Winterzeit ist Märchenzeit #9

Märchenfilme: Aschenputtel, Aschenbrödel, Cinderella

Und, habt Ihr in der Weihnachtszeit auch „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ geschaut? Genügend Gelegenheiten gab es ja wohl. Ich habe nicht gezählt, aber ein Dutzend Wiederholungen auf den diversen ARD-Sendeplätzen hat es mindestens gegeben. Diese Märchenverfilmung ist nicht nur bei Kindern beliebt, sie ist Kult!

Es gibt viele unterschiedliche Versionen des Aschenputtel-Märchens. Volksmärchen sind nicht nur nationales Kulturgut, sie sind europäisch, die Grundmotive sogar universell und schon seit der Antike oder länger Teil der Überlieferung. Wir denken natürlich sofort an die Brüder Grimm, das Märchen Nr. 21 in ihrer Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“ (KMK 21). Sie wollten deutsches Volksgut sammeln, doch gerade ihr bekanntestes Märchen ist ein Beispiel dafür, dass ihnen auch viele Stücke aus der französischen Märchenliteratur zugetragen worden waren: „Cendrillon ou la Petite Pantoufle de verre“ bereits 1697 von Charles Perrault in der Sammlung „Histoires ou Contes du temps passé“ veröffentlicht, ein sehr beliebtes Buch. Sehr wahrscheinlich waren es die Nachfahren der hugenottischen Flüchtlinge, die diese Geschichten in die deutschsprachigen Länder mitbrachten, wo sie auf andere mündlich überlieferte, regionale Varianten trafen.

Perraults Cendrillon wurde dann auch die Vorlage der wohl berühmtesten Verfilmung, dem Disney-Zeichentrickfilm „Cinderella“ von 1950 (und seiner Neuverfilmung als Realfilme 2015). Eine alte Fee sorgt für die magische Hilfe, die tierischen Freunde und ein Kürbis werden in Pferde, Diener und Kutsche verwandelt, Cinderella trägt Glasschühchen zum Ball.

DVD "Disney Cinderella", mit Bibliotheksaufklebern
DVD „Cinderella“ in der Stadtbibliothek

„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ dagegen beruht hauptsächlich auf der Märchenerzählung „O Popelce“ (deutsch „Über Aschenputtel“) der tschechischen Schriftstellerin Božena Němcová (1820? – 1862). Aber wie alle Verfilmungen geht auch diese recht frei mit ihrer Vorlage um, nimmt Motive aus der Grimm‘schen Version mit auf und führt eigene Elemente ein (z. B. die Tiere: Nikolaus, der Schimmel, der Hund Kaspar und die Eule Rosalie); bei Božena Němcová begegnet Aschenbrödel dem Sohn des Fürsten dreimal bei der Sonntagsmesse, im Film dagegen gibt es drei Begegnungen mit dem Prinzen im Wald, bei der Jagd und als Höhepunkt dann der Ball im Schloss. Die tschechisch-deutsche Koproduktion von 1973 (Regie Václav Vorliček) machte nicht nur die Hauptdarsteller Libuše Šafránková (Aschenbrödel) und Pavel Trávniček (Prinz) berühmt. Das Schloss Moritzburg, einer der Drehorte, ist beliebtes Ausflugsziel und wirbt mit seinem Aschenbrödel-Image (Sonderausstellung). Viele Fans können die Dialoge mitsprechen. Selbst der auffällige Hut der Stiefmutter beim Ball ist schon ikonographisch. Und wo auch immer die Musik von Karel Svoboda erklingt, kommt man sofort in romantische Märchenstimmung und Kindheitserinnerungen werden wach.

2 CDs mit der Musik zum Film "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" mit Bibliotheksaufklebern
Musik-CDs zu „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ in der Stadtbibliothek

Aschenputtel“ aus der ARD-Reihe „Sechs auf einen Streich“ (mit Aylin Tezel in der Titelrolle und Barbara Auer als Stiefmutter; 2011) ist eine andere Lieblingsverfilmung des Stoffes. Der Märchenfilm nennt die Brüder Grimm als Vorlage und zeigt ebenfalls ein frech-aufmüpfiges Aschenputtel. Es verliebt sich in den angeblichen Jäger und bemerkt erst auf dem Ball, dass es in Wahrheit der Prinz selber war, mit dem sie sich eine Mehlschlacht und eine wilde Ferkeljagd geliefert hatte. Übrigens wurde dieser Märchenfilm in unserer Region gedreht: unverkennbar die Externsteine als magische Grenze, außerdem bot das Freilichtmuseum Detmold die Kulisse für die Bauernhausszenen.

Und dann mag ich noch eine Hollywood-Verfilmung des Cinderella-Stoffs, die nicht als Märchen, dafür in einem historischen Kontext die bekannte Geschichte erzählt: Drew Barrymore spielt ein ungewöhnliches „Aschenputtel“, das auch schon mal den Prinzen vor dreisten Strauchdieben rettet, sich aber in Lügen verstrickt und als Hochstaplerin bloßgestellt wird. Angelica Huston darf die fieseste Stiefmutter ever darstellen. Der Berater des Prinzen und Fürsprecher der „Cinderella“ ist niemand anders als der geniale und ein wenig kauzige Meister da Vinci, ja genau: Leonardo! Da braucht es keine Zaubernüsse, keine helfenden Täubchen, und der Prinz erkennt seine Liebe nach all den Intrigen endlich sogar ganz ohne Schuhprobe. Jeanne Moreau erzählt in der Rahmenhandlung ihren Gästen Jakob und Wilhelm Grimm die Geschichte der „wahren“ Cinderella. „Auf immer und ewig“ (Originaltitel „Ever After: A Cinderella Story“, 1998) besticht durch die Besetzung sowie durch Ausstattung und Kostüme.

Jede neue Aschenputtel-Version, egal ob Erzählung oder Verfilmung, ist auch eine Neuinterpretation. Vor allem die Rolle der Hauptfigur verwandelt sich: mal duldsames Mädchen, das vom Prinzen erlöst und zur Prinzessin gemacht wird, mal selbstbewusste junge Frau, die sich gegen ihre Unterdrückung auflehnt, mal braucht es Zauber, Freunde und Helfer, mal neben der Liebenswürdigkeit auch eine Portion Frechheit, um aus der Asche in höchste Kreise aufzusteigen.

Doch egal ob durch Magie oder andere Hilfe: Das Ende ist immer märchenhaft schön.

„Unser Aschenbrödel!“, jubelt das Volk, und der Prinz sagt: „Und auch meins. Wenn du mich willst.“ So reiten sie gemeinsam durch den Schnee über den Hügel davon, das zauberhafte Brautkleid flattert im Wind, die märchenhaft-romantische Musik verklingt und bleibt uns für den Rest des Jahres als Ohrwurm.

Hach, war das wieder schön. Im nächsten Jahr wieder.

HilDa

Der Katalog-Link zu unseren „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“-Medien hier, zu Disneys „Cinderella“ hier.

Noch bis Ende Februar könnt Ihr am Neumarkt in unserer Märchenbuchausstellung Aschenputtel und vielen anderen Märchen aus aller Welt nachspüren. Interessante Informationen gibt es gratis dazu:
In unserer Broschüre zur Ausstellung

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