Buchtipp: Das weite Herz des Landes

GRENZEN|LOS|LESEN
Kanada

Im letzten Jahr war Kanada das Gastland der Frankfurter Buchmesse oder wäre gewesen und wird es in diesem Jahre sein – ach, Ihr wisst schon, alles verschoben aus Gründen. Diesem Schwerpunkt haben wir wohl auch die Neuentdeckung dieses Autors für den deutschen Buchmarkt zu verdanken. Vielleicht aber auch dem gesteigerten Interesse am Nature Writing in den letzten Jahren. Richard Wagamese erfüllt jedenfalls beide Kriterien: Das Erleben der Natur und die Empfindungen, die das bei den Protagonisten auslöst, ist ein wesentlicher Teil im Werk des in Kanada recht bekannten Schriftstellers.

„Das weite Herz des Landes“ ist ein kurzer Roman, eine Vater-Sohn-Geschichte über eine Reise in die Wildnis – als Initiation und als ein Ritt in den Tod (der Originaltitel ist „Medicine Walk“). Es ist eine Erzählung über Schuld und Verdrängung, über die Suche nach der eigenen Identität und der Bedeutung von Familie und Zugehörigkeit. Der junge Mann wurde von einem Pflegevater aufgezogen, weil sein leiblicher Vater ein Trinker ist, der keine Verantwortung für seinen Sohn übernehmen kann oder will. Doch jetzt plötzlich erwartet eben dieser unbekannte Vater, dass sein Sohn mit ihm in die Wildnis reitet, wo der todkranke Mann sterben und eine letzte Ruhestätte wie ein Krieger finden will. Beide wissen kaum etwas voneinander und nur sehr wenig über die alten Riten und Traditionen ihres Stammes. So folgt der Sohn ganz seinem Gefühl, nicht zuletzt mit der Hoffnung, endlich mehr über seine Herkunft und seine Familie zu erfahren.

Es ist auch ein Roman über das Schweigen und über das Reden-müssen. Es gibt Gefühle und Taten, die durch das Schweigen nur noch schlimmer werden für alle Beteiligten. Da hätten ein offenes Gespräch, ein Geständnis oder das Erzählen einer Geschichte wahrscheinlich vieles klären können, Verzeihung gebracht, befreiend gewirkt. Es ist ein Roman über die Macht des Erzählens.

Manchmal ist natürlich auch Schweigen angemessen und ein gutes Zeichen für Respekt und Aufmerksamkeit, für Verständnis und Achtsamkeit. Und wenn man sich in der Natur bewegt, ist Schweigen sogar notwendig, denn in der Wildnis gilt es, mit allen Sinnen auf Zeichen und Spuren zu achten.

Wagamese findet poetische Bilder für die Naturbeobachtungen und die Charakterdarstellung. Die scheinbar recht simple Figurenkonstellation Sohn, Vater und Pflegevater wird durch Rückblenden komplexer und tiefer als erwartet, der Handlungsstrang erhält einige unerwartete Wendungen. Am Ende hat sich im Grunde gar nicht viel verändert – und doch alles.

Hoffentlich werden auch weitere Werke dieses Autoren noch übersetzt bzw. neu herausgegeben. Richard Wagamese starb 2017. Er hat laut Verlag 15 Bücher veröffentlicht, wurde mehrfach ausgezeichnet und gilt als eine wichtige indigene Stimme Nordamerikas. Bei uns ist dieser großartige Erzähler noch zu entdecken.

Die Katalogdaten zum Roman „Das weite Herz des Landes“ von Richard Wagamese findet Ihr hier.
Mehr über den kanadischen Ojibway Autoren und Journalisten findet Ihr in der englischsprachigen Wikipedia.

HilDa

Unter der Überschrift Grenzen|los|lesen möchten wir Weltliteratur aus anderen Kulturen und Sprachen vorstellen. Der Schwerpunkt soll bei Literaturen außerhalb des europäischen und anglo-amerikanischen Mainstreams liegen.
Wir wünschen viel Freude beim Entdecken und Lesen.

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