Bielefeld-Verschwörung

Mit Verschwörungen kennen wir uns aus in Bielefeld, ist doch eine sehr populäre nach unserer Stadt benannt. Die „Bielefeld-Verschwörung“ ist, wer hätt’s gedacht, sogar schon 26 Jahre alt und offenbar unausrottbar; zumindest die Behauptung „gibt’s doch gar nicht“ kommt garantiert, sobald auch nur das Wort „Bielefeld“ erwähnt wird – als könnte dieser „Witz“ auch nach so vielen Jahren und Wiederholungen noch irgendwie originell sein.

Doch wenn man nachfragt, wissen die wenigsten, wie diese seltsame Geschichte entstanden ist. Dabei ist sie bestens dokumentiert – im Gegensatz zu den allermeisten Verschwörungsmythen. Deren Urheber sind in der Regel nicht bekannt, und – ähnlich wie Gerüchte – entwickeln Verschwörungstheorien schnell eine Art Eigenleben, verschränken sich gerne mit anderen Mythen und Ideologien, nehmen noch ein paar Halbwahrheiten mit, reißen die ein oder andere Tatsache aus dem Zusammenhang – kurz, sie schöpfen aus vielen anonymen Quellen. Das wirkt oft wie ein schlechter Witz. Ist es aber nicht.

Nun, die Bielefeld-Verschwörung war jedenfalls nie etwas anderes: ein Studentenulk, der zu einer Satire auf Verschwörungsmythen jeglicher Art wurde. Ein gutes Beispiel, wie schnell sich so ein Mythos verselbständigen und verbreiten kann, nicht zuletzt durch die modernen Medien.

Über die Bielefeld-Verschwörung gibt es genügend Material, das ist an anderer Stelle bereits aufgedröselt und kann z.B. bei Wikipedia leicht und anschaulich nachgelesen werden. Die Aktion von Stadtmarketing Bielefeld, die wie erwartet ja keinen Beweis für die Nichtexistenz der Stadt am Teutoburger Wald erbrachte – trotz der ausgelobten 1 Million Euro („Die Bielefeldmillion“ ) – hat der „Verschwörung“ nun endgültig den Garaus gemacht. Nur der Dauerwitz bleibt uns wohl trotzdem erhalten. Nun ja.

Einige der „echten“ Verschwörungsideologien sind womöglich ganz ähnlich entstanden. Ich erinnere mich noch gut, welches Aufsehen der durchaus spannende Roman „Das Sakrileg – Der Da Vinci Code“ von Dan Brown ausgelöst hatte: Konnte es sein, dass die dort beschriebene jahrtausendealte Verschwörung der Templer und sonstiger Bruderschaften auf Tatsachen beruhte? Klangen die Deutungen der geheimnisvollen Zeichen in der Erzählung nicht sehr plausibel?
Na klar, Dan Brown weiß natürlich, wie man eine Story in sich, also innerhalb ihrer Romanwirklichkeit, plausibel konstruiert. Aber einem Faktencheck in der realen Welt hielt das nicht stand. Das war für einige begeisterte Leser wohl etwas enttäuschend. Aber der Roman war eben nichts anderes als ein spannender Thriller, ein Pageturner. Und so – nur so! – gefallen mir fantasievolle Verschwörungsmythen. 😉

Stammt die Idee mit den Reptiloiden, die Menschengestalt annehmen können, nicht aus einer SF-Fernsehserie aus den 80ern? Und die Chemtrail-Ängste gehen doch auf einen Witz zurück, der komplett außer Kontrolle geraten ist, oder? Oh bitte!

Für manche passen diese puren Erfindungen und Ideen jedoch scheinbar perfekt als Erklärung für ein Rätsel oder ein Phänomen, ergänzen ein ohnehin schon versponnenes Weltbild oder irgendwelche Ängste – die sich dann, bestärkt durch die für echt gehaltenen Geschichten, sogar ins Wahnhafte steigern können. Die erst einmal seltsam erscheinenden Theoriekonstrukte verwandeln sich im Laufe der Zeit, passen sich an und werden immer vielschichtiger und umfassender. Jeder zupft sich heraus, was in sein Weltbild zu passen scheint. Gegenargumente gelten als Manipulation durch die vermeintlichen Verschwörer und ihre Handlanger – und damit prompt als Beweis für die Richtigkeit des Mythos.

Wichtig scheint auch ein ausgemachtes Feindbild, es muss schon das Böse schlechthin sein. Gerne wird da auf bekannte Stereotype zurückgegriffen. Man selbst gehört natürlich zu den Guten, zu den Wissenden, Erleuchteten, zu den Weltrettern gar. Dagegen gilt jeder, der nicht gläubig ist, als Unwissender, „Schlafschaf“ oder sogar als Teil der Verschwörung und somit als Feind.

Und was, wenn sich mehr und mehr Anhänger finden, die in einigen Fällen gar fanatisch werden? Neu ist dieses Phänomen nicht. Aber die digitale Vernetzung bestärkt zusätzlich – und macht aus kruden Ideen und Lügen eine global vernetzte Bewegung. So mancher findet aus seiner ideologisierten Filterblase nicht mehr heraus.

Offenbar lässt sich mit den Verschwörungsgläubigen ja auch viel Geld machen: Spenden, Bücher zum Thema, Wundermittel, Goldhandel u.v.m. Oder man nutzt die leichtgläubigen Anhänger gleich zur Verwirklichung eigener Machtphantasien oder gar Umsturzpläne aus. Während die einen noch handgemalte Protestplakate schwenken und Polonaise tanzen, stürmt in ihrem Schatten ein radikalisierter Mob die Parlamentsgebäude.

Das ist kein folkloristischer Spaß, auch wenn sie noch so seltsam kostümiert sein mögen! Sie tragen Galgen vor sich her, an denen sie Andersdenkende gelyncht sehen wollen, sie sind bewaffnet und auf einen Tag X fixiert – den Umsturz, die Machtübernahme, das Ende der Demokratie, die Apokalypse, what ever. Sie bedrängen gewählte Volksvertreter, bedrohen Journalistinnen und Wissenschaftler und überhaupt alle Andersdenkenden. Dabei nutzen sie geschickt demokratische Rechte wie Meinungs- und Versammlungsfreiheit aus (die sie Andersdenkenden allerdings nicht zugestehen), tragen gar das Grundgesetz demonstrativ vor sich her, aber gleichzeitig eben auch Reichskriegsflaggen, Galgen, u. ä.  In Washington waren es sogar Waffen, Bomben, Kabelbinder zur Festsetzung von Geiseln. Bilder wie aus einem Alptraum.

Es ist mehr als verstörend, wenn Menschen im Namen der Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Freiheit, der Nächstenliebe, der Grundrechte, des Wohles der Kinder oder der ganzen Menschheit, im Namen eines gütigen und liebenden Gottes oder der Liebe zur Natur oder sonstiger hehrer Ziele aufmarschieren und dann doch nur Hass und Gewalt zeigen. Dass aus Gläubigen Fanatiker und sogar Terroristen werden können, ist schockierend, egal ob eine Religion oder Sekte, eine Ideologie oder irgendein verworrener Mythos der Auslöser ist.

Einige laufen auch einfach „nur“ gedankenlos mit den Hass- und Gewaltmenschen mit. Was für eine unselige Melange aus Impfgegnern, Esoterikern, irgendwie Unzufriedenen, Mythengläubigen und geschickt in diesem Fahrwasser lavierenden Demokratiefeinden hat sich da gebildet.

Ja, ich weiß, jetzt habe ich mich etwas weit von der doch harmlosen „Bielefeld-Verschwörung“ entfernt. Aber diese Bilder und Sprüche voller Gewaltbereitschaft und Hass in den letzten Wochen und Monaten schockieren mich. Wie einfach ist es doch für Radikale und Ideologen, die Leichtgläubigen und Faktenresistenten zu unterwandern.

Dass Menschen nicht wahr haben wollen, was nicht in ihre Weltanschauung passt, ist, wie gesagt,  nicht neu. Wir sind alle mehr oder weniger verführ- und manipulierbar. Egal wie gebildet und kultiviert wir uns wähnen, niemand gibt gerne zu, dass er/sie sich verrannt hat. Doch Scheuklappen auf und einfach an „alternative Wahrheiten“ glauben wollen? Und dann auch noch erkennbaren Demagogen und Demokratiefeinden eine Bühne geben und mit ihnen mitlaufen?

Aus Worten werden Taten – leider mussten wir das schon allzu oft erleben. Diese UnHeiligen Kriege, Hasspredigten, „Revolutionen“ und Hexenjagden kennen und fürchten wir schon seit Tausenden von Jahren. Ich dachte wirklich, unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert und in 70 Jahren Demokratie wäre stärker und aufgeklärter. Doch der kulturelle Firnis ist leider nur erschreckend dünn.

1 Million Euro, um dieses Verschwörungsgelaber bitte endlich zu beenden!

Ach, wenn’s doch nur so einfach wäre!

HilDa

Literaturtipps und im Text erwähnte Bücher:
  • Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit : wahr, falsch, plausibel? : die größten Streitfragen wissenschaftlich geprüft / Mai Thi Nguyen-Kim ; mit Illustrationen von Ivonne Schulze. Doemer-Verlag, 2021.
    Die Wissenschaftsjournalistin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim untersucht brennende Streitfragen unserer Gesellschaft; mit Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnissen kontert sie Halbwahrheiten, Fakes und Verschwörungsmythen – und zeigt, wo wir uns mangels Beweisen noch zurecht munter streiten dürfen.
  • Einspruch! : Verschwörungsmythen und Fake News kontern – in der Familie, im Freundeskreis und online / von Ingrid Brodnig ; Illustrationen Marie-Pascale Gafinen. Brandstätter-Verlag, 2021.
    Die österreichische Autorin und Publizistin Ingrid Brodnig ist Expertin für Lügengeschichten, Mobbing und Hass in unserer zunehmend digitalen Welt.
  • Verschwörungsmythen – woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können / von Michael Blume. Patmos-Verlag, 2020.
    Michael Blume ( Religionswissenschaftler, Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus) analysiert die kulturgeschichtlichen und psychologischen Hintergründe, warum es solche Mythen gibt und wie sie »funktionieren«. Er gibt Rat, was man Verschwörungsgläubigen antworten kann. (aus dem Klappentext)
  • Fake Facts: wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen / von Katharina Nocun und Pia Lamberty. Quadriga-Verlag, 2020.
    Verschwörungstheorien verbreiten sich nicht nur im Netz wie Lauffeuer und sind schon lange kein Randphänomen mehr. Katharina Nocun (Publizistin, Politik- und Wirtschaftswissenschaftlerin, Politikerin) und Pia Lamberty (Sozialpsychologin, die zu Verschwörungsideologien forscht) beschreiben, wie sich Menschen aus der Mitte der Gesellschaft durch Verschwörungstheorien radikalisieren und die Demokratie als Ganzes ablehnen. Welche Rolle spielen neue Medien in diesem Prozess? Wie schnell wird jeder von uns zu einem Verschwörungstheoretiker? Und wie können wir verdrehte Fakten aufdecken und uns vor Meinungsmache schützen? (aus dem Klappentext)
  • Fake News und Verschwörungstheorien: Wie man Gerüchten nicht auf den Leim geht / Text Gérald Bronner ; Zeichnungen & Colorierung Krassinsky ; aus dem Französischen von Edmund Jacoby. – Verlagshaus Jacoby & Stuart, 2019.
    Der kurzweilige Comic erklärt, wie Fake News und Verschwörungstheorien funktionieren, warum wir so leicht auf sie hereinfallen und wie wir Informationen auf ihren Realitätsgehalt hin checken können. (aus dem Klappentext)
  • »Nichts ist, wie es scheint« : über Verschwörungstheorien / von Michael Butter. Suhrkamp-Verlag, 2018.
    Was macht eine Erklärung zu einer Verschwörungstheorie? Warum sind sie für viele so attraktiv? Und was kann man dagegen unternehmen? Michael Butter erläutert, wie solche Erzählungen funktionieren, wo sie herkommen und welche Auswirkungen sie haben können. (aus dem Klappentext)
    Michael Butter ist Professor für amerikanische Literatur und Kulturgeschichte an der Universität Tübingen. Er leitet außerdem ein EU-Forschungsprojekt zur Analyse von Verschwörungstheorien.
  • Bullshit-Resistenz / von Philipp Hübl. Nicolai Publishing & Intelligence, 2018.
    Essay des Philosophen und Publizisten Philipp Hübl über die Plicht zum kritischen Denken, um Wahrheit von Unwahrheiten zu unterscheiden und so den allgegenwärtigen Verschwörungstheorien und Fake News etwas entgegenzusetzen.

Zur Bielefeld-Verschwörung gibt es Romane und Comics:

Über Dan Browns Roman „Das Sakrileg – The Da Vinci Code“:

    • den Roman in verschiedenen Ausgaben findet Ihr hier
    • Sakrileg entschlüsselt : Dan Browns Bestseller von A bis Z / von Simon Cox. Heyne-Verlag.
    • Das Da-Vinci-Geheimnis : Wahrheit und Mythos in Dan Browns Sakrileg / von Sangeet Duchane. White-Star-Verlag.

(Auswahl: HilDa)

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