Literaturtage 2021 Nachlese

Alle Bücher der Literaturtage 2021 sind empfehlenswert, das haben die Lesungen, die Gespräche und die Rezensionen zu den Romanen gezeigt. Wir hatten bereits Blogbeiträge mit Informationen zu jeder einzelnen Lesung. Aber einige Romane möchte ich hier noch einmal aus eigener Lektüre empfehlen. Die Auswahl ist dabei eher zufällig, denn ich habe nicht alle Bücher der 10 Veranstaltungen gelesen, einige möchte ich noch.

Lena Gorelik: Wer wir sind

Lena Gorelik hat mit ihrem autobiographischen Roman ihre sehr persönlichen Erfahrungen und Gefühle niedergeschrieben: Kindheit in St. Petersburg, dann mit 11 Jahren Ausreise und Ankunft in einem fremden Land mit anderen Sitten und vor allem einer anderen Sprache. Mehr zum Roman hier.

Roman "Wer wir sind" von Lena Gorelik mit dem Programmheft der Literaturtage Bielefeld 2021

Die Szenen, die mich besonders berührt haben, waren die, die das Verhältnis zu den Eltern betreffen. Die sind mit ihren Kindern in ihr Sehnsuchtsland ausgewandert, bleiben aber im „Westen“ die Fremden. Auf der Tochter liegt der Druck, die großen Erwartungen der Eltern, die Anpassung an die neue Heimat, die Scham über die Wohn- und Lebensverhältnisse im Flüchtlingsheim, der Zwiespalt und das Unverständnis zwischen den Generationen, dazu die ganz normalen Teenager-Probleme und Eltern-Kind-Konflikte, wie sie wohl jeder mehr oder weniger kennt. Das ist so berührend und klar geschrieben. Und alles ist umrahmt von der Liebe in dieser Familie, wobei zwischen den Generationen meist die Worte dafür fehlen. Aber Lena Gorelik hat das Buch auch als eine Liebeserklärung an die Eltern geschrieben. So habe ich es jedenfalls gelesen. Sehr bewegend. Dieses Buch hätte ich gerne meiner Mutter empfohlen und mit ihr darüber gesprochen.

Zora Del Buono: Die Marschallin

Auch ein Roman über ein Stück eigene Familiengeschichte, es geht um die gleichnamige Großmutter der Schweizer Autorin, eine bemerkenswerte Frau voller Widersprüche. Mehr dazu hier.

Roman "Die Marschallin" von Zora del Buono mit dem Programmheft der Literaturtage 2021

Ich musste feststellen, dass ich nur sehr wenig über die bewegte Geschichte des Balkan und Italiens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weiß. 1. Weltkrieg, Faschismus, 2. Weltkrieg – das war zwar alles mal Thema des Geschichtsunterrichts, aber nicht aus der südeuropäischen Perspektive. Da fehlte mir einiges an Hintergrundwissen – nicht dass das zum Verständnis des Romans unbedingt notwendig wäre. Aber das Buch stieß mich auf diese Lücke – nun ja, sicher eine von vielen. Aber dieser Teil der europäischen Geschichte hat schließlich auch Auswirkungen bis heute. Nein, das ist eigentlich nicht das Thema des Romans, aber die charismatische Hauptfigur steht für die Zerrissenheit, die inneren und äußeren Kämpfe, für die Verstrickungen und gesellschaftlichen Brüche dieser Zeit.

Felicitas Hoppe: Fieber 17

Die Autorin las aus ihrer Erzählung Fieber 17 vor, aber das größere Interesse beim anschließenden Gespräch und genauso in den Medien lag bei ihrem Roman „Die Nibelungen“ – den ich aber bisher noch nicht gelesen habe (liegt aber auf meinem SuB, dem Stapel ungelesener Bücher). Mehr zu beiden Büchern hier.

Buch "Fieber 17: eine Erzählung und ein Essay" von Felicitas Hoppe, Dörlemann-Verlag

An dem kleinen Büchlein „Fieber 17“ hat mich eigentlich der angehängte Essay am meisten beeindruckt. Den empfehle ich jedem, der sich für das Erinnern an die eigene Kindheit interessiert, für die Frage, wie Erinnerungen uns prägen und wie sich unsere Erinnerungen verändern, allein weil wir darüber Nachdenken, davon Erzählen oder eben Schreiben wie die Autorin. Hat mir einiges zu Denken gegeben.

Marente de Moor: Phon

Der Roman der niederländischen Autorin hat mich sehr überrascht. Der Inhalt ist im Blogbeitrag zur Lesung schon erzählt (hier).

Roman "Phon" von Marente de Moor

Mich interessiert zurzeit das Genre nature writing in der Belletristik, und hier habe ich ein großartiges Beispiel dafür gefunden. Die Natur aus der Sicht der Ich-Erzählerin beschrieben: als Zuflucht, als Spiegel für ihre Gefühle, als mythischer Ort. Die Natur dient aber als reine Projektionsfläche: Es ist der Mensch, der das Göttliche darin finden will – oder auch das Dämonische zu erkennen meint. Ob Pope, selbst ernannte Schamanin oder Atheist – alle erklären sich die Natur so, dass es zu ihrem jeweiligen Weltbild passt. Dabei sind der Natur die Menschen egal, sie ist zu ihnen genauso gnädig und brutal wie zu allen Lebewesen.

Der Ich-Erzählerin sind die Gewissheiten verloren gegangen, sie sucht neuen Halt. Zwischen Erinnerung und Verdrängung lauern ein Trauma und der Verlust — irgendetwas ist vor einiger Zeit geschehen, das das Paradies endgültig zerstört hat. Oder die Illusion vom Paradies.

Marente de Moor lässt ihre Protagonistin sprunghaft und scheinbar schlicht erzählen, findet aber besonders für die Beschreibung der Natur eine poetische Sprache. Das hat mir sehr gut gefallen. Es wird nicht alles erklärt. Läuten die seltsamen Töne die Apokalypse ein oder sind sie nur Einbildung, gibt es eine naturwissenschaftlich-logische Erklärung oder bleibt uns das Rätsel. Bringt der Lokomotivführer die Chance zu einem neuen Anfang oder ist auch er nur ein Traum, eine Phantasie? Und was genau ist passiert an dem Tag, über den niemand sprechen will.

Ich finde, dieser Roman um Menschen, die sich mehr oder weniger mit Absicht aus dem Zeitgeschehen zurückgezogen haben und jetzt in mehrfacher Hinsicht aus der Zeit gefallen sind – in ihrer eigenbrötlerischen Lebensweise, ihrer Abkapselung von der Gesellschaft, aber auch psychisch in ihrer Verwirrtheit und ihrem Gedächtnisverlust – wirft auch ein erstaunliches Bild auf unsere aktuelle Situation. Wie gehen wir mit dem Alleinsein um? Mit der Erosion unseres festgefahrenen Weltbildes? Mit unserem romantisierenden, vermenschlichenden Naturverständnis? Und unserer gleichzeitigen Tendenz, das zu zerstören, was wir vorgeben zu lieben? Wie reagieren wir auf die Gefahr, auf die wir nicht vorbereitet sind, obwohl (oder weil?) wir doch alles zu wissen glauben und uns durch den wahren Glauben, die eigene Stärke oder besondere Kenntnisse eigentlich geschützt wähnen? Sagt uns zumindest unser Bauchgefühl. Die Suche nach dem Ort, an dem wir alle menschliche Unbill einfach vergessen können, damit endlich alles vorbei ist – wer versteht das nicht.

„Aber sie sind sich ihrer Sache sicher, wie Esther. Meine drei Tischgenossen haben alle Rätsel gelöst. Egal, was man ihnen erzählt, sie nicken immer nur eifrig, und du wirst deine Geschichte nicht los, weil sie sie schon kennen, schlimmer noch, sie wissen darüber Bescheid, weil sie über alles Bescheid wissen. Sie haben den Durchblick, Lokführer. Ich bin hier allein mit meinen Zweifeln.“

(Seite 308)

Aber das sind meine Fragen und Gedanken beim Lesen dieses Romans. Es ist an jedem Leser, mit welcher Gewissheit oder Interpretation er aus dem Buch geht.
Ich empfehle es sehr.

HilDa

Judith Hermann: Daheim

Literaturtage Bielefeld 2021
„Vom Wunsch anzukommen“

„…jeder Satz stimmt.

Ijoma Mangold

Roman "Daheim" von Judith Hermann mit Programmheft der Literaturtage Bielefeld 2021

Daheim. Ein Wort das Beheimatung und Geborgenheit suggeriert. Aber so richtig gemütlich wird es in dem gleichnamigen Roman von Judith Hermann nicht.

Die Ich-Erzählerin ist siebenundvierzig Jahre alt und geschieden. Sie hat eine erwachsene Tochter und lebt seit ungefähr einem Jahr allein in einem kleinen, maroden Haus an der Küste, gleich hinter dem Deich. Sowohl die Landschaft als auch die Gefühlswelt der Protagonistin zeichnen sich durch eine spröde Kargheit aus.

Dabei beginnt die Geschichte zauberisch. Die damals zwanzigjährige trifft in einer Tankstelle einen seltsam anmutenden Mann, der sich als Zauberer entpuppt und sie einlädt, mit ihr den etwas angestaubten Trick der „zersägten Jungfrau“ zu probieren. Dieses Kunststück soll auf einem Kreuzfahrtschiff mit dem Zielhafen Singapur vorgeführt werden. Doch sie, Bandarbeiterin in einer Zigarettenfabrik, lehnt überraschend ab.

Mit dieser Episode bereitet die Autorin das Motiv der Kiste, des Eingesperrtseins vor. Immer wieder wird dieser Gegenstand, in unterschiedlichen Varianten und Ausdeutungen, eine Rolle spielen.

Das überschaubare Figurenensemble besteht aus Menschen, die wie Strandgut an diesen Küstenstreifen gespült wurden. Da gibt es den angeberischen Bruder, die dissoziale Nike, den Ex-Ehemann und Messie Otis, die burschikose Mimi und deren überaus pragmatischen Bruder Arild, sowie ihre Tochter Ann, die irgendwo auf einem Schiff durch die Welt segelt. Allen gemeinsam scheint eine gewisse Verlorenheit, Unbehaustheit. Judith Hermann schreibt keine auserzählten Welten, sondern lässt vieles ungesagt und den Lesern damit viel Freiraum.

Judith Hermann lebt in Berlin und wurde durch ihren 1998 erschienenen Erzählungsband „Sommerhaus. später“ bekannt. Es folgten weitere Erzählbände und ein Roman. Für ihr Werk wurde sie mit zahlreichen Preisen wie dem Kleist-Preis und dem Friedrich Hölderlin-Preis geehrt.

(Text aus dem Programmheft zur Veranstaltungsreihe)


Die Katalogdaten zu den Werken von Judith Hermann im Bestand der Stadtbibliothek findet Ihr hier.

Hier die Literaturliste als PDF:

Eine Auswahl Rezensionen und Gespräche über den Roman haben wir hier verlinkt:

  • Daheim sei „wahrscheinlich das beste Buch, das Judith Hermann geschrieben hat“, meint Christoph Schröder im Deutschlandfunk, hier.
  • „Das Bezwingende an Judith Hermanns schmalem Roman ist die Atmosphäre“, sagt Maike Albath in ihrem Beitrag für Deutschlandfunk Kultur, hier.
  • „Ein im literarischen Sinne des Wortes zauberhafter Roman“ – so Carsten Otte in seiner Buchkritik für SWR2, hier.
  • Judith Hermann habe „sich als Schriftstellerin neu erfunden“ titelt Carsten Otte dann sogar in der TAZ, hier.
  • Der Roman erzähle „von einer besonderen Gabe, die der Mensch besitzt: der Augenblickswahrnehmung“, meint Terrance Albrecht im WDR, hier.
  • Auch Roman Bucheli von der NZZ ist hingerissen, hier.
  • Ingeborg Jaiser sieht im online-Magazin TITEL-kulturmagazin Judith Hermanns Ruf als große zeitgenössische Erzählerin bekräftigt, hier.
  • In der 3Sat-Kulturzeit gab es einen 2-minütigen Filmbeitrag als Einführung zum Roman (in der Mediathek bis 19.05.2022), hier, und ein Gespräch mit Iris Radisch (ca. 5 Min.), hier.
  • Das lesenswert Quartett im SWR2 mit Denis Scheck, Insa Wilke, Ijoma Mangold und Antje Rávic Strubel lobt in seiner Runde den Roman einstimmig (Video in der SWR-Mediathek, ca. 11:30 Min.), hier.

Dienstag, 2. November, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Angelika Teller
Musikalische Begleitung: Nils Rabente, Flügel, Elmar Lappe, Schlagzeug, und Kevin Hemkemeier, Bass
Eintrittspreis: 10,– €, ermäßigt 6,– €, Livestream 2,– €

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Es wird keinen Livestream zur Lesung geben.

Dante und seine Commedia

Literaturtage Bielefeld 2021
„Vom Wunsch anzukommen“

„Da war von Seufzen, Weinen, Wehgeschrei 
rings um mich her in sterneloser Luft 
ein Widerhall, dass mir die Tränen kamen.
 
Verschiedne Sprachen, fürchterliche Reden
und Worte, Ausbrüche von Schmerz und Wut
mit Stimmen scharf und dumpf, und Handgeklatsche“

(Inf., III, vv. 22-27)
Dante-Statue vor Santa Croce, Florenz, Enrico Pazzi, 1865

Auch in diesem Jahr findet auf der Literaturbühne der Stadtbibliothek Bielefeld in traditioneller Kooperation mit der Deutsch-Italienischen Gesellschaft Bielefeld e.V. und unter der Schirmherrschaft der Botschaft der Italienischen Republik wieder ein „Lesemarathon“ statt.

Im Rahmen der Feierlichkeiten, die anlässlich des 700. Todestages von Dante Alighieri 2021 ausgerichtet werden, steht im Mittelpunkt des Abends die erste Cantica seines weltberühmten Werkes „Die göttliche Komödie“, von der Jorge Luis Borges behaupten konnte, sie sei „das beste von Menschen geschaffene Buch“ überhaupt.

„Ich bin der Eingang in das ewige Leid“, „Tu, der du eintrittst, alle Hoffnung ab.“  So lautet die Inschrift auf dem Höllentor, das jeder durchschreitet, über den das Urteil ewiger Verdammnis gefällt wurde. Am 25. März 1300 – so datiert die Forschung – auf dem Höhepunkt seines Lebens, tritt der vom rechten Wege abgekommene Dante, vor Angst zitternd, lebend über die Schwelle jener Unheils-Pforte. Eine Reise ins Jenseits steht ihm bevor, die er dank seines Mentors und Wegbegleiters, des großen Vergil, übersteht. Wir begleiten ergriffen die beiden Dichter durch das Inferno und begreifen, warum über die Jahrhunderte Dantes Werk nichts von seiner Faszination verloren hat und warum sich so viele Künstler von ihm inspirieren ließen.

Kulturschaffende und Persönlichkeiten des öffentlichen Bielefelder Lebens lesen Passagen auf Deutsch (in der Übersetzung von Karl Vossler) und – in wenigen kurzen Auszügen – auf Italienisch.

(Text aus dem Programmheft zur Veranstaltungsreihe)


Wir haben verschiedene Ausgaben der Commedia von Dante in unserer Bibliothek, hier. (Bitte beachten Sie, dass wir Bücher, die älter als 100 Jahre sind, nicht mehr ausleihen.)

Wir haben auch eine Literaturliste zu Dante und seinem Werk zusammengestellt:

Freitag, 29. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Dr. Maddalena Agliati Werner
Musikalische Begleitung: tricorder, Blockflöten
Der Eintritt ist frei.

In Kooperation mit der Deutsch-Italienischen Gesellschaft e.V., Bielefeld

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Lena Gorelik: Wer wir sind

Literaturtage Bielefeld 2021
„Vom Wunsch anzukommen“

„Ich erzähle eine Geschichte, die uns allen gehört, ich sammle Geschichten in meiner.“

Roman "Wer wir sind" von Lena Gorelik mit dem Programmheft der Literaturtage Bielefeld 2021

In Lena Goreliks Schreiben spielt die Frage der Identität immer wieder eine wichtige Rolle. In ihrem jüngsten autobiographischen Roman erzählt sie, wie sie als Elfjährige in den frühen 1990er Jahren mit ihren Eltern, ihrem Bruder und der Großmutter Sankt Petersburg verließ, um fortan in Deutschland zu leben. Ob die Familie dort im fremden Ludwigsburg auch eine ‚Heimat‘ gefunden hat, was dies überhaupt bedeuten mag und ob es letztlich auch so etwas, wie ein Ende der Migration geben könnte, all dies beschreibt Lena Gorelik in ihrem hochgelobten Roman «Wer wir sind» (2021). Sie erzählt davon, wie sich Fremdheit anfühlt und wie im fremden ‚Westen‘, dem einstigen Sehnsuchtsort, nun für die Eltern ihre Nostalgie für alles Russische erwächst. Der Roman zeigt Identität dabei als das, was gerade dann besonders drängend wird, wenn sie ihre Selbstverständlichkeit verliert und zugleich als etwas, das immer auch im Zwiespalt zwischen Stolz und Scham, Eigensinn und Anpassung, Fremdsein und allem Dazwischen anzusiedeln ist.

Lena Gorelik, 1981 in Sankt Petersburg geboren, kam 1992 mit ihren Eltern nach Deutschland. Ihr Roman «Hochzeit in Jerusalem» (2007) war für den Deutschen Buchpreis nominiert, der viel­gelobte Roman «Mehr Schwarz als Lila» (2017) für den Deutschen Jugendbuchpreis. Regel­mäßig schreibt Lena Gorelik Beiträge zu gesellschaftlichen Themen, u.a. für die «Süddeutsche Zeitung» oder «Die Zeit». Sie lebt in München.

(Text aus dem Programmheft zur Veranstaltungsreihe)


Die Katalogdaten zu den Werken von Lena Gorelik im Bestand der Stadtbibliothek findet Ihr hier.

Hier die Literaturliste als PDF:

Einige Rezensionen und Interviews haben wir hier verlinkt:

  • Sigrid Löffler besprach den autobiografischen Roman für den Deutschlandfunk Kultur, hier.
  • Ebenfalls im Deutschlandfunk Kultur ist ein Gespräch mit Christine Watty auf dem Blauen Sofa nachzuhören (ca. 18 Min.), hier.
  • Einen kurzen Filmbeitrag gibt es in der BR Mediathek, Kulturmagazin puzzle: Interview moderiert von Özlem Sarikaya (ca. 10 Min.), hier.
  • Ein „Roman wie ein Webteppich“ mit der Sprache als Hauptfigur – schreibt Franziska Wolffheim für den Tagesspiegel, hier.
  • Holger Moos schrieb für das Goethe-Institut über den Roman, hier.
  • Noch einmal ein Interview auf dem Blauen Sofa: Joachim Dicks interviewte für ARD-Forum, mdr (ca. 25 Min.; Video verfügbar bis 30.05.2022) hier.

Donnerstag, 28. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Saskia Fischer
Musikalische Begleitung: Henning Rice, Flügel und Valentin Katter, Trompete und Gesang
Eintrittspreis: 10,– €, ermäßigt 6,– €, Livestream 2,– €

In Kooperation mit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Bielefeld

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Marente de Moor: Phon

Literaturtage Bielefeld 2021
„Vom Wunsch anzukommen“

Weil man einen, der sich austauscht,
und sei es mit sich selbst, nicht einsam nennen kann.

Seite 296

Manchmal klingt es wie ein urzeitliches Tier. Es ist ein bisschen tektonisch, sagen Nadja und Lev zueinander zur Beruhigung. Aber diese dunklen Geräusche gab es nicht immer in der Luft über ihrem Haus in den russischen Wäldern. Das Biologenpaar verließ die Universität im alten Leningrad, baute ein Refugium für verwaiste Bärenjunge auf und bot jungen Freiwilligen aus den Euroländern, vermittelt durch die unnahbare Holländerin Esther, die Chance zur Begegnung mit ursprünglicher Natur. Aber diese kommen nicht mehr, die Nachbarn sind weggezogen, die einzige Fabrik ist längst verfallen. Einsamkeit macht sich breit. Und während Lev seinem Gedächtnis nicht mehr trauen kann, kämpft Nadja gegen ihre Erinnerungen. Was passierte in dem Jahr, von dem sie nichts mehr wissen will? Und wohin ist plötzlich auch noch Lev verschwunden?

Phon zeigt, wie Menschen allein, weit entfernt von der zerrütteten Gesellschaft, aus der sie geflohen sind, mit der Natur und ihren Erinnerungen in Beziehung stehen. Wenn dann aber die Gewissheiten verloren gehen, ist es die Fantasie in diversen Formen, die sie über Wasser hält: da ist die Hexe mit dem Raben, dort der Traum vom Lokführer als Liebhaber.

Für „Phon“ erhielt Marente de Moor den Bordewijk-Prijs für das beste niederländisch-sprachige Prosawerk des Jahres: „Een met meesterhand geschreven ideeënroman … van de eigenzinnigste auteurs van het Nederlands taalgebied.“

Marente de Moor, 1972 in Den Haag geboren, lebte in den 90er Jahren in St. Petersburg, wo sie als Korrespondentin für niederländische und russische Medien arbeitete. Zurück in den Niederlanden publizierte sie 2007 ihren ersten Roman: „Amsterdam und zurück“. Vor zwei Jahren erschien auf Deutsch: „Aus dem Licht“, in dem sie das Zeitalter der Erfindung des Films porträtiert.

(Text aus dem Programmheft zur Veranstaltungsreihe)


Die Katalogdaten zu den Werken von Marente de Moor im Bestand der Stadtbibliothek findet Ihr hier:

Wir haben auch eine Literaturliste als PDF:

Eine Rezension gab es in der SZ:

  • Meike Fessmann schreibt, „Phon“ sei „keine Dystopie, sondern ein starker Gegenwartsroman“, hier.

Dienstag, 26. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Antje Doßmann
Musikalische Begleitung: Nils Rabente, Flügel
Eintrittspreis: 10,– €, ermäßigt 6,– €, Livestream 2,– €

In Kooperation mit dem Verein der Freunde und Förderer der Stadtbibliothek Bielefeld, e.V.

Hilmar Klute: Oberkampf

Literaturtage Bielefeld 2021
„Vom Wunsch anzukommen“

Hilmar Klute erzählt beeindruckend die Geschichte einer spektakulären Desillusionierung – mit einem Knalleffekt-Ende, das einen lange nicht loslassen wird.  

(Anja Höfer, SWR2)

Roman "Oberkampf" von Hilmar Klute, Galiani-Verlag, Berlin

Der Titel des Buches „Oberkampf“ entlehnt sich dem Namen einer Pariser Metrostation. Gelegen im 11. Arrondissement, einem lebendigen Quartier, in dem sich die Pariser und Touristen zum Feiern treffen. Es gibt zahllose Cafés und Restaurants, Konzerthallen und Museen. Dorthin verschlägt es den Mittvierziger Jonas Becker. Er ist in diese Stadt gekommen, um ein Buch über einen mehr oder minder berühmten Schriftsteller zu schreiben und um aus seinem bisherigen Leben zu flüchten, einem gescheiterten Startup-Unternehmen, einer schon lang erloschenen Liebesbeziehung.

Kurz nach seiner Ankunft wird in diesem Viertel das Attentat auf die Redaktion der Satire Zeitschrift „Charlie Hebdo“ verübt. Dabei werden zwölf Menschen getötet und mehrere verletzt. Paris steht unter Schock. Bei einer spontanen Demonstration sieht er die junge Französin Christine wieder, die er an seinem ersten Abend in der Stadt kennengelernt hat. Sie werden ein Paar und Jonas erlebt, nicht zuletzt durch sie, wie die Menschen versuchen, diese Ungeheuerlichkeit zu bewältigen und sich ihr Leben zurückzuholen.

Gleichzeitig trifft er sich regelmäßig mit dem Autor Richard Stein, der ihn schon früh fasziniert hat. Die Begegnungen mit dem 86jährigen charismatischen, aber auch selbstverliebten Mann werden nach und nach unbehaglich. Denn Stein versteht es, seinen Biographen wie eine Spinne in sein Netz zu locken.

Hilmar Klute ist Streiflicht-Kolumnist der SZ, hat eine Biographie über Joachim Ringelnatz „War einmal ein Bumerang“ geschrieben und 2018 sein vielbeachtetes Romandebüt „Was dann nachher so schön fliegt“ veröffentlicht. Er lebt in Berlin.

(Text aus dem Programmheft zur Veranstaltungsreihe)


Die Katalogdaten zu den Werken von Hilmar Klute im Bestand der Stadtbibliothek findet Ihr hier.

Hier die Literaturliste als PDF:

Einige Rezensionen haben wir hier verlinkt:

  • Anja Höfer, SWR, meint „Klute setzt den schweren Stoff mit Leichtigkeit und Humor um“, hier.
  • Hannes Krauss, literaturkritik.de, lobt Klutes „originelle Milieuschilderungen und präzise Dialoge“, hier.
  • In der ARD-Kultursendung ttt-titel, thesen, temperamente gab es einen Filmbeitrag (ca. 6:20 Min.; nur noch bis zum 23.11.2021 in der Mediathek), hier.
  • Hilmar Klute im Gespräch mit Joachim Scholl im Deutschlandfunk Kultur, hier.

Dienstag, 19. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Angelika Teller
Musikalische Begleitung: Thomas Schweitzer, Saxophon
Eintrittspreis: 10,– €, ermäßigt 6,– €, Livestream 2,– €

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Hans-Ulrich Treichel: Schöner denn je

Literaturtage Bielefeld 2021
„Vom Wunsch anzukommen“

Eine durchaus psychoanalytische Lektüre, geprägt vom unverwechselbar trockenen Humor Hans-Ulrich Treichels. (…) Das alles liest sich herrlich …

(Claudia Ingenhoven, MDR)

Roman "Schöner denn je" von Hans-Ulrich Treichel, Suhrkamp-Verlag

Das ambivalenter Verhältnis zweier Männer beschreibt der 1952 in Versmold geborene Schriftsteller, Germanist und ehemalige Direktor am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, Hans-Ulrich Treichel, in seinem neuen Roman „Schöner denn je“: Während Erik Filmarchitekt in der glamourösen Welt Hollywoods ist, arbeitet Andreas, der Ich-Erzähler, als Fachdidaktiker für Französisch im ummauerten Westberlin. Immer wenn letzterer in die Lebenswelt Eriks eintaucht, spürt er seine vermeintlichen Defizite. Einmal so wie Erik sein, das hat sich Andreas Reiss sehnsüchtig gewünscht und sich von ihrer gemeinsamen Schulzeit an um eine Freundschaft mit dem zwar stets höflichen und gelassenen, aber letztlich unnahbaren Erik bemüht.

Was letztlich der Grund für Eriks beneidenswertes Lebensgefühl war, wusste ich nicht. Dazu ließ er mich nicht nahe genug an sich heran. Er war freundlich, er war kameradschaftlich, aber jeder wirklich engeren Verbindung wich er aus. Ich hätte einiges darum gegeben, sein bester Freund zu sein. Oder auch nur sein zweit- oder drittbester.

Erik ist gut in der Schule, aber kein Streber, hat Chancen bei den Mädchen, besitzt schon ein Auto, und seine dichten Haare sehen einfach lässig aus, Andreas dagegen fühlt sich eher wie der Typ Buchhalter mit seinen früh sich abzeichnenden Geheimratsecken:

Er war der Star und ich der Fan.

Nach dem Abitur in der norddeutschen Provinz werden die zwei nach Berlin ziehen, verlieren sich aus den Augen, dennoch kann Andreas nicht aufhören, den Schulfreund, den er einen „Wettbewerber des Lebens“ bezeichnet, zu idealisieren, wobei diese Konkurrenz, von der Erik nichts ahnt, meist zu seinen, Andreas‘ Ungunsten ausfällt. Zu einer filmreifen Dreiecksgeschichte wird die Beziehung zwischen den beiden Ungleichen mit dem besonderen Verhältnis des Ich-Erzählers zum Filmstar Hélène Grossmann, für die er seit Jugendjahren schwärmt, die aber offensichtlich auch eine besondere Verbindung mit Erik unterhält. Als Andreas ein paar Tage mit der prominenten Dame verbringt, die quasi von der Leinwand zu ihm herabsteigt, und sich damit zwischen  Erik und der berühmten Schauspielerin stellen kann, hält er sich für „auserwählt“ , bis die Illusionsblase platzt und er sich mit seiner Mittelmäßigkeit zufrieden geben muss

„Schöner denn je“ ist eine lakonisch-komische Geschichte von Freundschaft und Sehnsucht.  Und Andreas Reiss ist einer dieser typischen Treichel-Helden, mit dem der Romancier die Untiefen im Alltag der Gegenwart auslotet. Aber auch für diejenigen, die psychoanalytischen Deutungen zugetan sind, hat der Roman einiges zu bieten.

Der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Hans-Ulrich Treichel hat als Lyriker und Prosaautor ein umfangreiches Werk geschaffen, bekannt wurde er vor allem mit den Romanen „Der Verlorene“ (1998) und „Tristanakkord“ (2000). Zuletzt erschien seine Erzählung „Tagesanbruch“ (2016).

(Text aus dem Programmheft zur Veranstaltungsreihe)


Die Katalogdaten zu den Werken von Hans-Ulrich Treichel im Bestand der Stadtbibliothek findet Ihr hier.

Aber wir haben auch eine Literaturliste als PDF:

Hier einige Links zu Rezensionen über „Schöner denn je“:

  • Aus der Rezension von Claudia Ingenhoven, MDR Kultur, stammt das Zitat zu Beginn dieses Beitrags, hier.
  • Hilmar Klute nennt in der SZ das Buch „einen leichten und doch auch geheimnisvollen kleinen Roman“ und bescheinigt ihm „eine perfekte Dramaturgie“, hier.
  • Jörg Magenau betont im Radiobeitrag des Deutschlandfunk Kultur vor allem die Komik in der „grotesken Beziehungskomödie“: „Verbergen und Vorzeigen, Verrätseln und Enthüllen: Das sind die immanenten Themen dieses Romans.“ hier
  • Peter Mohr nennt im Rezensionsforum literaturkritik.de den Roman traurig-komisch, hier.
  • Judith von Sternburg erklärt in der Frankfurter Rundschau, dass dem Autor ein Paradoxon gelingt: eine uninteressante Hauptfigur erlebe gerade mal halbwegs Interessantes – und das Buch darüber „gelingt ausgezeichnet“, hier.
  • Carsten Otte zeigte sich in seiner Rezension für den SWR etwas enttäuscht im Gegensatz zu den älteren Romanen des Autors, hier.

Freitag, 15. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Dr. Maria Kublitz-Kramer
Musikalische Begleitung: Henning Rice, Flügel und Ismail Özgentürk, Saxophon
Eintrittspreis: 10,– €, ermäßigt 6,– €, Livestream 2,– €

In Kooperation mit der Literarischen Gesellschaft OWL

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Andreas Platthaus: Lyonel Feininger

Literaturtage Bielefeld 2021
„Vom Wunsch anzukommen“

„In Feininger spiegelt sich die Zeit“.

Sachbuch "Lyonel Feininger: Porträt eines Lebens" von Andreas Platthaus

Was wissen wir eigentlich über Lyonel Feininger? Viele hängen die Reproduktionen seiner intuitiv als schön wahrgenommenen kristallinen Gemälde in ihre Wohnungen: nur Dekoration? Zum 150. Geburtstag des herausragenden Künstlers Lyonel Feininger zeigt uns Andreas Platthaus den enorm vielfältigen Ausnahmekünstler der Klassischen Moderne. Wir folgen seinem wechselhaften 84jährigen Lebensweg: in New York geboren und dort zu einem Bankier in die Lehre gegeben, als 16jähriger von den Eltern zum Musikstudium nach Deutschland geholt, glücklicherweise dann der eigenwillige Wechsel zum Kunststudium.

Andreas Platthaus ist einer der besten Kenner der Mediengeschichte des Comics, zu deren frühen Höhepunkten Feininger wesentlich beitrug. Heute ist er der einflussreiche Literatur-Ressort-Leiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Schwerpunkt dieses einzigen Sachbuchs, das in unseren Literaturtagen vorgestellt wird, liegt aber bei Feiningers prägendem Einfluss als Meister des Bauhauses. Aus der Analyse von hunderten, bisher nicht in dieser Form aufgearbeiteten Briefen Feiningers wird erstmals verständlich, warum er es als „Unpolitischer“, so beschrieb er sich selbst, vier Jahre im tausendjährigen Reich aushielt, trotz der bedrohlichen Lage für seine Ehefrau, der jüdischen Künstlerin Julia Berg. Dabei war er bereits zum Ende des Ersten Weltkriegs als „feindlicher Ausländer“ diffamiert worden. Als 66jähriger, international vernetzter Künstler ging er, der nie seine US-Staatsbürgerschaft aufgab, erst im Juni 1937 zurück in seine Geburtsstadt, wo sich das Willkommen der Kunstwelt für ihn allerdings sehr in Grenzen hielt. Das Portrait eines Künstlerlebens, präzise recherchiert, leicht erzählt.

(Text aus dem Programmheft zur Veranstaltungsreihe)


Die Katalogdaten zu den Werken von Andreas Platthaus im Bestand der Stadtbibliothek findet Ihr hier.

Literaturlisten zu den Büchern von Andreas Platthaus und zu Lyonel Feininger:

Im Feuilleton gab es einige Besprechungen und Interviews, hier ein paar Links:

  • „Ein Maßstäbe setzendes Buch“ sagt Eva Hepper im Deutschlandfunk Kultur hier.
  • Harald Eggebrecht hebt in der SZ besonders hervor, dass der Autor der Biographie auch „von der dunklen, egomanen Seite des Grafikers und Bauhaus-Meisters“ erzähle, hier.
  • Auch Stefanie Leibetseder lobt im online-Rezensionsforum Literaturkritik.de einen detaillierten und vor allem „einen wohltuend kritischen Blick“, den Andreas Platthaus auf Feininger werfe; hier.
  • Auf dem Blauen Sofa sprach Thorsten Jantschek für Deutschlandfunk Kultur mit dem Autor über sein Buch, hier.

Mittwoch, 13. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Dr. Udo Witthaus
Musikalische Begleitung: Dr. Djamilija Keberlinskaja-Wehmeyer, Flügel
Eintrittspreis: 10,– €, ermäßigt 6,– €, Livestream 2,– €

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Felicitas Hoppe: Fieber 17 / Die Nibelungen

Literaturtage Bielefeld 2021
„Vom Wunsch anzukommen“

Gestern, endlich, die erlösende Nachricht aus dem Labor. Ich bin nicht bloß müde. Ich bin tatsächlich krank. Und plötzlich erklärt sich alles von selbst.

Fieber 17

Ich wurde verschickt. An einem Sonntagmorgen ging es an der Hand des Vaters erstmals zum Bahnhof. Abenteuer, Sand und Strand wurden versprochen. Ich war Fünf und hatte bloß Asthma. Plötzlich war ich im Zug umzingelt von Wärterinnen, die behaupteten, „Tanten“ zu sein, die für Ordnung sorgten. Später im Kinderkurheim: Ohrfeigen und Morgenappell. Verspottung die Nichtschwimmer am Strand. Pflichtbewusste Wärterinnen, durch und durch lieblos. Nach Hause geschickt wurden fröhliche Ansichtskarten: Mir geht es gut – wie geht es Euch. Als das Kuscheltier eines Nachts verschwindet, taucht erstmals das eigenartige Fieber auf, das das kleine Halborgan, das man früher Seele nannte, befallen hatte.

Äußerst kompakt wird so, mit autobiografischen Anklängen, vom Anfang ihres Lebens als Reisende erzählt – und zugleich vom Trennungstrauma, das Millionen verschickte Nachkriegskinder hierzulande erlitten haben. Es ist eine alptraumhafte Geschichte vom wirklichen Leben, flankiert von einem Essay über die Kindheit und dem vergeblichen Versuch, endlich erwachsen zu werden. Und natürlich ist es wieder ein sprachliches Meisterwerk der Büchner-Preisträgerin, die soeben für „ihren feinen Humor als Haltung zur Welt“ in Kassel ausgezeichnet wurde.

Zudem präsentiert Felicitas Hoppe ihren neuesten Roman: „Die Nibelungen: Ein deutscher Stummfilm“. Das erste gesamteuropäische Heldenepos, ein unschlagbar guter Stoff, so sagt Hoppe, sei der Ausgangspunkt. Was Quentin Tarantino und der deutsche Stummfilm damit zu tun haben, wird die 1960 in Hameln geborene Autorin von „Picknick der Friseure“, „Johanna“ und „Prawda“ uns live erzählen.

(Text aus dem Programmheft zur Veranstaltungsreihe)


Die Katalogdaten zu den Werken von Felicitas Hoppe im Bestand der Stadtbibliothek findet Ihr hier.

Eine Literaturliste als PDF haben wir auch:

Der Roman „Die Nibelungen“ wurde im Feuilleton besprochen, einige Rezensionen haben wir verlinkt:

  • Juliane Bergmann für NDR-Kultur spricht von einem „sprudeligen Feuerwerk“, mit dem Buch gelinge ein „witziges und kluges Experiment“ (hier)
  • Angela Gutzeit im SWR sieht in dem Roman eine „kapitalismuskritische, gleichzeitig aber auch ungemein unterhaltsame Deutung (…) voller sprachlicher Raffinesse, Witz, Verspieltheit und feiner Ironie.“ (hier)
  • Tilman Spreckelsen lobt in der FAZ, die Autorin habe „zu unserem Glück den Nibelungen-Schatz gehoben und ihn sich zu eigen gemacht, um ihn verwandelt zurück in die Welt zu schicken.“ (hier)
  •  Im Rezensionsforum literaturkritik.de glaubt Sascha Seiler am Ende seiner Besprechung, der Roman „wäre ein würdiger Sieger“ des Deutschen Buchpreis 2021. (hier)
  • Carsten Otte titelt in der TAZ, Felicitas Hoppe habe „die Nibelungensaga furios neu geschrieben“. (hier)

Auch zu „Fieber 17“ hier einige Besprechungen und Gespräche mit der Autorin:

  • Svenja Frank ordnet im Rezensionsforum literaturkritik.de die Erzählung und den Essay in das bisherige Werk der Autorin ein. (hier)
  • Judith von Sternburg ist in der FR fasziniert, „wie geschwind und freundlich und keineswegs aufdringlich die Büchnerpreisträgerin Hoppe Gewissheiten aus den Angeln hebt“, wenn sie „die fast tückische Frage nach der glücklichen oder unglücklichen Kindheit“ stelle. (hier)
  • Im Podcast des BR kann man noch bis zum 22.4.2022 eine Autorenlesung mit Gespräch (Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche) (29 Min.) anhören. (hier und einführenden Text hier)
  • Auch im WDR gab es ein Gespräch mit der Autorin (13 Min.). (hier)

Die Website der Autorin findet Ihr hier.

Freitag, 8. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Klaus-Georg Loest
Musikalische Begleitung: Reinhold Westerheide, Gitarre
Eintrittspreis: 10,– €, ermäßigt 6,– €, Livestream 2,– €

In Kooperation mit dem Verein der Freunde und Förderer der Stadtbibliothek Bielefeld, e.V.

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Zora del Buono: Die Marschallin

Literaturtage Bielefeld 2021
„Vom Wunsch anzukommen“

Einen lebenssatteren Roman mit interessanteren Figuren kann man derzeit kaum finden.

Elke Heidenreich

Zora del Buono schreibt über Zora del Buono. Aber sie schreibt nicht über sich, sondern über ihre gleichnamige Großmutter – die Marschallin! Den Namen bekam diese für ihre Verehrung des Marschalls Josip Broz Tito. Gleichzeitig spiegelt diese Titulierung auch ihre herrische Seite wieder, denn Zora del Buono war eine streitbare, eine widersprüchliche Frau. In ihr vereinten sich ganz unterschiedliche Begabungen und Eigenschaften. Sie war klug und kühn, eigenwillig und charismatisch, großzügig und gleichzeitig beängstigend. Geboren wurde sie vor dem ersten Weltkrieg in einem kleinen Ort in Slowenien. Dort lernte sie ihren späteren sizilianischen Ehemann, den Radiologie-Professor Pietro del Buono kennen. Sie folgte ihm nach Bari in Italien. Dort führten die beiden, obgleich überzeugte Kommunisten, ein großbürgerliches Haus mit Angestellten, großen Gesellschaften und einer angeschlossenen Privatklinik. Zora rieb sich an ihrer tradierten Frauenrolle, wollte nicht ausschließlich Mutter sein, wollte gestalten. So entwarf sie die eigene Villa – modern und schnörkellos, verbündete sich während des Krieges mit Partisanen, leistete vehementen Widerstand gegen Mussolinis Faschismus, dominierte das Leben ihrer Brüder und drei Söhne. Gleichzeitig war das Schicksal dieser unbeugsamen Frau geprägt von entsetzlichen Verlusten. Es scheint, als läge ein Fluch über der Familie und damit nicht genug, auch ein fatales Familiengeheimnis.

Zora del Buono ist Schriftstellerin, Architektin und Mitbegründerin der Zeitschrift „mare“. Sie lebt in Zürich und Berlin.

(Text aus dem Programmheft zur Veranstaltungsreihe)


Die Katalogdaten zu den Werken von Zora del Buono im Bestand der Stadtbibliothek findet Ihr hier.

Eine Literaturliste als PDF haben wir auch:

Die web-Adresse von Zora del Buono findet Ihr hier.

Der Roman wurde oft im Feuilleton besprochen, einige Rezensionen haben wir verlinkt:

Im Literaturclub des SRF-Kultur diskutierten vier Literaten am 6.10.2020 über den Roman; mit einer kurzen Lesung durch den Schauspieler Thomas Sarbacher. (Video, insgesamt etwas mehr als 11 Minuten)

Marie Sagenschneider interviewte die Autorin auf dem Blauen Sofa des ZDF am 16.10.2020 (Video, 16 Minuten; in der Mediathek nur noch verfügbar bis 16.10.2021).

Dienstag, 5. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Angelika Teller
Musikalische Begleitung: Valentin Katter, Gesang und Trompete; Leon Brames, Schlagzeug; Milan Böse, Bass
Eintrittspreis: 10,– €, ermäßigt 6,– €, Livestream 2,– €

In Kooperation mit dem Verein der Freunde und Förderer der Stadtbibliothek Bielefeld, e.V.

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