Literaturtage 2017: Ein gutes Wort einlegen für den Zufall – Marie NDiaye

Die Chefin. Roman einer Köchin | Roman

Eröffnung der Literaturtage am Freitag, den 06. Oktober mit Harald Pilzer, M.A. Direktor der Stadtbibliothek Bielefeld, und Prof. Dr. Ludwig Huber, Verein der Freunde und Förderer der Stadtbibliothek.
Übersetzung am Veranstaltungsabend: Dr. Beate Teubert, Universität Bielefeld
Lesung der deutschsprachigen Texte: Michael Grunert, Schauspieler, Theaterlabor Bielefeld

O ja, natürlich, das hat man sie oft gefragt. … Und wenn man nachhakte, meinte sie lediglich: Man muss nur etwas Geschmack haben, es ist nicht schwierig. In einem langen Vortrag greift ein Erzähler, der seiner Chefin über lange Jahre verbunden war, lange Zeit in ihrem Restaurant gearbeitet hat, und obgleich halb so alt ihr in unerwiderter Liebe zugetan war, die Fragen eines potentiellen Publikums auf. Die sich natürlich nach den Geheimnissen ihrer Kochkunst stellen, die geheimnisvoll bleibt und anscheinend die Speisenden in einer Art einbezieht, die mehr als Genuss bedeutet: Sie haben das Beste aus mir herausgeholt, möchten sie der Köchin nach dem Dessert erklären. So bleibt vieles phantastisch und mysteriös und alle Versuche des Erzählers weiter in die Biographie der Verehrten vorzustoßen, führen zu immer neuen Fragen, wenigen Antworten und immer neuen Aufklärungsversuchen. Ja, die Chefin war eine friedliche Schwärmerin, eine verhaltene Fanatikerin, ihre Glut war verborgen und tief, und nur die Pinie kannte sie, die sie durch das Fenster beobachtete und deren eigenes asketisches Feuer unter der Rinde eingeschlossen war. Und so folgen wir gebannt dem Erzähler und seinen Wendungen und Ansätzen, wollen etwas über die Chefin und ihr Leben, ihre Herkunft und ihre Familie hören und lesen weiter. Die Kunst der Marie NDiaye verdankt sich einer neuartigen Form der Antibiographie, einer Biographie, die demonstriert, dass nur dann Wahrheit erreicht wird, wenn die Geheimnisse nicht ausgeplaudert, sondern Satz für Satz, Abschnitt für Abschnitt verheimlicht werden. Eine Biographie als Geheimnis hinter einer Biographie.
(Aus der Verlagsankündigung)

Musikalische Begleitung: Thomas Schweitzer, Saxophon

Literaturbühne im Erdgeschoss | Einlass ab 18.30 Uhr

Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 6 Euro, Dauerkarte 50 Euro.

Mit freundlicher Unterstützung durch den Verein der Freunde und Förderer der Stadtbibliothek.

Mittendrin Mittwoch #21

Ich sah das starke elektrische Licht, das durch die drei vergitterten Erdgeschossfenster einen grellen weißen Schein auf den Gehweg warf, und beneidete bitterlich die Chefin, die da arbeitete, in der inspirierenden Einsamkeit der Nacht, in diesen endlosen, rauschhaften Stunden der Nacht, sie schnippelte, kochte, testete, allein und allmächtig in der dichten Stille der Nacht, wie ich sie damals beneidete, nicht durch die Liebe gefesselt zu sein, zu tun, was sie über alles zu tun liebte, ohne dass irgendjemand oder der schmerzliche Gedanke an irgendjemanden (außer an ihre Tochter, aber war das Liebe, war es nicht vielmehr erdrückende Verzweiflung?) die reine, einfache Freude ihrer Lieblingsbeschäftigung trübte, das auf sich selbst zurückgezogene Schaffen, das vollkommene Glück, dass nichts darum herum oder außerhalb existierte.
Wie ich sie beneidete, ja.
Aber ich würde lügen, wenn ich nicht dazusagen würde, dass ich vollkommen glücklich war, die Chefin zu lieben, wie ich sie liebte.

(NDiaye, Marie: Die Chefin, S. 79)

NDiaye, Marie : Die Chefin
Suhrkamp, 2017

Dieser Roman ist gerade in deutscher Übersetzung erschienen und ich habe für dieses Wochenende meine private Lektüre zurückgestellt, um „Die Chefin“ vorzuziehen. Genauer gesagt steht Marie NDiaye ja schon länger auf meiner Leseliste (seit „Drei starke Frauen„, 2010). Aber jetzt und für ihren neuen Roman gibt es einen triftigen (dienstlichen) Grund, alles andere liegen zu lassen.

Es sind nicht die guten Rezensionen, die pünktlich zum Erscheinungstermin in nahezu allen Feuilletons erscheinen (z.B. hier in der WELT), nicht das aufschlussreiche Interview im Deutschlandfunk Kultur mit der Autorin, auch nicht die Empfehlung unseres Chefs (das konnte ich mir jetzt angesichts des Romantitels nicht verkneifen) – obwohl all das natürlich die Neugier bestärkt. Ja, es ist das aktuelle Buch einer großartigen französischen Schriftstellerin und Frankreich ist Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2017 (Francfort en français / Frankfurt auf Französisch). Auch ein guter Grund. Aber gerade den Literaturinteressierten aus Bielefeld und Umgebung empfehle ich diesen „Roman einer Köchin“ (so der Untertitel), weil wir uns freuen, dass …

Ach, das darf ich ja noch gar nicht verraten!

Also muss ich Ihre Neugier anders wecken. Vielleicht so wie der Ich-Erzähler dieser Geschichte, der uns voller Liebe von seiner ehemaligen Chefin erzählt und, da seine Gefühle unerwidert bleiben, uns die wahren Leidenschaften der Angebeteten, dieser umjubelten und doch seiner Meinung nach unverstandenen Sterne-Köchin, nahe bringen möchte – uns und wohl auch sich selbst zur Erklärung. Doch lässt sich Genialität erklären?

Der kurze Ausschnitt oben zeigt, dass uns die Autorin durchaus auch lange Bandwurmsätze zumutet, folgen wir doch den sprunghaften, mäandernden, von seinen eigenen Emotionen, Erfahrungen, Annahmen und Wunschvorstellungen geleiteten Gedankengängen des Erzählers.

Kochen als Berufung, als Leidenschaft, als Kunst. Nein, der Roman enthält keine Rezepte. Marie NDiaye zieht uns mit ihrer sinnlichen Sprache einfach hinein in die Küche, in die Kompositionen einer begnadeten Köchin, hinein in den genialisch-beglückenden Akt eines auf sich selbst zurückgezogenen Schaffens – das vollkommene Glück.

Vielleicht sollte man diesen Roman nicht mit leerem Magen lesen.

NDiaye, Marie : Die Chefin : Roman einer Köchin. – Suhrkamp, 2017
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hilda

Elizzy von read books and fall in love hat sich die Blogaktion ausgedacht. Der „Mittendrin Mittwoch“ besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.