Buchtipp: „Mein Onkel, den der Wind mitnahm“ von Bachtyar Ali

Grenzen|los|lesen
Irak, Kurdistan

Schon vor einigen Jahren hatte mich ein Roman von Bachtyar Ali fasziniert, obwohl ich auch zugeben muss, dass ich die symbolträchtigen Bilder und vor allem die alptraumhaften Szenen nicht immer verstehen konnte („Der letzte Granatapfelbaum“, der Blogbeitrag dazu hier). Die neue Erzählung ist kurz und klingt schon im Klappentext märchenhaft.

Roman "Mein Onkel, den der Wind mitnahm" von Bachtyar Ali. Unionsverlag

Djamschid Khan verliert im Gefängnis so sehr an Gewicht, dass er leicht wie Papier vom Wind davon geweht werden kann. Das verhilft ihm zur Flucht, doch diese seltsame Eigenheit bestimmt nun sein Leben. Und auch das des Ich-Erzählers, der als ungebildeter Jugendlicher zu einem der Beschützer und Seilträger seines außergewöhnlichen Onkels Djamschid bestimmt wird. Es wird seine Lebensaufgabe, seinen Onkel am Boden zu halten – und ihm mit Hilfe von Seilen auf Wunsch das geliebte Fliegen zu ermöglichen. Doch diese Kunst bleibt nicht lange geheim, das Militär hat größtes Interesse an Djamschid als „Geheimwaffe“ zur Aufklärung an der Front und so müssen der fliegende Onkel und seine jugendlichen Begleiter, die im Führen der Seile geübt sind, im grausamen Iran-Irak-Krieg ihren Dienst tun. Als Djamschid im Einsatz abstürzt, verliert er sein Gedächtnis und auch sein Charakter verändert sich. Iranische Gefangenschaft, Flucht in die kurdischen Berge, die trügerische Hoffnung auf ein normales Leben mit einer geliebten Ehefrau, das Exil in der Türkei als erfolgreicher Fluchthelfer, eine Odyssee durch Europa, die Demütigungen als Showattraktion, … . Immer wieder ist es der Ich-Erzähler, der den Onkel sucht oder in den Himmel starrend auf ihn wartet, wenn er mal wieder vom Wind weit fortgetragen wurde und irgendwo in der Welt abgestürzt ist. Der junge Mann und die Heimat Kurdistan sind wie Anker, zu denen der Onkel auch nach neuerlichem Gedächtnisverlust und vielen Irrungen wieder zurückfindet, denn an eines erinnert er sich immer: „Ich bin Kurde und kann fliegen“.

Eine märchenhafte Erzählung voller Rätsel, Abenteuer und Symbolik, aber ganz klar im zeitgeschichtlichen Umfeld von 1979 bis fast in unsere Gegenwart verortet: Iran-Irak-Krieg, die Willkür unter Saddam Hussein, Bürgerkrieg in Kurdistan, Flüchtlingsschicksale und Schlepper-Kriminalität.

Im Nordirak geboren (1966), lebt Bachtyar Ali bereits seit Mitte der 1990er Jahre in Deutschland. Er schreibt auf Kurdisch (Sorani), übersetzt wurde die Erzählung von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim. Die Romane von Bachtyar Ali werden dem Magischen Realismus zugeordnet, bei uns bekannter durch die lateinamerikanischen Vertreter dieser Richtung. Diese Erzählung kann man auch gut verstehen, ohne viel über kurdische Kultur zu kennen. Auch große Kenntnisse über die Nahost-Geschichte der letzten 40 Jahre sind nicht unbedingt nötig.

Ein guter Einstieg in das Werk dieses Autoren, der zur Weltliteratur zählt.

Unsere Katalogdaten zu den Werken von Bachtyar Ali findet Ihr hier, die Detaildaten zur neuen Erzählung hier.

Viel Freude beim Lesen.
HilDa

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