Dornröschen reloaded

Dank zweier Kolleginnen fiel mir das Buch „Das letzte Dornröschen“ von Claudia Siegmann in die Hände. Es ist zwar ein Kinder-/Jugendbuch, aber das tat der Lesefreude keinen Abbruch.

Der Inhalt: Flora (genannt Flo) ist scheinbar eine Nachfahrin von Dornröschen. „Ja klar“, denkt sie sich, als sie die Neuigkeit erfährt. „Die spinnen doch alle“. Aber nein, nach und nach lernt sie immer mehr junge Menschen kennen, die von Märchenfiguren abstammen. Da ist die arrogante Neva aus dem Schneewittchen-Clan, das leicht verrückte Rapunzel Val und nicht zu vergessen: Herzbube Timus. Auch unangenehme Begegnungen bleiben nicht aus- die Zwillinge Hänsel und Gretel zum Beispiel sind ziemlich schlagfertig.

Aber was soll das alles? Sämtliche Nachfahren der Märchenfiguren müssen sich bei der Agentur ASGA (Auffinden und Sicherstellen von Gegenständen aller Art) melden. Sie alle haben verschiedene Gaben, die dem Auffinden besagter Gegenstände dienen. Wir sprechen hier von magisch vergifteten Gegenständen, die den normalen Menschen Flausen in den Kopf setzen. So hat ein Mann aus dem kleinen Städtchen, in dem die Geschichte spielt, im Süden der Stadt ein Königreich errichtet und die Bewohner (besser gesagt: Untertanen) haben ihm nun Steuern in Form von Gold zu entrichten. Neva eilt dorthin, um den vergifteten Gegenstand an sich zu nehmen und hat die verwirrte Flo im Schlepptau. Die Arme weiß noch gar nicht richtig, welche Gabe sie besitzt und was das Ganze eigentlich soll…

Ein herrliches, märchenhaftes Buch für Kinder ab 12 Jahren. (Und für alle großen Kinder- ich freue mich ehrlich gesagt schon darauf, wie es weiter geht. Das Ganze ist nämlich eine Trilogie 🙂 )

Schaut doch mal auf unseren Instagram-Account. Dort seht ihr das „Bookface“ zum Cover! 😉

 

 

 

kwk

Winterzeit ist Märchenzeit #7

Die kleine Meerjungfrau
von
Hans Christian Andersen

Dieses Märchen hat mich im letzten Jahr begleitet, darum habe ich mir zu Weihnachten eine besonders schöne Buchausgabe geschenkt:

wegen der Pop-Up- und Dreh-Elemente nicht gerade bibliotheksgeeignet, wohl auch nicht für kleine Kinder gedacht, sondern eher etwas für Sammler und Liebhaber. Mich erinnerten die Illustrationen an das Bühnenbild einer Theaterinszenierung.

Das Designteam MinaLima, berühmt für die grafisch-visuelle Gestaltung der Harry-Potter-Filme, gibt besonders dem titelgebenden ersten Märchen des Bandes eine bunte, verspielte Note.

 

Das prächtige Buch haben wir nicht in der Bibliothek, aber hier die bibliografischen Daten:

Die kleine Meerjungfrau und andere Märchen / von Hans Christian Andersen. Illustriert von MinaLima Design. – Münster : Coppenrath, 2018

 

 

Wirklich überrascht hat mich aber der Text der Erzählung. Ich hatte geglaubt, das Märchen längst zu kennen, doch wahrscheinlich hatte ich bisher nur gekürzte oder veränderte Versionen gelesen. Die Märchenerzählung ist länger als ich gedacht hätte, enthält schöne Beschreibungen der Unterwasserwelt (von der die Leser zu Andersens Zeiten ja keine Farbfotos oder Fernsehbilder kennen konnten) und ein für mich doch sehr überraschendes Ende.

Illustration aus dem Buch

Die kleine Meerjungfrau, die übrigens bei Andersen nie bei einem Namen genannt wird, ist schon von den Menschen fasziniert, lange bevor sie überhaupt an die Wasseroberfläche darf, um die Welt zu erkunden. Als sie sich dann auch noch in einen Prinzen verliebt, will sie ihr Wasserleben aufgeben, opfert sogar ihre zauberhafte Stimme, nur um Beine zu erhalten und bei den Menschen leben zu können. Jeder Schritt auf ihren neuen Beinen ist ungeheuer schmerzhaft, ein Schmerz, den sie aus Liebe erträgt. Doch der Prinz liebt eine andere. Diese Szene war für mich eine Überraschung, denn er ist nicht etwa untreu, nein: Er bietet der fremden, stummen Frau, die er am Strand scheinbar hilflos findet, seine Freundschaft an, nimmt sie ohne Bedingungen bei sich am Hofe auf und erzählt ihr gleich freimütig, dass sie seiner großen Liebe ähnele – er macht ihr nie weitergehende Hoffnungen. Natürlich ahnt er auch nicht, was für Folgen es für die verwandelte Nixe hat, wenn ihre Liebe nicht erwidert wird. Die Hochzeit mit der anderen bedeutet für sie, dass der Zauber vorbei ist, sie muss bei Sonnenaufgang zu Meerschaum zerfließen.

Illustration aus dem Buch

Die Ermordung des Prinzen könnte sie zwar retten, ihr die Rückkehr in die unbeschwerte Unterwasserwelt ermöglichen. Doch sie wählt lieber den Tod.
Ein trauriges Ende.

Doch nein, nicht das Ende, denn das Märchen geht noch weiter: Der Meerjungfrau wird für ihre gute Tat das angeboten, was eigentlich nur Menschen gewinnen können – eine Seele und damit  ein ewiges Leben. Aus der Nixe, die ein Mensch sein wollte, wird ein Luftwesen, das sich zwar noch 300 Jahre lang durch weitere gute Werke bewähren muss, aber dann Unsterblichkeit erlangen kann.

Eine unglückliche, nicht erwiderte Liebe – die Interpreten verweisen auf verschiedene biografische Bezüge in Andersens Leben, die ihn zu diesem Märchen inspiriert haben sollen. Uns Lesern fallen sicher auch eigene Erfahrungen ein: die Liebe als süßlich-plüschige Glückseligkeit, wie sie am klassischen Ende eines Märchens zu stehen hat – ach, im Leben verläuft’s oft anders. Hans Christian Andersen schreibt über den Schmerz, über die Enttäuschung, aber auch über den Sieg der wahren Liebe, die dem anderen das Glück wünscht und gönnt, die loslassen kann, selbst zum Preis der eigenen Einsamkeit. Kein Happy End für jeden, aber auch kein trauriges oder gar hoffnungsloses Ende. Andersens phantastische Erzählung von 1837 (dänischer Originaltitel: Den lille Havfrue) bietet tatsächlich mehr Realismus als die vielen Adaptionen á la Hollywood, die wir heute für kindgerechter halten, weil sie nicht so traurig sind.
Nun ja.

Ich habe mir Disneys Arielle, die Meerjungfrau (The Little Mermaid, 1989) noch immer nicht angesehen, sollte es aber vielleicht mal machen, denn laut Lexikon des Internationalen Films ist der Trickfilm sentimental aber mit viel Komik, mitreißend und fantasievoll, auch wenn er mit „Andersens tief melancholischer Vorlage kaum noch etwas zu tun hat“.

Andersens Märchenstil gefällt mir jedenfalls ausgesprochen gut, die Sprache in der Übersetzung meiner neuen Märchenausgabe auch. Ich freue mich auf die anderen Erzählungen (Die Nachtigall, Das hässliche Entlein, Die Schneekönigin, …), da gibt es sicher noch so manche überraschende Entdeckung – selbst bei den „eigentlich“ bekannten.

Wenn Ihr selber einmal wieder „Die kleine Meerjungfrau“ oder auch andere Märchen von Hans Christian Andersen lesen möchtet, empfehle ich aus der Stadtbibliothek folgende Ausgaben:

Für Kinder:

Die kleine Meerjungfrau / nach der Geschichte von Hans Christian Andersen illustriert von Chihiro Iwasaki; Textbearbeitung von Rosi Plattner. – Salzburg : Bilderbuchstudio Neugebauer, 1984.
> Katalogdaten hier

 

 

Schon eine ältere Bilderbuchausgabe, aber mir gefallen die aquarellierten Zeichnungen der japanischen Künstlerin Chihiro Iwasaki sehr (mehr über sie in der englischsprachigen Wikipedia).

Die kleine Seejungfrau / Hans Christian Andersen. Nacherzählt von Arnica Esterl. Illustriert von Anastassija Archipowa. – Esslingen ; Wien : Esslinger, 2005.

Die schönsten Märchen / von Hans Christian Andersen. Mit Bildern von Anastassija Archipowa. Einzelne Märchen nacherzählt von Arnica Esterl. – Esslingen ; Wien : Esslinger Verl. Schreiber, 2000.

> Katalogdaten (u.a.) hier.

Die russische Malerin Anastassija Archipowa illustriert Andersens Märchen detailreich und sehr phantasievoll.

Märchen : Bilder von Nikolaus Heidelbach / Hans Christian Andersen. Aus dem Dänischen von Albrecht Leonhardt. – Weinheim ; Basel : Beltz, 2004.
> Katalogdaten hier

 

 

 

Vom Format her vielleicht doch eher ein Buch für Erwachsene, aber ideal zum Vorlesen. Der preisgekrönte Bilderbuchillustrator (und Autor) Nikolaus Heidelbach hat einen ganz eigenen Bilderschatz zu Andersens Märchen geschaffen: schön und voller Details, hintergründig und saftig.

Für Erwachsene:

Der Schatten : Hans Christian Andersens Märchen – gesehen von Günter Grass – Göttingen : Steidl, 2004.
> Katalogdaten hier

 

 

 

Natürlich kann auch aus diesem opulenten Band vorgelesen werden, aber die Aufmachung und vor allem die Lithografien von Günter Grass zielen eindeutig auf den erwachsenen Leser und Betrachter und interpretieren die bekannten und unbekannten Märchen neu.

Viel Freude beim Lesen.

HilDa

Winterzeit ist Märchenzeit #6

Winter is coming – also machen wir auch weiter mit unserer Märchenzeit.
Und da das Theater Bielefeld das amerikanische Märchen „Der Zauberer von Oz“ als Familienstück zur Weihnachtszeit spielt und die Märchenvorlage von L. Frank Baum in Deutschland kaum bekannt ist, liegt es doch nahe, hier im Blog ein paar Informationen zusammen zu tragen.

 

Der Zauberer von Oz

Ich kenne das Märchen auch erst durch eine Theaterinszenierung vor vielen Jahren, bei der ich den Blechmann spielen durfte. Selbst den Filmklassiker von 1939 mit Judy Garland hatte ich vorher nie gesehen, kannte nur den Titel und ein paar Ausschnitte. Und natürlich das Lied: „Somewhere over the Rainbow“. Das Theaterstück damals war toll, also habe ich auch das Buch gelesen. Vielleicht lag es ja an der Übersetzung, jedenfalls gefiel mir die Märchenerzählung nicht besonders; und selbst der Musicalfilm konnte mich nicht begeistern. In den USA gehört er zum alljährlichen Weihnachtsprogramm im Fernsehen, ein Familienereignis. Als synchronisierte Fassung unter dem Titel „Das zauberhafte Land“ wird er zwar auch im deutschen Fernsehen regelmäßig um Weihnachten herum im Kinderprogramm gezeigt, aber weder Film noch Buch haben hier je große Popularität erreicht.

Illustration von W.W. Denslow – Library of Congress LC Control No.: 03032405 (p. 81), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4674617

L. Frank Baum (seinen Vornamen Lyman mochte er angeblich nicht, darum kürzte er ihn nur ab) schrieb mit „The Wonderful Wizard of Oz“ den ersten amerikanischen Kinderbuchklassiker. Seine Figuren sind in den USA ebenso vertraut wie bei uns das Märchenpersonal der bekanntesten Grimm’schen Erzählungen. Der große Erfolg schon gleich im ersten Erscheinungsjahr 1900 ist sicher auch seinem Illustrator William Wallace Denslow zu verdanken.

Dass die Hauptfiguren Dorothy und ihr Hund Toto sowie ihre neu gewonnenen Freunde Vogelscheuche, Blechmann und Löwe ebenso wie die große Gegenspielerin, die böse Hexe des Westens, als Charaktere seltsamerweise hierzulande bekannter als die Erzählungen selbst sind, liegt wohl an den vielen Zitaten aus Kinderbuch und Film in der amerikanisch geprägten Popkultur. Die roten Schuhe, der gelbe Steinweg, der Wirbelsturm, der das Haus weg trägt, die grüne Smaragdstadt und eben Vogelscheuche, Blechmann und Löwe, die für sich Verstand, Herz und Mut suchen – das wird oft in TV-Serien, Filmen, Werbung, Videoclips oder Songtexten aufgegriffen, weil es als bekanntes Allgemeinwissen in den USA vorausgesetzt werden kann. Hierzulande fehlt jedoch meist das Wissen um den Kontext.

Baum nutzte für seinen Märchenroman die klassische Struktur der Heldenreise:

Dorothy wird durch einen Wirbelsturm aus dem beschaulichen Kansas in das zauberhafte Land Oz getragen und dort gleich als Heldin gefeiert, weil durch ihre Ankunft – aber von ihr unbeabsichtigt – eine böse Hexe getötet wurde. Zur Belohnung erhält sie Zauberschuhe, doch leider hat sie sich auch die Feindschaft der ebenfalls bösen Hexe des Westens eingefangen. Dorothy will wieder zurück nach Hause, doch das geht nur mit Hilfe des großen und mächtigen Zauberers in der Smaragdstadt. Sie folgt dem gelben Steinweg und trifft unterwegs Freunde: Sie holt die Vogelscheuche von der Stange, ölt den eingerosteten Blechmann und beruhigt den ängstlichen Löwen. Die Drei schließen sich ihr an, denn sie haben ebenfalls Wünsche an den Zauberer. Gemeinsam erleben sie Abenteuer, besiegen sogar die Westhexe – doch der große und mächtige Zauberer ist nicht das, was alle glauben. Trotzdem gibt es für alle ein Happy End.

Die Wikipedia bietet zu Lyman Frank Baum und Der Zauberer von Oz sehr ausführliche Artikel und Bilder.

Die schon jetzt fast ausverkauften Aufführungen am Bielefelder Theater haben nun in unserer Bibliothek zu einer größeren Nachfrage nach dem Märchen geführt; Schulen, Kindergärten und auch einige Eltern wollen ihre Kinder auf den Theaterbesuch vorbereiten oder die auf der Bühne gesehene Geschichte noch einmal nachlesen.

Es gibt unterschiedliche Ausgaben und Übersetzungen, Bearbeitungen für verschiedene Altersgruppen, Bilderbücher und Vorlesebücher. In unseren Stadtteilbibliotheken und natürlich in der Kinderbibliothek am Neumarkt könnt Ihr fündig werden – wenn nicht gerade alles ausgeliehen ist. Ich habe jedenfalls nur zwei Ausgaben zum Fotografieren vorgefunden: die Übersetzung von Sybil Gräfin Schönfeldt im Dressler-Verlag und die illustrierte Ausgabe aus dem Coppenrath-Verlag.

Der Zauberer von Oz / von L. Frank Baum; übersetzt von Sybil Gräfin Schönfeldt. – Dressler-Verlag

Der Zauberer von Oz / von L. Frank Baum; nacherzählt von Heidemarie Brosche; Bilder von Markus Zöller. Coppenrath-Verlag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Übrigens findet Ihr in unserem Videoarchiv sogar noch die erste Stummfilm-Verfilmung (mit Oliver Hardy als Blechmann) und auch den Filmklassiker mit Judy Garland als VHS-Videokassette; den Musicalfilm von 1939 gibt es aber auch als DVD (4 Discs mit viel Bonus-Material anlässlich des 70. Filmjubiläums). Und dann ist da noch die Musical-Verfilmung 1978 „The Wiz – Das zauberhafte Land“ von Sidney Lumet mit Diana Ross und Michael Jackson, Musik Quincy Jones.

Follow the yellow brick road …

HilDa

Winterzeit ist Märchenzeit #5

Bereits im letzten Winter haben wir unter dieser Überschrift einige Beiträge zum Thema Märchen gebracht. In diesem Winter wollen wir die Reihe fortsetzen. Natürlich passen Märchen in jede Jahreszeit. Aber die Tradition der Märcheninszenierungen zur Adventszeit in den Theatern führt viele Kinder in die Märchenwelt ein. Und damit auch die begleitenden Eltern, Großeltern und Paten oder die Lehrerinnen und Erzieher, die ihre Schüler und Kindergartenkinder auf den Besuch des „Weihnachtsmärchens“ vorbereiten wollen: Wenn die Premiere am Theater Bielefeld näher rückt, wächst in unserer Kinderbibliothek die Nachfrage nach Büchern und anderen Medien passend zum Kinderstück.

Aladin und die Wunderlampe

In diesem Jahr ist es „Aladin und die Wunderlampe“, Premiere war bereits am 10. November 2018 und gespielt wird noch bis zum 6. Januar 2019.

Allein schon die Geschichte, wie die Erzählung mit dem gewitzten Titelhelden Aladin (andere Schreibweisen: Aladdin oder auch Ala ad-Din) in die bekannteste orientalische Märchensammlung Eingang fand, ist abenteuerlich. Jeder verbindet Aladin heute ganz selbstverständlich mit „1001 Nacht“, doch der Weg in die Weltliteratur war wohl etwas komplizierter.

Aladin wird als ein junger Mann in China beschrieben. Woher auch immer die Geschichte ursprünglich stammt, in die Märchensammlung „Tausendundeine Nacht“ kam sie wohl erst durch eine europäische Übersetzung: Der französische Orientalist Antoine Galland (1646 – 1715) übersetzte u.a. eine alte arabische Handschrift alf laila wa-laila , der älteste erhaltene arabische Text von „Tausendundeine Nacht“, der allerdings nach der 282. Nacht abbricht. Weder Aladin, noch die ebenso bekannten Figuren Sindbad und Ali Baba kommen in dieser Handschrift vor. Galland ergänzte wohl einfach diese Geschichten, die er aus einer anderen Quelle übersetzt hatte (wahrscheinlich von dem aus Syrien stammenden Märchenerzähler Hanna Diyab, der mit einem Händler in Paris weilte). In seiner Übertragung „entschärfte“ Galland außerdem die orientalischen Erzählungen, die ja für ein erwachsenes Publikum gedacht waren, er tilgte oder veränderte all zu erotische oder auch religiöse Passagen.

Diese französische Übersetzung und Überarbeitung prägte nicht nur das Orientbild in Europa. Paradoxerweise wurden Rückübersetzungen ins Arabische auch im arabisch-persischen Kulturraum populär und beeinflussten in ihren europäisierten Versionen wiederum die dortigen Traditionen. Ein schönes Beispiel für die Wechselwirkungen des Kulturaustauschs.

Die schönsten Märchen aus 1001 Nacht / von Angelika Lukesch und Kathrin Treuber. Esslinger-Verlag

Wir erleben Aladin heute auf der Bühne im Umfeld der ganzen bunten Orientromantik mit Sultan, Wesir, Dschinn und Zauberer, mit fliegendem Teppich und all dem Märchenzauber aus 1001 Nacht. In der Kinderbibliothek bieten wir unterschiedliche Medien zum Lesen und Hören: Bilderbücher, Geschichten zum Vorlesen, Sammlungen mit mehreren Geschichten aus „1001 Nacht“ (Aladin gehört fast immer dazu), Hörbücher und eBooks (hier eine Auswahl aus unserem Katalog, nur mit den Stichworten „Aladin Wunderlampe“ gefunden), natürlich auch die berühmten Disney-Zeichentrickfilme.

Sehr schön zum Vorlesen einer Bildergeschichte vor einer kleineren Gruppe eignet sich übrigens das Erzähltheater Kamishibai, auch dafür gibt es Bildkarten zu „Aladin und die Wunderlampe“ in der Kinderbibliothek.

Aber auch für Erwachsene gibt es wunderbare Ausgaben zu „Tausendundeine Nacht“. Mehr dazu ein anderes Mal.

HilDa

Mittendrin Mittwoch #74

Die Chimära ist ein seltenes griechisches Monster mit einem Löwenkopf, einem Ziegenleib und einem Drachenschwanz. Von heimtückischer und blutrünstiger Natur, ist die Chimära höchst gefährlich. Unseres Wissens ist es bisher nur einem Zauberer gelungen, eine Chimära zu erlegen, und der Unglückliche stürzte kurz danach zu Tode erschöpft von seinem Geflügelten Pferd (siehe dort) und starb. Chimära-Eier gelten als nicht verkäufliche Güter der Klasse A.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind
von Newt Scamander (bzw. Joanne K. Rowling 😉 )

Nachdem ich vor kurzem mal wieder die Harry Potter Bücher gelesen habe, dürfen nun die drei  Zusatzbücher zur eigentlichen Reihe auch nicht fehlen. Quidditch im Wandel der Zeiten, Phantastische Tierwesen und wo sie zufinden sind und Die Märchen von Beedle dem Barden heißen sie. Das Buch über den beliebtesten Sport der Zauberer habe ich schon durchgelesen und momentan stecke ich mitten in den Beschreibungen von phantastischen Tierwesen (der Film, der lose auf dem Buch basiert, ist übrigens auch sehr sehenswert und Teil 2 kommt diese Woche auch endlich in die Kinos! 😀 ).

Die drei Bücher haben jeweils um die 100 Seiten und sind somit ruck zuck durchgelesen und eher ein kurzes Vergnügen. Sie machen dafür aber sehr viel Spaß. Ich mag die Idee, Bücher aus dem Harry Potter Universum zu nehmen und tatsächlich zu schreiben. Quidditch im Wandel der Zeiten steht in der Bibliothek von Hogwarts und enthält somit vorne eine recht bedrohliche Warnung von Madam Pince der Bibliothekarin: „Achtung: Wer dieses Buch zerreißt, zerfetzt, zerschnipselt, verbiegt, faltet, verunstaltet, entstellt, beschmiert, bekleckst, durch die Gegend wirft, fallen lässt oder auf andere Weise beschädigt, misshandelt oder mit mangelndem Respekt behandelt, dem jage ich die schlimmsten Strafen auf den Hals, derer ich fähig bin.“ Vielleicht sollten wir so was auch in unsere Bücher kleben?
In Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind gibt es kleine Kritzeleien von Harry, Ron und Hermine zu entdecken, da es eines ihrer Schulbücher ist (unter die Beschreibung der Chimära hat Harry zum Beispiel „Hagrid hat sicher schon welche bestellt“ geschrieben). Und im Buch von Beedle dem Barden kann man neben dem Märchen von den drei Brüdern, das schon in Harry Potter und die Heiligtümer des Todes vorkommt, weitere Märchen aus der Zaubererwelt kennen lernen.

Schön finde ich auch, dass J. K. Rowling alle Verkaufserlöse der drei Bücher an gemeinnützige Organisationen spendet. Die Bücher könnt ihr aber natürlich auch bei uns in der Bibliothek ausleihen 😉

lga

Karen Duve und Grimms Märchen

Das Buchcover zeigt einen schwarzen Scherenschnitt vor blauem Hintergrund: eine Jagdszene, bei der mehrere Tiere in einen Abgrund stürzen

Fräulein Nettes kurzer Sommer / von Karen Duve

Gerade geht die Eröffnungsveranstaltung zu den Literaturtagen Bielefeld zu Ende. Karen Duve las aus ihrem neuen Bestseller-Roman „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ und erzählte von den interessanten Recherchearbeiten und der dichten Quellenlage rund um Annette von Droste-Hülshoff und ihre Zeit. Dabei tauchen auch die Brüder Grimm auf. Annette war über die Familie von Haxthausen aus dem Paderborner Land (ihre Mutter war eine geborene von Haxthausen) früh mit den Märchensammlern bekannt. Im Roman schreibt Karen Duve dazu offenbar witzige Dialoge und Szenen. Allein dafür gehört das Buch jetzt auf meine Leseliste.

Karen Duve hatte bereits im Grimm-Jahr 2012 ihre eigenen Versionen zu einigen Märchen der Brüder Grimm veröffentlicht, eine Sammlung, die mir offenbar viel Spaß gemacht hat, jedenfalls habe ich damals dies dazu notiert:

Das Buchcover zeigt den Kopf eines zähnefletschenden Wolfes

Grrrimm / von Karen Duve. –

Man kann die Volksmärchen á la Grimm noch vage erkennen: Karen Duve hat vier der bekanntesten Geschichten (plus eine eher weniger geläufige) aus der Sammlung der Brüder Grimm ausgewählt und erzählt sie komplett neu – ganz ohne romantischen Schnickschnack, frivol, frech, gegen den Strich gebürstet, ohne Happy End. Nicht gerade Gute-Nacht-Geschichten für die lieben Kleinen! Die phantastisch-düstere Welt ist brutal und gnadenlos. Es gibt nicht Gut und Böse; die Figuren sind boshaft und verschlagen. ALLE!

Eine Geschichte wird z.B. aus der Perspektive eines fiesen bösartigen kleinen Goldgräbers erzählt, der mit sechs anderen Kumpel im Wald in einem Bergwerk arbeitet. Eines Tages kommt eine bildhübsche Frau zur einsamen Hütte und behauptet, eine echte Prinzessin auf der Flucht vor ihrer bösen Stiefmutter zu sein. Wer’s glaubt! Sicher eine Hochstaplerin.
Aber Sie glauben, Sie kennen diese Geschichte? Oh nein, so jedenfalls nicht!

Hier die Katalogdaten zu Buch und Hörbuch von „Grrrimm„.

HilDa

Märchenzeit – ein Nachtrag

Märchenbuch und Mikrofon

Ein Interview zum Thema Märchen, bitte

 

Es war eines meiner Highlights im Berufsalltag des letzten Jahres – dabei hätte ich fast abgesagt. Ein Schüler (und sein Lehrer) wünschten ein Experteninterview zum Thema Märchen für eine Bürgerfunk-Sendung im Radio. Die Anfrage war an mich weitergeleitet worden, aber war das nicht eher etwas für meine Kollegin aus der Kinderbibliothek? Welches Expertenwissen wurde wohl erwartet? Und bei meiner Neigung zum Stottern, zum Verhaspeln, zu – äh – Störlauten und Schachtelsätzen, bei denen ich am Ende den Faden … – wie war die Frage noch mal?
Ach, wie peinlich konnte das werden?

Ich habe dann natürlich doch zugesagt, schon allein weil die Anfrage des Schülers so sympathisch war und weil ich an Märchen ja selbst interessiert bin. Dann verging aber eine ganze Weile, ich hatte das Ganze fast schon vergessen. Doch plötzlich erhielt ich eine Mail mit konkreten Terminwünschen. Das war Anfang 2017.

Regal mit Märchenbüchern

Märchenbücher in der Kinderbibliothek

Zuerst einmal kam die ganze Klasse zu einer Bibliotheksführung, eine gute Gelegenheit, sich kennenzulernen. Ich hatte einiges vorbereitet, das Thema Märchen eignet sich ja auch wunderbar als roter Faden für einen Rundgang durch die Bibliothek. Nebenbei erzählten mir die Jugendlichen von ihrem Projekt und ihrem bisher schon gewonnenen Wissen. Das wurde eine Führung, in der ich fast mehr zu hören bekam, als ich zu erzählen hatte. Die Schüler und Schülerinnen brauchten nicht mich als Experten, sie waren längst selber welche und so gab ein Wort das andere. So eine lebhafte, begeisterte (und begeisternde) Mitwirkung von Jugendlichen hatte ich bei einer „normalen“ Führung selten erlebt.

Ausgestellte Einzelbände der Reihe „Die Märchen der Weltliteratur“, Diederichs-Verlag

Die Märchen der Weltliteratur – eine großartige Reihe aus dem Diederichs-Verlag

Am Ende besprachen wir die Fragen für das Interview, so dass ich mich auf den Termin der eigentlichen Aufnahme vorbereiten konnte. Ich hätte also gar nicht nervös sein müssen. War ich aber. Als ich eine Woche später in die Schule fuhr, hatte ich schlecht geschlafen und Lampenfieber wie vor einer großen Theaterpremiere.

Doch wieder überraschten mich die Jugendlichen und ihr engagierter Lehrer. Sie revanchierten sich zuerst einmal mit einer Führung durch ihr Schulgebäude: Sie zeigten mir die moderne Großküche, die von Schülern selbst geführt wurde, einen Saal mit Turn- und Klettergeräten zum Austoben (zusätzlich zur Turnhalle für den normalen Sportunterricht); am meisten beeindruckte mich die große Werkstatt, es roch nach frisch bearbeitetem Holz und nach Leim, alles war sauber, die Werkzeuge ordentlich sortiert und griffbereit (das hätte meinem Bruder, einem Tischler, sehr gefallen). Die normalen Klassenräume sahen allerdings eher trist aus. Dafür umschwirrten uns zwischendurch kleine Elfen, Hexen, Fabeltiere und andere Märchenwesen und brachten Farbe und Lachen – die unteren Jahrgangsstufen feierten Karneval. Die Musik aus dem Partyraum wummerte dumpf durch die Flure. Alle wirkten fröhlich und entspannt an diesem Tag. Und voller Stolz auf ihre Schule. Das lebendige Herz in einem alten Schulgemäuer sind eben die Menschen, Schüler und Lehrer, und ihr Engagement füreinander und miteinander. Das wirkte ansteckend.

Märchenbuch und Mikrofon

Ton läuft

Zuletzt ging es in einen etwas versteckten Aufenthaltsraum, in dem wir die nötige Ruhe für die Tonaufnahmen fanden. Ein Schüler war für die Fragen zuständig, ein anderer für die Aufnahmetechnik. Es wurde dann doch weniger ein „Experteninterview“, sondern eher persönlich. Ich habe viel zu weitschweifig geredet. Im Nachhinein war das aber gut so, denn damit hatten die Schüler genug Material zum Schneiden.

Anfang Mai wurde ich zu meiner Überraschung noch einmal in die Schule eingeladen. Das Radio-Feature war sendefertig und die Jugendlichen erzählten begeistert, wie die verschiedenen Beiträge zustande gekommen waren – sozusagen das Making-of ihrer Produktion. Bei der Gelegenheit lernte ich auch die Bielefelder Märchenerzählerin Katinka Morgenstern kennen, deren Märchenstunde (sie erzählt z. B. regelmäßig im Bauernhaus-Museum) ein weiterer Beitrag zur Sendung war. Der Versuch, Bielefelder Bürger in der Fußgängerzone nach ihren Märchenerfahrungen zu befragen, hatte sich als unerwartet schwierig erwiesen; die meisten wären dem Mikrofon ausgewichen, hätten abgewinkt und keine Zeit gehabt, so erzählten es uns die Jugendlichen. Trotzdem konnten sie einige Passanten zum Interview gewinnen. Besonders stolz waren die Schüler und Schülerinnen aber auf ihre selbstverfasste Märchenparodie, die natürlich den Höhepunkt ihrer insgesamt fast einstündigen Radiosendung zum Thema Märchen bildete.

Ach, das Thema hätten sie sich ja nicht selber ausgedacht, bekannte einer der Schüler, der Lehrer hatte es vorgeschlagen und ihnen sei halt kein besseres eingefallen. Jetzt aber wären sie erstaunt, wie viel Spaß ihnen die Arbeit mit den Märchen gemacht hatte und wie viele Ideen ihnen zu dem Thema gekommen waren.

Am Abend des 13. Mai 2017 wurde der „Märchen“-Beitrag der Schülerinnen und Schüler vonMitschnitt der Radiosendung auf CD der Hamfeldschule bei Radio Kurzwelle, dem Kinder- und Jugendradio für Bielefeld (ein medienpädagogisches Projekt vom Bielefelder Jugendring e. V.) gesendet, ein wunderbares Feature wie es auch Profis nicht besser hätten machen können. Und das sage ich natürlich gaaanz unvoreingenommen! Mein erstes Radiointerview. War gar nicht schlimm, hat richtig Spaß gemacht. Danke, liebe „Hamfelder“.

“Im nächsten Jahr machen wir wieder ein Radioprojekt!“, und tatsächlich, für den 28. April 2018 steht die Hamfeldschule im Radio-Programm, diesmal mit dem Thema „Rund ums Handwerk“.
Also eine Zuhörerin habt Ihr schon mal. Toitoitoi.

HilDa

 

 

Winterzeit ist Märchenzeit #2

Grimms Märchen, wie wir sie nicht kennen

Sie waren nicht die einzigen, nicht einmal die ersten Märchensammler, aber sie wurden die weltweit berühmtesten. Jeder kennt die Märchen der Brüder Grimm. Oder etwa nicht?

Kinder- und Hausmärchen, illustrierte Ausgabe

Grimms Märchen / hrsg. von G. Jürgensmeier

In insgesamt drei Bänden „Kinder- und Hausmärchen“ (KHM) veröffentlichten Jakob und Wilhelm Grimm zwischen 1812 und 1857 über 200 Märchen einschließlich verschiedener Versionen, Anmerkungen und (leider nur sehr spärlichen) Quellenangaben. Und nein, ich habe (noch) nicht alle Märchen gelesen, kenne viele nicht einmal dem Namen nach. Wie wäre es mit „Der Hund und der Sperling“ oder „Die Nelke“, „Der Hahnenbalken“ oder „Die schöne Katrinelje und Pif Paf Poltrie“. Selbst bei bekannten Märchen erlebe ich so manche Überraschung.

Nehmen wir gleich das erste, KHM Nr.1: „Der Froschkönig oder Der eiserne Heinrich“. Schon den im Titel anklingenden Heinrich, den treuen Diener des verzauberten Prinzen, kennen viele gar nicht mehr. Und wie ist es mit dem berühmten Höhepunkt der Geschichte? Die zickige Prinzessin küsst angeekelt den glibberigen Frosch und *peng* …  🐸💥🤴
Tja, aber so steht das bei den Grimms eben nicht, in keiner einzigen Version (Wilhelm Grimm feilte für jede neue Ausgabe an Sprache und Ausdruck). Tatsächlich wirft das undankbare Prinzesschen den Frosch mit aller Kraft an die Wand, was jedes normale Tier nicht überlebt hätte, doch *peng*… – der Rest ist wieder bekannt:🐸💥🤴…
In den Anmerkungen wird noch eine andere Variante des Märchens aufgeführt, die sogar eine Art Fortsetzung hat, in der ist der Prinz plötzlich der Schuft: Er wird noch vor der Hochzeit untreu; die Prinzessin folgt ihm als Reiter verkleidet und benimmt sich ganz undamenhaft. Na, neugierig? Nachzulesen in Band 3 der Großen Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen.

Eine ganz besondere Überraschung war für mich das Märchen KHM 142. Mein Großvater war ein wunderbarer Geschichtenerzähler, natürlich gehörten auch Märchen zu seinem Repertoire. Mir sind seine Eigenkreationen leider nicht in Erinnerung geblieben, aber eine seiner Geschichten war eine seltsame Variante eines bekannten Motivs aus „1001 Nacht“, allerdings als deutsches Märchen erzählt. Ich hatte das für eine dieser eigenwilligen Erfindungen meines Opas gehalten, doch tatsächlich erzählte er wohl „Simeliberg“ nach, zu finden in Band 2 der Kinder- und Hausmärchen. Auch die Grimms bemerkten übrigens die merkwürdige Übereinstimmung mit „dem orientalischen von den vierzig Räubern“ (also der Ali-Baba-Geschichte).

Grimms Märchen, wie wir sie wohl doch nicht kennen. Sie sind das meistübersetzte und weltweit bekannteste Werk der deutschen Literaturgeschichte. Da sollten wir vielleicht einmal genauer lesen und uns nicht nur an einer Disney-Verfilmung, der sonntäglichen ARD-Reihe „6 auf einen Streich“ oder einer modernen Bilderbuchbearbeitung erfreuen. Bekam „Aschenputtel“ ihre Ballkleider nun durch drei Zaubernüsse oder betete sie am Grab der Mutter? Wusstet Ihr, dass „Hänsel und Gretel“ am Ende Hilfe von einer weißen Ente erhalten? Und wer weiß, was bei „Tischchendeckdich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack“ aus der verlogenen Ziege wird?

Wem die Große Ausgabe mit all den Anmerkungen zu wissenschaftlich ist: Die Grimms veröffentlichten ab 1825 auch eine Kleine Ausgabe mit einer Auswahl von 50 Märchen – die eigentliche Grundlage ihrer Popularität; die Kleine Ausgabe erreichte noch zu Lebzeiten der beiden Brüder zehn Auflagen. Heute sind unzählige verschiedene Ausgaben auf dem Markt (und natürlich auch in unserer Bibliothek); einzelne Märchengeschichten sind als Bilderbuch veröffentlicht, Märchensammlungen bieten meist eine Auswahl; es gibt an die heutige Sprache angepasste Versionen, kindgerechte Überarbeitungen, moderne Fassungen und herrliche Parodien.

Kinder- und Hausmärchen, 3 Bände

3-bändige Reclam-Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen

Doch ich empfehle wenigstens einmal auch einen Blick in die Große Ausgabe: Muss man nicht komplett lesen, aber stöbert einfach mal durch Eure Lieblingsmärchen und lest die Anmerkungen dazu. Es gibt erstaunlich viel zu entdecken.

Wer mehr über die Quellen der Brüder Grimm zu ihrer Volksmärchensammlung erfahren möchte: Der bekannte Märchenforscher Heinz Rölleke hat im Grimm-Jahr 2012 in der ZEIT eine erhellende Zusammenfassung neuerer Erkenntnisse gegeben: Was uns die Brüder Grimm nicht verraten wollten.

Verwendete Ausgaben der Kinder- und Hausmärchen:

Kinder- und Hausmärchen / Jacob u. Wilhelm Grimm. – Jubiläums-Ausgabe. – Stuttgart : Reclam. – Bd. 1 – 3.
Bd. 1. Märchen : Nr. 1 – 86. – 1984. – 419 S.
Bd. 2. Märchen : Nr. 87 – 200. Kinderlegenden : Nr. 1 – 10. Anhang : Nr. 1 – 28. – 1984. – 528 S.
Bd. 3. Originalanmerkungen. Herkunftsnachweise. Nachwort. – 1984. – 624 S.
Standort: Märchen Grim (Online-Katalogdaten hier)

Grimms Märchen / Jacob u. Wilhelm Grimm. Hrsg. von Günter Jürgensmeier. Mit Bildern von Charlotte Dematons. – Düsseldorf : Sauerländer, 2007. – 559 S. : zahlr. Ill. (farb.)
Standort: Märchen Grim (Online-Katalogdaten hier)

Hilda

Winterzeit ist Märchenzeit #1

Regal mit Märchenbüchern

Märchenbücher in der Kinderbibliothek

 

Natürlich kann man Märchen zu jeder Jahreszeit lesen. Aber traditionell spielen Theater zur Adventszeit ein Weihnachtsmärchen für Kinder (in Bielefeld war es 2017 „Schneeweißchen und Rosenrot„), für viele die erste, prägende Theatererfahrung. Und wenn sich früher, so anno dunnemal, die Familie an den langen Winterabenden im einzig beheizten Raum um den Ofen versammelte, dann wurden halt Geschichten erzählt; Märchen wurden so von Generation zu Generation weiter gegeben.

Aufgeschrieben und in Büchern veröffentlicht wurden diese Volkserzählungen (Oberbegriff für die hauptsächlich mündlich überlieferten Märchen, Sagen und Legenden ) verhältnismäßig spät, erst in der deutschen Romantik wurde mit wissenschaftlichem Ehrgeiz gesammelt (Brentano, Grimm). Gleichzeitig wurde dieses Genre auch bei Dichtern sehr beliebt; sie griffen Motive, Themen und den scheinbar schlichten Erzählstil der Märchen und Sagen auf und schufen Kunstmärchen. Die bekanntesten Märchendichter sind Hans Christian Andersen und Wilhelm Hauff. Aber auch Goethe, E.T.A. Hoffmann, Oscar Wilde, Adelbert von Chamisso (um nur die auch heute noch bekanntesten zu nennen) schufen Weltliteratur in Märchenform. Und im 20. Jahrhundert entstand als Mischung aus Märchenroman, Sage, Heldenepos und anderen Elementen der Phantastik das neue Genre der Fantasy-Literatur.

Märchen sind natürlich nicht gleichzusetzen mit Kinderliteratur. Genau wie die anderen mündlichen Erzählformen wurden sie meist von Erwachsenen für Erwachsene erzählt. Da war also nicht nur die Märchenomi, die am gemütlichen Kachelofen der Kinderschar von Aschenputtel oder Dornröschen erzählte – so unsere romantisierende Vorstellung der klassischen Märchenübermittlung. Auch am Kneipentisch oder in fröhlicher Runde nach getaner Arbeit wurde erzählt – entsprechend derbe kann es auch in Märchen zugehen. Für einige Geschichten entstanden so vielleicht unterschiedliche Varianten; und einige Märchen wurden eben gar nicht erzählt, wenn Kinder dabei waren.

viele Bilderbücher mit Märchen

Märchen-Bilderbücher in der Kinderbibliothek

In der Bibliothek haben wir Märchen aus aller Welt sowohl für Kinder als auch im Erwachsenenbereich; die Märchen für Kinder sind oft überarbeitet, es gibt einzelne Märchen im Bilderbuch und Märchensammlungen, die aber nicht zu umfangreich sind. Die Märchensammlungen im Erwachsenenbereich sind meist nicht oder nur wenig illustriert, sie sind kaum überarbeitet und haben oft umfangreiche Vor- oder Nachworte, denn sie sollen die Märchen der Völker (und auch die Kunstmärchen) als Kulturgut präsentieren.

Es ist also nicht nur zu jeder Jahreszeit, sondern auch in jedem Alter interessant, sich mit Märchen zu beschäftigen. Doch zum Winter passen sie nach wie vor besonders gut.

Viel Freude beim Lesen, Vorlesen und Erzählen.

hilda

„Wer in aller Welt bin ich? Ja, das ist doch das große Rätsel!“

In unserer kleinen Countdown-Serie auf Instagram, in der wir auf den 111.Geburtstag der Stadtbibliothek Bielefeld am 1.12.2016 hinunterzählen (https://www.instagram.com/explore/tags/111stabiel/), haben wir vor kurzem den Tag 106 mit einer Grafik aus Lewis Carrolls Jahrhundertbuch Alices Abenteuer im Wunderland begangen. Die Illustration von John Tenniel findet sich im Kapitel Eine verrückte Teegesellschaft.  Wir haben sie dem Bändchen 9746 aus Reclams Universalbibliothek (Danke!) entnommen. Hier sind Alice, der Märzhase, der Siebenschläfer, der auch während der Teetafel seinen Schlaf nicht unterbricht, und der verrückte Hutmacher zu sehen. Und eben jener, der als The Mad Hatter allerorten zitiert wird, wirbt für sich und sein Gewerbe mit einem kleinen Preisschild am eigenen Zylinder: 10/6 – also 10 Shilling und 6 Pence für einen Hut ‚In this Style’. Wir haben daraus die 106 gemacht, das Zwölfersystem von Pence, Shilling und Pound missachtend.

Instagram_Countdown_Tag106

Allerdings sind es weniger Werbung und Hutmode, die die Figur berühmt gemacht haben, als vielmehr seine Rätsel  und Sprachspiele. So eröffnet er die nahezu immerwährende Teegesellschaft mit dem berühmt gewordenen Rätsel, was denn ein Rabe mit einem Schreibtisch gemeinsam habe. Eigentlich nichts. Es gibt keine Lösung für dieses Rätsel, geben uns der Hutmacher und der Autor Auskunft. Also ein eher absurdes Rätsel, wie so vieles in dieser Erzählung rätselhaft und verrückt und absurd erscheint. Günther Flemming hat aber im Nachwort im oben zitierten Reclam-Bändchen eine parat: Zeitgenössischen Leserinnen und Lesern war Edgar Allan Poes The Raven bekannt – und so besteht die Gemeinsamkeit darin: Because Poe wrote on both. Moderner und intertextueller kann man kaum schreiben.

Angetan hat es uns The Mad Hatter auch, weil er Alice in eine Debatte über sprachliche Logik und ihren Aussagegehalt verwickelt. Wenn Alice behauptet, „Ich sage, was ich meine“ und „Ich meine, was ich sage“ seien dasselbe, dann hält ihr der Hutmacher entgegen, dass es doch wohl kaum dasselbe sei, wenn man behaupte, „Ich seh’, was ich esse“ und „Ich esse, was ich sehe.“ Usw. usf.

Man kann wie Gero von Wilpert in seinem Standardwerk Lexikon der Weltliteratur. Werke A-K (³1993) Lewis Carrolls Buch unter die Nonsense-Literatur einordnen. Aber das reicht wohl nicht hin. Denn das vermeintliche Kinderbuch ist gleichermaßen träumerisch, phantastisch und vergnüglich wie  anspielungsreich und modern. Schauen wir uns nur das oben gewählte Motto aus dem zweiten Kapitel Der Tränenteich an, in der Reclam-Ausgabe auf S.22. Ohne die Frage, wer man denn sei und was die eigene Identität ausmache, wären die moderne Literatur nicht denkbar und die Wissenschaften von der mentalen Gesundheit grund- und brotlos. Vielleicht sogar eine komplette Sparte der Ratgeberliteratur unnötig. Gleichwohl hat Alice in den englischsprachigen Ländern eine ungeahnt breite und anhaltende Rezeption erfahren, die bis in die populäre Kultur, bis in den Film und die Musik, reicht. So haben The Stranglers auf ihrem Album Aural Sculpture aus dem Jahre 1984 dem Mad Hatter ein kleines akustisches Denkmal errichtet und der Jazzer Chick Corea nannte 1978 sein Album The Mad Hatter.

Harald Pilzer