LWL-Freilichtmuseum Detmold

Jeder hier in der Region kennt wahrscheinlich das Freilichtmuseum, zumindest dem Namen nach. Und fast alle, die in den letzten Jahrzehnten in OWL zur Schule gegangen sind, haben mindestens einmal einen Ausflug nach Detmold gemacht. Also ich schon, das muss irgendwann in den 70ern gewesen sein. Oha, das war also schon vor mehr als 40 Jahren! Offen gesagt, ich habe keine konkreten Erinnerungen an diesen Schulausflug mehr.

Damals stand das Freilichtmuseum wohl noch in den Anfängen, es feiert nämlich in diesem Jahr sein 50jähriges Bestehen. Unser Betriebsausflug im September erlaubte es mir, meine Erinnerungen aufzufrischen. Immerhin bin ich auch in einem alten Fachwerkhaus aufgewachsen und habe die Ferien meist auf dem Bauernhof von Freunden verbracht, da ploppten viele Kindheitserinnerungen bei mir auf – allein schon beim Duft des Heus in einem Schober.

Großer Bauernhof aus vorindustrieller Zeit, Rückansicht

Wenn Bibliotheksleute einen Betriebsausflug machen, gehört Kultur und Wissen mit ins Programm – beides ist in einem Museum ja auch gegeben. Wir hatten eine Führung, genauer, wir teilten uns in drei Gruppen, jede Gruppe zog in eine andere Richtung und hatte einen anderen Schwerpunkt. Bei uns ging es um das großbäuerliche Leben lange vor der Industrialisierung. Auf dem ersten Blick erinnerten der schön restaurierte Hof und der herrliche Bauerngarten an die märchenhafte Vorstellung von der „guten alten Zeit“. Doch selbst auf einem reichen Hof war das Leben hart. Für den Bauern und seine Familie gab es immerhin einen abgetrennten Wohntrakt, der zumindest etwas Privatsphäre bot. Die Mägde und Knechte schliefen beim Vieh, weit weg von der einzigen Feuerstelle. Fast alle Arbeiten mussten im Freien verrichtet werden, nicht nur die Feldarbeit. Im Haus war es meist zu dunkel, also musste möglichst das Tageslicht draußen genutzt werden – zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter. Das galt auch für ganz alltägliche Verrichtungen. Kein fließend Wasser im Haus, nur der Brunnen draußen. Das Wasser, das z. B. für die Große Wäsche gebraucht wurde, musste aufwändig auf der offenen Herdstelle im Haus erhitzt und nach draußen geschleppt werden, bei der benötigten Menge erforderte das allein schon strategische Planung. Die Große Wäsche nahm mindestens einen ganzen Tag ein, an dem alle mit anpacken mussten. Natürlich brauchte es auch einen Tag mit sonnigem, warmem Wetter zum Trocknen und Bleichen. Für uns überraschend war, dass der Aufwand für die Große Wäsche nur einmal im Jahr gemacht wurde (kleinere Waschtage gab es etwas öfter).

Herdstelle im Bauernhaus
Backhaus mit Brunnen

Der große Ofen im Backhaus wurde nur alle zwei Wochen angeheizt, auch das ein aufwändiges Verfahren, das viel Holz kostete und viel Arbeit. Da musste die Hitze auch optimal ausgelastet werden: Verschiedene Backwaren wurden vorbereitet, damit der Ofen bis zum letzten Flecken beladen werden konnte, sobald er auf Temperatur war; zuerst alles, was kurze, große Hitze benötigt, dann die Backwaren, die im langsam wieder erkaltenden Ofen länger garen müssen, ohne dass sie verbrennen dürfen. Um die Ofenhitze und Fläche optimal auszunutzen, bedurfte es guter Planung und Vorbereitung. Und mit dem frisch Gebackenen, den verschiedenen Broten, Pasteten, Kleingebäcken und evtl. auch Kuchen musste man nun mindestens zwei Wochen auskommen und alle auf dem Hof einschließlich möglicher Gäste versorgen.

Die gute alte Zeit. Die meisten Menschen auf dem Lande lebten damals als Knechte, Mägde oder gar nur als Tagelöhner, abhängig vom Wohl und Wehe des Bauern, und der wiederum abhängig vom Wetter. Dürre oder zu viel Regen, Extremwetter oder eine andere Naturkatastrophe konnten für alle Not, Hunger, Tod bringen. Wer keine Arbeit mehr fand oder sein Land verlor, musste fortziehen: in eine andere Region als Tagelöhner oder später als Arbeiter in die Industriestädte; man ließ sich anwerben vom Militär oder fuhr zur See; oder man wanderte aus. Wenn nur die Männer fortzogen, blieben Frauen und Kinder zurück mit der Hoffnung, dass sie nachgeholt würden, sobald der Mann ein neues Leben aufgebaut hat. Nicht selten meldeten sich die Männer aber nie wieder, vielleicht weil sie es leider nicht geschafft hatten, manche aber auch, weil sie ihr neues Leben lieber unabhängig und frei oder mit einer neuen Familie gestalten wollten. Jaja, die gute alte Zeit: hohe Kindersterblichkeit (die wenigsten überlebten das Kleinkindalter, die Geburtensterblichkeit war enorm hoch – und Schwangerschaft und Geburt waren auch das größte Risiko für die Frauen), harte Arbeit schon von Kindesbeinen an, prekäre Arbeitsverhältnisse, keine Absicherung bei Krankheit oder Alter. Nun ja, die wenigsten wurden alt! Nein, ich glaube nicht, dass wir uns in diese „gute alte Zeit“ zurückwünschen.

Bauerngarten mit Fachwerkhaus
Bürgerhaus im Paderborner Dorf
Eingang zum Laden

Im Freilichtmuseum gibt es noch mehr zu sehen als alte Bauernhäuser. Im „Paderborner Dorf“ haben wir uns im Restaurant zum Mittagessen getroffen. Dort gibt es auch alte Bürgerhäuser, einen Kaufladen („Kolonialwarenladen“) und Handwerkswerkstätten zu besichtigen. Auch hier lohnt ein Blick hinter die Fassaden.

Tischlerei-Werkstatt im Paderborner Dorf

Besonders beliebt war die Bäckerei, fast jeder hat sich dort mit einem frischen Brot eingedeckt. Ich hatte passend zur Jahreszeit ein Apfelbrot, schmeckte zum Frühstück wunderbar einfach nur mit Butter bestrichen oder auch mit einem herzhaften Belag.

Das Wetter war leider nicht so gut: Kurze, kräftige Schauer gingen in typisch westfälischen Landregen über. Nicht so einladend für ausgedehnte Spaziergänge über das weitläufige Gelände. 😒 Aber so bleibt beim nächsten Besuch noch etwas zu entdecken; ich werde nicht wieder 40 Jahre damit warten, aber mir einen sonnigen Tag aussuchen, bei dem ich dann mehr über die alten Kulturpflanzen und Haustierarten erfahren möchte, die auf dem Gelände und in den Gärten gepflegt werden.

Das Museum bietet verschiedene Workshops an, vor Ort, aber auch einiges online. Und es gab ein Jubiläumsprogramm. Man kann aber auch einfach spazieren gehen und nach schönen Fotomotiven suchen.

Und sich allein durch den Duft von Heu in die Kindheit zurückversetzen lassen.

Nun ja, jetzt ist die Saison aber beendet, das Freilichtmuseum öffnet erst ab April wieder. Wer schon für 2022 einen Ausflug in die westfälische Alltagskultur der Vergangenheit planen will, findet Informationen hier.

HilDa

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