Michael Krüger: Vorübergehende

Literaturtage Bielefeld 2019: Wir lesen laut!

Der namenlose Ich-Erzähler ist ein Kulturpessimist par exellence. Er beobachtet seine Umwelt und scheint dabei von Weltekel erfüllt. In beißenden kleinen Exkursen seziert er den sogenannten Zeitgeist. Beispielsweise mokiert er sich über den heutigen Massentourismus:

„… die Städtetrips, die Kulturangebote, der Last-Minute-Flug nach Istanbul, die zauberhaften Weltuntergänge am Bosporus, aber auch die Oper in Verona, alles inklusive, früher einhundertzwanzig Euro, jetzt die Hälfte, Getränke sind mitzubringen.“

Oder er sinniert über den Zerfall Europas:

„Meine geliebte Türkei, Sehnsuchtsland meiner Jugend, wurde von einem Faschisten beherrscht, der tatsächlich, ohne mit der Wimper zu zucken, mehr als hunderttausend Andersdenkende ins Gefängnis warf; die Polen hatten sich einen patriotischen Giftzwerg als Chef gewählt, der seine Gegner im Parlament als Mörder seines Bruders bezichtigte, ohne dafür vor Gericht gestellt zu werden…“.

Dabei hat er jahrzehntelang mit seinem Job als sogenannter Motivationscoach selbst zum Zeitgeist gehört. Sein phrasenreiches Hauptwerk „Stärken stärken, Schwächen schwächen“ machte ihn zu einem gefragten Vortragsredner und Berater für mittelständische Unternehmen. Jetzt ist er ein alter, einsamer Mann ohne Geldsorgen, der seine bisherigen Thesen verachtet. Scheinbar nur aus Langeweile nimmt er noch gelegentlich Aufträge an. Bei einer dieser Reisen begegnet er Jara. Während er im Zug eingeschlafen ist, hat sich das Kind, welches auf ihn wie „eine eigentümliche Mischung aus Kobold und Fee“ wirkt, an seine Schulter geschmiegt. Von da an begleitet Jara ihn. Er nimmt sie, ein Flüchtlingskind, mit nach Hause und kümmert sich fürsorglich um sie. Allerdings verweigert das rätselhafte Mädchen konsequent jede Auskunft über seine Herkunft und Familie. Tagelang zeichnet sie seltsame Chiffren, die der altkluge Nachbarsjunge als „Atlas der verborgenen Erinnerungen“ betitelt. Dabei wirkt sie nicht bemitleidenswert, eher eigenwillig und autark. Scheinbar im Vorübergehen berühren sich in dieser zart und etwas wehmütig erzählten Geschichte zwei Fremde.

„Das ist mit Leichtigkeit und Eleganz entwickelt, mit Humor, der durchaus wütend, doch nie zynisch ist.“ (Carsten Hueck, DLF)

Michael Krüger war viele Jahre Chef des Hanser-Verlages und ist Autor mehrerer Gedichtbände, Romane und Übersetzungen. Für sein schriftstellerisches Werk wurde er vielfach geehrt. So erhielt er u.a. den Peter-Huchel-Preis (1986), den Joseph-Breitbach-Preis (2010), sowie den Eichendorff-Literaturpreis (2017).

Michael Krüger als Verfasser, Herausgeber oder Übersetzer in unserem Online-Katalog.
Unser Literaturverzeichnis als PDF: Krueger

Carsten Hueck hat den Roman für Deutschlandfunk Kultur besprochen, kann man hier nachlesen. Eine Rezension von Julia Schröder in der ZEIT findet sich hier.

Mittwoch, 9. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Angelika Teller
Musikalische Begleitung: Henning Rice, Flügel und Ismail Özgentürk, Saxophon
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

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