Buchtipp: „Der gefrorene Himmel“ von Richard Wagamese

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KANADA

Ich war neugierig auf die nächste Übersetzung aus dem Werk dieses kanadischen Autors, nachdem mir „Das weite Herz des Landes“ (Originaltitel „Medicine Walk“) sehr gut gefallen hat (der Blogbeitrag dazu hier). Im Frühjahr erschien „Der gefrorene Himmel“, Originaltitel ist „Indian Horse“, in der Übersetzung von Ingo Herzke.

Roman "Der gefrorene Himmel" von Richard Wagamese. Blessing-Verlag

Ich weiß eher wenig über das Leben der indigenen Bevölkerung Kanadas im 20. Jahrhundert. Doch vor wenigen Monaten erschreckte weltweit die Meldung, man habe Massengräber auf dem Gelände einer Residential School gefunden; es war von Misshandlungen und Missbrauch die Rede, von Vertuschung und Ignoranz. Offenbar kein Einzelfall, denn in den Wochen danach wurden weitere ganz ähnliche Funde gemeldet. Es gab Berichte über den gewaltsamen „Kindesentzug“ durch Behörden, die Kinder wurden ihren Eltern entrissen und in diese „Internate“ zwangseingewiesen. Dort wurden die Schüler*innen gezielt entwurzelt und von ihren Familien, ihren Traditionen, ihrem Glauben, ihrer Sprache entfremdet. Physische und psychische Gewalt waren die Regel, oft auch sexueller Missbrauch; im Todesfall – und da gab es offenbar mehr als bisher bekannt bzw. zugegeben – verschwanden die Kinder einfach, viele Familien erfuhren nie, was mit ihnen geschehen war, wo sie beerdigt oder einfach verscharrt wurden. Die Behörden reagierten nicht. Die aktuellen Funde beweisen nur, was längst bekannt sein müsste, hätte man auf die Fragen, Anzeigen und Beschwerden der Eltern und indigenen Gemeinden früher gehört.

Warum ich das hier erzähle? Richard Wagameses Roman hat genau so eine Kindheit zum Thema: Der Junge Saul Indian Horse verliert seine Familie, als sie ihn eigentlich vor den Behörden verstecken will und mit ihm in die Wildnis flieht. Er wird in eine dieser Residential Schools gesteckt, eine von katholischen Geistlichen und Schwestern geführte „Schule“, und er erfährt vom ersten Tag an Misshandlung und Erniedrigung. Er erlebt, wie Kinder, die sich widersetzen oder auch einfach nur ihre Muttersprache sprechen wollen, durch drakonische Bestrafungen gebrochen werden. Die Schul-„Bildung“ besteht hauptsächlich aus Arbeit, selbst schon bei den Jüngsten, die Versorgung ist schlecht, das Leid unaussprechlich. Kinder suchen in ihrer Ausweglosigkeit den Tod, einige sterben an den Folgen der Schläge und Misshandlungen oder bei Arbeitsunfällen. Der sich an diese Kindheit erinnernde Ich-Erzähler Saul schildert solche Schicksale fast lakonisch – und dann nennt er nur kurz das Alter seines getöteten Mitschülers oder des Mädchens, das in den Fluss geht, und es raubt einem beim Lesen den Atem.

Saul gelingt es, diese menschengemachte Hölle zu überleben. Ein Lehrer begeistert ihn für das Eishockeyspiel. Eigentlich noch zu jung und schmächtig für diesen harten Sport, bringt sich Saul das Schlittschuhlaufen und das Führen und Schlagen des Pucks selbst bei. Sein außergewöhnliches Talent wird entdeckt, sein vorausschauendes Spiel macht ihn zu einem fast magisch erfolgreichen Mannschaftsmitglied. Eine ebenfalls Eishockey-begeisterte Familie nimmt ihn als Pflegesohn auf und er findet in einer Ojibwe-Gemeinschaft endlich doch noch ein Zuhause. Damit verrate ich hier nicht zu viel, denn in der Erzählung, so schmal wie sie auch ist, sind wir hiermit erst in der Mitte angelangt.

Richard Wagamese erzählt präzise, lakonisch und mit erstaunlich wenigen Worten, wenn es um das Leid geht, doch um so ausführlicher und, ja, poetischer, wenn es um die Leidenschaft des Jungen geht. Da sind einmal (wie schon in „Das weite Herz des Landes“) die wunderbare Beobachtung der Natur. Und da ist das Hockeyspiel.

Ich interessiere mich kaum für Sport und schon gar nicht für Eishockey, ich kann nicht einmal Schlittschuhlaufen. Doch so wie Richard Wagamese über das Spiel schreibt, möchte man nicht nur an der Bande stehen und zuschauen, man ist mit Saul auf der Eisfläche – seinem gefrorenen Himmel.
Ich habe noch nie erlebt, dass mich eine Sporterzählung derart mitreißt. Nun ja, wahrscheinlich weil dies keine Sporterzählung im engeren Sinne ist.

Für Saul und seine Mitspieler aus den Reservaten bedeutet das gemeinsame Spiel viel mehr als sportlicher Wettkampf. Doch in der Welt der Weißen erleben sie Rassismus, Erniedrigung und Hass bis hin zu Gewalt und Schlägereien auf dem Eis und außerhalb der Stadien. Und auch die Traumata der Kindheit lassen sich nicht auf Dauer verdrängen.

Die Erzählung beschreibt die Suche des Protagonisten nach einem Zuhause, nach Identität, Akzeptanz und Gerechtigkeit. Die Geschichte ist krass, aber – siehe oben – nicht nur eine Romanerfindung. Andere Autoren hätten aus diesem Stoff wohl einen dicken Wälzer gemacht. Richard Wagamese kommt mit weniger als 250 großzügig bedruckten Seiten aus (einschließlich Nachwort!). Was für ein großartiger Geschichtenerzähler und Geschichtsvermittler gleichzeitig.

Der Autor gehört zu den bedeutenden literarischen Stimmen der kanadischen Gegenwartsliteratur. Er starb 2017. Das Buch enthält auch ein aufschlussreiches Nachwort der Literaturwissenschaftlerin Katja Sarkowsky über Wagamese und sein Werk, über die Tradition indigenen Schreibens und Erzählens in Nordamerika sowie über den indigenen politischen Aktivismus, der seit den späten 1960er Jahren breitere Aufmerksamkeit gewinnen konnte im Kampf gegen Diskriminierung und Rassismus und für die kulturelle Identität.

HilDa

Buchtipps: Spannung und Nachhaltigkeit

Das Dorf in den roten Wäldern (früherer Titel: Denn alle tragen Schuld) von Louise Penny

Kanada…! Für mich ein Traumland mit sagenhafter Natur, freundlichen Menschen, tollen Erinnerungen, Sehnsuchtsort schlechthin. Als ich entdeckte, dass es sogar Krimis aus Kanada gibt, musste ich das natürlich sofort testen.

Aber sie spielen ja im frankophonen Ostteil des Landes? Hm, entspricht eigentlich nicht meinem Beuteschema, aber ich wollte dem Ganzen eine Chance geben. Und Inspector Gamache hat mich nicht enttäuscht.

Ein kluger, souveräner, geschmackvoller Ermittler, der zu einem Mord in das versteckte Dörfchen Three Pines in der Provinz Quebec gerufen wird. Getötet durch den Pfeil einer Armbrust wird die pensionierte Lehrerin Jane Neal im Wald gefunden. Es kann sich doch eigentlich nur um einen Jagdunfall handeln? Wäre nicht ungewöhnlich in der herbstlichen Jagdsaison. Doch wo sind Pfeil und Tatwaffe?

Als Außenstehender tastet Armand Gamache sich in die verschworene Dorfgemeinschaft vor, mit ihren Geheimnissen und ungewöhnlichen Bewohnern.

Der Krimi ist eher einer der leiseren Töne, es passiert nichts Schrilles, Spektakuläres. Ruhe, Beschaulichkeit, Einklang mit der Natur, Einigkeit und Freundschaft prägen das Dorf. Seicht oder langweilig ist er dabei aber nicht. Es kann passieren, dass Küche und Smartphone kalt bleiben.

Einfach nachhaltig: Verpacken, schenken, aufbewahren von Ina Mielkau

So, und nach Entspannung bei Louise Penny ist man nun wieder voller Tatendrang, um kreativ zu werden. Nachhaltigkeit ist das aktuelle Stichwort.  In unseren Haushalten sammelt sich allerhand an. Vieles davon kann weiterverwendet und z.B. zu Geschenkverpackungen umfunktioniert werden.

Ina Mielkau gibt dafür machbare und gut anzuschauende Beispiele. Wie wärs mit einem Tetrapak, der ein neues Leben als Kräutertopf bekommt? Oder das Hosenbein einer alten Jeans wird zu einer Geschenktasche für eine Weinflasche? Auch Seiten aus alten Magazinen können mit Stempeln verschönert zum Geschenkpapier avancieren.

Also, ran an den Müll!

A.W.


Wir haben die Kolleginnen und Kollegen nach ihren Lesetipps für diesen Sommer gefragt und werden diese so nach und nach hier veröffentlichen.
Viel Freude beim Lesen.

Buchtipp: Das weite Herz des Landes

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Kanada

Im letzten Jahr war Kanada das Gastland der Frankfurter Buchmesse oder wäre gewesen und wird es in diesem Jahre sein – ach, Ihr wisst schon, alles verschoben aus Gründen. Diesem Schwerpunkt haben wir wohl auch die Neuentdeckung dieses Autors für den deutschen Buchmarkt zu verdanken. Vielleicht aber auch dem gesteigerten Interesse am Nature Writing in den letzten Jahren. Richard Wagamese erfüllt jedenfalls beide Kriterien: Das Erleben der Natur und die Empfindungen, die das bei den Protagonisten auslöst, ist ein wesentlicher Teil im Werk des in Kanada recht bekannten Schriftstellers.

„Das weite Herz des Landes“ ist ein kurzer Roman, eine Vater-Sohn-Geschichte über eine Reise in die Wildnis – als Initiation und als ein Ritt in den Tod (der Originaltitel ist „Medicine Walk“). Es ist eine Erzählung über Schuld und Verdrängung, über die Suche nach der eigenen Identität und der Bedeutung von Familie und Zugehörigkeit. Der junge Mann wurde von einem Pflegevater aufgezogen, weil sein leiblicher Vater ein Trinker ist, der keine Verantwortung für seinen Sohn übernehmen kann oder will. Doch jetzt plötzlich erwartet eben dieser unbekannte Vater, dass sein Sohn mit ihm in die Wildnis reitet, wo der todkranke Mann sterben und eine letzte Ruhestätte wie ein Krieger finden will. Beide wissen kaum etwas voneinander und nur sehr wenig über die alten Riten und Traditionen ihres Stammes. So folgt der Sohn ganz seinem Gefühl, nicht zuletzt mit der Hoffnung, endlich mehr über seine Herkunft und seine Familie zu erfahren.

Es ist auch ein Roman über das Schweigen und über das Reden-müssen. Es gibt Gefühle und Taten, die durch das Schweigen nur noch schlimmer werden für alle Beteiligten. Da hätten ein offenes Gespräch, ein Geständnis oder das Erzählen einer Geschichte wahrscheinlich vieles klären können, Verzeihung gebracht, befreiend gewirkt. Es ist ein Roman über die Macht des Erzählens.

Manchmal ist natürlich auch Schweigen angemessen und ein gutes Zeichen für Respekt und Aufmerksamkeit, für Verständnis und Achtsamkeit. Und wenn man sich in der Natur bewegt, ist Schweigen sogar notwendig, denn in der Wildnis gilt es, mit allen Sinnen auf Zeichen und Spuren zu achten.

Wagamese findet poetische Bilder für die Naturbeobachtungen und die Charakterdarstellung. Die scheinbar recht simple Figurenkonstellation Sohn, Vater und Pflegevater wird durch Rückblenden komplexer und tiefer als erwartet, der Handlungsstrang erhält einige unerwartete Wendungen. Am Ende hat sich im Grunde gar nicht viel verändert – und doch alles.

Hoffentlich werden auch weitere Werke dieses Autoren noch übersetzt bzw. neu herausgegeben. Richard Wagamese starb 2017. Er hat laut Verlag 15 Bücher veröffentlicht, wurde mehrfach ausgezeichnet und gilt als eine wichtige indigene Stimme Nordamerikas. Bei uns ist dieser großartige Erzähler noch zu entdecken.

Die Katalogdaten zum Roman „Das weite Herz des Landes“ von Richard Wagamese findet Ihr hier.
Mehr über den kanadischen Ojibway Autoren und Journalisten findet Ihr in der englischsprachigen Wikipedia.

HilDa

Unter der Überschrift Grenzen|los|lesen möchten wir Weltliteratur aus anderen Kulturen und Sprachen vorstellen. Der Schwerpunkt soll bei Literaturen außerhalb des europäischen und anglo-amerikanischen Mainstreams liegen.
Wir wünschen viel Freude beim Entdecken und Lesen.

Mittendrin Mittwoch #45

Lange Zeit hatte ich alle einschließlich meiner selbst davon überzeugt, dass ich Chirurgin werden würde wie meine beste Freundin in Québec. Sie hatte mich einmal in die Schulbücherei mitgenommen, um mir Bilder von ihrem Zukunftstraum zu zeigen. Da ich noch nicht in der Lage war zu träumen, tat ich es ihr nach, eignete mir ihren Traum an und verewigte ihn sogar im Abibuch. Ich musste meine Entscheidung nicht erklären, denn sie gefiel allen und erfüllte alle Erwartungen. (S. 83)

Kim Thúy „Die vielen Namen der Liebe“

 

Thúy , Kim : Die vielen Namen der Liebe / aus dem Französischen von Andrea Alvermann u. Brigitte Große. – München : Kunstmann,  2017. – 138 Seiten.
Originaltitel: Vi
(noch nicht im Bestand der Bibliothek)

 

 

 

Ich wollte einen kleinen, schnell zu lesenden, aber nicht anspruchslosen Roman für Zwischendurch, da schien mir mein Spontankauf genau richtig. Von der kanadischen Autorin hatte ich bereits gehört, aber noch nichts gelesen. Bekannt wurde Kim Thúy 2010 mit „Der Klang der Fremde“, dann „Der Geschmack der Sehnsucht“.

Der Titel “Die vielen Namen der Liebe“ ließ mich fast einen eher kitschigen Roman erwarten. Tatsächlich ist er scheinbar leicht geschrieben, erzählt aber sehr dicht und vielschichtig eine Familiengeschichte über mehrere Generationen, eine Flucht- und Exilgeschichte von vietnamesischen Boat People und die Suche der jungen Generation nach einer eigenen Identität zwischen dem Anspruch von Familie, Tradition und den Möglichkeiten, die die neue fremde Heimat bietet, zwischen Anpassung und dem Wunsch nach Individualität. Erzählt wird aus der Perspektive einer jungen Frau, der jüngsten Tochter Vi, die bei der Flucht erst acht Jahre alt war. Die Erzählung beginnt aber schon bei den Großeltern, die im damaligen Indochina als privilegierte „Eingeborene“ zu Ansehen und Besitz gekommen waren. Die Ich-Erzählerin berichtet anfangs kaum aus eigener Erinnerung: die Liebes- und Lebensgeschichten der Großeltern und der Eltern sowie der besten Freundin der Mutter bis hin zum Sieg des Vietkong, zur Flucht über das Wasser, zum Warten im überfüllten Flüchtlingslager in Malaysia und der Ankunft im asylgebenden Kanada. Das alleine würde schon Stoff für dickleibige Romane hergeben, doch die Autorin benötigt bis hierhin gerade einmal knapp 50 großzügig gedruckte Seiten. Die restlichen zwei Drittel des Romans widmen sich jetzt der jungen, im Westen aufwachsenden und ihren Weg suchenden Generation.

Ich bin gespannt, wie Vi sich von ihrer Familie emanzipiert. Vor allem aber, wie sich der Titel des Romans noch weiter rechtfertigt: Denn ganz unauffällig, mehr zwischen den Zeilen als in großen Worten, sind die verschiedenen Formen der Liebe das eigentliche Leitmotiv der Erzählung.

HilDa

Elizzy von read books and fall in love hat sich die Blogaktion ausgedacht. Der „Mittendrin Mittwoch“ besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.