Mittendrin Mittwoch #90

Als Overby gegangen war, wischte sich Georgia Blue seelenruhig mit einer Serviette den Kaffee aus dem Gesicht. Sie zündete sich eine Zigarette an, rauchte ein paar Züge, drückte sie aus und verlangte die Rechnung. Sie zeichnete sie mit nur leicht bebender Hand ab, erhob sich und legte einen gemessenen, würdevollen Abgang hin, der den Japanern beifälliges Murmeln entlockte.
Sie benutzte das Haustelefon in der Lobby, um Artie Wu anzurufen. Als er sich meldete, sagte sie: „Der Saukerl hat mir eine Tasse Kaffee ins Gesicht geschüttet“
„Wunderbar“, sagte Wu.
„Wir hatten ein volles Haus.“
„Großartig.“

(Seite 211)

Dieser leicht eskalierte Streit im Hotel-Restaurant ist Teil einer großen Inszenierung, so viel sei verraten. Die fünf Protagonisten des Romans wollen 5 Millionen Dollar ergaunern, offenbar unsauberes Geld. „Sauber“ ist in diesem Milieu allerdings ohnehin ein dehnbarer Begriff. Aber leichtverdientes Geld wird es nicht, der Coup ist aufwendig und gefährlich, man kann niemandem trauen und eigentlich weiß auch niemand, wer noch alles mitmischt in diesem undurchsichtigen „Spiel“. Die fünf – na sagen wir mal Verbündeten, die sich natürlich auch gegenseitig nicht vertrauen können, haben schon einschlägige Erfahrungen sowohl auf dem diplomatischen Parkett, mit Politik und Geheimdiensten, ebenso mit Kleinkriminellen und dem international organisierten Verbrechen; der eine ist Terrorismusexperte, der andere Hochstapler, sie könnte eine Killerin sein und das Glücksritterpärchen Artie Wu und Quincy Durant ist sowieso mit allen Wassern gewaschen.

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Thomas, Ross : Am Rand der Welt : ein Artie-Wu-und-Quincy-Durant-Fall / aus dem Amerikanischen von Jürgen Behrens, bearbeitet von Gisbert Haefs und Anja Franzen. – Zeitverl. Bucerius, 2012 . – (Die ZEIT – Politthriller)

Klingt ein wenig nach dem Set eines Bond-Films? Nun, die Figuren wären bei James Bond gut als dessen Gegenspieler oder sie gehörten zu den zahllosen originellen Nebendarstellern. Hier sind sie die zwielichtigen „Helden“ – und wahrscheinlich auch keinen Deut besser als ihre Gegner.

Die Handlung spielt überwiegend auf den Philippinen im Jahr 1986; das Marcos-Regime wurde gerade gestürzt, die neue Präsidentin Aquino wird es schwer haben gegen die immer noch vorhandenen alten Seilschaften, gegen die Rebellen, gegen die Interessen des internationalen Kapitals und nicht zuletzt der amerikanischen Politik. Kurz: Die politischen Verhältnisse auf den über 7.000 Inseln des Archipels sind schwierig und es gibt kaum überschaubare Einflüsse von außen – also die ideale Gemengelage für alle möglichen Elemente (Personen und Organisationen), die das Land auf Kosten des Volkes einfach nur aussaugen und sich selbst bereichern wollen.

Ross Thomas (1926-1995) schrieb insgesamt 25 Romane sowie einige Drehbücher für Fernsehserien. Für Am Rand der Welt (Original: Out on the Rim) erhielt er 1990 den Deutschen Krimipreis in der Kategorie International – einer von vielen Preisen für seine Politthriller. Trotzdem ist der Autor im deutschsprachigen Raum eher Geheimtipp geblieben, selbst eine Neuübersetzung seiner Werke hat daran bisher nicht viel ändern können (erschienen im Alexander-Verlag).

Als ich vor einigen Jahren die Reihe „Die ZEIT – Politthriller“ gekauft habe, war sie eigentlich zum Verschenken gedacht, Thriller sind nicht so mein Genre. Doch da gab es ein paar Klassiker, die ich doch erst lesen wollte: Graham Greene, Eric Ambler, John le Carré, … . Und danach wollte ich sie alle (es sind insgesamt 12 Bände)! Mir haben zwei, drei Titel nicht so gefallen, aber alle anderen waren gut bis sensationell, Ross Thomas gehört dazu. Schön ist auch der kurze Anhang zu jedem Band mit Anmerkungen zu Roman und Realität, hier von dem Literaturkritiker und Publizisten Thomas Wörtche; für mich sehr hilfreich, da meine Kenntnisse zur philippinischen Geschichte doch eher oberflächlich sind.

Wir haben den Thriller nicht im Bestand der Stadtbibliothek. Noch nicht.
Wer sich erst einmal mit einem anderen Thriller von Ross Thomas einlesen will, hier die Katalogdaten.
Und wenn Interesse an weiteren Bänden der Politthriller-Reihe der ZEIT besteht, hier der Link zu fast allen Bänden.

HilDa

Elizzy von read books and fall in love hat sich für alle, die teilnehmen mögen, folgende Blogaktion ausgedacht: der „Mittendrin Mittwoch“. Er besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.

 

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