SchreibRaum 2020: Projektbericht

Das war eine in jeder Beziehung besondere Schreibwerkstatt. Der Kurs sollte bereits im April 2020 beginnen (1. Versuch) und endete tatsächlich erst im Februar 2021. Die Gründe kann sich jeder leicht vorstellen: Corona, Pandemie, Lockdown 1 + 2. Im März musste leider erst einmal abgesagt werden (1. Lockdown), dann wurde aber im Sommer neu geplant und ab 29. August konnten endlich 9 Teilnehmer:innen im Alter von 14 bis 18 Jahren in den SchreibRaum starten. Doch dann kam der 2. Lockdown. Kursleiterin Andrea Gehlen organisierte auf online-Meetings via Zoom um; aber erst einmal musste der Kurs unterbrochen werden, es kamen die Ferien und Feiertage. Trotzdem gelang es, alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen motiviert zusammenzuhalten. Am Ende musste auch die Abschlussveranstaltung online stattfinden. Dazu später mehr.

Mit der Bielefelder Autorin Andrea Gehlen hatten wir eine engagierte Workshopleiterin, die von vornherein einen Plan B vorbereitet hatte. Das vom LandesMinisterium für Kultur und Wissenschaft geförderte Projekt SchreibLand NRW, eine Initiative des Literaturbüros NRW in Düsseldorf und des Verbandes der Bibliotheken NRW, sah die Möglichkeit eines Online-Workshops auch schon vor.

Doch im August hatten wir noch die Hoffnung, dass wir bis Anfang Dezember die zehn 90-Minuten-Termine als Präsenzveranstaltungen gestalten könnten. Der große Veranstaltungssaal SO2 bot genügend Platz für eine großzügige Aufstellung der Tische, so dass der nötige Abstand gewahrt werden konnte. Und die Jugendlichen waren bemerkenswert diszipliniert und hielten sich an alle Hygiene-Regeln. Samstags ab 12 Uhr verbrachten diese jungen Menschen ihren schulfreien Tag freiwillig mit einer Schulung. Und sie brachten schon Entwürfe, Ideen und sogar fertige Texte mit. Frau Gehlen war von Anfang an beeindruckt.

Man könnte die Workshop-Geschichte jetzt wie eine Heldenreise erzählen. Die Gruppe aus neun sehr unterschiedlichen Jugendlichen wuchs unter der Leitung der erfahrenen Autorin zu einem Team zusammen. Sie mussten Aufgaben bewältigen, einige jeder für sich, einige gemeinsam. Sie mussten Charaktere bilden – dabei ging es um die Figurenentwicklung in ihren Geschichten, aber auch um die eigene Biografie, wie sie z. B. für den Klappentext eine Buches benötigt würde (und bei der Abschlussveranstaltung zur Präsentation gehören sollte). Sie mussten Schauplätze erkunden, neue Perspektiven gewinnen, mit Lügen und „unzuverlässigen Erzählern“ umgehen lernen und Konflikte verschlimmern – natürlich für ihre Erzählungen. Sie haben gemeinsam die Frage nach der Moral gestellt, genauer nach der Rolle der Moral in einer Geschichte. Kurzgeschichten, Gedichte und Romananfänge sind entstanden und weiterentwickelt worden. Und dazu aller Unbill der Pandemie! Doch am Ende musste jeder einzelne sich einem Publikum stellen und mit seinen Texten die Bewährungsprobe bestehen. Ja, eine Heldenreise eben!

Schematische Darstellung einer „Heldenreise“

Die Heldenreise als Geschichtenkonstrukt war aber auch selbst ein Thema der Schulung: Am Beispiel „Harry Potter“ ging der Kurs die Stationen dieser archetypischen Erzählstruktur durch.

Sieben der insgesamt zehn Termine konnten in der Bibliothek stattfinden, drei mussten in den digitalen Raum verlegt werden. Für den Übergang – wegen des Lockdowns und der Ferien gab es erst einmal eine Unterbrechung – hielt Frau Gehlen den Kontakt mit regelmäßigen E-Mails und Schreibübungen für die Teilnehmer:innen. Nach zehn Wochen meldeten sich tatsächlich alle wieder und in drei langen Zoom-Meetings bereitete man sich auf die Abschlussveranstaltung vor: Textauswahl, Tipps und Tricks zum öffentlichen Vorlesen, Zeitplan und anderes Organisatorisches.

Die Abschlussveranstaltung fand am 13. Februar 2021 ebenfalls online statt. Wir trafen uns mit Gästen – insgesamt 30 Personen – auf dem Bildschirm. Natürlich passierte all das, was immer bei großen online-Meetings passiert: Mikrofone waren an, die eigentlich ausgeschaltet sein sollten, so dass Nebengeräusche störten; die Netzverbindungen waren nicht immer für alle stabil; eine Fotoshow, die die Pause überbrücken sollte, war schneller vorbei als geplant. Oder verlief die Zeit einfach schneller? Frau Gehlen moderierte jedenfalls souverän und die jungen Schriftsteller und Schriftstellerinnen ließen sich durch nichts aus der Fassung bringen.

Und was bekamen wir an diesem besonderen Abend zu hören?

„Glaubst du an Magie?“ – fragte gleich in einer der ersten Prosatexte ein Protagonist. Er flüsterte: „Ich erzähle dir die Geschichte meines Stammes. …“ – und ich wünsche mir möglichst bald alle Bände des Fantasy-Epos für unsere Bibliothek! (Ja, kein Witz, die Autorin hat den Entwurf für acht Bände fertig und bereits weit mehr als das vorgetragene Anfangskapitel geschrieben.)
Wer hätte gedacht, dass uns die Perspektive eines Kruges oder die eines Hundes auf dem Sofa fesseln konnte, dass wir den Traum vom perfekten Bizeps mitträumen würden – ebenso wie den Alptraum vom Tanz des Todes. Wir sympathisierten mit einem gedemütigten Dieb und mit einem einsamen, aber vergesslichen Kobold. Wir hörten kurze Prosatexte, einen Romananfang und Lyrik.

„Das Wichtigste, was ich hab‘, ist meine Gab‘“, hieß es in einem der Gedichte. Doch so bescheiden müssen diese jungen Dichter und Dichterinnen gar nicht sein, denn nach dem Applaus und den Rückmeldungen zu urteilen haben sie es uns Zuhörer:innen an diesem Abend gezeigt: Ja, auch wir glauben an die Magie der Worte.

Das waren besondere Autorenlesungen. Nach einigen besonderen Kurs-Monaten. Andrea Gehlen kommentierte in einer Rundmail kurz nach dem Ende der Veranstaltung: „nur ganz kurz, ich bin noch ganz ergriffen. Ihr wart sooooooooo toll!!!!“. Frau Rast vom Literaturbüro NRW bedankte sich am folgenden Montag für den „schönen Abend mit tollen Texten“.

Ich bin davon überzeugt, dass wir von diesen neun Autoren und Autorinnen noch viel hören werden: die neue Bielefelder Schriftsteller-Generation.

Nur schade, dass wir keine öffentliche Live-Lesung auf unserer Literaturbühne mit ihnen organisieren durften. Nun, vielleicht das nächste Mal, denn der SchreibRaum 2021 öffnet, wenn sich genügend Teilnehmer:innen finden, bereits am 17. April wieder.

HilDa

Diese Werkstatt wurde gefördert vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen im Rahmen von SchreibLand NRW – einer Initiative des Verbands der Bibliotheken des Landes NRW und des Literaturbüros NRW.

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