bleibt ganz bei seinen Figuren, für die es egal ist, ob die Bomben und Heckenschützen von den Milizen oder den Regierungssoldaten kommen, sie müssen die Rebellen genauso fürchten wie die Armee.

Der Autor erspart uns nicht einige drastische Bilder aus dem Krieg, aber in erster Linie zeigt er die Gefühlswelt von Dinesh und indirekt auch von Ganga. Es ist berührend, wie sich die unerfahrenen, jungen Menschen langsam neuer Gefühle bewusst werden und eine Hoffnung auf etwas Normalität im Chaos aufkeimt. Arudpragasam findet eine wunderbare Sprache für das Erwachen dieser unsicheren Gefühle inmitten eines traumatisierenden Umfelds.

Ich habe nun knapp die Hälfte gelesen, aber das lässt sich schon sagen: ein bemerkenswerter, großartiger kleiner Roman.

Unsere Katalogdaten findet Ihr hier.

HilDa

Elizzy von read books and fall in love hat sich für alle, die teilnehmen mögen, folgende Blogaktion ausgedacht: der „Mittendrin Mittwoch“. Er besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.

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