Literaturtage 2021 Nachlese

Alle Bücher der Literaturtage 2021 sind empfehlenswert, das haben die Lesungen, die Gespräche und die Rezensionen zu den Romanen gezeigt. Wir hatten bereits Blogbeiträge mit Informationen zu jeder einzelnen Lesung. Aber einige Romane möchte ich hier noch einmal aus eigener Lektüre empfehlen. Die Auswahl ist dabei eher zufällig, denn ich habe nicht alle Bücher der 10 Veranstaltungen gelesen, einige möchte ich noch.

Lena Gorelik: Wer wir sind

Lena Gorelik hat mit ihrem autobiographischen Roman ihre sehr persönlichen Erfahrungen und Gefühle niedergeschrieben: Kindheit in St. Petersburg, dann mit 11 Jahren Ausreise und Ankunft in einem fremden Land mit anderen Sitten und vor allem einer anderen Sprache. Mehr zum Roman hier.

Roman "Wer wir sind" von Lena Gorelik mit dem Programmheft der Literaturtage Bielefeld 2021

Die Szenen, die mich besonders berührt haben, waren die, die das Verhältnis zu den Eltern betreffen. Die sind mit ihren Kindern in ihr Sehnsuchtsland ausgewandert, bleiben aber im „Westen“ die Fremden. Auf der Tochter liegt der Druck, die großen Erwartungen der Eltern, die Anpassung an die neue Heimat, die Scham über die Wohn- und Lebensverhältnisse im Flüchtlingsheim, der Zwiespalt und das Unverständnis zwischen den Generationen, dazu die ganz normalen Teenager-Probleme und Eltern-Kind-Konflikte, wie sie wohl jeder mehr oder weniger kennt. Das ist so berührend und klar geschrieben. Und alles ist umrahmt von der Liebe in dieser Familie, wobei zwischen den Generationen meist die Worte dafür fehlen. Aber Lena Gorelik hat das Buch auch als eine Liebeserklärung an die Eltern geschrieben. So habe ich es jedenfalls gelesen. Sehr bewegend. Dieses Buch hätte ich gerne meiner Mutter empfohlen und mit ihr darüber gesprochen.

Zora Del Buono: Die Marschallin

Auch ein Roman über ein Stück eigene Familiengeschichte, es geht um die gleichnamige Großmutter der Schweizer Autorin, eine bemerkenswerte Frau voller Widersprüche. Mehr dazu hier.

Roman "Die Marschallin" von Zora del Buono mit dem Programmheft der Literaturtage 2021

Ich musste feststellen, dass ich nur sehr wenig über die bewegte Geschichte des Balkan und Italiens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weiß. 1. Weltkrieg, Faschismus, 2. Weltkrieg – das war zwar alles mal Thema des Geschichtsunterrichts, aber nicht aus der südeuropäischen Perspektive. Da fehlte mir einiges an Hintergrundwissen – nicht dass das zum Verständnis des Romans unbedingt notwendig wäre. Aber das Buch stieß mich auf diese Lücke – nun ja, sicher eine von vielen. Aber dieser Teil der europäischen Geschichte hat schließlich auch Auswirkungen bis heute. Nein, das ist eigentlich nicht das Thema des Romans, aber die charismatische Hauptfigur steht für die Zerrissenheit, die inneren und äußeren Kämpfe, für die Verstrickungen und gesellschaftlichen Brüche dieser Zeit.

Felicitas Hoppe: Fieber 17

Die Autorin las aus ihrer Erzählung Fieber 17 vor, aber das größere Interesse beim anschließenden Gespräch und genauso in den Medien lag bei ihrem Roman „Die Nibelungen“ – den ich aber bisher noch nicht gelesen habe (liegt aber auf meinem SuB, dem Stapel ungelesener Bücher). Mehr zu beiden Büchern hier.

Buch "Fieber 17: eine Erzählung und ein Essay" von Felicitas Hoppe, Dörlemann-Verlag

An dem kleinen Büchlein „Fieber 17“ hat mich eigentlich der angehängte Essay am meisten beeindruckt. Den empfehle ich jedem, der sich für das Erinnern an die eigene Kindheit interessiert, für die Frage, wie Erinnerungen uns prägen und wie sich unsere Erinnerungen verändern, allein weil wir darüber Nachdenken, davon Erzählen oder eben Schreiben wie die Autorin. Hat mir einiges zu Denken gegeben.

Marente de Moor: Phon

Der Roman der niederländischen Autorin hat mich sehr überrascht. Der Inhalt ist im Blogbeitrag zur Lesung schon erzählt (hier).

Roman "Phon" von Marente de Moor

Mich interessiert zurzeit das Genre nature writing in der Belletristik, und hier habe ich ein großartiges Beispiel dafür gefunden. Die Natur aus der Sicht der Ich-Erzählerin beschrieben: als Zuflucht, als Spiegel für ihre Gefühle, als mythischer Ort. Die Natur dient aber als reine Projektionsfläche: Es ist der Mensch, der das Göttliche darin finden will – oder auch das Dämonische zu erkennen meint. Ob Pope, selbst ernannte Schamanin oder Atheist – alle erklären sich die Natur so, dass es zu ihrem jeweiligen Weltbild passt. Dabei sind der Natur die Menschen egal, sie ist zu ihnen genauso gnädig und brutal wie zu allen Lebewesen.

Der Ich-Erzählerin sind die Gewissheiten verloren gegangen, sie sucht neuen Halt. Zwischen Erinnerung und Verdrängung lauern ein Trauma und der Verlust — irgendetwas ist vor einiger Zeit geschehen, das das Paradies endgültig zerstört hat. Oder die Illusion vom Paradies.

Marente de Moor lässt ihre Protagonistin sprunghaft und scheinbar schlicht erzählen, findet aber besonders für die Beschreibung der Natur eine poetische Sprache. Das hat mir sehr gut gefallen. Es wird nicht alles erklärt. Läuten die seltsamen Töne die Apokalypse ein oder sind sie nur Einbildung, gibt es eine naturwissenschaftlich-logische Erklärung oder bleibt uns das Rätsel. Bringt der Lokomotivführer die Chance zu einem neuen Anfang oder ist auch er nur ein Traum, eine Phantasie? Und was genau ist passiert an dem Tag, über den niemand sprechen will.

Ich finde, dieser Roman um Menschen, die sich mehr oder weniger mit Absicht aus dem Zeitgeschehen zurückgezogen haben und jetzt in mehrfacher Hinsicht aus der Zeit gefallen sind – in ihrer eigenbrötlerischen Lebensweise, ihrer Abkapselung von der Gesellschaft, aber auch psychisch in ihrer Verwirrtheit und ihrem Gedächtnisverlust – wirft auch ein erstaunliches Bild auf unsere aktuelle Situation. Wie gehen wir mit dem Alleinsein um? Mit der Erosion unseres festgefahrenen Weltbildes? Mit unserem romantisierenden, vermenschlichenden Naturverständnis? Und unserer gleichzeitigen Tendenz, das zu zerstören, was wir vorgeben zu lieben? Wie reagieren wir auf die Gefahr, auf die wir nicht vorbereitet sind, obwohl (oder weil?) wir doch alles zu wissen glauben und uns durch den wahren Glauben, die eigene Stärke oder besondere Kenntnisse eigentlich geschützt wähnen? Sagt uns zumindest unser Bauchgefühl. Die Suche nach dem Ort, an dem wir alle menschliche Unbill einfach vergessen können, damit endlich alles vorbei ist – wer versteht das nicht.

„Aber sie sind sich ihrer Sache sicher, wie Esther. Meine drei Tischgenossen haben alle Rätsel gelöst. Egal, was man ihnen erzählt, sie nicken immer nur eifrig, und du wirst deine Geschichte nicht los, weil sie sie schon kennen, schlimmer noch, sie wissen darüber Bescheid, weil sie über alles Bescheid wissen. Sie haben den Durchblick, Lokführer. Ich bin hier allein mit meinen Zweifeln.“

(Seite 308)

Aber das sind meine Fragen und Gedanken beim Lesen dieses Romans. Es ist an jedem Leser, mit welcher Gewissheit oder Interpretation er aus dem Buch geht.
Ich empfehle es sehr.

HilDa

Felicitas Hoppe: Fieber 17 / Die Nibelungen

Literaturtage Bielefeld 2021
„Vom Wunsch anzukommen“

Gestern, endlich, die erlösende Nachricht aus dem Labor. Ich bin nicht bloß müde. Ich bin tatsächlich krank. Und plötzlich erklärt sich alles von selbst.

Fieber 17

Ich wurde verschickt. An einem Sonntagmorgen ging es an der Hand des Vaters erstmals zum Bahnhof. Abenteuer, Sand und Strand wurden versprochen. Ich war Fünf und hatte bloß Asthma. Plötzlich war ich im Zug umzingelt von Wärterinnen, die behaupteten, „Tanten“ zu sein, die für Ordnung sorgten. Später im Kinderkurheim: Ohrfeigen und Morgenappell. Verspottung die Nichtschwimmer am Strand. Pflichtbewusste Wärterinnen, durch und durch lieblos. Nach Hause geschickt wurden fröhliche Ansichtskarten: Mir geht es gut – wie geht es Euch. Als das Kuscheltier eines Nachts verschwindet, taucht erstmals das eigenartige Fieber auf, das das kleine Halborgan, das man früher Seele nannte, befallen hatte.

Äußerst kompakt wird so, mit autobiografischen Anklängen, vom Anfang ihres Lebens als Reisende erzählt – und zugleich vom Trennungstrauma, das Millionen verschickte Nachkriegskinder hierzulande erlitten haben. Es ist eine alptraumhafte Geschichte vom wirklichen Leben, flankiert von einem Essay über die Kindheit und dem vergeblichen Versuch, endlich erwachsen zu werden. Und natürlich ist es wieder ein sprachliches Meisterwerk der Büchner-Preisträgerin, die soeben für „ihren feinen Humor als Haltung zur Welt“ in Kassel ausgezeichnet wurde.

Zudem präsentiert Felicitas Hoppe ihren neuesten Roman: „Die Nibelungen: Ein deutscher Stummfilm“. Das erste gesamteuropäische Heldenepos, ein unschlagbar guter Stoff, so sagt Hoppe, sei der Ausgangspunkt. Was Quentin Tarantino und der deutsche Stummfilm damit zu tun haben, wird die 1960 in Hameln geborene Autorin von „Picknick der Friseure“, „Johanna“ und „Prawda“ uns live erzählen.

(Text aus dem Programmheft zur Veranstaltungsreihe)


Die Katalogdaten zu den Werken von Felicitas Hoppe im Bestand der Stadtbibliothek findet Ihr hier.

Eine Literaturliste als PDF haben wir auch:

Der Roman „Die Nibelungen“ wurde im Feuilleton besprochen, einige Rezensionen haben wir verlinkt:

  • Juliane Bergmann für NDR-Kultur spricht von einem „sprudeligen Feuerwerk“, mit dem Buch gelinge ein „witziges und kluges Experiment“ (hier)
  • Angela Gutzeit im SWR sieht in dem Roman eine „kapitalismuskritische, gleichzeitig aber auch ungemein unterhaltsame Deutung (…) voller sprachlicher Raffinesse, Witz, Verspieltheit und feiner Ironie.“ (hier)
  • Tilman Spreckelsen lobt in der FAZ, die Autorin habe „zu unserem Glück den Nibelungen-Schatz gehoben und ihn sich zu eigen gemacht, um ihn verwandelt zurück in die Welt zu schicken.“ (hier)
  •  Im Rezensionsforum literaturkritik.de glaubt Sascha Seiler am Ende seiner Besprechung, der Roman „wäre ein würdiger Sieger“ des Deutschen Buchpreis 2021. (hier)
  • Carsten Otte titelt in der TAZ, Felicitas Hoppe habe „die Nibelungensaga furios neu geschrieben“. (hier)

Auch zu „Fieber 17“ hier einige Besprechungen und Gespräche mit der Autorin:

  • Svenja Frank ordnet im Rezensionsforum literaturkritik.de die Erzählung und den Essay in das bisherige Werk der Autorin ein. (hier)
  • Judith von Sternburg ist in der FR fasziniert, „wie geschwind und freundlich und keineswegs aufdringlich die Büchnerpreisträgerin Hoppe Gewissheiten aus den Angeln hebt“, wenn sie „die fast tückische Frage nach der glücklichen oder unglücklichen Kindheit“ stelle. (hier)
  • Im Podcast des BR kann man noch bis zum 22.4.2022 eine Autorenlesung mit Gespräch (Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche) (29 Min.) anhören. (hier und einführenden Text hier)
  • Auch im WDR gab es ein Gespräch mit der Autorin (13 Min.). (hier)

Die Website der Autorin findet Ihr hier.

Freitag, 8. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Klaus-Georg Loest
Musikalische Begleitung: Reinhold Westerheide, Gitarre
Eintrittspreis: 10,– €, ermäßigt 6,– €, Livestream 2,– €

In Kooperation mit dem Verein der Freunde und Förderer der Stadtbibliothek Bielefeld, e.V.

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