Buchtipp: Louise Erdrich

GRENZEN|LOS|LESEN
USA

In meiner Jugend habe ich gerne Abenteuerliteratur gelesen. Ja, ich war Karl-May-Fan. Geblieben ist ein Interesse an indigenen Völkern und ihren Geschichten; ich lese ab und zu gern literarische Werke von Schriftsteller*innen aus den Kulturen selbst. Richard Wagamese habe ich hier bereits zweimal vorgestellt (Das weite Herz des Landes, Der gefrorene Himmel). Jetzt wird es Zeit, über Louise Erdrich zu sprechen. Ein Buch von ihr hatten wir schon mal im Blog (Ein Lied für die Geister).

Als ich im letzten Frühjahr Der Nachtwächter beim Buchhändler meines Vertrauens kaufte, rief der an der Kasse verzückt: „Ah, Erdrich, unsere Lieblingsschriftstellerin!“. Bisher hatte ich immer das Gefühl, niemand in meinem durchaus belesenen Umfeld kennt die amerikanische Autorin. Und jetzt diese enthusiastische Empfehlung nicht nur für das aktuelle Buch, sondern das Gesamtwerk! Nun, ein Punkt mehr für meine Lieblingsbuchhandlung. 😉

Roman "Der Nachtwächter" von Louise Erdrich. Aufbau-Verlag

Der Nachtwächter stand kurz darauf auf der SWR-Bestenliste, Literaturkritik und Feuilleton sind voll des Lobes. Und dann erhielt der Roman 2021 auch noch den Pulitzerpreis. Trotzdem bleibt Louise Erdrich hierzulande wohl sowas wie ein Geheimtipp.

So hat 2019 die ARD mit großem Aufwand den Roman The Master Butchers Singing Club verfilmt, ein Zweiteiler, von dem man sich offenbar viel versprochen hatte: Der Club der singenden Metzger. Nun, in der etwas verdrucksten Werbung zum Film kamen die literarische Vorlage und der Name der Autorin fast gar nicht vor. Wobei ich zu der Verfilmung selbst nichts weiter sagen kann, die habe ich nämlich verpasst. Aber ich könnte mir vorstellen, dass viele Zuschauer nach der Ankündigung eines Historiendramas rund um deutsche Auswanderer in den amerikanischen Westen so etwas wie eine Wild-West-Romanze erwartet hatten. Hm, der Filmkritik entnehme ich, dass es ganz so schlicht wohl nicht ist. Schaut selbst, wir haben die DVD. Und den Roman natürlich auch (englisch und deutsch): hier.

2 Romanausgaben und DVD der Verfilmung: "Der Club der singenden Metzger"

Bei meinem ersten Roman von der Autorin vor vielen Jahren hatte ich auch etwas ganz anderes erwartet und die Lektüre nach den ersten Seiten wieder abgebrochen. Mein zweiter Versuch traf dann aber genau meinen Geschmack, obwohl auch Die Krone des Kolumbus so ganz anders war. Der Roman erschien 1991 passend zum Kolumbus-Jahr und den 500-Jahr-Feiern zur „Entdeckung“ Amerikas – aber Louise Erdrich und ihr damaliger Ehemann Michael Dorris hatten einen Gegenentwurf zur US-patriotischen Feierstimmung im Sinn. Ihre Protagonisten haben wie sie indigene Wurzeln und sind Intellektuelle, die das Leid der amerikanischen Urbevölkerung als Folge des Rassismus der Eroberer und des europäischen Kolonialismus herausstellen wollen.

Zum Inhalt: Während ihr Geliebter an einem Epos schreibt, stößt die Halb-Indianerin Vivian zufällig in einer Bibliothek auf ein mysteriöses Manuskript aus der Zeit des Kolumbus, in dem von einem kostbaren Geschenk an den König des „indischen“ Heidenvolkes die Rede ist. Es beginnt eine Schatzsuche mit allem, was in Indianer-Jones-Manier dazu gehört, nur dass hier eine zerstrittene Familie im Wettlauf mit Verbrechern und Geschichtsverdrehern nach dem Geheimnis und der historischen Wahrheit sucht, Ehestreitigkeiten, Generationskonflikt und Teenager-Krisen inklusive, mal witzig, mal hochliterarisch und politisch, mal spannend wie ein Thriller. Mir gefiel die krude Mischung damals. An einigen Stellen könnte der Roman heute allerdings schon etwas angestaubt wirken (über Milli Vanilli lacht heute niemand mehr, oder).

Roman "Die Krone des Kolumbus" von Michael Dorris und Louise Erdrich. Rowohlt-Verlag

Vielleicht stelle ich mal noch weitere Romane von Louise Erdrich in eigenen Blog-Artikeln vor. Aber kommen wir endlich zu meiner aktuellen Lektüre: Der Nachtwächter.

Ein bigotter Politiker will die Bewohner des Chippewa-Reservats mit einem neuen „Terminierungsgesetz“ angeblich emanzipieren – ein Euphemismus für die ewig gleiche alte Geschichte: Den Ureinwohnern soll schlicht ihr Land weggenommen, ihre Gemeinschaft aufgelöst werden. Thomas ist der Sprecher der Chippewa-Gemeinschaft, einer der wenigen Männer mit einem festen Job. Seine Nachtwachen im einzigen Fabrikgebäude des Reservats nutzt er, um die Gesetzentwürfe zu studieren und Strategien zu entwickeln. Es geht um die Zukunft des Volkes, um den Erhalt der Kultur.

Inmitten der weiß-amerikanischen Welt werden die Chippewa wie Fremde im eigenen Land behandelt. Im Reservat leben sie auf dem kargen Boden ärmlich, die meisten sind arbeitslos und abhängig von den staatlichen Leistungen, die dem Stamm zustehen. Alkohol zerstört die Familien, viele Chippewa sprechen kaum Englisch – was für eine Chance haben sie gegen die US-amerikanische Politik und Bürokratie. Auf Thomas lastet eine große Verantwortung.

Die jungen Menschen, die es in die Stadt zieht, sei es der Liebe wegen, um dort Arbeit zu finden oder weil sie an Sportwettkämpfen teilnehmen, gehen nur allzu oft verloren. Die Familie von Patrice zum Beispiel vermisst die älteste Tochter Vera. Patrice nimmt also Urlaub und wagt sich in die Stadt, wo sie bizarres und auch beängstigendes erlebt. Patrice ist die zweite Hauptfigur des Romans. Sie ist noch sehr jung, aber auch sie ist die einzige in ihrer Familie mit geregeltem Einkommen. Während sie gern mehr über Liebe und Sex erfahren möchte, scheint die vermisste Schwester bereits die schlimmsten, schier unaussprechlichen Erfahrungen gemacht zu haben. Zumindest deuten das die Träume an.

Wie immer bei Louise Erdrich sind da viele Sippen und Generationen, die miteinander in Verbindung stehen, und auch Ahnen und andere Geister mischen mit. Doch der im Wesentlichen linear erzählte Roman liest sich trotz der Perspektivwechsel leicht und klar. Auch die Selbstverständlichkeit, mit der das Magische immer wieder in die Handlung eingreift, verstört die europäische Leserin nur kurz.

Roman "Der Nachtwächter" von Louise Erdrich

Louise Erdrich hat mit diesem Roman ihrem eigenen Großvater und seinem Engagement für den Stamm und das Reservat ein Denkmal gesetzt – und uns das Denken, die Gefühle, den Alltag und einige Traditionen, aber auch die Diversität der Menschen aus dem Chippewa-Volk näher gebracht, ebenso die Tristesse und die Gemeinschaft im Reservat. Das hat so gar nichts von den hierzulande so beliebten idealisierenden, oft auch esoterisch angehauchten Naturvolk-Stereotypen.

Louise Erdrich ist zweifellos eine der ganz großen der amerikanischen Literatur. Wer sie noch nicht für sich entdeckt hat – Der Nachtwächter ist ein guter Einstieg in ihr Werk. Sowohl sprachlich als auch von seiner Struktur und Personenkonstellation her ist der Roman nicht so kompliziert wie einige andere Erzählungen der Autorin.

Große Empfehlung.

HilDa

Buchtipp: „Mein Onkel, den der Wind mitnahm“ von Bachtyar Ali

Grenzen|los|lesen
Irak, Kurdistan

Schon vor einigen Jahren hatte mich ein Roman von Bachtyar Ali fasziniert, obwohl ich auch zugeben muss, dass ich die symbolträchtigen Bilder und vor allem die alptraumhaften Szenen nicht immer verstehen konnte („Der letzte Granatapfelbaum“, der Blogbeitrag dazu hier). Die neue Erzählung ist kurz und klingt schon im Klappentext märchenhaft.

Roman "Mein Onkel, den der Wind mitnahm" von Bachtyar Ali. Unionsverlag

Djamschid Khan verliert im Gefängnis so sehr an Gewicht, dass er leicht wie Papier vom Wind davon geweht werden kann. Das verhilft ihm zur Flucht, doch diese seltsame Eigenheit bestimmt nun sein Leben. Und auch das des Ich-Erzählers, der als ungebildeter Jugendlicher zu einem der Beschützer und Seilträger seines außergewöhnlichen Onkels Djamschid bestimmt wird. Es wird seine Lebensaufgabe, seinen Onkel am Boden zu halten – und ihm mit Hilfe von Seilen auf Wunsch das geliebte Fliegen zu ermöglichen. Doch diese Kunst bleibt nicht lange geheim, das Militär hat größtes Interesse an Djamschid als „Geheimwaffe“ zur Aufklärung an der Front und so müssen der fliegende Onkel und seine jugendlichen Begleiter, die im Führen der Seile geübt sind, im grausamen Iran-Irak-Krieg ihren Dienst tun. Als Djamschid im Einsatz abstürzt, verliert er sein Gedächtnis und auch sein Charakter verändert sich. Iranische Gefangenschaft, Flucht in die kurdischen Berge, die trügerische Hoffnung auf ein normales Leben mit einer geliebten Ehefrau, das Exil in der Türkei als erfolgreicher Fluchthelfer, eine Odyssee durch Europa, die Demütigungen als Showattraktion, … . Immer wieder ist es der Ich-Erzähler, der den Onkel sucht oder in den Himmel starrend auf ihn wartet, wenn er mal wieder vom Wind weit fortgetragen wurde und irgendwo in der Welt abgestürzt ist. Der junge Mann und die Heimat Kurdistan sind wie Anker, zu denen der Onkel auch nach neuerlichem Gedächtnisverlust und vielen Irrungen wieder zurückfindet, denn an eines erinnert er sich immer: „Ich bin Kurde und kann fliegen“.

Eine märchenhafte Erzählung voller Rätsel, Abenteuer und Symbolik, aber ganz klar im zeitgeschichtlichen Umfeld von 1979 bis fast in unsere Gegenwart verortet: Iran-Irak-Krieg, die Willkür unter Saddam Hussein, Bürgerkrieg in Kurdistan, Flüchtlingsschicksale und Schlepper-Kriminalität.

Im Nordirak geboren (1966), lebt Bachtyar Ali bereits seit Mitte der 1990er Jahre in Deutschland. Er schreibt auf Kurdisch (Sorani), übersetzt wurde die Erzählung von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim. Die Romane von Bachtyar Ali werden dem Magischen Realismus zugeordnet, bei uns bekannter durch die lateinamerikanischen Vertreter dieser Richtung. Diese Erzählung kann man auch gut verstehen, ohne viel über kurdische Kultur zu kennen. Auch große Kenntnisse über die Nahost-Geschichte der letzten 40 Jahre sind nicht unbedingt nötig.

Ein guter Einstieg in das Werk dieses Autoren, der zur Weltliteratur zählt.

Unsere Katalogdaten zu den Werken von Bachtyar Ali findet Ihr hier, die Detaildaten zur neuen Erzählung hier.

Viel Freude beim Lesen.
HilDa

Buchtipp: „Der gefrorene Himmel“ von Richard Wagamese

GRENZEN|LOS|LESEN
KANADA

Ich war neugierig auf die nächste Übersetzung aus dem Werk dieses kanadischen Autors, nachdem mir „Das weite Herz des Landes“ (Originaltitel „Medicine Walk“) sehr gut gefallen hat (der Blogbeitrag dazu hier). Im Frühjahr erschien „Der gefrorene Himmel“, Originaltitel ist „Indian Horse“, in der Übersetzung von Ingo Herzke.

Roman "Der gefrorene Himmel" von Richard Wagamese. Blessing-Verlag

Ich weiß eher wenig über das Leben der indigenen Bevölkerung Kanadas im 20. Jahrhundert. Doch vor wenigen Monaten erschreckte weltweit die Meldung, man habe Massengräber auf dem Gelände einer Residential School gefunden; es war von Misshandlungen und Missbrauch die Rede, von Vertuschung und Ignoranz. Offenbar kein Einzelfall, denn in den Wochen danach wurden weitere ganz ähnliche Funde gemeldet. Es gab Berichte über den gewaltsamen „Kindesentzug“ durch Behörden, die Kinder wurden ihren Eltern entrissen und in diese „Internate“ zwangseingewiesen. Dort wurden die Schüler*innen gezielt entwurzelt und von ihren Familien, ihren Traditionen, ihrem Glauben, ihrer Sprache entfremdet. Physische und psychische Gewalt waren die Regel, oft auch sexueller Missbrauch; im Todesfall – und da gab es offenbar mehr als bisher bekannt bzw. zugegeben – verschwanden die Kinder einfach, viele Familien erfuhren nie, was mit ihnen geschehen war, wo sie beerdigt oder einfach verscharrt wurden. Die Behörden reagierten nicht. Die aktuellen Funde beweisen nur, was längst bekannt sein müsste, hätte man auf die Fragen, Anzeigen und Beschwerden der Eltern und indigenen Gemeinden früher gehört.

Warum ich das hier erzähle? Richard Wagameses Roman hat genau so eine Kindheit zum Thema: Der Junge Saul Indian Horse verliert seine Familie, als sie ihn eigentlich vor den Behörden verstecken will und mit ihm in die Wildnis flieht. Er wird in eine dieser Residential Schools gesteckt, eine von katholischen Geistlichen und Schwestern geführte „Schule“, und er erfährt vom ersten Tag an Misshandlung und Erniedrigung. Er erlebt, wie Kinder, die sich widersetzen oder auch einfach nur ihre Muttersprache sprechen wollen, durch drakonische Bestrafungen gebrochen werden. Die Schul-„Bildung“ besteht hauptsächlich aus Arbeit, selbst schon bei den Jüngsten, die Versorgung ist schlecht, das Leid unaussprechlich. Kinder suchen in ihrer Ausweglosigkeit den Tod, einige sterben an den Folgen der Schläge und Misshandlungen oder bei Arbeitsunfällen. Der sich an diese Kindheit erinnernde Ich-Erzähler Saul schildert solche Schicksale fast lakonisch – und dann nennt er nur kurz das Alter seines getöteten Mitschülers oder des Mädchens, das in den Fluss geht, und es raubt einem beim Lesen den Atem.

Saul gelingt es, diese menschengemachte Hölle zu überleben. Ein Lehrer begeistert ihn für das Eishockeyspiel. Eigentlich noch zu jung und schmächtig für diesen harten Sport, bringt sich Saul das Schlittschuhlaufen und das Führen und Schlagen des Pucks selbst bei. Sein außergewöhnliches Talent wird entdeckt, sein vorausschauendes Spiel macht ihn zu einem fast magisch erfolgreichen Mannschaftsmitglied. Eine ebenfalls Eishockey-begeisterte Familie nimmt ihn als Pflegesohn auf und er findet in einer Ojibwe-Gemeinschaft endlich doch noch ein Zuhause. Damit verrate ich hier nicht zu viel, denn in der Erzählung, so schmal wie sie auch ist, sind wir hiermit erst in der Mitte angelangt.

Richard Wagamese erzählt präzise, lakonisch und mit erstaunlich wenigen Worten, wenn es um das Leid geht, doch um so ausführlicher und, ja, poetischer, wenn es um die Leidenschaft des Jungen geht. Da sind einmal (wie schon in „Das weite Herz des Landes“) die wunderbare Beobachtung der Natur. Und da ist das Hockeyspiel.

Ich interessiere mich kaum für Sport und schon gar nicht für Eishockey, ich kann nicht einmal Schlittschuhlaufen. Doch so wie Richard Wagamese über das Spiel schreibt, möchte man nicht nur an der Bande stehen und zuschauen, man ist mit Saul auf der Eisfläche – seinem gefrorenen Himmel.
Ich habe noch nie erlebt, dass mich eine Sporterzählung derart mitreißt. Nun ja, wahrscheinlich weil dies keine Sporterzählung im engeren Sinne ist.

Für Saul und seine Mitspieler aus den Reservaten bedeutet das gemeinsame Spiel viel mehr als sportlicher Wettkampf. Doch in der Welt der Weißen erleben sie Rassismus, Erniedrigung und Hass bis hin zu Gewalt und Schlägereien auf dem Eis und außerhalb der Stadien. Und auch die Traumata der Kindheit lassen sich nicht auf Dauer verdrängen.

Die Erzählung beschreibt die Suche des Protagonisten nach einem Zuhause, nach Identität, Akzeptanz und Gerechtigkeit. Die Geschichte ist krass, aber – siehe oben – nicht nur eine Romanerfindung. Andere Autoren hätten aus diesem Stoff wohl einen dicken Wälzer gemacht. Richard Wagamese kommt mit weniger als 250 großzügig bedruckten Seiten aus (einschließlich Nachwort!). Was für ein großartiger Geschichtenerzähler und Geschichtsvermittler gleichzeitig.

Der Autor gehört zu den bedeutenden literarischen Stimmen der kanadischen Gegenwartsliteratur. Er starb 2017. Das Buch enthält auch ein aufschlussreiches Nachwort der Literaturwissenschaftlerin Katja Sarkowsky über Wagamese und sein Werk, über die Tradition indigenen Schreibens und Erzählens in Nordamerika sowie über den indigenen politischen Aktivismus, der seit den späten 1960er Jahren breitere Aufmerksamkeit gewinnen konnte im Kampf gegen Diskriminierung und Rassismus und für die kulturelle Identität.

HilDa

Buchtipp: Der Riss von Hye-Young Pyun

Grenzen|los|lesen
Südkorea

Ein Mann erwacht im Krankenhaus aus dem Koma. Er erinnert sich nicht an den Unfall, bei dem seine Ehefrau starb. Er selbst überlebte nur knapp, ist aber gelähmt und fast vollständig bewegungsunfähig, er kann nicht sprechen, seine Körperfunktionen nicht kontrollieren und wird wohl für immer auf fremde Hilfe angewiesen sein. Ein Riss geht durch sein Leben: Es gibt ein Davor, in dem er an seiner Karriere an der Universität arbeiten konnte, glücklich verheiratet schien, ein eigenes Haus einrichten konnte; und es gibt ein Danach, in dem alles anders ist und auf das niemand vorbereitet sein kann.

Von einigen Kleinigkeiten abgesehen, könnte der Roman auch in meiner Nachbarschaft spielen. Tatsächlich ist der Schauplatz Südkorea. Die Autorin ist dort, so entnehme ich dem Klappentext, sehr bekannt; „Der Riss“ ist bisher ihr einziges ins Deutsche übersetzte Werk. Ich weiß offen gesagt nicht allzu viel über Koreanische Kultur und Geschichte, vielleicht ist mir dadurch die ein oder andere Metapher entgangen. Aber für das Verständnis des Romans ist das irrelevant, die Psychologie der Charaktere ist auch so nachvollziehbar und verständlich.

Ich kann gar nicht genau bestimmen, was diesen Sog bei mir ausgelöst hat, das Buch weiter zu lesen, obwohl mich die Ausgangssituation doch eher abgeschreckt hatte und ungutes Kopfkino bei mir auslöste. Der Klappentext und das erste Drittel des Romans ließen auch nicht vermuten, dass es nachher noch spannend wird. Ich rechnete weiter mit einem Psychogramm des ganz auf seinen Körper und seine Erinnerungen reduzierten Protagonisten. Trotzdem ließ mich das Buch nicht los. Die Schuldfrage, die langsam zurückkehrenden Erinnerungen, die Trauer – ja, vor allem die stille, undurchsichtige Art der Trauer bei der Schwiegermutter berührten mich. Sie ist die einzig verbliebene Verwandte des Mannes, die sich nun um ihn kümmert, obwohl sie doch so sehr um ihre geliebte Tochter trauert.

Kaum besteht bei dem Schwerverletzten die Chance, dass er wenigstens kleine Bewegungsmöglichkeiten zurückgewinnen kann, träumt er wieder von Unabhängigkeit und einer Fortsetzung seiner beruflichen Karriere. Doch die Schwiegermutter scheint so naiv und gibt viel Geld ausgerechnet an einen Sektenpriester statt in die notwendigen Therapien zu investieren. Überhaupt benimmt sie sich immer seltsamer. Ist das noch Folge der Trauer? Oder verfolgt sie einen Plan?

Mehr verrate ich nicht. Man könnte den kleinen Roman durchaus als Psychothriller lesen oder als Psychogramm der Existenzangst, Schuld und Trauer. Jedenfalls geht die Erzählung unter die Haut.

Die Katalogdaten findet Ihr hier.

Noch eine Anmerkung: Im Koreanischen wird üblicherweise der Familienname vor den Vornamen einer Person gesetzt, die Reihenfolge des Namens müsste also Pyun Hye-Young sein, Pyun ist der Familienname, Hye-Young ist der Vorname. Der Verlag hat sich für die europäisierte Reihenfolge entschieden. Darüber hinaus gibt es verschiedene Formen zur Romanisierung koreanischer Schriftzeichen, somit gibt es auch noch andere Schreibweisen des Namens: z. B. Pyeon oder P’yŏn. Wir bemühen uns, im Katalog alle Schreibweisen in lateinischer Umschrift recherchierbar zu machen.

HilDa

Unter der Überschrift Grenzen|los|lesen möchten wir Weltliteratur aus anderen Kulturen und Sprachen vorstellen. Der Schwerpunkt soll bei Literaturen außerhalb des europäischen und anglo-amerikanischen Mainstreams liegen.
Wir wünschen viel Freude beim Entdecken und Lesen.

Buchtipp: Das weite Herz des Landes

GRENZEN|LOS|LESEN
Kanada

Im letzten Jahr war Kanada das Gastland der Frankfurter Buchmesse oder wäre gewesen und wird es in diesem Jahre sein – ach, Ihr wisst schon, alles verschoben aus Gründen. Diesem Schwerpunkt haben wir wohl auch die Neuentdeckung dieses Autors für den deutschen Buchmarkt zu verdanken. Vielleicht aber auch dem gesteigerten Interesse am Nature Writing in den letzten Jahren. Richard Wagamese erfüllt jedenfalls beide Kriterien: Das Erleben der Natur und die Empfindungen, die das bei den Protagonisten auslöst, ist ein wesentlicher Teil im Werk des in Kanada recht bekannten Schriftstellers.

„Das weite Herz des Landes“ ist ein kurzer Roman, eine Vater-Sohn-Geschichte über eine Reise in die Wildnis – als Initiation und als ein Ritt in den Tod (der Originaltitel ist „Medicine Walk“). Es ist eine Erzählung über Schuld und Verdrängung, über die Suche nach der eigenen Identität und der Bedeutung von Familie und Zugehörigkeit. Der junge Mann wurde von einem Pflegevater aufgezogen, weil sein leiblicher Vater ein Trinker ist, der keine Verantwortung für seinen Sohn übernehmen kann oder will. Doch jetzt plötzlich erwartet eben dieser unbekannte Vater, dass sein Sohn mit ihm in die Wildnis reitet, wo der todkranke Mann sterben und eine letzte Ruhestätte wie ein Krieger finden will. Beide wissen kaum etwas voneinander und nur sehr wenig über die alten Riten und Traditionen ihres Stammes. So folgt der Sohn ganz seinem Gefühl, nicht zuletzt mit der Hoffnung, endlich mehr über seine Herkunft und seine Familie zu erfahren.

Es ist auch ein Roman über das Schweigen und über das Reden-müssen. Es gibt Gefühle und Taten, die durch das Schweigen nur noch schlimmer werden für alle Beteiligten. Da hätten ein offenes Gespräch, ein Geständnis oder das Erzählen einer Geschichte wahrscheinlich vieles klären können, Verzeihung gebracht, befreiend gewirkt. Es ist ein Roman über die Macht des Erzählens.

Manchmal ist natürlich auch Schweigen angemessen und ein gutes Zeichen für Respekt und Aufmerksamkeit, für Verständnis und Achtsamkeit. Und wenn man sich in der Natur bewegt, ist Schweigen sogar notwendig, denn in der Wildnis gilt es, mit allen Sinnen auf Zeichen und Spuren zu achten.

Wagamese findet poetische Bilder für die Naturbeobachtungen und die Charakterdarstellung. Die scheinbar recht simple Figurenkonstellation Sohn, Vater und Pflegevater wird durch Rückblenden komplexer und tiefer als erwartet, der Handlungsstrang erhält einige unerwartete Wendungen. Am Ende hat sich im Grunde gar nicht viel verändert – und doch alles.

Hoffentlich werden auch weitere Werke dieses Autoren noch übersetzt bzw. neu herausgegeben. Richard Wagamese starb 2017. Er hat laut Verlag 15 Bücher veröffentlicht, wurde mehrfach ausgezeichnet und gilt als eine wichtige indigene Stimme Nordamerikas. Bei uns ist dieser großartige Erzähler noch zu entdecken.

Die Katalogdaten zum Roman „Das weite Herz des Landes“ von Richard Wagamese findet Ihr hier.
Mehr über den kanadischen Ojibway Autoren und Journalisten findet Ihr in der englischsprachigen Wikipedia.

HilDa

Unter der Überschrift Grenzen|los|lesen möchten wir Weltliteratur aus anderen Kulturen und Sprachen vorstellen. Der Schwerpunkt soll bei Literaturen außerhalb des europäischen und anglo-amerikanischen Mainstreams liegen.
Wir wünschen viel Freude beim Entdecken und Lesen.

Buchtipp: Das Auge von Hongkong

GRENZEN|LOS|LESEN
Hongkong, China

Sechs spektakuläre Kriminalfälle um einen Ermittler und den ihn umgebenden Polizeiapparat in der unübersichtlichen Metropole Hongkong. Kwan ist genial und seine Methoden sind denen eines Sherlock Holmes ebenbürtig: umfassendes Wissen, sehr gute Beobachtungs- und Auffassungsgabe, schnelles Kombinieren gemischt mit Intuition und Menschenkenntnis. Doch im Gegensatz zum eigenwilligen Londoner Detektiv ist Kwan eingebettet in ein Polizeisystem mit zeitgemäßen Regeln und Methoden, mit Hierarchien, Bürokratie, unterschiedlichen Zielvorgaben und mit Kollegen unterschiedlichen Charakters. Hinzu kommen die gravierenden strukturellen Veränderungen im Laufe der Zeit, vor allem rund um die Übergabe der britischen Kronkolonie an China. Kwan wird zum aktiven Teil dieser Veränderungen, wird zu einem Vorbild, ja, einer Art Vaterfigur für seine Kollegen und Schüler. Er hat zwar auch so seine Eigenarten, dehnt auch schon mal Regeln und erlaubt sich Eigenmächtigkeiten (um es vorsichtig zu formulieren); aber er ist wesentlich umgänglicher und auch viel bescheidener und kollegialer als der genial-arrogante Holmes.

Das Problem bei den sechs erzählten Fällen ist so wie bei vielen Whodunit-Krimis voller Rätsel und mit einem überragenden Ermittler. Der Leser wird – wie alle anderen Romanfiguren auch – bis zur Enthüllung des Täters im Dunkeln gelassen; selbst wenn man schon eine Ahnung hat, fehlen Details und Kenntnisse, die nur der Ermittler haben kann, sie werden mir als Leser entweder vorenthalten oder ich werde in die Irre geführt. Die Aufklärung ist also eine Überraschung, erfordert dann aber noch eine entsprechend lange Erklärung. Dieses Krimi-Schema wirkt manchmal ein wenig antiquiert.

Aber in diesem Roman ist die klassische Detektiverzählung einfach nur der Rahmen, um eigentlich eine ganz andere Geschichte zu erzählen: die Geschichte Hongkongs in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis fast in die unmittelbare Gegenwart. Das Ungewöhnliche an diesem Roman: Sechs Einzelerzählungen zeigen unterschiedliche Lebensstationen des Ausnahmeermittlers und der Metropole von 2013 bis 1967. Ja, die Erzählungen sind in umgekehrter Chronologie geordnet; so lernen wir Kwan auf seinem Sterbebett kennen, wo er einen letzten Fall klären hilft – für uns Leser ist das aber der erste. Dann geht es zurück bis zu seinen Anfängen im Polizeidienst. Hongkong lernen wir als chinesische Metropole mit neu organisiertem Polizeiapparat innerhalb des chinesischen Systems kennen, mit engagierten Idealisten und angepassten Karrieristen, wir erleben die Zeit des Übergangs, des Umbruchs und gehen zur Zeit des Aufbaus einer effizienten modernen Polizei, dem internen Kampf gegen Korruption und gegen die koloniale Arroganz den Einheimischen gegenüber zurück.

Die großartige Luftbildaufnahme von Hongkong ist in dem Bildband „Weltbilder“ des Projekts AirPano zu finden

Diese umgekehrte Chronologie ermöglicht uns nicht nur ein Zurückschreiten in die Zeitgeschichte bis zum Jahr der Unruhen in Hongkong 1967, es erklärt auch die Entwicklung der Charakterzüge, Eigenarten und Grundwerte des außergewöhnlichen Protagonisten. Und mit dem Schluss des Romans, der ja eigentlich der Anfang einer Karriere ist, schließt sich überraschend ein Kreis. Übrigens ist die letzte Erzählung auch die rasanteste. Mit ihr wird dann auch klar, dass sie am Ende stehen musste, die sechs Kriminalfälle hätten nicht in einer anderen Reihenfolge erzählt werden können. Aber mehr sei nicht verraten.

Wer Freude an verzwickten Kriminalfällen im klassischen Stil hat, dem sei dieser Roman wärmstens empfohlen. Der Autor vermag darüber hinaus, auch einige spektakuläre Actionszenen trefflich zu beschreiben: Es ist schon eine Kunst, eine Verfolgungsfahrt quer durch Hongkong, wie wir sie ähnlich vielleicht aus Filmen kennen, nur mit Worten genauso spektakulär zu entfalten wie der Film mit seinen Special Effects.

Aber die eigentliche Hauptfigur ist Hongkong und seine jüngere Geschichte. Ich gebe zu, ich habe mich bisher nicht sehr für die historischen Zusammenhänge interessiert. Da sind zwar die Nachrichtenmeldungen bis hin zu den aktuellen Protesten einer mutigen Bürgerrechtsbewegung und den Verhaftungs- und Verurteilungswellen der letzten Wochen und Monate; aber eigentlich kannte ich die Metropole eher als mondän-exotische Filmkulisse. Doch dieser Roman hat jetzt meine Neugierde geweckt.

Die Katalogdaten zum empfehlenswerten Hongkong-Krimi gibt es hier.
Übrigens soll in diesem Jahr ein weiterer Krimi von Chan Ho-Kei auf Deutsch erscheinen. Ich bin gespannt.
Die Bildbände „Weltbilder“ und „Neue Weltbilder“ der Künstlergruppe AirPano findet Ihr hier.

Noch eine Anmerkung: Im Chinesischen wird üblicherweise der Familienname vor den Vornamen einer Person gesetzt, Chan ist der Familienname, Ho-Kei der Vorname des Autoren. Darüber hinaus gibt es verschiedene Formen zur Romanisierung chinesischer Schriftzeichen, somit gibt es auch noch andere Schreibweisen des Namens: z. B. Chen Haoji. Wir bemühen uns, im Katalog alle Schreibweisen in lateinischer Umschrift recherchierbar zu machen.

HilDa

Unter der ÜberschrifGrenzen|los|lesen möchten wir Weltliteratur aus anderen Kulturen und Sprachen vorstellen. Der Schwerpunkt soll bei Literaturen außerhalb des europäischen und anglo-amerikanischen Mainstreams liegen.
Wir wünschen viel Freude beim Entdecken und Lesen.

Grenzen|los|lesen

Lateinamerika: Kolumbien

Mit einer gewissen Neugier schaute er auf seinen Vater, der angespannt aussah, verkrampft, triumphierend. „Der alte Mistkerl und das Meer“, dachte Javier und kramte in seinem Beutel nach der Marihuanapfeife. (Seite 48)

Meine Urlaubslektüre führte mich ans Meer, genauer an die kolumbianische Küste. Der kurze Roman hat 28 Kapitel, von 4 Uhr früh bis um 6 Uhr am Morgen des nächsten Tages zählen die Kapitelüberschriften Stunde um Stunde. Die letzte scheinbar doppelt. Ein Vater und seine zwei Söhne fahren mit dem Fischerboot hinaus. Das Meer ist türkisblau und ruhig, der Himmel klar, die Sonne brennt; die Arbeitsabläufe der drei Fischer wirken für flüchtige Beobachter routiniert und selbstsicher. Am Horizont in weiter Ferne türmen sich dunkle Wolken, zucken Blitze. An Land bleiben viele Zeugen zurück: die geistig verwirrte Mutter mit ihrem Chor der Geisterwesen, die Nachbarn, die vielen Touristen – Freunde und Fremde, die alle etwas gesehen haben, vielleicht auch eine Ahnung spürten … . Von der ersten Seite an scheint klar: Diese Bootsfahrt endet mit einer Katastrophe – und das Unwetter ist nicht der einzige Auslöser. Viele Stimmen erzählen diese Geschichte.

„Der alte Mistkerl und das Meer“ (siehe Zitat oben) – erinnert sicher nicht zufällig an Hemingway, der ja in ganz ähnlichen Gewässern fischte. Doch Personenkonstellation, Ausgangssituation und Thema sind bei González ganz anders. Sein Roman ist vielstimmig wie ein Mosaik aus verschiedenen Perspektiven zusammengesetzt, zentrale Figuren sind drei Fischer. Es geht auch weniger um das Thema Mensch gegen die Natur, sondern um das äußerst spannungsgeladene Vater-Sohn-Verhältnis: Verachtung und Herablassung auf der einen, Zorn und Hass nach jahrelangen Demütigungen auf der anderen Seite.

Mir gefällt die Komposition dieses Textes, diese Vielstimmigkeit, die aber nicht verwirrt. Die Sprache wirkt einfach, klar und schnörkellos, aber auch poetisch. Aus der schlichten Geschichte entwickelt sich auf nur gut 150 Seiten ein wuchtiges Drama.

Der Autor Tomás González war mir bisher völlig unbekannt. Er gilt als einer der wichtigsten kolumbianischen Gegenwartsautoren (sagt nicht nur der Verlag). Der Klappentext zitiert DIE ZEIT „Erzähler von Weltrang“ – und das scheint mir nicht übertrieben.

González, Tomás : Was das Meer ihnen vorschlug : Roman / aus dem Spanischen von Rainer Schultze-Kraft und Peter Schultze-Kraft . – Hamburg : Mare, 2016. – 156 Seiten
Katalogdaten und Standort findet Ihr hier.

HilDa

Unter der Überschrift Grenzen|los|lesen möchten wir Weltliteratur aus anderen Kulturen und Sprachen vorstellen. Der Schwerpunkt soll bei Literaturen außerhalb des europäischen und anglo-amerikanischen Mainstreams liegen.
Wir wünschen viel Freude beim Entdecken und Lesen.