Buchtipp: Der letzte Wunsch

Ich mag Geschichte, die sich in Richtung Herr der Ringe oder Game of Thrones bewegen sehr gerne, sowohl in gedruckter Form als auch als Film. Daher stach mir die Serie The Witcher, die seit Dezember 2019 bei Netflix zu sehen ist direkt ins Auge. Die Serie beruht auf Büchern des polnischen Autors Andrzej Sapkowski, die ich vor dem Schauen der Serie zuerst lesen wollte.

Die Serie, wie auch die Bücher handeln von dem Hexer Geralt von Riva. Als Hexer zieht er durch die mittelalterlich anmutenden Lande, um gegen Bezahlung Ungeheuer und allerlei Monstrositäten zu erledigen. Dabei schlägt ihm allerdings oft der Hass der Dorfbewohner, die er vor Monstern rettet, entgegen. Denn Hexer sind Mutanten, die als Kinder so verändert wurden, dass sie zum Beispiel im Dunkeln sehen und Magie wirken können. Geralt hat dazu noch weißes Haar und jeder, der anders ist als die Mehrheit, muss natürlich mit Misstrauen gestraft werden, dass kennen wir ja aus dem echten Leben zur Genüge.

Andrzej Sapkowski hat zum einen eine fünfteilige Reihe rund um Geralt geschrieben. Angefangen hat er aber mit zwei Kurzgeschichten Bänden, die die Vorgeschichte bilden und einige Jahre nach Beendigung der Reihe hat er noch einen Roman geschrieben, der nach der ersten Vorgeschichte Der letzte Wunsch gelesen werden kann (unten findet ihr die Bücher einmal aufgelistet). Und dann gibt es noch eine Anthologie, indem aber nur einige Geschichten von Geralt handeln.
Vielen dürfte die Geschichte zudem wohl auch durch die Videospieladaptionen bekannt sein.

Ich habe nun Der letzte Wunsch und Zeit des Sturms gelesen und bin bisher ziemlich begeistert. Zum einen finde ich es spannend, dass auch Elemente aus der slawischen Mythologie in den Büchern zu finden sind. Zwar gibt es auch Drachen und Elfen und Geschichten, die an Aschenputtel oder Rapunzel erinnern, aber Geralt kämpft eben auch gegen Wesen aus der slawischen Sagenwelt. Baba Yaga sagt mir ja noch was aber von Strigen hatte ich beispielsweise vorher noch nie gehört.

Mir gefällt auch wie Sapkowski an das Fantasygenre herangeht – oft selbstironisch, manchmal wirkt es fast schon wie eine Parodie. Mir hat dieser unterschwellige Humor beim Lesen jedenfalls viel Spaß gemacht.

Zudem mag ich, dass es hier kein Gut und Böse gibt, sondern alle irgendwie grau durch die Gegend laufen. Da ist das blutrünstige Monster auf den zweiten Blick das eigentliche Opfer und die ehrwürdigen Zauberer haben dauernd mit Intrigen untereinander zu kämpfen.

Ich freue mich auf jeden Fall die weiteren Bücher zu lesen und danach dann auch die Serie zu schauen (die mir dann hoffentlich auch gefällt). 🙂

Hier die Übersicht über die gesamte Reihe und wo sie bei uns ausleihbar sind:

Die Vorgeschichte:
Der letzte Wunsch
Zeit des Sturms
Das Schwert der Vorsehung

Die Hexer-Saga 1-5:
Das Erbe der Elfen
Die Zeit der Verachtung
Feuertaufe
Der Schwalbenturm
Die Dame vom See

Die Anthologie, in der auch Geschichten aus der Hexerwelt enthalten sind:
Etwas endet, etwas beginnt

lga

Buchtipp: Der Name des Windes

Der Name des Windes von Patrick Rothfuss handelt von Kvothe, Sohn fahrender Spielleute und der größte Zauberer seiner Zeit. Kvothe, der Blutlose und Kvothe, der Königsmörder wird er genannt, er ist nicht nur ziemlich klug und begabt, sondern besitzt auch ein großes Talent sich in Schwierigkeiten zu bringen. In der Name des Windes erzählt Kvothe von seinem Leben und wie er zu dem wurde, der er ist.

Die Königsmörder-Chroniken, wie sie auch heißen, lese ich nun schon zum wiederholten Male. Der Name des Windes ist der erste Teil, der zweite Band Die Furcht des Weisen ist im Deutschen wegen des großen Umfangs auf zwei Bücher aufgeteilt. Teil drei, der gleichzeitig auch der Abschluss sein soll, wird hoffentlich in nicht allzu ferner Zukunft erscheinen. Man wartet mittlerweile schon einige Jahre auf dieses letzte Buch. Meine gelegentlichen Internetrecherchen ergeben leider immer wieder, dass es weiterhin keinen offiziellen Erscheinungstermin gibt. Der Autor soll sich natürlich alle Zeit nehmen, das Buch in seinem Sinne zu Ende zu schreiben, trotzdem warte ich doch etwas ungeduldig, den Abschluss endlich lesen zu können.

Der Name des Windes steckt nämlich voller Geheimnisse. Der Chronist, dem Kvothe seine Lebensgeschichte erzählt, findet ihn in einem Wirtshaus in einer kleinen Ortschaft, die er unter dem Namen Kote bewirtschaftet und wo er sich seit einigen Monaten versteckt. Da findet sich schon direkt die erste Frage: wieso steckt unser Held irgendwo im nirgendwo in einem Wirtshaus? Und wie kommt er zu seinem Beinamen „Königsmörder“? Gefühlt alle paar Seiten ergeben sich weitere Fragen, die mich dazu verführt haben, in den letzten Tagen noch öfter nach dem Erscheinungsdatum für Band drei zu suchen … man kann ja auf ein Wunder hoffen. Andererseits machen all diese Geheimnisse ja auch den Reiz dieses Buches aus und das Rätseln und Verdächtigen hat auch etwas für sich.

Neben der spannenden Geschichte, die mich beim Lesen gar nicht mehr los lässt, mag ich auch den Schreibstil von Patrick Rothfuss sehr gerne. Er nutzt eine fast schon poetische Sprache, die dazu führt, dass ich manche Sätze und Formulierungen auch mal wiederholt lesen muss, weil sie einfach so schön sind.
Faszinierend finde ich auch Rothfuss Beschreibungen von Musik. Kvothe ist Lautenspieler und Sänger und zwar ein ziemlich guter und seine Musik ist ihm sehr wichtig. Dementsprechend nimmt die Musik auch immer wieder viel Platz in der Geschichte ein. Man könnte meinen, das wäre nicht gut durchdacht von Rothfuss. Musik lebt ja schließlich davon, dass man sie hört, aber der Autor beschreibt Musik auf so schöne Weise, dass es dafür entschädigt, sie nicht tatsächlich hören zu können (wobei ich Kvothe trotzdem gerne mal spielen hören würde… 🙂 ).

Der Name des Windes ist für mich ein Buch, dessen Geschichte ich immer wieder gerne besuche. Und wenn ich das nächste mal Lust auf die Bücher habe, habe ich ja vielleicht sogar das Glück, dass dann auch schon der letzte Teil erschienen ist und ich die Geschichte endlich im Ganzen lesen kann. 🙂

Hier gelangt ihr zu den Katalaogdaten des Buches, dass ihr auch als eBook oder Hörbuch bei uns ausleihen könnt.

lga

Buchtipp zum „Neujahr“

Henning setzt sich am Neujahrsmorgen im Lanzaroteurlaub aufs Fahrrad und fährt los, um den Steilaufstieg nach Femés zu bezwingen. Dabei gehen ihm immer neue Gedanken durch den Sinn. Über seine Frau, die am Vorabend ungeniert mit einem Franzosen am Tisch nebenan geflirtet hat, über seine Kinder, die er über alles liebt, bei denen er sich aber dennoch fragt, ob er und seine Frau in der Erziehung nicht irgendetwas falsch machen, über die Schwiegereltern, über seine eigene Mutter, die ihn und seine Schwester als Alleinerziehende zwar mit allem Nötigen versorgt hat, aber auch immer das Gefühl vermittelte, die Kinder seien eine Belastung und Zumutung.
Und über ES denkt er nach. Über seine Panikattacken und Angstzustände, unter denen er seit einer ganzen Weile leidet.

Als er den Pass schließlich völlig erledigt erreicht, trifft ihn eine furchtbare Erkenntnis. Als Kind ist er schon einmal an diesem Ort gewesen. Und er erinnert sich an die schrecklichen Geschehnisse dieses lange zurückliegenden Familienurlaubs, der die Ursache, für seine Angstzustände zu sein scheint.

Hennings Fahrradtour den Berg hinauf fühlt sich an, wie ein Weglaufen vor sich selbst. Immer wieder kommen seine Gedanken auf ES zurück. Er spricht nicht von Panikattacken und Angstzuständen, immer nur von ES. Man spürt, dass etwas dahintersteckt, an das Henning nicht denken will, etwas das er verdrängt. Wenn seine Gedanken zurück zu ES wandern versucht er jedes Mal sie umzulenken, aber alle Themen führen ihn doch wieder dorthin zurück.
Man fragt sich, was Henning erlebt hat. Ist er einfach so unzufrieden mit Job, Familie und seinem ganzen Leben? Was steckt dahinter?
Es war spannend herauszufinden, was Henning als Kleinkind im Urlaub auf Lanzarote erlebt hat, und wie ihn dies bis heute verfolgt.
Am Ende stellte sich mir die Frage, wie es mit Henning weitergehen wird. Wird er sich endlich ärztliche Hilfe holen? Hat es ihm geholfen, sich an das Trauma aus seiner Kindheit zu erinnern?

Sehr gut gefallen hat mir übrigens auch die Inszenierung des Buchs im Theater am Alten Markt in Bielefeld. Das Stück war sehr nah am Buch und die beiden Darsteller vermochten durchgehend zu fesseln. Sehr empfehlenswert!

lga

Mittendrin Mittwoch #108

Erschöpft ließ ich mich auf einer harten Bank am Fenster nieder, der schweigenden Versammlung der Wachsfiguren  gegenüber, und Wogen der Rührung stiegen in mir auf. Welcher Muskel war das, der mir die Kehle zuschnürte, wie war noch sein Name? Wer hat den menschlichen Körper ersonnen – und wer hat auf ihn das Copyright?

Unrast von Olga Tokarczuk, Seite 146

Eine namenlose Ich-Erzählerin, die ständig rastlos unterwegs ist, berichtet episodenhaft von Erlebnissen auf Flughäfen, in Museen, von Gesprächen, die sie mit anhört, von Begegnungen mit Fremden.
Im Griechenlandurlaub verschwinden Frau und Tochter eines Mannes spurlos.
Und Eryk lenkt seine Fähre eines Tages, statt zur gegenüberliegenden Küste, einfach hinaus aufs Meer.

Die vielen Geschichten verbindet, dass sie alle vom Reisen handeln, von Menschen, die auf der Suche, auf Wanderschaft sind, denen eine Unrast anzumerken ist. Immer neue Menschen und Orte bereist man selbst beim Lesen. Die Ich-Erzählerin und Erzählungen anderer Menschen wechseln sich ab. Bisher scheinen die Geschichten noch kaum zusammenzuhängen, da ich aber noch relativ am Anfang des Romans stehe, bin ich gespannt, ob sich noch ein roter Faden zeigt.

Im Rahmen der Literaturtage der Stadtbibliothek Bielefeld wird Olga Tokarczuk am 10.10.2019 um 20 Uhr bei uns zu Gast sein und aus ihrem neuen Buch Die Jakobsbücher lesen. Dieses erscheint nächste Woche am 01.10.2019 in der deutschen Übersetzung.
Hier gelangt ihr zu den Büchern von Olga Tokarczuk, die wir bei uns in der Bibliothek zur Ausleihe vorrätig haben. Die Jakobsbücher werdet ihr in Kürze dann auch bei uns finden.

Das gesamte Programm der Literaturtage und weitere Informationen findet ihr hier.

lga

Elizzy von read books and fall in love hat sich für alle, die teilnehmen mögen, folgende Blogaktion ausgedacht: der „Mittendrin Mittwoch“. Er besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.

Mittendrin Mittwoch #107

Gstrein_Als ich jung warGenau zwei Tage vor seinem Tod hatte der Professor zu mir gesagt, er sei überzeugt, dass jeder Mensch wenigstens eine Geschichte in seinem Leben habe, von der er nicht wolle, dass jemand anderer sie zu hören bekomme, es gebe bei jedem ein Zentrum des Schweigens, ein Zentrum der Scham, an das er sich selbst kaum heranwage.

Als ich jung war von Norbert Gstrein, Seite 297

In Als ich jung war begleiten wir den Österreicher Franz. Die Kapitel wechseln zwischen seinen zwei Lebensschauplätzen. Dem Restaurant in Tirol, das früher seine Eltern betrieben haben und das nun sein Bruder wieder neu eröffnet hat. Und dem verschlafenen Nest in Wyoming in Amerika, in dem er 13 Jahre als Skilehrer arbeitete.

Im Restaurant seines Vaters wurden in seiner Jugend jeden Sommer zahlreiche Hochzeiten ausgerichtet, bei denen Franz von seinem Vater als Fotograf verpflichtet, die Brautleute ablichtete. Bei seiner letzten Hochzeit wird die Braut am nächsten Morgen mit gebrochenem Genick am Fuße eines Abhangs gefunden. Franz Aufbruch nach Amerika kurz darauf erscheint fast wie eine Flucht.

Nach und nach ergründet man zwar, wie Franz die Hochzeit der toten Braut erlebt hat, wie sein Leben in Wyoming aussah und wie er wieder nach Tirol zurückkehrt, dabei bleibt Franz aber stetig ein eher unzuverlässiger Erzähler, der vor sich selbst auf der Flucht zu sein scheint und sich mit vielem aus seiner Vergangenheit nicht beschäftigen will. Man weiß nie so ganz, ob das, was er dem Leser erzählt, die Wahrheit ist, ihr nur nahe kommt oder gar nicht stimmt. Sowohl in Amerika als auch in Tirol sieht Franz sich Gerüchten und Verdächtigungen ausgesetzt. Ob ich noch erfahre welche dieser Gerüchte tatsächlich stimmen, werde ich wohl auf den letzten Seiten sehen.

Wer sich übrigens lieber vom Autor als von mir überzeugen lassen möchte das Buch zu lesen: am 25. Oktober wird Norbert Gstrein im Rahmen der Literaturtage bei uns zu Gast sein, aus seinem Buch lesen und darüber sprechen.

Die Literaturtage starten dieses Jahr am 01. Oktober und bis zum 31. Oktober wird es insgesamt 12 Lesungen geben. Das gesamte Programm könnt ihr hier einsehen.

In Kürze könnt ihr das Buch auch bei uns in der Bibliothek ausleihen. Es durchläuft zur Zeit noch den Bestell- und Einarbeitungsprozess. 🙂

lga

Elizzy von read books and fall in love hat sich für alle, die teilnehmen mögen, folgende Blogaktion ausgedacht: der „Mittendrin Mittwoch“. Er besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.

Grenzen|los|lesen

Lateinamerika: Kolumbien

Mit einer gewissen Neugier schaute er auf seinen Vater, der angespannt aussah, verkrampft, triumphierend. „Der alte Mistkerl und das Meer“, dachte Javier und kramte in seinem Beutel nach der Marihuanapfeife. (Seite 48)

Meine Urlaubslektüre führte mich ans Meer, genauer an die kolumbianische Küste. Der kurze Roman hat 28 Kapitel, von 4 Uhr früh bis um 6 Uhr am Morgen des nächsten Tages zählen die Kapitelüberschriften Stunde um Stunde. Die letzte scheinbar doppelt. Ein Vater und seine zwei Söhne fahren mit dem Fischerboot hinaus. Das Meer ist türkisblau und ruhig, der Himmel klar, die Sonne brennt; die Arbeitsabläufe der drei Fischer wirken für flüchtige Beobachter routiniert und selbstsicher. Am Horizont in weiter Ferne türmen sich dunkle Wolken, zucken Blitze. An Land bleiben viele Zeugen zurück: die geistig verwirrte Mutter mit ihrem Chor der Geisterwesen, die Nachbarn, die vielen Touristen – Freunde und Fremde, die alle etwas gesehen haben, vielleicht auch eine Ahnung spürten … . Von der ersten Seite an scheint klar: Diese Bootsfahrt endet mit einer Katastrophe – und das Unwetter ist nicht der einzige Auslöser. Viele Stimmen erzählen diese Geschichte.

„Der alte Mistkerl und das Meer“ (siehe Zitat oben) – erinnert sicher nicht zufällig an Hemingway, der ja in ganz ähnlichen Gewässern fischte. Doch Personenkonstellation, Ausgangssituation und Thema sind bei González ganz anders. Sein Roman ist vielstimmig wie ein Mosaik aus verschiedenen Perspektiven zusammengesetzt, zentrale Figuren sind drei Fischer. Es geht auch weniger um das Thema Mensch gegen die Natur, sondern um das äußerst spannungsgeladene Vater-Sohn-Verhältnis: Verachtung und Herablassung auf der einen, Zorn und Hass nach jahrelangen Demütigungen auf der anderen Seite.

Mir gefällt die Komposition dieses Textes, diese Vielstimmigkeit, die aber nicht verwirrt. Die Sprache wirkt einfach, klar und schnörkellos, aber auch poetisch. Aus der schlichten Geschichte entwickelt sich auf nur gut 150 Seiten ein wuchtiges Drama.

Der Autor Tomás González war mir bisher völlig unbekannt. Er gilt als einer der wichtigsten kolumbianischen Gegenwartsautoren (sagt nicht nur der Verlag). Der Klappentext zitiert DIE ZEIT „Erzähler von Weltrang“ – und das scheint mir nicht übertrieben.

González, Tomás : Was das Meer ihnen vorschlug : Roman / aus dem Spanischen von Rainer Schultze-Kraft und Peter Schultze-Kraft . – Hamburg : Mare, 2016. – 156 Seiten
Katalogdaten und Standort findet Ihr hier.

HilDa

Unter der Überschrift Grenzen|los|lesen möchten wir Weltliteratur aus anderen Kulturen und Sprachen vorstellen. Der Schwerpunkt soll bei Literaturen außerhalb des europäischen und anglo-amerikanischen Mainstreams liegen.
Wir wünschen viel Freude beim Entdecken und Lesen.

Mittendrin Mittwoch #106

Lotty war sehr bleich. Als wir zur Ecke Novaragasse kamen, blieb sie stehen, die Augen fest zugekniffen. Sie hatte diese Straße zuletzt als Neunjährige an dem Morgen gesehen, als ihr Großvater sie und ihren Bruder und die heulende Käthe Saginor zum Bahnhof brachte. Die Polizei (…) hatte damals ihren Teddy mit Bajonetten durchbohrt, um sich zu vergewissern, dass ihre Familie keine Juwelen darin versteckt hatte. (Seite 516)

Die Geschichte ist grausam. Unsere Geschichte. Was Menschen anderen Menschen schreckliches antun: aus Macht- und Geldgier, Geltungssucht, Rassismus, Sadismus, weil sie blind Befehlen gehorchen, ohne zu hinterfragen irgendwelchen Autoritäten und Hierarchien folgen, den Hasspredigern einer Ideologie oder Religion, einer Phantasmagorie oder Wahnvorstellung auf den Leim gehen – was auch immer sie zur Abstumpfung ihres Gewissens und als „Erklärung“ für ihre Verbrechen vorschieben. Menschen zu allen Zeiten und aus allen gesellschaftlichen Schichten. Und manche könnten unsere Nachbarn, Vorgesetzten oder Kollegen sein oder gar unsere Familienangehörige. Was für ein Horror.

98BD34C8-B314-43BC-955C-F262105C5193Der Thriller von Sara Paretsky beginnt in einer verwüsteten Meth-Küche. So möchten wir uns die Verbrecher vorstellen: gewissenlose Dealer und durchgeknallte Süchtige, denen zwar alles zuzutrauen ist, denen man das Böse aber immerhin ansieht. Und die nicht sind wie wir, das möchten wir zumindest glauben. Doch „Kritische Masse“ führt uns in viel schlimmere Abgründe.

Zeitlich umfasst der Roman die letzten 100 Jahre, beginnend mit den Sternstunden physikalischer Forschung im frühen 20. Jahrhundert, doch dann folgte die Perversion der Wissenschaften einschließlich der hemmungslosen Entmenschlichung bei den Nazis und später im Kalten Krieg, die Suche um jeden Preis nach neuen Massenvernichtungswaffen bis ins heutige Computerzeitalter mit den totalen Überwachungsmöglichkeiten. Ja, das steckt alles drin in diesem Krimi. Dabei ermittelt die Detektivin gar nicht in einem richtigen Fall, die Gefälligkeit für eine Freundin führt erst einmal ins Drogenmilieu. Doch wer hätte gedacht, dass sie dann ausgerechnet in der Chefetage eines IT-Konzerns und in den Häusern von Nobelpreisträgern recherchieren muss – und unfassbares aufstöbert.

Ich habe erst kürzlich Liza Cody für mich entdeckt, Sara Paretsky konnte ich jetzt bei meiner Urlaubslektüre wiederentdecken (endlich wurde wieder einer ihrer Romane übersetzt!) – zwei Großmeisterinnen des Thriller-Genres. Paretskys toughe Detektivin V.I. Warshawski ist ja schon fast legendär, aber auch im sogenannten reiferen Alter (es ist ihr 16. Fall) noch immer unverwüstlich, mit sicherem Instinkt und Scharfblick, gut vernetzt, mitfühlend – und kompromisslos hart. Eben eine echte Hardboiled Detective.
Der rasante Thriller mit historisch-politischem Hintergrund taucht unsere Zeitgeschichte in ein brutales Licht, ohne aber in dieser Brutalität in Bild und Sprache zu baden.

Ich stehe jetzt gut 20 Seiten vor dem Finale, den großen Showdown habe ich soeben gelesen und atme vor der Auflösung erst einmal durch. Schreibe, um noch ein wenig die Spannung zu halten, das Ende hinauszuzögern. Aber mehr will ich jetzt hier wirklich nicht verraten – und auch nicht länger die Lektüre unterbrechen.
Lesen!

Paretsky, Sara : Kritische Masse / Deutsch von Laudan & Szelinski. – Deutsche Erstausgabe. – Hamburg : Argument Verlag, 2018. – 539 Seiten. – (Ariadne ; 1236)
Originaltitel: Critical mass
Standort und Katalogdaten hier

HilDa

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Mittendrin Mittwoch #105

Aber vielleicht besteht, statt tiefgefroren oder geklont zu werden, ein weiterer Weg zu den Sternen darin, den Alterungsprozess zu verlangsamen oder vielleicht sogar zu stoppen.

Abschied von der Erde von Michio Kaku

Michio Kaku beschäftigt sich in seinem Buch mit Überlegungen, wie die Menschheit von der Erde Abschied nehmen und das ganze Universum besiedeln könnte. Dazu wirft er erst einmal einen Blick auf unsere nähere Nachbarschaft. Auf den Mond, der als Basis für Missionen zu unserem roten Nachbarn dienen könnte, zum Mars, zu dem Missionen der NASA geplant sind aber auch Missionen privater Unternehmer, wie Elon Musk. Um das Jahr 2050 ist vielleicht schon ein ständiger Außenposten auf dem Mars errichtet. Das können viele von uns tatsächlich noch miterleben. Aber wie sieht es in 100, 1000, oder 10.000 Jahren aus?

Das Kapitel, das ich gerade lese, beschäftigt sich mit verschiedenen Möglichkeiten, wie wir zu weit entfernten erdähnlichen Planeten gelangen könnten. Bei Reisen, die vielleicht mehrere hundert Jahre dauern, könnten Multi-Generationen-Schiffe zum Einsatz kommen, wir könnten die Astronauten in Tiefkühlschlaf versetzen oder gar die Unsterblichkeit erfinden. Vieles hört sich erst einmal wie reine Science Fiction an, umso erstaunlicher finde ich, dass zu all diesen Themen geforscht wurde und wird.

Vieles ist dabei natürlich trotzdem sehr spekulativ. Beim Lesen wird einem immer wieder bewusst gemacht, dass einige Konzepte vielleicht immer nur in der Theorie existieren werden, weil sie sich als nicht umsetzbar erweisen. Trotzdem ist es spannend darüber zu lesen, wie Roboter und künstliche Intelligenz uns bei der Besiedlung ferner Planeten helfen könnten, welche Arten von Raumschiffantrieben und -modellen schon erdacht wurden oder wie wir mit Hilfe der Stringtheorie, falls sich diese als richtig erweisen sollte, sogar das Ende unseres Universums überleben könnten.

Ich bin gespannt welche Zukunftsvisionen mich auf den letzten 150 Seiten noch erwarten. 🙂

Hier geht es zu den Katalogdaten.

lga

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UnderCover #2

Krimi-Neuerwerbungen im Frühjahr, Teil 2

Ich beginne mal mit einer norwegischen Krimi-Autorin, nicht zuletzt weil Norwegen im Herbst Gastland der Frankfurter Buchmesse sein wird. Karin Fossum ist für versierte Krimi-Leser*innen wahrscheinlich keine Unbekannte; seit den 90er Jahren wurden mehrere Romane ins Deutsche übersetzt (von Gabriele Haefs) und immer wieder neu aufgelegt. So auch diese bereits älteren Titel, die wir aufgrund eines Leserwunsches wieder angeschafft haben.

Drei Romane von Karin Fossum

Evas Auge“ ist im Original 1995 erstmals erschienen, 1998 die deutsche Übersetzung. Eine Frau wird aus Neugier Zeugin eines Mordes und gerät dann immer tiefer in den Mahlstrom des Verbrechens. Der raffinierte psychologische Thriller war der erste Fall mit Kommissar Sejer.

Fremde Blicke“ ist von 1996, deutsch 2000; mit diesem Roman wurde Karin Fossum zur Bestseller-Autorin. Kommissar Konrad Sejer will den Tod der jungen Annie aufklären. Sie war in dem norwegischen Dorf sehr beliebt, doch die Bewohner bleiben schwer durchschaubar und scheinen ein dunkles Geheimnis wahren zu wollen.

Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein“ ist schon der elfte Fall mit Kommissar Sejer. Bei einem tragischen Unfall stirbt ein kleiner Junge, die Eltern sind untröstlich. Doch für Sejer stimmt so einiges an diesem Unglück nicht.
Karin Fossum schreibt mehr als Whodunnit-Krimis, in ihren Romanen zeigt sie die Abgründe der menschlichen Seele.

Die nächsten drei Autoren und ihre Thriller führen uns zu sozialen Brennpunkten, in prekäre Verhältnisse und in ein Umfeld der Chancenlosigkeit, der Vorverurteilung, der Korrumpierbarkeit; eine Welt, in der Opfer und Täter, Sieger und Besiegte sich kaum unterscheiden.

Drei Romane

Drei Thriller aus dem Polar-Verlag: „Nichts ist verloren“ von Cloé Mehdi; „Desert Moon“ von James Anderson; „Bluebird, Bluebird“ von Attica Locke

Die Schriftstellerin Cloé Mehdi gewann mit ihrem Roman „Rien ne se perd“ in Frankreich schon viele Preise; die deutsche Übersetzung „Nichts ist verloren“ ist von Cornelia Wend, im Stuttgarter Polar-Verlag erschienen. Erzählt wird aus der Perspektive des elfjährigen Mattia, der in einem Pariser Banlieue bei einem Vormund aufwächst. Als im Viertel alte Wunden aufbrechen und er begreift, dass das Leben seines Vaters vor 15 Jahren durch den umstrittenen Tod des Jungen Said aus der Bahn geworfen wurde, will Mattia die Wahrheit herausfinden. Eine ausführliche Rezension zu dem Roman im Deutschlandfunk von Kirsten Reimers findet Ihr hier.

„The Never-Open Desert Diner“, deutsch (aus dem Amerikanischen von Harriet Fricke) „Desert Moon„, ist der Debütroman von James Anderson. Ingeborg Sperl schreibt in Der Standard kurz und knapp, der Roman „arbeitet mit genauen, quasi pastellgetönten Stimmungen, die in detaillierten Schockbildern enden. Die Wüste lebt, aber nicht alle überleben.“

Genau wie die beiden vorgenannten Titel stand auch „Bluebird, Bluebird“ von Attica Locke in diesem Jahr auf der Krimibestenliste, im Februar sogar auf Platz 1. Darren Matthews ist eben nicht Anwalt, sondern Texas Ranger geworden, weil er vor allem Hassverbrechen aufklären will; und die zwei Morde in dem kleinen Kaff in Osttexas scheinen ihm rassistisch motiviert zu sein – allerdings sieht nur er das so. Thekla Dannenberg zeigt sich in ihrer Krimikolumne „Mord und Ratschlag“ bei Perlentaucher von der Handlung und dem Thema des Romans mitgerissen und berührt, sprachlich allerdings weniger überzeugt.

Krimi-Taschenbuch

„Versammlung der Toten“ von Tomás Bárbulo

 

Im gleichen Beitrag bespricht sie auch „Versammlung der Toten“ von Tomás Bárbulo, eine schräge Krimikomödie um einige verpeilte Gauner, allesamt Verlierer der Wirtschaftskrise in Spanien, und um einen Juwelenraub in Marokko, der so ganz anders verläuft als abgesprochen.

 

 

„Desperation Road“ von Michael Farris Smith

 

Aber noch mal zurück in die Südstaaten der USA mit Michael Farris Smith und seinem düsteren Roman „Desperation Road„: Zwei Verlorene ohne Chance – der Ex-Häftling Russell Gaines, der gerade nach elf Jahren Haft einen Neuanfang sucht, und die obdachlose Maben, die zusammen mit ihrer Tochter auf der Flucht ist. Iris Tscharf ist in ihrer Rezension für CulturMag ganz begeistert.

 

„Die Plotter“ von Un-Su Kim

 

Brutale Gewalt gepaart mit Humor – und eine Bibliothek als Tarnung für Auftragskiller. Na, wenn das kein passender Abschluss unserer heutigen UnderCover-Liste ist. Der koreanische Schriftsteller Un-Su Kim hat mit seinem ersten Thriller „Die Plotter“ gleich international Furore gemacht. Der Krimi Noir wird hier von Sonja Hartl bei Deutschlandfunk Kultur besprochen.

Viel Freude beim Lesen.

HilDa

 

 

Mittendrin Mittwoch #104

Ich bin keine Detektivin. Bloß weil es einen Mord gab, muss er noch lange nicht aufgeklärt werden. Es ist zwanzig Jahre her! Ich schreib an einer Biografie, nicht an einem scheiß Thriller. (Seite 258)

Aber es ist ein Thriller. Und Liza Cody versteht es, diesem Genre eine ganz eigene Note zu geben.
Ok, diese Metapher konnte ich mir jetzt nicht verkneifen, geht es doch in diesem Buch um eine geniale Musikerin und die (selbst-)zerstörerische Musikszene.

Die kleine, unscheinbare Elly ist ein Phänomen. Nein, sie war es:

(…) Elly Astoria, berühmt für ihren kurzen kometenhaften Aufstieg und noch berühmter für die abartigen Umstände ihres Todes. (Seite 19)

„Ballade einer vergessenen Toten“ von Liza Cody

Damit ist gleich zu Beginn klar, wie kurz und tragisch das Leben der armen kleinen Elly war. Jahrzehnte später entschließt sich die vom Leben enttäuschte Schriftstellerin Amy spontan, eine Biografie über Elly zu schreiben.

Das sieht trotz der Andeutungen vorerst gar nicht nach einem Krimi aus. Die Kapitel des Romans liefern Puzzleteile aus unterschiedlichen Perspektiven zu Ellys Leben und Amys Recherchen: Rückblicke, Interviews, Notizen, Briefe und E-Mails. Mal begleiten wir Amy bei ihrer Suche, lesen ihre Aufzeichnungen und Entwürfe, mal erzählt ein Zeitzeuge, mal ein auktorialer Erzähler. Die Puzzleteile passen nicht so ganz zusammen, denn jeder Beteiligte hat nicht nur seine eigene Sicht und Interessen – eigentlich reden alle mehr über sich selbst.

Und Elly verschwindet wie immer irgendwo im Hintergrund. Ihre Entdecker haben Ellys Talent ausgenutzt, aber das leichtgläubige Mädchen im Stich gelassen und ausgenutzt; Ellys Songs sind berühmt und haben vielen Künstlern zu Hits verholfen, doch ihre zwielichtigen Berater und Manager haben nur sich selbst die Taschen gefüllt. Die ungebildete Elly war offensichtlich ein leichtes Opfer. Aber wer hat sie so brutal ermordet? Erst jetzt in der zweiten Hälfte des Buches rückt diese Frage in den Vordergrund – ob Amy, die Biografin, das nun will oder nicht.

Einen Roman von Liza Cody wollte ich schon lange lesen, sie wird für ihre Milieuschilderung, ihre Charaktere und Sprache von Krimirezensenten geradezu gefeiert. Darum habe ich in der Buchhandlung nicht gezögert, als ich dieses neue Buch von ihr fand. „Ballade einer vergessenen Toten“ spielt geschickt mit den unterschiedlichen Blickwinkeln auf das kurze, tragische Leben der (fiktiven) Elly Astoria – und gibt so nebenbei einen verstörenden Einblick in das Musikgeschäft. Liza Cody kennt sich übrigens in der Szene bestens aus und lässt auch große (reale) Namen einfließen.

Das ist großartig geschrieben, kommt bisher so gar nicht wie ein klassischer Thriller daher und ist doch ungemein spannend. Darum schreibe ich jetzt auch nicht weiter, ich möchte ja viel lieber weiterlesen.

Cody, Liza : Ballade einer vergessenen Toten / Deutsch von Martin Grundmann. – Hamburg : Argument-Verlag, 2019. – 411 Seiten. – (Ariadne ; 1238)
Originaltitel: Ballad of a dead nobody
ISBN 978-3-86754-238-8

PS: Inzwischen wird der Roman in der Stadtbibliothek eingearbeitet, Katalogdaten findet Ihr hier.

HilDa

Elizzy von read books and fall in love hat sich für alle, die teilnehmen mögen, folgende Blogaktion ausgedacht: der „Mittendrin Mittwoch“. Er besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.