Mittendrin Mittwoch #72

Und Froster sagt: Mann, Vandam, da hast du was Feines erkämpft, damals auf der Nationalstraße.

Wäre es nicht Froster, sondern jemand anders, würde der schon den Boden küssen.

Und Froster fährt fort: So hast du dir das damals nicht träumen lassen, was? Dass es ein so beschissenes Ende nimmt.

Und einer fragt: Was meinst du mit Nationalstraße?

Froster sagt: Dort hat Vandam es doch losgetreten.

Und ein anderer sagt: Hä? Wo?

Und Froster sagt: Unten in der Stadt sag ich, auf der Nationalstraße. Damals im November 1989.

(Seite 62)

„Nationalstraße“ von Jaroslav Rudis

Da schwadroniert ein Ich-Erzähler, der so ziemlich alles darstellt, was mich abstößt: er ist ein Schläger, ein gescheiterter Macho, ein gewalttätiger Ex-Polizist mit rechtsradikaler Einstellung. Und der Autor lässt diesen furchtbaren Menschen reden: In einem großen Monolog erklärt er seinem Gegenüber (noch ist nicht klar, wer das ist), wie und wo man sich seine Gegner für eine Schlägerei aussucht, wie man einen Kampf überlebt, gewinnt und zum König der örtlichen Kneipe wird; er erzählt so nebenbei auch von einer Kindheit im Plattenbau, dem Selbstmord des Vaters, dem Milieu der Gescheiterten und Abgehängten.

Der wie im Fieberwahn gesprochene Monolog mit seinen vielen Wiederholungen nervt manchmal, aber ich kann mich kaum entziehen: dieser  direkte Einblick in den Kopf, in das Denken und Fühlen eines so fremden, abstoßenden Menschen. Aber eben ein Mensch. Jaroslav Rudis zeichnet ihn grob, aber nicht in krassem Schwarz-Weiß-Kontrast, sondern als einen Menschen, wie wir ihn in irgendeiner Kneipe treffen könnten und der uns plötzlich seine Fassade öffnet. Die Wiederholungen geben der Rede einen Rhythmus, ja fast etwas poetisch-episches. Da überrascht es mich nicht, dass ich gerade in einer Rezension lese, dass Jaroslav Rudis auch als Musiker und für das Theater arbeitet. Als Graphic-Novel-Autor kannte ich ihn bereits.

Durch diese Rezension (Lerke von Saalfeld beim Deutschlandfunk) weiß ich jetzt allerdings auch, wie das Buch weitergeht. Ich bin sehr gespannt auf die Autorenlesung im Rahmen unserer Literaturtage morgen. Wie trägt man so einen provozierenden Text vor? Was hat den Autor inspiriert?

Erlesenes – mittendrin und mittendabei: Wir zeigen am Mittendrin-Mittwoch die Lektüre, in der wir gerade mittendrin stecken; die Literatur führt uns mitten in ein unbekanntes Leben und in die Gedankenwelt eines Menschen, mit dem man sich im realen Leben vielleicht nicht gerade unterhalten möchte; die Literaturtage lassen uns im Gespräch mit dem Autoren teilhaben am Schreibprozess.
Mitlesen könnt Ihr immer: unsere Katalogdaten zu den Werken von Jaroslav Rudis hier. Bei den Literaturtagen könnt Ihr auch mitreden, z. B. morgen mit dem Autor von „Nationalstraße“.

Donnerstag, 18. Oktober, 19 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 18:30 Uhr, Beginn 19 Uhr
Moderation: Dr. Maria Kublitz-Kramer, Literarische Gesellschaft
Musikalische Begleitung: Three Times Blues: Milan Böse, Valentin Katter, Uwe Martin
Eintrittspreis: 8 €, ermäßigt 6 €, Dauerkarte 50 €.

Das vollständige Programm der Literaturtage hier.

HilDa

Elizzy von read books and fall in love hat sich für alle, die teilnehmen mögen, folgende Blogaktion ausgedacht: der „Mittendrin Mittwoch“. Er besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.

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