Literaturtage 2017: Hagard – Lukas Bärfuss

Hagard | Roman

Moderation: Dr. Maria Kublitz-Kramer, Literarische Gesellschaft

Das Leben vollzieht sich in ruhigen Bahnen. … Selten wird hier eine Existenz nach dem vierzigsten Lebensjahr anders zu Ende gehen als mit einem allmählichen Verglühen, was vielleicht der falsche Begriff ist, da er ein Brennen voraussetzt.
Philip, ein Liegenschaftsverwalter Ende Vierzig, bestens eingefügt in das normierte Gefüge, wird sich innerhalb von 36 Stunden ruinieren. Anfangs ist es ein Spiel, das er jederzeit abbrechen könnte. Um eine Wartezeit zu überbrücken, folgt der termingetriebene Mann aus einer Laune heraus einer wildfremden Frau quer durch Zürich. Genauer gesagt, er folgt ihren Schuhen, die ihm als Erstes auffallen: pflaumenblaue Ballerinas. Wissend um die Ungehörigkeit, bleibt er ihr, deren Gesicht er nicht einmal sehen kann, trotzdem distanziert auf den Fersen, wird dadurch erst zum Schwarzfahrer, dann zum Betrüger.
Er will ja nur sehen, wohin die junge Frau geht. Er lässt sich betören, genießt ihre Gesten, ihre Anmut, sieht das Licht auf ihrem Haar. Vielleicht könnte ihn seine Sekretärin Vera retten, die allerdings, wegen einer flauen Liebschaft, den entscheidenden Anruf im Büro verpasst. Und da gibt es die übergenaue Kinderfrau, die illegal in der Schweiz lebt. Eigentlich sollte Philip sich um die vielleicht inzwischen verunglückten Senioren kümmern, denen er das Ferienhausobjekt in Spanien verkaufen will.
Eine völlig andere Dimension der Unsicherheit wird im Handlungshintergrund virulent, als Philip von der spurlos verschwundenen Boeing 777 der Malaysia Airlines und anderen verstörenden Weltereignissen erfährt. Während die Energiereserven seines Smartphone-Akkus kontinuierlich absacken, die Hinweise auf die Pegelstände durchziehen den Roman, rennt der effektivitätsgetrimmte Mann weiter in sein Unglück.

Musikalische Begleitung: Matthias Klause-Gauster am Flügel

Am 26.10.2017 | Literaturbühne im Erdgeschoss | Einlass ab 18.30 Uhr

Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 6 Euro, Dauerkarte 50 Euro.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Literarischen Gesellschaft OWL, Literaturhaus Bielefeld e.V.

 

Kein Mittendrin Mittwoch #24

Lukas Bärfuss : Hagard
Lesung am 26.10.2017

Diesen Beitrag hatte ich vor drei Wochen vergessen, jetzt bin ich ehrlich gesagt schon nicht mehr mittendrin, habe ich die Erzählung bereits ausgelesen. Ich müsste jetzt also den letzten Satz zitieren, aber genau den darf ich natürlich nicht verraten!

Dieses kleine Büchlein liest sich bestimmt schnell, dachte ich, eine Wochenendlektüre und schon bin ich auf die Lesung am 26. Oktober vorbereitet. Aber ganz so einfach machte es mir der Autor nicht. So manchen Satz musste ich zweimal lesen, weniger weil er schwerverständlich oder furchtbar verschachtelt war, sondern weil mich der Text stellenweise zu schnell mitriss, die Sprache aber genossen werden wollte.

Die Handlung ist einfach und doch nicht schnell erzählt: Wir als Leser verfolgen einen Mann, Philip, der ganz spontan einem Paar auffälliger Damenschuhe folgt, die Trägerin der Ballerinas bleibt in der Menschenmenge der Zürcher Innenstadt unerkannt, nie sieht Philip ihr Gesicht. Aus einem banalen Zeitvertreib wird jedoch eine Verfolgung über 36 Stunden, in denen Philip mehr und mehr aus seiner bisherigen Lebenswirklichkeit entgleitet. Der bisher immer effizient arbeitende, wohl organisierte und vernetzte Immobilienhändler wandelt sich in kurzer Zeit vom Flaneur zum Schwarzfahrer, Betrüger , Stalker … . Was aus einer Laune heraus entstand, wird existentiell. Dabei nimmt Philip jeden seiner Schritte bewusst wahr, erkennt selbst, wie er sich in etwas irrationales hineinsteigert, dass er abbrechen könnte – und müsste. Nur noch ein weiterer Schritt, eine weitere Stunde …

Auch die Gegenstände, die bisher sein Leben getaktet haben, verliert er: sein Smartphone-Akku geht zur Neige, ebenso sein Bargeld; anfangs erhält er noch Nachrichten von außen. Er wird erwartet, er wird gebraucht, die nächsten Termine und Verpflichtungen. Gerade als ich meinte, jetzt reicht es aber, führt der Erzähler neue Perspektiven ein, und dann geht alles ganz schnell.

Eine kurze Wochenendlektüre, aber sehr tief, sehr nachhaltig. Wir können zwar mit dem Erzähler ins Innere des Protagonisten schauen, all seine Schritte und Gedankengänge nachvollziehen, wir können auch den Zufällen folgen, den Motiven der anderen Figuren – und doch …
Mir scheint, die Erzählung handelt von eben diesem „und doch …“, das immer unerklärlich bleiben wird.

Ich bin gespannt auf die Autorenlesung, ist es doch nicht leicht, einen passenden Ausschnitt zum Vorlesen zu finden, ohne zu viel vorwegzunehmen; und wie über dieses kurze, große Stück Literatur sprechen?

Bärfuss, Lukas : Hagard. – Göttingen : Wallstein-Verlag, 2017
Standort: Romane Baerf
+ als eBook in der Onleihe OWL

hilda

Elizzy von read books and fall in love hat sich die Blogaktion ausgedacht. Der „Mittendrin Mittwoch“ besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.