Literaturtage 2022 – persönliche Nachlese

Ich war zwar bei allen zehn Lesungen der Literaturtage, habe aber nur einige der Bücher gelesen. Nur auf diese paar werde ich hier eingehen und einige persönliche Eindrücke wiedergeben.


Bettina Flitner: Meine Schwester
Buch "Meine Schwester" von Bettina Flitner zusammen mit dem Programmheft der Literaturtage

Dieses Buch hatte ich sozusagen unter Vorbehalt angefangen: sobald mir das Thema zu nahe geht, wollte ich es abbrechen. Immerhin geht es um Depressionen, den Verlust naher Angehöriger, Suizid. Aber um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe es bis zum Ende gelesen – ohne Zögern und mit Gewinn.

Bettina Flitner beschreibt die Szenen aus der Kindheit mit fotografischer Genauigkeit und Detailliebe. Ich bin zwar in einem ganz anderen Milieu aufgewachsen, aber ungefähr zur gleichen Zeit. Da fanden sich dann doch überraschend viele Parallelen, angefangen mit den Fernsehserien der 70er Jahre, die die Geschwister – oft heimlich – schauten. Es ist keine unbeschwerte Kindheit, die Bettina Flitner beschreibt, die „schwarzen Raben“ tauchen immer wieder auf: die Depressionen der Mutter. Dazu der hohe Erwartungsdruck der Eltern und Großeltern an die Kinder und das Auseinanderbrechen der Ehe der Eltern – die Kinder spüren genau die Verwerfungen und Beben in der Familie. Doch vor allem erleben die beiden Mädchen viele Abenteuer, sie haben berühmte und charismatische Großeltern, lernen illustre Persönlichkeiten kennen – einmal sogar den unvergleichlichen Kermit und eine gewisse Hannah Arendt -, sie leben eine Weile in New York, machen Urlaub in einem Ferienhaus auf Capri. Die bunte Phantasie und große Beobachtungs- und Schauspielgabe der Schwestern – die große Schwester kann herrlich die Erwachsenen parodieren – beschert auch uns Lesern wunderbare Szenen. Immer wieder fallen den Kindern spannende Spiele und Tricks ein: Notfallübungen mit Kissen für den Fall eines Autounfalls zum Beispiel.

Die Autorin erzählt diese Kindheitserinnerungen leicht und erinnerungsstark. Gleichzeitig verarbeitet sie aber auch diesen einen Tag, an dem die Schwester, die als Kind doch noch so unbeschwert, begabt und selbstbewusst wirkte, an ihren Depressionen und Selbstzweifeln zerbricht und sich das Leben nimmt. Der jüngeren Schwester bleiben quälende Fragen. Aber eben auch die Erinnerungen.

Bettina Flitner schreibt sehr bewegend gegen diesen Schmerz und diese Fragen, die unbeantwortet bleiben, an. Dabei spricht sie offen auch über die dunklen Seiten in ihrer Familie, ohne daraus aber platte Schuldzuweisungen abzuleiten.

Auch im Gespräch mit der Moderatorin des Abends, Angelika Teller, beeindruckten die Offenheit und Klarheit der Autorin.

Zu Buch und Lesung am 14. Oktober hatten wir im Blog bereits Informationen zusammengetragen.

Auf einer Bühne sitzen die Autorin Bettina Flitner und die Moderatorin Angelika Teller im Gespräch, davor ist Publikum zu erkennen, im Hintergrund ein Bild an der Wand mit Foto der Autorin und vom Buch; Schrift: 27. Literaturtage Bielefeld, Bettina Flitner "Meine Schwester" 14. Oktober 20 Uhr
Autorin Bettina Flitner und Moderatorin Angelika Teller im Gespräch (©KlausHansen)

Die literarische Qualität dieses Erinnerungsbuches hat mich überrascht, die Sprache, die Beschreibungen mit ihren oft überraschenden Fokussierungen auf kleine Details, in denen aber eine große Metaphorik zu entdecken ist, der episodische Aufbau mit seinem Wechsel zwischen Kindheitserinnerungen und der Schilderung dieses einen Tages, der mit der Schreckensnachricht endet.

Auf die Frage, ob dieses literarische Werk für die Fotografin eine Ausnahme bleibe, gab sie zur Antwort, dass noch nicht alles erzählt sei, Bettina Flitner will weiter schreiben. Wir dürfen gespannt sein.


Abbas Khider: Der Erinnerungsfälscher
Roman "Der Erinnerungsfälscher" von Abbas Khider zusammen mit dem Programmheft der Literaturtage

Eine kleine, kompakte und doch so wuchtige Erzählung! Nur 125 großzügig bedruckte Seiten, aber Abbas Khider erzählt darin nicht nur eine, sondern viele Geschichten: die Geschichte eines jungen Mannes, der seine Heimat und seine Familie verlassen musste und nach vielen Jahren im Exil als Fremder zurückkehrt; die Geschichten und Traumata seiner Flucht durch viele Länder; die Geschichte des Ankommens in einem Land und seiner fremden Kultur und Sprache, ein Ankommen trotz einer zermürbenden Bürokratie, trotz Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Ignoranz; und nicht zuletzt die Geschichte eines geschundenen Landes und seiner verzweifelten Menschen, die brutale Geschichte des Irak in den vergangenen Jahrzehnten mit Diktatur, Besetzung, Bürgerkrieg. Und zwischen den Zeilen stecken noch mehr Geschichten. Dieses kleine Buch klingt lange nach.

AUf der Bühne sitzen sich Moderator Klaus Loest und AUtor Abbas Khider im Gespräch gegenüber, Khider gestikuliert lächelnd, Loest hört gespannt zu. Im Vordergrund erkennt man Publikum. An der Rückwand der Bühne ein Bild: Foto des Autoren und des Buches, Schrift: Abbas Khider liest "Der Erinnerungsfälscher"
Moderator Klaus G. Loest und Schriftsteller Abbas Khider auf der Literaturbühne (©KlausHansen)

Genau wie die Begegnung mit dem charismatischen Autor: Abbas Khider hat einmal mehr uns und das Publikum verzaubert (so wie schon vor drei Jahren, als er mit „Deutsch für alle“ die Literaturtage 2019 eröffnete)

Zum aktuellen Buch und der Lesung am 5. Oktober hatten wir im Blog bereits Informationen zusammengetragen.


Alois Hotschnig: Der Silberfuchs meiner Mutter
Buch "Der Silberfuchs meiner Mutter" von Alois Hotschnig, zusammen mit dem Programmheft der Literaturtage

Am Anfang hatte ich etwas Schwierigkeiten mit der Sprache des Romans: viele Wiederholungen, viele Füllwörter und sehr viele Wörter oder Phrasen in kursiv, damit sie besonders betont werden. Das gibt dem Text fast einen Tonfall wie bei einem mündlichen Vortrag – und dieser unmittelbare Sog, bei dem ich den Ich-Erzähler quasi im Ohr hatte, als würde er mir direkt seine Lebensgeschichte erzählen, packte mich dann doch. Ich lese ja gerne laut, aber selbst beim Leiselesen inszeniert und intoniert die innere Stimme den Erzähler, wie sie der Text mit seinen typografischen Hervorhebungen vorgibt. Bei der Autorenlesung am 7.10. war ich besonders gespannt auf die Interpretation von Alois Hotschnig selbst. Tatsächlich las er leise, eindringlich und in wechselndem Tempo, so wie jemand, der – manchmal nach Worten suchend, manchmal von den eigenen Erinnerungen mitgerissen – seine Lebensgeschichte mündlich erzählen würde. Genauso hatte ich mir den Vortrag vorgestellt.

Zur erzählten Geschichte fühle ich auch einen persönlichen Bezug: Mein Großvater war während des Krieges als Soldat im Norden Skandinaviens. Auch ich weiß nicht, welchen Erinnerungen ich da trauen soll, denn als er erzählte, war ich noch ein kleines Kind; und das, was mein Vater später ergänzte, war ja auch nur aus zweiter Hand, er war selbst nur ein kleiner Junge, als sein Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. Sonst gibt es keine direkten Parallelen, aber da mein Vater nur wenige Jahre älter ist als der Ich-Erzähler des Romans, würde ich jetzt gerne mit ihm über das Buch sprechen – was aber leider nicht mehr geht.

„Die Wandelbarkeit des Erinnerns“ war das Motto unserer Literaturtage 2022, der Roman von Alois Hotschnig passt da sehr gut ins Thema. Er hat mich zum Nachdenken gebracht über die Auswirkungen von Krieg, Besetzung, Exil und nicht zuletzt einer furchtbaren Ideologie, die leider bis heute ihre Fratze zeigt. Die Traumata der Kinder aus dieser Zeit, der Generation meiner Eltern, wurden kaum aufgearbeitet und prägen selbst die nächsten Generationen – uns.

Das Gespräch zwischen dem Historiker und Leiter des Stadtarchivs Dr. Jochen Rath und dem Autor des Romans bei der Lesung gab noch viele weitere Ansatzpunkte. Alois Hotschnig erzählte von seinen Recherchen, dem Datenmaterial, auf das er zurückgreifen konnte und seinen Gesprächen mit Zeitzeugen. Auch aus dem Publikum kamen sehr persönliche Beiträge. Ein bewegender Roman, ein bewegendes Gespräch.

Zu Buch und Lesung am 7. Oktober hatten wir im Blog bereits Informationen zusammengetragen.


Das waren nur drei von zehn Literaturtage2022-Titeln. Vielleicht schaffe ich noch zwei oder drei weitere Romane aus der Lesereihe, die Blogbeiträge dazu werde ich dann hier nachreichen. Interessant und lesenswert sind sie alle. Aber es gibt ja auch noch so viel anderes zu lesen. 😏

Die Kollegin Frau Teller ist ohnehin schon weiter: Das Sondieren und Planen für die Literaturtage 2023 hat bereits begonnen.

Wenn Ihr uns Eure Meinung zu den vergangenen Lesungen und zu den Büchern der Literaturtage mitteilen wollt – unsere Social Media Kanäle sind offen.

Viel Freude beim Lesen.

 HilDa

2 Gedanken zu “Literaturtage 2022 – persönliche Nachlese

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