Buchtipp: „Hier sind Löwen“ von Katerina Poladjan

Hic sunt leones – hier sind Löwen.

Hic sunt leones schrieb man in alter Zeit an die weißen Flecken einer Landkarte.“

(Seite 9 der Taschenbuchausgabe)

Im Roman geht es um ein unbekanntes Land: Die Ich-Erzählerin und Buchrestauratorin Helen kommt für ein mehrmonatiges Praktikum nach Armenien – nicht nur für sie unbekanntes Terrain, sicher auch für die meisten Leser, so wie für mich. Der Genozid während des 2. Weltkriegs war in unserem Geschichtslehrbuch nicht mehr als ein kleiner Abschnitt, der Satz vom 1. Völkermord des 20. Jahrhunderts ist hängen geblieben. In den Nachrichten heute wird immer wieder mal erwähnt, welche diplomatischen Verwicklungen und Verrenkungen das Sprechen über den Völkermord noch immer auslöst. Doch die Geschichten und die Schicksale hinter den historischen Fakten und dem Gedenken bleiben Leerstellen.

Taschenbuch "Hier sind Löwen" von Katerina Poladjan

Helen hat von ihrer Mutter Sara ein altes Foto mitbekommen, dreizehn fremde Personen, die ernst in die Kamera blicken, auf der Rückseite eine Notiz mit Ort und Jahr. Verwandte in Armenien, Helens Mutter kennt nur wenige Namen. Ihr Auftrag irritiert. Helen kennt nicht mal ihren eigenen Vater, doch jetzt soll sie fernen Verwandten nachforschen.

Die Leerstelle in der Biografie der Mutter. Und der Großmutter.

„Meine Mutter spricht von einer Lücke. Plötzlich denke ich, ich trage auch etwas von dieser Leerstelle in mir.“
„Und jetzt wollten Sie die Lücke mit Verwandtschaft stopfen?“
„Manchmal hat sich meine Großmutter tagelang eingeschlossen.“
„Sie hatte ihre Gründe.“

(Seite 109 der Taschenbuchausgabe)

Hic sunt leones.

Helen findet in ihrem „exotischen“ Gastland Armenien noch mehr Leerstellen, denn sie taucht auch in die der Kollegen und Kolleginnen und deren Angehörigen ein.

Selbst ihre Arbeit mit den alten Handschriften des Zentralarchivs führt zu fantastischen Leerstellen, die sie restaurieren, dokumentieren und auch manchmal als leer erhalten soll. Welche Bedeutung haben die Kritzeleien und Sprüche, die auf den Rändern neben dem Text zu entziffern sind? Welche Schicksale liegen in den Namen und Daten verborgen, die in die Familienbibel hineingeschrieben wurden?

Ich mag es, wie wir mit Helen in das heutige Armenien eintauchen, wie sie den Weißen Fleck erkundet und sich den Löwen stellt. Zwischen diesen Erfahrungen und Begegnungen in der Gegenwart lässt die Autorin die Familienbibel eine Geschichte aus der düsteren Vergangenheit erzählen; das Heilsevangeliar, das einst den Kindern bei Krankheit unter das Kopfkissen gelegt wurde, ist der einzig gerettete Gegenstand bei ihrer einsamen Flucht durch ein gnadenloses Land, Ballast beim Weg durch die Berge, Spielzeug und sogar Nahrung in der Verzweiflung. Zwei Kinder, die die Welt nicht mehr verstehen, die nicht mehr zurück können und nicht wissen, wohin.

Die Autorin erzählt lakonisch, deutet das ganze Grauen eher an und zeigt um so drastischer, dass sich zwar die Zeiten geändert haben, die Geschichten der Menschenverachtung, des Krieges und der Grausamkeiten setzen sich aber bis heute fort.

Ich bin vor allem begeistert von den Dialogen: kleine Wortgefechte, kein Wort zu viel zwischen Mutter und Tochter oder bei den Telefonaten mit dem Partner im fernen Deutschland – oder beim Bettgeflüster mit dem neuen Geliebten. Auch hier wieder: Leerstellen, die es in sich haben, all das Ungesagte, Angedeutete, Verschlüsselte. Und überall lauern Löwen.

Katerina Poladjan wurde mit diesem Roman auch einem größeren Lesepublikum bekannt: Sie stand damit auf der Nominierungsliste für den Deutschen Buchpreis 2019. Unsere Katalogdaten findet Ihr hier.

Auch ihr neuer Roman „Zukunftsmusik“ wird von der Literaturkritik hoch gelobt. Er war nominiert für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse (Shortlist), was leider in diesem Jahr etwas untergegangen ist. Im April war der Roman Platz 1 auf der SWR-Bestenliste. Die Katalogdaten zu allen Werken der Autorin in unserem Bestand findet Ihr hier.

Ihr habt demnächst die Gelegenheit, Autorin und ihr Werk persönlich kennenzulernen. Mehr als diesen kleinen Teaser darf ich noch nicht verraten, aber schon bald erfahrt Ihr mehr. Bleibt gespannt 🤩

HilDa

Roman "Zukunftsmusik" von Katerina Poladjan, daneben ein Programmheft  der Literaturtage Bielefeld 2022

Buchtipp: Sheroes von Jagoda Marinić

Jagoda Marinić ist mir vor allem als Kolumnistin bekannt, sie führt einen erfolgreichen Podcast-Kanal (FREIHEIT DELUXE bei hr2-kultur) mit immer wieder interessanten Gästen und Gesprächen, sie ist Schriftstellerin und Kulturmanagerin in Heidelberg. Ich schätze ihre Äußerungen und Kommentare auf Twitter, wo sie sich sachkundig und pointiert mit aktuellen gesellschaftlichen Themen auseinandersetzt.
Eines ihrer Themen ist die Gleichberechtigung der Geschlechter. Und mit „Sheroes: neue Held*innen braucht das Land“ hat sie in einem ausführlichen Essay ihre Gedanken formuliert zum Feminismus, zur #MeToo-Bewegung und zu den Anforderungen an die neuen „Heroes/Sheroes“, die unsere Vorbilder sein könnten, um unsere Gesellschaft zu einem besseren Miteinander zu führen.

Tablet, auf dessen Bildschirm die Daten zum Buch "Sheroes" von Jagoda Marinic stehen: "MeToo war ein öffentliches Gesprächsangebot - nehmen wir es wahr! Jetzt haben wir endlich die Chance ...
Im Bestand seit: 30.03.2020
Verfügbar", sowie ein Download-Button "Jetzt ausleihbar"

Die bisher üblichen Klischees von Männlichkeit und Frausein verändern sich und damit auch die Machtstrukturen. Aber sind diese Veränderungen nur marginal, betreffen sie – vor allem weltweit betrachtet – vorwiegend eine kleine, im Vergleich zur Mehrheit ohnehin privilegierte Gesellschaftsschicht? Ist der Fortschritt insgesamt schlicht zu langsam? Gibt es selbst in den Industrieländern gerade einen Backlash, d. h. Rückschritte in veraltete Geschlechterzuteilungen? Oder könnte ein neuer, globaler Feminismus getragen von Frauen und Männern der Weg zu einem besseren und gerechteren Zusammenleben aller sein?

Das kurze Buch hat mir viele Denkanstöße gegeben.

Die Katalogdaten zu allen Büchern von Jagoda Marinić in der Stadtbibliothek hier.

HilDa

Buchtipp: Diese Dinge geschehen nicht einfach so

Der Titel sagt schon alles: Dinge geschehen; es gibt Zufälle, Zusammenhänge, Beziehungen, Gefühle, Unausgesprochenes, Vorwürfe, Missverständnisse, Fehler und falsche Entscheidungen, Unterstellungen, Schuld. Vieles ist nicht auf den ersten Blick sichtbar und könnte erst durch ein offenes Gespräch überhaupt erkannt werden. Aber all diese Dinge haben Ursachen. Gerade in einer Familie kann es fatale Folgen haben, wenn sich jeder in seiner eigenen Echokammer verschließt.

Roman "Diese Dinge geschehen nicht einfach so" von Taiye Selasi

Die Familie von Kwaku Sai ist über mehrere Kontinente verteilt zum Zeitpunkt seines Todes. Und genau mit diesem Moment beginnt der Roman: Kwaku stirbt. Sein Herz, ganz plötzlich.
In seinen letzten Minuten erinnert er sich an sein Leben, seine Entscheidungen, seine Erfolge. Wir sehen einen stolzen Menschen, einen genialen Chirurgen, der ganz für seinen Beruf lebte. Fast ein Drittel des Romans sehen wir Szenen aus der Vergangenheit im letzten Blitzlicht seiner Erinnerung. Dazwischen als Gegenspiegel die Reaktionen seiner Familienangehörigen nach der Nachricht über seinen Tod. Ein gelungener Kunstgriff der Autorin, wie sie verschiedene Perspektiven aus der Familie zusammenschneidet – die unterschiedlichen Erinnerungen springen quer durch Raum und Zeit, überschneiden sich aber auch an entscheidenden Punkten. Deutlich wird, wie trügerisch Erinnerung sein kann.

Faszinierend ist nicht nur diese facettenartige Komposition der Familiengeschichte, sondern auch die Metaphern, mit denen Taiye Selasi die unterschiedlichen Charaktere und ihre jeweiligen Geschichten und Standpunkte sprachlich ausmalt.

Nach und nach wird deutlich, wie entscheidend nicht zuletzt die Herkunft einschließlich der Traumata der vorhergehenden Generationen sein kann. Die Kinder leben in London, Boston und New York, sie haben den afrikanischen Kontinent nie oder nur als Gast betreten. Und sie wissen fast nichts über ihre Großeltern und die Herkunft ihrer Eltern: Kweku wuchs in einer ärmlichen Lehmhütte an der Küste Ghanas auf; die Großeltern mütterlicherseits starben im Bürgerkrieg Nigerias. Doch gerade durch das Schweigen der Eltern nehmen die Traumata aus einer Vergangenheit lange vor der Geburt der Kinder auch Einfluss auf deren Entwicklung, ohne dass es ihnen bewusst sein kann.

Der plötzliche Tod von Kweku führt die Familie wieder zusammen, ausgerechnet in Ghana. Die Trauer um den Vater und (Ex-)Ehemann hält sich in Grenzen. Er hatte einst, als sein amerikanischer Traum durch eine falsche Anschuldigung zerbrach, die Familie ohne Angabe von Gründen verlassen und in Ghana ein neues Leben aufgebaut. Jetzt brechen all die unausgesprochenen Zerwürfnisse zwischen den Geschwistern und der Mutter auf. Jeder einzelne der inzwischen erwachsenen Kinder hatte eigene Gründe, die Kontakte zur Familie abzubrechen, auch zur Mutter, die dann zur allgemeinen Überraschung ebenfalls nach Westafrika zurückgekehrt ist. Und so treffen sich alle dort, sitzen zur Vorbereitung der Trauerfeier erstmals wieder an einem Tisch und reisen gemeinsam zu ihren Wurzeln.

Der Roman hat mich einerseits in eine fremde Welt mitgenommen: westafrikanische Auswanderer, die mit Stipendium in den USA studieren können, die vom sozialen Aufstieg träumen und vom Familienglück. Die auf verschiedenen Kontinenten zu Hause sind, sich überall anpassen können und doch immer Außenseiter bleiben.

Andererseits habe ich in den Familienproblemen sehr viel bekanntes wiedererkannt. Gibt es nicht in jeder Familie ungeklärte Missverständnisse und vielleicht auch Unsagbares? Diese Dinge geschehen aber nicht einfach so …

Taiye Selasi, die schon mit ihren Essays und einigen Erzählungen im angloamerikanischen Raum Bekanntheit erlangte, hat da einen beeindruckenden Debütroman vorgelegt, der prompt zu einem internationalen Bestseller wurde. Unsere Katalogdaten (auch zur englischsprachigen Ausgabe) hier.

HilDa


Buchtipps gegen das Sommerloch

Lesetipps für den Sommer, Buchtipps für den Urlaub

Viel Freude beim Lesen

Sachbuchtipps gegen das Sommerloch

Bielefelder kennen sich mit abstrusen Verschwörungstheorien ja aus. Leider gibt es da aber nicht nur diese lustig-lästige „Bielefeld-Verschwörung“.

Nachdem einige Kolleginnen bei einer Fortbildung ganz beeindruckt von Katharina Nocun waren, möchte ich den nächsten Urlaub gerne nutzen und mich mit „Fake Facts: wie Verschwörungtheorien unser Denken bestimmen“ und „True Facts: was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft“ zu beschäftigen. Vielleicht hilft es mir, Manipulationen, Lügen und Verschwörungsmythen zu durchschauen. Vor allem aber möchte ich verstehen, wieso sogar Menschen, die ich bisher für recht klug gehalten habe, in eine mir unbegreifliche Parallelwelt abdriften konnten.

Sachbuch "Fake Facts" von Katharina Nocun und Pia Lamberty

Ganz anderes Thema – oder vielleicht auch nicht: Das Buch von Annika Brockschmidt erklärt den zunehmenden Einfluss der fundamental-evangelikalen Rechten in den USA: „Amerikas Gotteskrieger: wie die Religiöse Rechte die Demokratie gefährdet“. Ein wichtiges Buch, nicht nur, um die politischen Vorgänge in Amerika zu verstehen – der Einfluss der Religiösen Rechten wächst auch in Europa.

Im Urlaub nehme ich mir endlich Zeit für diese gesellschaftspolitischen Themen. 🙂

HilDa


Buchtipps gegen das Sommerloch

Lesetipps für den Sommer, Buchtipps für den Urlaub

Viel Freude beim Lesen

Das Weltall, unendliche Weiten – und ein Lesetipp

Als Jugendliche wollte ich Astronomin werden – zumindest war das einer meiner vielen Berufswünsche. Ich wollte Kometen entdecken, Schwarze Löcher erforschen, astronomische Phänomene erklären. Doch dann habe ich die Relativitätstheorie nur so halb verstanden. Oder eigentlich gar nicht. 🙄 Und die Quantenphysik … , also nun ja, das ist doch wie mit Schrödingers Katze: Mal habe ich verstanden, dass sie da und gleichzeitig nicht da ist, und mal verstehe ich es eben nicht. 😬

Bleibe ich halt lieber Laie und reise nur ab und zu mit Star Trek und Co. durchs All. Und mit Carl Sagan, Harald Lesch, Neil deGrasse Tyson und all den anderen Astrophysiker*innen, die in Fernsehdokumentationen das Unerklärliche erklären können.

Als Lektüre empfehle ich nach wie vor „Die Milchstraße“, ein Heft aus der Reihe Geo Kompakt mit vielen, gut erklärenden Aufsätzen; es gibt auch eine schöne DVD „Rätsel der Galaxis“ dazu. (Hatte ich schon mal im Blogbeitrag „Imaginäre Linien“ erwähnt, hier, Empfehlung gilt immer noch.)
Und die kleine, aber feine Einführung von Neil deGrasse Tyson „Das Universum für Eilige“.

Und dann ist da jetzt diese Neuerscheinung: „Das Weltall oder Das Geheimnis, wie aus nichts etwas wurde“ von Ian Paul Schutten, illustriert von Floor Rieder, übersetzt aus dem Niederländischen von Verena Kiefer.

Sachbuch "Das Weltall oder Das Geheimnis, wie aus nichts etwas wurde" von Ian Pauk Schutten und Floor Rieder, Gerstenberg-Verlag.
Das Cover zeigt eine Grafik mit einem wilden Durcheinander von astronomischen Instrumenten, Flugobjekten und Himmelskörpern, ausschließlich in den 3 Farben Blau (Hintergrund und Konturen), Weiß und Bronze

Ich gebe zu, ich hatte etwas anderes erwartet, als ich das Buch aufgrund einer sehr guten Rezension für mich gekauft hatte. Für ein Jugendsachbuch hat es ungewöhnlich viel Text und keine Fotos; als Illustrationen sind da viele witzige Cartoons, die weniger erklären, sondern das wissenschaftliche Thema des Buches satirisch auflockern. Der Ton des Textes passt dazu: flapsig, augenzwinkernd, die jugendlichen Leser*innen direkt ansprechend. Aber dieser Ton ändert nichts daran, dass da hochkomplexe Wissenschaft vermittelt wird: anschaulich, verständlich und spannend.

„Aber keine Angst – dein Kopf wird von all dem neuen Wissen nicht explodieren. Wir haben es im Vorhinein getestet und bislang ist noch kein Gehirn geplatzt!“

(aus dem Vorwort, Seite 14)

Wenn man sich für Sternkunde und Astrophysik interessiert, aber wie ich wenig Ahnung von so etwas wie Relativitätstheorie und Quantenphysik hat, findet Ihr hier eine gut erklärende Einführung: das Weltall, das Nichts und der ganze Rest. 😊

Für Kinder ab 13 Jahre empfohlen, aber auch für Erwachsene gleichermaßen informativ und unterhaltsam zu lesen. Ich habe es wirklich mit Gewinn studiert und – ganz wie im Vorwort insbesondere den Erwachsenen empfohlen – einige Passagen eben zweimal gelesen. 😉

„Manche dieser Informationen haben es ganz schön in sich. (…) Dir wird es nicht schwerfallen, das ist mir schon klar! Aber viele Kinder lesen solche Bücher gemeinsam mit ihren Eltern. Die verstehen solche Sachen vielleicht weniger fix als du.“

(aus dem Vorwort S. 15)

Sogar meinem alten Vater habe ich einige Seiten vorgelesen, er hat sich früher ja ein wenig für Sternkunde interessiert. Auch wenn er jetzt nicht mehr viel versteht, hat er doch gerne zugehört; und er hat mit mir über die witzigen Beispiele und Gedankenexperimente sowie den kalauernden Text gelacht. Er blätterte auch alleine noch eine ganze Weile aufmerksam in dem Band, und wie ich erst später festgestellt habe, hat er seinen Namen in das eingedruckte „Dieses Buch gehört …“ geschrieben. Tja, jetzt kann ich das nun offiziell in den Familienbesitz inventarisierte Buch leider nicht mehr wie geplant der Kinderbibliothek schenken. 🤭 Aber die haben es mittlerweile sowieso schon.

Das schön gemachte Buch ist in der Kategorie Sachbuch nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis.

In ähnlicher Machart gibt es noch weitere Sachbücher: „Evolution oder Das Rätsel von allem, was lebt“ und „Der Mensch oder Das Wunder unseres Körpers und seiner Billionen Bewohner“.

HilDa

Buchtipp: Louise Erdrich

GRENZEN|LOS|LESEN
USA

In meiner Jugend habe ich gerne Abenteuerliteratur gelesen. Ja, ich war Karl-May-Fan. Geblieben ist ein Interesse an indigenen Völkern und ihren Geschichten; ich lese ab und zu gern literarische Werke von Schriftsteller*innen aus den Kulturen selbst. Richard Wagamese habe ich hier bereits zweimal vorgestellt (Das weite Herz des Landes, Der gefrorene Himmel). Jetzt wird es Zeit, über Louise Erdrich zu sprechen. Ein Buch von ihr hatten wir schon mal im Blog (Ein Lied für die Geister).

Als ich im letzten Frühjahr Der Nachtwächter beim Buchhändler meines Vertrauens kaufte, rief der an der Kasse verzückt: „Ah, Erdrich, unsere Lieblingsschriftstellerin!“. Bisher hatte ich immer das Gefühl, niemand in meinem durchaus belesenen Umfeld kennt die amerikanische Autorin. Und jetzt diese enthusiastische Empfehlung nicht nur für das aktuelle Buch, sondern das Gesamtwerk! Nun, ein Punkt mehr für meine Lieblingsbuchhandlung. 😉

Roman "Der Nachtwächter" von Louise Erdrich. Aufbau-Verlag

Der Nachtwächter stand kurz darauf auf der SWR-Bestenliste, Literaturkritik und Feuilleton sind voll des Lobes. Und dann erhielt der Roman 2021 auch noch den Pulitzerpreis. Trotzdem bleibt Louise Erdrich hierzulande wohl sowas wie ein Geheimtipp.

So hat 2019 die ARD mit großem Aufwand den Roman The Master Butchers Singing Club verfilmt, ein Zweiteiler, von dem man sich offenbar viel versprochen hatte: Der Club der singenden Metzger. Nun, in der etwas verdrucksten Werbung zum Film kamen die literarische Vorlage und der Name der Autorin fast gar nicht vor. Wobei ich zu der Verfilmung selbst nichts weiter sagen kann, die habe ich nämlich verpasst. Aber ich könnte mir vorstellen, dass viele Zuschauer nach der Ankündigung eines Historiendramas rund um deutsche Auswanderer in den amerikanischen Westen so etwas wie eine Wild-West-Romanze erwartet hatten. Hm, der Filmkritik entnehme ich, dass es ganz so schlicht wohl nicht ist. Schaut selbst, wir haben die DVD. Und den Roman natürlich auch (englisch und deutsch): hier.

2 Romanausgaben und DVD der Verfilmung: "Der Club der singenden Metzger"

Bei meinem ersten Roman von der Autorin vor vielen Jahren hatte ich auch etwas ganz anderes erwartet und die Lektüre nach den ersten Seiten wieder abgebrochen. Mein zweiter Versuch traf dann aber genau meinen Geschmack, obwohl auch Die Krone des Kolumbus so ganz anders war. Der Roman erschien 1991 passend zum Kolumbus-Jahr und den 500-Jahr-Feiern zur „Entdeckung“ Amerikas – aber Louise Erdrich und ihr damaliger Ehemann Michael Dorris hatten einen Gegenentwurf zur US-patriotischen Feierstimmung im Sinn. Ihre Protagonisten haben wie sie indigene Wurzeln und sind Intellektuelle, die das Leid der amerikanischen Urbevölkerung als Folge des Rassismus der Eroberer und des europäischen Kolonialismus herausstellen wollen.

Zum Inhalt: Während ihr Geliebter an einem Epos schreibt, stößt die Halb-Indianerin Vivian zufällig in einer Bibliothek auf ein mysteriöses Manuskript aus der Zeit des Kolumbus, in dem von einem kostbaren Geschenk an den König des „indischen“ Heidenvolkes die Rede ist. Es beginnt eine Schatzsuche mit allem, was in Indianer-Jones-Manier dazu gehört, nur dass hier eine zerstrittene Familie im Wettlauf mit Verbrechern und Geschichtsverdrehern nach dem Geheimnis und der historischen Wahrheit sucht, Ehestreitigkeiten, Generationskonflikt und Teenager-Krisen inklusive, mal witzig, mal hochliterarisch und politisch, mal spannend wie ein Thriller. Mir gefiel die krude Mischung damals. An einigen Stellen könnte der Roman heute allerdings schon etwas angestaubt wirken (über Milli Vanilli lacht heute niemand mehr, oder).

Roman "Die Krone des Kolumbus" von Michael Dorris und Louise Erdrich. Rowohlt-Verlag

Vielleicht stelle ich mal noch weitere Romane von Louise Erdrich in eigenen Blog-Artikeln vor. Aber kommen wir endlich zu meiner aktuellen Lektüre: Der Nachtwächter.

Ein bigotter Politiker will die Bewohner des Chippewa-Reservats mit einem neuen „Terminierungsgesetz“ angeblich emanzipieren – ein Euphemismus für die ewig gleiche alte Geschichte: Den Ureinwohnern soll schlicht ihr Land weggenommen, ihre Gemeinschaft aufgelöst werden. Thomas ist der Sprecher der Chippewa-Gemeinschaft, einer der wenigen Männer mit einem festen Job. Seine Nachtwachen im einzigen Fabrikgebäude des Reservats nutzt er, um die Gesetzentwürfe zu studieren und Strategien zu entwickeln. Es geht um die Zukunft des Volkes, um den Erhalt der Kultur.

Inmitten der weiß-amerikanischen Welt werden die Chippewa wie Fremde im eigenen Land behandelt. Im Reservat leben sie auf dem kargen Boden ärmlich, die meisten sind arbeitslos und abhängig von den staatlichen Leistungen, die dem Stamm zustehen. Alkohol zerstört die Familien, viele Chippewa sprechen kaum Englisch – was für eine Chance haben sie gegen die US-amerikanische Politik und Bürokratie. Auf Thomas lastet eine große Verantwortung.

Die jungen Menschen, die es in die Stadt zieht, sei es der Liebe wegen, um dort Arbeit zu finden oder weil sie an Sportwettkämpfen teilnehmen, gehen nur allzu oft verloren. Die Familie von Patrice zum Beispiel vermisst die älteste Tochter Vera. Patrice nimmt also Urlaub und wagt sich in die Stadt, wo sie bizarres und auch beängstigendes erlebt. Patrice ist die zweite Hauptfigur des Romans. Sie ist noch sehr jung, aber auch sie ist die einzige in ihrer Familie mit geregeltem Einkommen. Während sie gern mehr über Liebe und Sex erfahren möchte, scheint die vermisste Schwester bereits die schlimmsten, schier unaussprechlichen Erfahrungen gemacht zu haben. Zumindest deuten das die Träume an.

Wie immer bei Louise Erdrich sind da viele Sippen und Generationen, die miteinander in Verbindung stehen, und auch Ahnen und andere Geister mischen mit. Doch der im Wesentlichen linear erzählte Roman liest sich trotz der Perspektivwechsel leicht und klar. Auch die Selbstverständlichkeit, mit der das Magische immer wieder in die Handlung eingreift, verstört die europäische Leserin nur kurz.

Roman "Der Nachtwächter" von Louise Erdrich

Louise Erdrich hat mit diesem Roman ihrem eigenen Großvater und seinem Engagement für den Stamm und das Reservat ein Denkmal gesetzt – und uns das Denken, die Gefühle, den Alltag und einige Traditionen, aber auch die Diversität der Menschen aus dem Chippewa-Volk näher gebracht, ebenso die Tristesse und die Gemeinschaft im Reservat. Das hat so gar nichts von den hierzulande so beliebten idealisierenden, oft auch esoterisch angehauchten Naturvolk-Stereotypen.

Louise Erdrich ist zweifellos eine der ganz großen der amerikanischen Literatur. Wer sie noch nicht für sich entdeckt hat – Der Nachtwächter ist ein guter Einstieg in ihr Werk. Sowohl sprachlich als auch von seiner Struktur und Personenkonstellation her ist der Roman nicht so kompliziert wie einige andere Erzählungen der Autorin.

Große Empfehlung.

HilDa

Buchtipp: The President is missing

Das Buch hat es in sich. Man muss schon politisch interessiert sein um durchzuhalten. 🙂 Aber wie soll es auch anders sein, wenn Bill Clinton mit James Patterson ein Buch schreibt… 😉

Der Inhalt kurz und knapp:

Präsident Jonathan Duncan hat ein Problem. Eine Superhackerin hat ein Virus programmiert, das auf die gesamte Infrastruktur des Landes abzielt. Außerdem droht ihm ein Amtsenthebungsverfahren und es scheint einen Verräter in seinem engsten Beraterkreis zu geben.

Leider hat man beim Lesen manchmal das Gefühl, es geht wieder nur um „America first“. Hmpf. Auch muss der arme Präsident irgendwie immer selber auf die Lösung der Probleme kommen, trotz eines Teams, welches vor Intelligenz nur so strotzt. Natürlich spielt der Terrorismus eine Rolle, auch die Beziehung des Landes zu seinen Veteranen wird kurz angerissen.

Mich hat vor allem der Aspekt des Virus interessiert. Denn es ist schon erschreckend, wie abhängig wir vom Internet sind. Die beiden Autoren beschreiben ganz gut, was passiert, wenn das Virus sozusagen „los gelassen“ wird und was für Möglichkeiten es geben könnte, es zu stoppen. Nun könnte man meinen, das FBI und die CIA müssen doch „nur“ die Programmiererin fassen. Leider wurde diese bei einem Attentat getötet. Der Präsident hat deshalb ihren Freund Augie, eine Gruppe sehr intelligenter junger Computer-Genies und sich selbst in ein Safe House gebracht – dort müssen sie zeigen, was sie können. Und das ist eine Menge. Aber wird es reichen?

Wer wissen möchte, was im Weißen Haus so vor sich geht und wie streng alle möglichen Sicherheitsprotokolle eingehalten werden müssen, für den ist das Buch sicherlich interessant. Ansonsten könnte es leicht langatmig werden. Mir hat es aber gefallen 🙂 Hier geht es zu den Katalogdaten…

kwk

Buchtipp: „Trauer ist das Glück, geliebt zu haben“

Chimamanda Ngozi Adichie ist eine der bekanntesten Autorinnen der zeitgeschichtlichen Weltliteratur, vor allem durch ihren internationalen Bestsellerroman „Americanah“ von 2013 (deutsch 2014). Sie gilt als eine der wichtigsten afrikanischen Stimmen.
Dieser kleine autobiographische Band (Originaltitel „Notes on grief“, übersetzt von Anette Grube) ist sicher ihr persönlichstes Buch. Es handelt von Trauer, speziell ihren eigenen Gefühlen nach dem Tod ihres geliebten Vaters, ein sehr emotionaler Essay über unbändigen Schmerz, liebende Erinnerung und Familienanekdoten. Viele Facetten der Trauer.

Buch "Trauer ist das Glück geliebt zu haben" von Chimamanda Ngozi Adichie. S.Fischer-Verlag

Adichie beschreibt ihre Gefühle und ihre Überlegungen dazu sehr offen, drastisch und schonungslos gegen sich selbst. Ich finde es bemerkenswert und war beim Lesen sogar erleichtert, wie da jemand auch über die Wut in der Trauer schreibt und seinen Schmerz buchstäblich herausschreit – und damit ein kleines Tabu bricht. Es ist die Wut über den unerbittlichen Tod, über verpasste Momente und das, was nun unausgesprochen und unbeantwortet bleiben muss.

Große Trauer ist etwas, was uns meist verstummen lässt, teils weil uns die Worte fehlen, teils weil wir verdrängen wollen. Trauer in unserer Kultur ist eher still, einsam und sie soll nach einer gewissen Zeit wieder überwunden sein, damit man weiter im Alltag funktioniert. In anderen Kulturen geht man durchaus anders mit Trauer um, zum Beispiel auch in der Igbo-Kultur.

Chimamanda Ngozi Adichie ist wortgewaltig, sie lässt nicht nur ihren Gefühlen freien Lauf; sie analysiert sich dabei gleichzeitig selbst. Sie schreibt in ihrem Aufsatz auch über ihre Familie und den unterschiedlichen Umgang mit der Trauer, über kulturelle Bedeutungen, über die Bürokratie rund um den Tod insbesondere in Zeiten einer Pandemie. Und über die gutgemeinten Ratschläge und Floskeln der Freunde, die nicht immer hilfreich sind, aber vielleicht erst später nachwirken.

Das ist sicher kein Buch, das ich einem trauernden Menschen unmittelbar empfehlen würde. Aber mit gewissem zeitlichen Abstand fand ich es befreiend, dass hier auch über die krassen Gefühle geschrieben wird. Ein wuchtiges kleines Buch.

Die Katalogdaten hier.
In der Psychologie-Untergruppe Mcl 33 findet Ihr noch mehr Medien zum Thema Trauer/Trauerbewältigung.

HilDa

Buchtipp: Sein oder Nichtsein

1999. Ein Jahrhundert endet, ein berühmtes Tragödien-Schauspiel soll in einer unkonventionellen Inszenierung neu entstehen. Einer der bekanntesten Regisseure im deutschsprachigen Raum will es noch einmal wissen: Peter Zadek inszeniert mit über 70 Jahren „Hamlet“. Zusammen mit einem handverlesenen Ensemble will er an seine Bochumer Erfolge in den 70ern anknüpfen. Damals (1977) spielte Ulrich Wildgruber den Hamlet, eine legendäre Inszenierung, noch immer unvergessen. Diesmal will Zadek Angela Winkler in der Titelrolle. Und dann sind noch weitere große Namen dabei: Hermann Lause, Eva Matthes, Otto Sander, Uwe Bohm, … .

Klaus Pohl, der Horatio, schreibt Tagebuch, die Grundlage für seinen Roman zwanzig Jahre später.

„Von dieser abenteuerlichen Expedition in ungewöhnlicher Besetzung erzähle ich hier anhand meiner Tagebücher aus jener Zeit in wohltemperierter dichterischer Freiheit.“

(Seite 10)

Ein Roman also, doch im wesentlichen nicht fiktiv.

Roman "Sein oder Nichtsein" von Klaus Pohl. Galiani-Verlag, Berlin

Peter Zadek weiß ganz genau, was er will – wenn er nicht mal eben alles bisher gesagte umschmeißt und genau das Gegenteil verlangt: zum Beispiel das Bühnenbild, plötzlich wünscht er es weiß, kaum dass der zuvor abgesprochene schwarze Anstrich getrocknet ist. Seine Wünsche gehören sofort umgesetzt. Keine Diskussionen, wenn „der Zampano“ will! Der große Zadek treibt sein Ensemble erbarmungslos durch quälende Proben.

Uli Wildgruber hadert mit seinem Alter, mit seinem künstlerischen Anspruch und mit der Demütigung, dass ausgerechnet eine Frau die Hauptrolle spielen soll; er selbst wäre doch trotz seines Alters, ja, gerade wegen seiner Reife der ideale Hamlet – und er wird nicht müde, das auch alle wissen zu lassen. Angela Winkler hadert mit dem Text, sie will den Hamlet nicht, immer wieder entflieht sie den Proben. Und treibt alle anderen Beteiligten in den Wahnsinn. Aufstand. Es wird viel geschrien, deklamiert, mit Abbruch gedroht. Alles ist hoch emotional. Doch davon abgesehen wollen alle unbedingt Teil des großen Geniestreichs werden, nichts weniger wird erwartet.

So entwickelt sich also Kunst? Es ist schon ein Heidenspaß, das zu lesen, nimmt aber auch ein wenig die Illusion von der reinen Kunst und vom Kollektiv eines Ensembles. Und wenn Zadek alle zusammenstaucht oder Wildgruber monologisiert oder Lause grummelt – also ich musste das laut lesen und brüllen, bramarbasieren, grummeln. Hoffentlich haben da die Nachbarn nicht mitgehört.😏

Die Probenbühne in Luxemburg, wo Peter Zadek alle Beteiligten versammelt, wird zur Großen Bühne für gleich mehrere exaltierte Persönlichkeiten; gespielt wird Shakespeare – und Das-Wunder-wie-aus-dem-Chaos-Kunst-entsteht.

Klaus Pohl gelingt ein hinreißender Roman nicht nur für Theaterfreunde. Und ein bitter-süßer Abgesang auf das Regietheater und seine alten Stars, auch eine schöne Hommage an den sensiblen Berserker Ulrich Wildgruber, der 1937 in Bielefeld geboren wurde und auch hier beerdigt ist.
Unsere Katalogdaten findet Ihr hier.

HilDa

Buchtipp: „Mein Onkel, den der Wind mitnahm“ von Bachtyar Ali

Grenzen|los|lesen
Irak, Kurdistan

Schon vor einigen Jahren hatte mich ein Roman von Bachtyar Ali fasziniert, obwohl ich auch zugeben muss, dass ich die symbolträchtigen Bilder und vor allem die alptraumhaften Szenen nicht immer verstehen konnte („Der letzte Granatapfelbaum“, der Blogbeitrag dazu hier). Die neue Erzählung ist kurz und klingt schon im Klappentext märchenhaft.

Roman "Mein Onkel, den der Wind mitnahm" von Bachtyar Ali. Unionsverlag

Djamschid Khan verliert im Gefängnis so sehr an Gewicht, dass er leicht wie Papier vom Wind davon geweht werden kann. Das verhilft ihm zur Flucht, doch diese seltsame Eigenheit bestimmt nun sein Leben. Und auch das des Ich-Erzählers, der als ungebildeter Jugendlicher zu einem der Beschützer und Seilträger seines außergewöhnlichen Onkels Djamschid bestimmt wird. Es wird seine Lebensaufgabe, seinen Onkel am Boden zu halten – und ihm mit Hilfe von Seilen auf Wunsch das geliebte Fliegen zu ermöglichen. Doch diese Kunst bleibt nicht lange geheim, das Militär hat größtes Interesse an Djamschid als „Geheimwaffe“ zur Aufklärung an der Front und so müssen der fliegende Onkel und seine jugendlichen Begleiter, die im Führen der Seile geübt sind, im grausamen Iran-Irak-Krieg ihren Dienst tun. Als Djamschid im Einsatz abstürzt, verliert er sein Gedächtnis und auch sein Charakter verändert sich. Iranische Gefangenschaft, Flucht in die kurdischen Berge, die trügerische Hoffnung auf ein normales Leben mit einer geliebten Ehefrau, das Exil in der Türkei als erfolgreicher Fluchthelfer, eine Odyssee durch Europa, die Demütigungen als Showattraktion, … . Immer wieder ist es der Ich-Erzähler, der den Onkel sucht oder in den Himmel starrend auf ihn wartet, wenn er mal wieder vom Wind weit fortgetragen wurde und irgendwo in der Welt abgestürzt ist. Der junge Mann und die Heimat Kurdistan sind wie Anker, zu denen der Onkel auch nach neuerlichem Gedächtnisverlust und vielen Irrungen wieder zurückfindet, denn an eines erinnert er sich immer: „Ich bin Kurde und kann fliegen“.

Eine märchenhafte Erzählung voller Rätsel, Abenteuer und Symbolik, aber ganz klar im zeitgeschichtlichen Umfeld von 1979 bis fast in unsere Gegenwart verortet: Iran-Irak-Krieg, die Willkür unter Saddam Hussein, Bürgerkrieg in Kurdistan, Flüchtlingsschicksale und Schlepper-Kriminalität.

Im Nordirak geboren (1966), lebt Bachtyar Ali bereits seit Mitte der 1990er Jahre in Deutschland. Er schreibt auf Kurdisch (Sorani), übersetzt wurde die Erzählung von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim. Die Romane von Bachtyar Ali werden dem Magischen Realismus zugeordnet, bei uns bekannter durch die lateinamerikanischen Vertreter dieser Richtung. Diese Erzählung kann man auch gut verstehen, ohne viel über kurdische Kultur zu kennen. Auch große Kenntnisse über die Nahost-Geschichte der letzten 40 Jahre sind nicht unbedingt nötig.

Ein guter Einstieg in das Werk dieses Autoren, der zur Weltliteratur zählt.

Unsere Katalogdaten zu den Werken von Bachtyar Ali findet Ihr hier, die Detaildaten zur neuen Erzählung hier.

Viel Freude beim Lesen.
HilDa