Buchtipp: „Frühling“ von Ali Smith

Nach Herbst und Winter kommt Frühling. Und dann auch Sommer – letzteres ist soeben erschienen und schon auf der SWR-Bestenlisten unter den 10 von Literaturkritikern besonders empfohlenen Neuerscheinungen. Ich bin aber gerade erst mit „Frühling“ fertig geworden.

Die Rede ist, manche ahnen es wohl schon, von der nach den Jahreszeiten benannten Roman-Tetralogie der britischen Autorin Ali Smith. Die beiden ersten Titel wurden hier bereits vorgestellt („Herbst“; „Winter“). Nun also „Frühling“.

Wieder ist es nicht leicht, den Inhalt wiederzugeben, obwohl mir dieser Roman einfacher konstruiert erscheint – vielleicht weil ich nun den Stil der Autorin kenne. Ali Smith erzählt nicht linear; sie lässt die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven wachsen, dadurch beginnt sie immer wieder neu aus einer anderen Richtung, einer anderen Zeitebene. In einem Kaff in Schottland treffen die Protagonisten zusammen, die scheinbar nichts gemein haben. Auf einer ruckelig-unbequemen Fahrt nach Inverness in einem Catering-Van mit nur einer Sitzbank kommen sie sich buchstäblich näher. Und auf einem historischen Schlachtfeld … – aber nein, ich will nicht vorgreifen.

Ein alter, einst zumindest in intellektuellen Kreisen bekannter Dokumentarfilmer sucht nach einem Sinn in seinem neuen Auftrag, ein Film über eine Fast-Begegnung zweier literarischen Größen des frühen 20. Jahrhunderts: Rainer Maria Rilke und Katherine Mansfield. Zugleich versucht er seine Trauer über den Tod seiner langjährigen Mitarbeiterin und Freundin zu verarbeiten.

Eine Frau vom Wachdienst einer geschlossenen Anstalt für Flüchtlinge verfolgt spontan ein Mädchen, das feengleich und ganz unerklärlich in der Anstalt aufgetaucht war und Veränderungen bewirkt hatte – nur kleine Verbesserungen, aber wie durch Zauberhand. Oder hat das außergewöhnliche Kind hypnotische Fähigkeiten?

Eine Aktivistin will über ein geheimes Netzwerk Menschen retten und Flüchtlinge verstecken.

Zwei gegensätzliche Frauen, ein desillusionierter Mann und ein Mädchen. Das Mädchen scheint der Schlüssel. Traumwandlerisch verbindet sie die Personen miteinander, für die sich danach alles verändern wird.

Wieder benutzt Ali Smith surreal wirkende Szenen. Waren es in „Herbst“ die Träume eines in tiefer Bewusstlosigkeit liegenden alten Mannes am Ende seines Lebens, waren es in „Winter“ die Visionen einer Frau mit den ersten Anzeichen einer Demenz, so sind es in „Frühling“ eher märchenhafte Elemente.

Aber auch Märchen gehen nicht immer gut aus; manche, und gerade die wahrhaftigsten, haben kein Happy End á la „sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage“-Blabla. Nein, am End sind vielleicht alle froh, wenn sie überhaupt wieder oder noch irgendeine Perspektive haben.

Immerhin: Der Frühling steht für Hoffnung. Die Hoffnung, auf einen neuen Anfang. Niemand sagt, dass das leicht wird. Auch Ali Smith nicht.

Eine beeindruckende Romanreihe.

HilDa

PS: Der „Sommer“ ist auch geliefert und eingearbeitet: hier.


Buchtipps gegen das Sommerloch

Wir haben die Kolleginnen und Kollegen nach ihren Lesetipps für diesen Sommer gefragt und werden diese so nach und nach hier veröffentlichen.


Viel Freude beim Lesen!

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