Göbekli Tepe

In meinem Bücherschrank gibt es einige Sachbücher, die ich dann doch nie gelesen habe. Eines hatte ich aus einem Impuls heraus gekauft, nachdem ich diese faszinierende Geschichte gehört hatte: Ein Archäologe (Klaus Schmidt) schaut sich einen Hügel in Südostanatolien genauer an, von dem schon seit längerem bekannt war, dass dort wahrscheinlich altertümliche Objekte unter der Erde verborgen liegen. Und er findet den ältesten monumentalen Steinbau der Menschheit. Das war Ende 1994. Heute zählt Göbekli Tepe zum UNESCO-Welterbe. Wir kennen die Pyramiden von Gizeh und Stonehenge, beides entstand vor ca. 4.500 Jahren. Die Kultanlagen vom Göbekli Tepe sind mehr als doppelt so alt. Sie stammen aus einer Zeit, als die Menschen noch nicht sesshaft waren – der Baubeginn war wohl vor rund 11 600 Jahren.

Menschen, die in kleinen Gruppen umherzogen und vom Jagen und Sammeln lebten, trafen sich regelmäßig mit vielen anderen Sippen auf einem Hügel, auf dem es nicht einmal genug Wasser für alle gab. Die meisten müssen von weit her gekommen sein. Sie sind mehrere Wochen im Jahr zusammen geblieben, um mühsam Steine aus dem Fels zu schlagen. Es brauchte viele Jahre, bis eine Anlage mit im Kreis aufgestellten, tonnenschweren Steinpfeilern fertig war. Und es gibt mehrere dieser Steinanlagen. Das erforderte also langfristige Planung und die Zusammenarbeit vieler Clans über mehrere Generationen. Arbeitsteilung war notwendig: Die einen besorgten Nahrung, Wasser und was sonst zum Leben gebraucht wurde, die anderen kloppten auf den Steinen herum, lösten riesige Quader aus dem Fels, verzierten sie mit Reliefs, wuchteten sie dann irgendwie gemeinsam an den gewünschten Ort und richteten sie auf.
Aber wofür diese ganze Mühe?

Zuerst einmal: Wir stellen uns die vorzeitlichen Menschen gern primitiv vor; aber die Menschen vor 10.000 Jahre waren nicht anders als wir, ihre Lebensweise, die technischen Möglichkeiten und das Wissen natürlich schon, nicht aber die Intelligenz oder die Gefühle.

3 Sachbücher: "Der Ursprung der Religion" von Robert Bellah, "Die Ordnung des Himmels" von Bernhard Maier, "Rätselhafte Religionen der Vorzeit" von Ina Mahlstedt

Es wird angenommen, dass sie sich in Göbekli Tepe zu religiösen Feierlichkeiten versammelten. Ein Kult, vielleicht ein Bergheiligtum, vielleicht Ahnenverehrung oder der Glaube an Götter. Die Tierreliefs auf den Steinen könnten Tiergeister darstellen. Wahrscheinlich gab es Schamanen.

Wie wohl frühzeitliche Religionen und ihre Zeremonien ausgesehen haben?
Wer sich für diese Fragen interessiert, dem empfehle ich Bernhard Maier „Die Ordnung des Himmels: eine Geschichte der Religionen von der Steinzeit bis heute“ – der erste Teil des Sachbuches (überschrieben mit „Von den Anfängen bis zum Ende der altorientalischen Großreiche“) gibt eine gute Einführung in die Altsteinzeit und das Neolithikum aus religionsgeschichtlicher Sicht; im Abschnitt „Die frühesten Heiligtümer Alteuropas“ (Seite 78f) geht es u. a. auch kurz um Göbekli Tepe. Noch ausführlicher rekonstruiert der 2013 verstorbene Soziologe Robert N. Bellah die Weltanschauungen der Menschen in der Steinzeit (bis in die frühe Eisenzeit): „Der Ursprung der Religion : vom Paläolithikum bis zur Achsenzeit“, allerdings noch ohne Göbekli Tepe zu erwähnen. Die Religionswissenschaftlerin Ina Mahlstedt geht in ihren Thesen zu vorzeitlichen Religionen ausführlich auf die Symbolik von Göbekli Tepe ein: „Rätselhafte Religionen der Vorzeit“ , Kapitel „Ein Heiligtum für Wasser und Erde“ (Seite 29-55).

Zeitschriftenheft Geo-Epoche Nr. 96: Revolution in der Steinzeit.

Die Funde in Anatolien lassen jedenfalls auf eines schließen: Die Menschen haben am Göbekli Tepe nicht nur durch gemeinsame Anstrengungen Monumentalbauten geschaffen. Sie haben auch gemeinsam gefeiert, gegessen und getrunken. Ich stelle mir vor, dass man sich zu einer bestimmten Jahreszeit traf. Aus allen Himmelsrichtungen kamen die Menschen zusammen. Erst baute man mehrere Tage an dem Kultplatz weiter, dann wurde mit großem Zeremoniell den Göttern gedankt. Zum Abschluss feierte man gemeinsam: mit Festschmaus und Bier. Ja, Bier. Die Archäologen haben Reste und Nachweise für das Brauen gefunden.

Mehr über die Kulturgeschichte des Bieres findet Ihr in dem Sachbuch „Bier : eine Geschichte von der Steinzeit bis heute“ von Gunther Hirschfelder und Manuel Trummer, Theiss-Verlag, 2016; auf Seite 22f geht es im Kapitel „Lebensweise im Wandel: Der Rausch als Motor des Sesshaftwerdens?“ um die Frage nach dem „Bier als Treibstoff für einen der größten Epochenwandel der Menschheit“ .

Es muss also ausreichend jagbares Wild in der Gegend gegeben haben, z. B. große Herden wilder Schafe, Ziegen oder sogar Auerochsen. Aber es muss auch wildes Getreide in großen Mengen gegeben haben, das man sammeln und zu Bier verarbeiten konnte. Möglicherweise war das einer der Gründe, warum man sich gerade hier traf.

Doch die großen Zusammenkünfte mit den gemeinschaftlichen Aktivitäten – das große Jagen, die Festvorbereitungen, der Bau an der Tempelanlage – bewirkte noch mehr: Erfahrungen und Fertigkeiten wurden ausgetauscht, Geschichten und Mythen weitergegeben, neue Familienbande geknüpft. Gemeinsam probierte man Neues aus und entwickelte Ideen weiter, neue Techniken entstanden. So wurde vielleicht gerade hier entdeckt, dass man besonders ertragreiche Getreidesorten gezielt wieder aussäen kann; die ersten Felder entstanden. Mit der Zeit konnten sich diese Nutzpflanzen mehr und mehr durchsetzen. Irgendwann entschlossen sich einige Sippen, nicht mehr umherzuziehen, sondern an diesem Heiligen Ort zu bleiben und die Felder zu pflegen. Sie wohnten dauerhaft in Hütten und züchteten gezielt die Pflanzen weiter. Andere Sippen folgten nicht mehr nur den wilden Herden, sondern hielten sich ihre eigenen Tiere, mit denen sie als Halbnomaden zu frischen Weidegründen zogen; mit der Zeit züchtete man sich besondere Nutztiere heran.

Diese neuen Lebensweisen verbreiteten sich im Nahen und Mittleren Osten, der Region, die als Fruchtbarer Halbmond zu der Zeit die besten Voraussetzungen für die Entwicklung der Landwirtschaft bot. Vorratshaltung und Tauschhandel ermöglichte es immer mehr Familien, sesshaft an einem Ort zu bleiben. Dörfer und später ganze Städte entstanden.

Göbekli Tepe war wahrscheinlich ein Ausgangspunkt für die sogenannte Neolithische Revolution. Weil sich die Menschen friedlich treffen und ausgelassen miteinander feiern wollten, haben sie etwas Großes erschaffen – und so ganz nebenbei eine neue Form des Zusammenlebens entwickelt. Mir gefällt die Vorstellung, dass wir diesen wichtigen Schritt in die Zivilisation einer Art steinzeitlicher Libori-Woche verdanken (man verzeihe mir den Vergleich – meine Paderborner Wurzeln): einer Mischung aus religiösem Anlass mit vielen Kulthandlungen und einem ausgelassenen Jahrmarkt. Mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung wurde gleichzeitig auch der würdige Ort für dieses Großevent der Steinzeit geschaffen (so als würde rund um die Liboriwoche in freiwilliger Gemeinschaftsarbeit der Dom wieder ein Stück weiter gebaut): diese großartigen Monumente, die uns auch 12.000 Jahre später noch in Erstaunen versetzen.

Zu was die Menschen doch fähig sind, wenn sie friedlich miteinander kooperieren!

5 Bücher: "Sapiens - Die Falle" von Yuval Noah Harari u.a., "Die Kinder des Prometheus" von Hermann Parzinger, "Sie nannten es Arbeit" von James Suzman, "Bier" von Günther Hirschfelder und Manuel Trummer, "Vergessene Kulturen der Weltgeschichte" von Harald Haarmann

Der Archäologe Jens Notroff arbeitet seit 2006 im Göbekli Tepe Project. Im Süddeutsche Zeitung Magazin gab es im letzten Jahr einen schönen, kurzen Bericht mit vielen Illustrationen des Wissenschaftlers und Zeichners über die Funde, aber auch über den Alltag am Ausgrabungsort (hier). Im Blog Tepe Telegrams findet Ihr noch mehr.

Bei Planet Schule gibt es einen kurzen Film: Göbekli Tepe: Der älteste Tempel der Menschheit (WDR 2013, 14:50 Min.) noch mit dem 2014 verstorbenen Klaus Schmidt. Einen weiteren Bericht könnt Ihr bei GEO finden (von Dirk Hempel), hier online oder auch im Heft GEO Epoche 96 (2019): Revolution in der Steinzeit.

In „Vergessene Kulturen der Weltgeschichte : 25 verlorene Pfade der Menschheit“ widmet Harald Haarmann ein ganzes Kapitel der mesolithischen Jägerkultur von Göbekli Tepe (Kapitel 4: „Die ersten Tempelbauten der Menschheit“, Seite 37-45).

Der Sozialanthropologe James Suzman geht in seinem Buch „Sie nannten es Arbeit : eine andere Geschichte der Menschheit“ auch auf den erheblichen Zeit-, Energie-, Organisations- und vor allem Arbeitsaufwand zum Bau der komplexen und monumentalen Anlage ein (Seite 184-191).

Der Prähistoriker Hermann Parzinger beschreibt in seinem fulminanten Werk „Die Kinder des Prometheus : eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift“ auch den Forschungsstand rund um den Kultplatz von Göbekli Tepe und seine Bedeutung für die Anfänge der Domestikation von Pflanzen und Tieren (vor allem Seite 130-139).

Auch das großartige Buch von Yuval Noah Harari „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ empfehle ich in diesem Zusammenhang gerne noch einmal (im Blog schon zweimal hier und hier). Ganz neu ist der darauf basierende Sachcomic-Band „Sapiens – Die Falle“ , der genau die Zeit des Umbruchs vor ca. 10 000 Jahren umfasst.

Viel Freude beim Stöbern und Lesen.

HilDa

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