Mittendrin Mittwoch #108

Erschöpft ließ ich mich auf einer harten Bank am Fenster nieder, der schweigenden Versammlung der Wachsfiguren  gegenüber, und Wogen der Rührung stiegen in mir auf. Welcher Muskel war das, der mir die Kehle zuschnürte, wie war noch sein Name? Wer hat den menschlichen Körper ersonnen – und wer hat auf ihn das Copyright?

Unrast von Olga Tokarczuk, Seite 146

Eine namenlose Ich-Erzählerin, die ständig rastlos unterwegs ist, berichtet episodenhaft von Erlebnissen auf Flughäfen, in Museen, von Gesprächen, die sie mit anhört, von Begegnungen mit Fremden.
Im Griechenlandurlaub verschwinden Frau und Tochter eines Mannes spurlos.
Und Eryk lenkt seine Fähre eines Tages, statt zur gegenüberliegenden Küste, einfach hinaus aufs Meer.

Die vielen Geschichten verbindet, dass sie alle vom Reisen handeln, von Menschen, die auf der Suche, auf Wanderschaft sind, denen eine Unrast anzumerken ist. Immer neue Menschen und Orte bereist man selbst beim Lesen. Die Ich-Erzählerin und Erzählungen anderer Menschen wechseln sich ab. Bisher scheinen die Geschichten noch kaum zusammenzuhängen, da ich aber noch relativ am Anfang des Romans stehe, bin ich gespannt, ob sich noch ein roter Faden zeigt.

Im Rahmen der Literaturtage der Stadtbibliothek Bielefeld wird Olga Tokarczuk am 10.10.2019 um 20 Uhr bei uns zu Gast sein und aus ihrem neuen Buch Die Jakobsbücher lesen. Dieses erscheint nächste Woche am 01.10.2019 in der deutschen Übersetzung.
Hier gelangt ihr zu den Büchern von Olga Tokarczuk, die wir bei uns in der Bibliothek zur Ausleihe vorrätig haben. Die Jakobsbücher werdet ihr in Kürze dann auch bei uns finden.

Das gesamte Programm der Literaturtage und weitere Informationen findet ihr hier.

lga

Elizzy von read books and fall in love hat sich für alle, die teilnehmen mögen, folgende Blogaktion ausgedacht: der „Mittendrin Mittwoch“. Er besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.

Mittendrin Mittwoch #107

Gstrein_Als ich jung warGenau zwei Tage vor seinem Tod hatte der Professor zu mir gesagt, er sei überzeugt, dass jeder Mensch wenigstens eine Geschichte in seinem Leben habe, von der er nicht wolle, dass jemand anderer sie zu hören bekomme, es gebe bei jedem ein Zentrum des Schweigens, ein Zentrum der Scham, an das er sich selbst kaum heranwage.

Als ich jung war von Norbert Gstrein, Seite 297

In Als ich jung war begleiten wir den Österreicher Franz. Die Kapitel wechseln zwischen seinen zwei Lebensschauplätzen. Dem Restaurant in Tirol, das früher seine Eltern betrieben haben und das nun sein Bruder wieder neu eröffnet hat. Und dem verschlafenen Nest in Wyoming in Amerika, in dem er 13 Jahre als Skilehrer arbeitete.

Im Restaurant seines Vaters wurden in seiner Jugend jeden Sommer zahlreiche Hochzeiten ausgerichtet, bei denen Franz von seinem Vater als Fotograf verpflichtet, die Brautleute ablichtete. Bei seiner letzten Hochzeit wird die Braut am nächsten Morgen mit gebrochenem Genick am Fuße eines Abhangs gefunden. Franz Aufbruch nach Amerika kurz darauf erscheint fast wie eine Flucht.

Nach und nach ergründet man zwar, wie Franz die Hochzeit der toten Braut erlebt hat, wie sein Leben in Wyoming aussah und wie er wieder nach Tirol zurückkehrt, dabei bleibt Franz aber stetig ein eher unzuverlässiger Erzähler, der vor sich selbst auf der Flucht zu sein scheint und sich mit vielem aus seiner Vergangenheit nicht beschäftigen will. Man weiß nie so ganz, ob das, was er dem Leser erzählt, die Wahrheit ist, ihr nur nahe kommt oder gar nicht stimmt. Sowohl in Amerika als auch in Tirol sieht Franz sich Gerüchten und Verdächtigungen ausgesetzt. Ob ich noch erfahre welche dieser Gerüchte tatsächlich stimmen, werde ich wohl auf den letzten Seiten sehen.

Wer sich übrigens lieber vom Autor als von mir überzeugen lassen möchte das Buch zu lesen: am 25. Oktober wird Norbert Gstrein im Rahmen der Literaturtage bei uns zu Gast sein, aus seinem Buch lesen und darüber sprechen.

Die Literaturtage starten dieses Jahr am 01. Oktober und bis zum 31. Oktober wird es insgesamt 12 Lesungen geben. Das gesamte Programm könnt ihr hier einsehen.

In Kürze könnt ihr das Buch auch bei uns in der Bibliothek ausleihen. Es durchläuft zur Zeit noch den Bestell- und Einarbeitungsprozess. 🙂

lga

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Grenzen|los|lesen

Lateinamerika: Kolumbien

Mit einer gewissen Neugier schaute er auf seinen Vater, der angespannt aussah, verkrampft, triumphierend. „Der alte Mistkerl und das Meer“, dachte Javier und kramte in seinem Beutel nach der Marihuanapfeife. (Seite 48)

Meine Urlaubslektüre führte mich ans Meer, genauer an die kolumbianische Küste. Der kurze Roman hat 28 Kapitel, von 4 Uhr früh bis um 6 Uhr am Morgen des nächsten Tages zählen die Kapitelüberschriften Stunde um Stunde. Die letzte scheinbar doppelt. Ein Vater und seine zwei Söhne fahren mit dem Fischerboot hinaus. Das Meer ist türkisblau und ruhig, der Himmel klar, die Sonne brennt; die Arbeitsabläufe der drei Fischer wirken für flüchtige Beobachter routiniert und selbstsicher. Am Horizont in weiter Ferne türmen sich dunkle Wolken, zucken Blitze. An Land bleiben viele Zeugen zurück: die geistig verwirrte Mutter mit ihrem Chor der Geisterwesen, die Nachbarn, die vielen Touristen – Freunde und Fremde, die alle etwas gesehen haben, vielleicht auch eine Ahnung spürten … . Von der ersten Seite an scheint klar: Diese Bootsfahrt endet mit einer Katastrophe – und das Unwetter ist nicht der einzige Auslöser. Viele Stimmen erzählen diese Geschichte.

„Der alte Mistkerl und das Meer“ (siehe Zitat oben) – erinnert sicher nicht zufällig an Hemingway, der ja in ganz ähnlichen Gewässern fischte. Doch Personenkonstellation, Ausgangssituation und Thema sind bei González ganz anders. Sein Roman ist vielstimmig wie ein Mosaik aus verschiedenen Perspektiven zusammengesetzt, zentrale Figuren sind drei Fischer. Es geht auch weniger um das Thema Mensch gegen die Natur, sondern um das äußerst spannungsgeladene Vater-Sohn-Verhältnis: Verachtung und Herablassung auf der einen, Zorn und Hass nach jahrelangen Demütigungen auf der anderen Seite.

Mir gefällt die Komposition dieses Textes, diese Vielstimmigkeit, die aber nicht verwirrt. Die Sprache wirkt einfach, klar und schnörkellos, aber auch poetisch. Aus der schlichten Geschichte entwickelt sich auf nur gut 150 Seiten ein wuchtiges Drama.

Der Autor Tomás González war mir bisher völlig unbekannt. Er gilt als einer der wichtigsten kolumbianischen Gegenwartsautoren (sagt nicht nur der Verlag). Der Klappentext zitiert DIE ZEIT „Erzähler von Weltrang“ – und das scheint mir nicht übertrieben.

González, Tomás : Was das Meer ihnen vorschlug : Roman / aus dem Spanischen von Rainer Schultze-Kraft und Peter Schultze-Kraft . – Hamburg : Mare, 2016. – 156 Seiten
Katalogdaten und Standort findet Ihr hier.

HilDa

Unter der Überschrift Grenzen|los|lesen möchten wir Weltliteratur aus anderen Kulturen und Sprachen vorstellen. Der Schwerpunkt soll bei Literaturen außerhalb des europäischen und anglo-amerikanischen Mainstreams liegen.
Wir wünschen viel Freude beim Entdecken und Lesen.

Mittendrin Mittwoch #94

Nachdem das Telefonat beendet war, behielt Christoforo Vacchi den Apparat noch eine Weile auf dem Schoß, während sein Blick in unbestimmte Ferne ging. Er lächelte leise.
Gregorio räusperte sich und zerstörte den Zauber des Augenblicks.
Der Padrone seufzte unhörbar. Junge Leute haben noch keinen Sinn für die subtilen Kräfte, die hinter den Kulissen der scheinbar objektiven Wirklichkeit am Werk sind, dachte er.

Eine Billion Dollar von Andreas Eschbach (Seite 263)

Der 28-jährige John Salvatore Fontanelli lebt in New York, arbeitet als Pizzabote und ist stets knapp bei Kasse. Da wird er von vier Anwälten aus Florenz aufgesucht, den Vacchis, die ihm nach und nach beibringen, dass er ein riesiges Vermögen geerbt hat. Johns italienischer Urahn Giacomo Fontanelli legte in seinem Testament fest, dass der jüngste männliche Nachfahre, der am 23. April 1995 am Leben ist, sein Vermögen erben soll. 500 Jahre hat die Familie Vacchi dieses Vermögen verwaltet, dass durch Zins und Zinseszins über die Jahrhunderte auf die gewaltige Summe von einer Billion Dollar angewachsen ist. John tritt das Erbe an, und damit auch die Prophezeiung aus Giacomos Testament, dass sein Erbe mit dem Vermögen einst der Menschheit die verlorene Zukunft wieder geben werde.

Eine Billion Dollar … man kann sich fast nicht vorstellen, wie viel Geld das tatsächlich ist. Um den Lesern genau das etwas näher zu bringen zählt das Buch die Seiten nicht von 1 bis 887, sondern von 1.000.000.000 $ bis 887.000.000.000 $ und nähert sich der eine Billion damit immerhin an. In Fußnoten gibt es immer mal wieder Informationen, was die Beträge im echten Leben bedeuten. Bruttosozialprodukte und Schulden verschiedener Länder, jährliche Militärausgaben der USA, Kosten eines Flugzeugträgers oder der ISS, Vermögen von Bill Gates. So kann man sich  vorstellen in welcher Größenordnung sich Johns Vermögen tatsächlich bewegt.

Billionär zu sein löst Johns Geldprobleme natürlich auf einen Schlag auf und bedeutet für ihn, dass er sich wirklich alles kaufen kann. Bald nennt er einen Ferrari sein Eigen sowie eine Villa in Italien und eine riesige Jacht und gibt zehntausende Dollar für eine neue Garderobe aus. Er lässt sich immer wieder blenden von dem ganzen Geld, vergisst aber auch nie die Prophezeiung seines Urahns und beschäftigt sich zunehmend mit der Frage, wie er sein ganzes Geld zum Wohle der Menschheit einsetzen könnte.

Es ist spannend zu beobachten, was das Geld mit John anstellt. Wie er sich selber verändert, wie aber auch das Verhalten anderer ihm gegenüber anders wird.

An dem Punkt in der Geschichte, an dem ich gerade angekommen ist, ist noch vieles unklar. Ein dubioser Anwalt, der schon versucht hat John um sein Erbe zu bringen und der scheinbar noch andere Pläne verfolgt, eine deutsche Journalisten, die man gerade erst kennen gelernt hat und ein geheimnisvoller Anrufer, der sich immer wieder bei John meldet. Ich bin gespannt, in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln wird.

Hier geht es zu den Katalogdaten.

lga

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Mittendrin Mittwoch #92

Keiner sagte etwas. Mir war es, als befänden sich die Wörter noch im Raum, wie die dicken, grünschimmernden Fliegen, die unaufhörlich gegen das Glas der Glühbirne über unserem Tisch stießen.

Die Verteidigung des Paradieses : Thomas von Steinaecker, Seite 103

Vor 11 Jahren hat es eine Katastrophe gegeben. Sechs Überlebende wohnen in einem Resort, dass, von einer riesigen Schutzhülle umgeben, einen ewigen Sommer auf einer bayrischen Alm erzeugt. Während sie in ihrem Resort geschützt leben, Vieh halten, Gemüse anbauen, geht es außerhalb des Resorts nicht so friedlich zu. Was sie am eigenen Leib erfahren, als schließlich das Schutzschild zusammenbricht und mit einem Mal eine sengende Hitze auch im Resort herrscht. Ihr Wasser versiegt, die Vegetation verdorrt. Und keiner scheint eine Idee zu haben, was nun geschehen soll…

Die Geschichte wird uns vom 15-jährigen Heinz erzählt, der die Katastrophe als vierjähriger überlebt hat. Was genau übrigens passiert ist, warum alle Städte, Wohnsiedlungen, soweit unsere Überlebenden sehen können, in Flammen aufgingen, weiß keiner so genau.

Diese Katastrophe hat auf jeden Fall die Zivilisation zerstört, wobei sich nicht nur die Figuren, sondern auch der Leser fragt, ob das in Teilen nicht sogar ganz gut war. Denn im Deutschland vor der Katastrophe werden Kinder von Robotern statt von echten menschlichen Lehrern unterrichtet und von elektrischen Haustieren begleitet. Paare lernen sich nur noch über Perfect Match kennen, eine Software, die für jeden den perfekten Partner findet. Ein anderes Programm analysiert, welche Personen ins Council, also die Regierung, aufgenommen werden. Und die Umwelt ist auch hinüber.

Wie es mit unseren sechs Überlebenden weiter geht, ob sie ihr idyllisches Resort wieder herstellen können oder sich in der im krassen Gegensatz dazu stehenden zerstörten Welt zurecht finden müssen, möchte ich jetzt ganz schnell heraus finden.

Hier geht es zu den Katalogdaten, falls ihr das selber in Erfahrung bringen wollt. 😉

lga

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Mittendrin Mittwoch #87

„Warum waren Sie denn im Gefängnis?“, wollte ich neugierig wissen. „Weil ich Totschlag mache hab.“ ‚Totschlag mache hab‘ hörte sich nicht schön an. Ganz und gar nicht schön. Eigentlich ziemlich kacke. „Ärzte sage, ich haben Impulskontrollstörung. […] Das bedeuten, ich nicht können kontrollieren meine Aggressionen. […] Ich mich aber nun haben besser im Griff.“ […] „Das heißt, Kleinigkeiten lassen sie nicht mehr ausrasten?“, fragte ich ebenso nervös wie hoffnungsvoll. „Kleinigkeiten? Was für Kleinigkeiten?“ „Also, wenn ich jetzt mal einen ganz abwegigen Fall konstruiere… sagen wir mal, jemand zahlt für seine Tour nicht…“

Mieses Karma hoch 2, David Safier, Seite 24

Für die erfolglose Schauspielerin Daisy sieht es nicht gut aus. Sie wird von ihren Mitbewohnern vor ein Ultimatum gestellt, weil sie mit ihren Mietzahlungen in Rückstand ist, dann kann sie einen Taxifahrer – gerade aus dem Gefängnis entlassen, mit sehr niedriger Konflikttoleranz… – nicht bezahlen, weil die am Morgen versprochene Rolle in einem Bond-Film kurzfristig gestrichen wurde. Schließlich stirbt sie (nein, es war nicht der Taxifahrer) und wird gemeinsam mit einem eingebildeten Filmstar als Ameise wiedergeboren. Sie haben zu viel mieses Karma angesammelt. Um ihrem besten Freund Jannis wieder näher zu kommen, muss Daisy in der Karma-Leiter wieder aufsteigen…

Der erste Teil Mieses Karma war sehr lustig und spannend. Dieser 2. Teil ist nach demselben Schema aufgebaut. Allerdings mit 2 Personen, die gleichzeitig sterben und wegen miesen Karmas als Ameisen wiedergeboren werden. Trotzdem lässt es sich gut lesen, ist lustig und spannend. Ich bin gespannt, wohin Daisy dieses Mal aufsteigen muss, bis sie am Ziel ist.

Mieses Karma hoch 2 und andere Werke von David Safier findet ihr hier.

Juliane

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Hörbuchtipp: Die amerikanische Nacht

Die 24-jährige Ashley, Tochter des berühmten Regisseurs Stanislas Cordova, wird tot am Boden eines Aufzugschachts in einem unbewohnten Gebäude New Yorks aufgefunden. Das Interesse des Journalisten Scott McGrath an dem Fall ist sofort geweckt, und er beginnt Nachforschungen anzustellen. Hat Ashley wirklich Selbstmord begangen? Oder war es Mord? Scott hat vor ein paar Jahren schon einmal an einem Bericht über den mysteriösen Stanislas Cordova gearbeitet und dabei einige unkluge öffentliche Äußerungen getätigt, die seiner Karriere alles andere als gut bekommen sind. Bei seinen Recherchen über Ashley stößt Scott wiederholt auf Cordova, dessen Person immer verdächtiger erscheint.

Mit „Die amerikanische Nacht“ von Marisha Pessl bin ich mal wieder an ein sehr fesselndes Hörbuch geraten. Die Geschichte rund um Scott, Ashley und Cordova wird immer verworrener je weiter man hört und man erfährt erst ganz zum Schluss, was tatsächlich hinter allem steckt. Oder? Das Ende war nämlich erfrischend offen gehalten, sodass man für sich selbst entscheiden kann, was die Wahrheit hinter allem ist.

Die amerikanische Nacht von Marisha Pessl

Neben all den Verwicklungen, Aufdeckungen von Geheimnissen und falschen Wahrheiten, sind mir die Beschreibungen von Cordovas Filmen immer wieder positiv aufgefallen. Die Filme Cordovas handeln von menschlichen Abgründen. Während seine ersten Filme noch uneingeschränkt gefeiert werden, sind seine letzten dermaßen verstörend, dass sie nur illegal zu haben sind. Ich mochte die Beschreibungen seiner Filme, die es geschafft haben diese verschiedenen fiktiven Szenen und Elemente lebendig erscheinen zu lassen.

Einziger Wehrmutstropfen: das Hörbuch ist gekürzt. Bei gekürzten Hörbüchern habe ich immer das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Andererseits ist das ein guter Grund irgendwann die Geschichte nochmal zu genießen, dann aber zum Buch zu greifen.

Ihr könnt den Roman bei uns als Hörbuch in der Onleihe oder vor Ort als Buch in der deutschen Übersetzung oder auch im englischen Original ausleihen.

lga

Literaturtage: Michael Kumpfmüller „Tage mit Ora“

Buch „Tage mit Ora“ und Programmheft zu den Literaturtagen 2018

„Tage mit Ora“ von Michael Kumpfmüller

Eine Frau und ein Mann beschließen, gemeinsam zu verreisen. Was ist ungewohnlich daran? Die beiden kennen sich kaum. Das Einzige, was sie wissen: Sie fühlen sich zueinander hingezogen. Eigentlich kann es mit ihnen nichts werden, aber vielleicht ja doch. Sie begegnen sich auf einer Hochzeitsparty – und bleiben aneinander hangen: die Kunstschneiderin Ora und der Erzähler des Romans, der über sich sagt, das einzige was fur ihn spräche, wäre seine schone Seele. Beide sind Experten in Liebeskatastrophen und allenfalls gemäßigt optimistisch, stehen in der Mitte des Lebens. Aber sie spüren, dieser neue Mensch interessiert mich. Da ist etwas, das ich ausprobieren will – mit allen Konsequenzen. „Tage mit Ora“ erzahlt davon, wie die beiden sich auf den Weg machen, so die Verlagsankündigung. Zwei Wochen USA, Westküste, mit dem Mietwagen. Die Stationen ihrer Reise: Orte aus Oras Lieblingssong „June On The West Coast “ von Bright Eyes. Mehr Planung gibt es nicht. Mit wunderbarer Leichtigkeit und zärtlichem Humor führt Michael Kumpfmüller vor, was passiert, wenn zwei Stadtneurotiker Spontanurlaub machen. Und sich in fremder Umgebung Schritt fur Schritt aufeinander einlassen. Ihr Road Trip wird zu einer Woody-Allen-artigen Komödie des sich Findens und Verfehlens. Denn der Erzähler weiß, dass Katastrophen, die hinter einem liegen, jederzeit wunderbar als nicht enden wollende Komödie erzählt werden können.

„I spent a week drinking the sunlight of Winnetka, California where they understand the weight of human hearts.“ 
~Songtext „June on the West Coast“ von Bright Eyes / Conor Oberst, 1998~

Michael Kumpfmüller, geboren 1961 in München, lebt als freier Autor in Berlin, ausgezeichnet mit dem Döblin-Preis. Der Kafkas letztes Lebensjahr thematisierende Roman „Die Herrlichkeit des Lebens“ wurde zum Bestseller, in 25 Sprachen übersetzt und von der literarischen Kritik hochgelobt.

Montag, 22. Oktober, 19 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 18.30 Uhr, Beginn: 19.00 Uhr
Moderation: Klaus-Georg Loest
Musikalische Begleitung:  Anna Suzuki, Gesang und Flügel
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Einen persönlichen Eindruck von der Lektüre hatte die Kollegin HilDa bereits vor zwei Wochen im MittendrinMittwoch #70 beschrieben.

Ein ausführliches Interview mit Michael Kumpfmüller kann man im Podcast des WDR 3 nachhören, ein weiteres beim Deutschlandfunk Kultur .

Ausleihhinweise zu „Tage mit Ora“ und anderen Romanen von Michael Kumpfmüller findet ihr hier. Zum gesamten Programm der Literaturtage geht es hier.

Literaturtage: Anja Kampmann „Wie hoch die Wasser steigen“

Wenzel arbeitet auf Bohrinseln, bodenlos über den Wellen, im Nirgendwo auf dem Globus. Im Dorf seiner Vorfahren war er mit Milena verheiratet, konnte sich finanziell dort aber nicht über Wasser halten. Sie ist ihm fremd geworden, genauso wie es seine Jugendfreunde und sein ehemaliges Zuhause sind. Einziger Halt ist die immer intensiver werdende Freundschaft zu seinem Kollegen Matyas. Als ein nächtlicher Sturm vor der nordafrikanischen Küste Matyas verschluckt hat, macht sich Wenzel auf den Weg – eigentlich nur um dessen Familie in Ungarn die Hinterlassenschaften zu bringen. Doch dann steigt er aus. Erst aus dem Taxi, das ihn zur Bohrinsel zurückbringen sollte, dann aus dem Arbeitsleben. Uber Malta und Italien irrt er nach Norden, fährt im geliehenen alten Fiat in ein erloschenes Ruhrgebiet, in das sein Vater auf der Suche nach Bergmannsarbeit gegangen war. Im Gepäck hat er eine Brieftaube, die geradlinig ihren Weg zurücknehmen wird. Sie fliegt zurück zu dem am Alpenrand lebenden Alois, dem Freund seines Vaters, seiner einzigen noch vitalen Verbindung zur Vergangenheit.

„Er dachte, dass er etwas in der Ferne gesucht hatte, aber dass dort nichts war.“
~Wenzel~

Anja Kampmanns aus der Büchermenge dieses Jahres herausragender Debütroman erzählt in dichter, poetischer Sprache von der sonnendurchglühten Hafenstadt Tanger, der staubigen ungarische Puszta, dem verrusten Ruhrgebiet von Wenzels Kindheit, der Rückkehr aus der Fremde, vom Versuch, aus einer harten Arbeitswelt zurückzufinden ins eigene Leben. Die bisher als Lyrikerin bekannte 35-jährige Hamburgerin schreibt ohne Schnörkel, ohne Psychologisierung, erfindet höchst intensive Bilder und wurde damit in diesem Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Hier ist eine Autorin zu entdecken„, so Tobias Lehmkuhl in der ZEIT (Rezension einschließlich fast 7 Minuten Video-Lesung). Na dann:

Mittwoch, 17. Oktober, 19 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 18.30 Uhr, Beginn: 19.00 Uhr
Moderation: Klaus-Georg Loest
Musikalische Begleitung: Matthias Kämper, Flügel
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Hier geht es zu Anja Kampmanns Werken in unserem Katalog und hier gelangt ihr zum gesamten Programm der Literaturtage.

Mittendrin Mittwoch #71

Sarah bemerkte, wie ein Gefühl der Bitterkeit in ihr hochkroch, gemischt mit Verachtung. Wie ignorant und rückständig sie waren! Aber durfte man das – seine eigenen Familie verachten? Seine Familie musste man doch lieben! Das tat sie ja auch, überlegte Sarah. Sie verachtete nur ihre Rückständigkeit. Gerade weil sie ihre Familie liebte, schmerzte es sie zu sehen, wie zufrieden sie alle mit sich waren, obwohl sie so weit hinter ihren Möglichkeiten zurückblieben. Wenn sie Boris nicht getroffen hätte, wäre sie jetzt vermutlich auch so. Sie konnten nichts dafür, sie mussten erst noch auf den richtigen Weg gebracht werden.

Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer, Seite 204 bis 205

Im Jahr 1886 kommt Boris Sidis, ein ukrainischer Einwanderer, in New York an. Überzeugt davon, dass sein Verstand alles ist, was er benötigt, wirft er sein Gepäck und sein Erspartes fort. Mittellos steht er nun in New York, landet über einen Bekannten aber schließlich in Boston, wo er nach einiger Zeit gezwungen ist zu unterrichten, um sich zu finanzieren. Er ist ein guter Lehrer und geht dieser Beschäftigung auch gerne nach, jedoch ist es ihm unangenehm, dafür Geld zu nehmen. Er betrachtet Bildung als ein Gut, dass jedem zugänglich sein sollte, um die Menschen aus der Dummheit, an der seiner Ansicht nach die Meisten leiden, herauszuführen.
Bei seiner Lehrtätigkeit lernt er seine zukünftige Frau Sarah kennen. 1898 wird ihr gemeinsamer Sohn William James Sidis geboren. Zu diesem Zeitpunkt ist Boris zu einem berühmten Psychologen avanciert und findet es schier unerträglich, seinen Sohn zu einem „normalen“ Kind heranwachsen zu lassen. Er ist fest davon überzeugt, dass man jedes Kind dazu erziehen kann, ein Genie zu werden. Seine Methoden scheinen auch zu wirken. William lernt sehr früh zu sprechen, und zwar gleich 4 Sprachen auf einmal, diskutiert mit den Erwachsenen, kann zu jedem Datum in Zukunft oder Vergangenheit auf Anhieb den Wochentag nennen usw.

Ich bin momentan bei genau diesem Abschnitt von Williams Leben, nämlich seiner frühen Kindheit, nachdem sich der Großteil der ersten 200 Seiten hauptsächlich mit Boris Sidis beschäftigt hat. In der Beschreibung seiner frühen Erziehung bahnt sich schon an, warum wohl die wenigsten von William James Sidis gehört haben, obwohl er als der Mensch mit dem höchsten IQ gilt und als wahres Wunderkind gefeiert wurde. In seinem Erwachsenenleben kann er seine Genialität nämlich nicht nutzen, um etwas Bleibendes zu hinterlassen. Bei all seiner Erziehung, um aus William ein Genie zu machen, hat Boris nämlich auch viele Dinge außer Acht gelassen wie Fantasie oder soziale Kompetenzen. Da wundert es mich nicht, dass William nicht ganz der Mensch wird, den Boris sich gewünscht hat.

Obwohl sowohl Boris als auch seine Frau Sarah eher unsympathische Gesellen sind, finde ich es dennoch interessant von ihren Leben gelesen zu haben. Beide sind eher gezwungenermaßen in Amerika gelandet, beide sind durch Bildung voran gekommen und halten diese sehr hoch. Mit ihrer Verachtung und Überheblichkeit anderen Menschen gegenüber könnten sie allerdings etwas sparsamer umgehen. Ich gehe mal davon aus, dass sich die restlichen gut 400 Seiten des Buches nun aber eher auf William fokussieren werden, da es schließlich ein biographischer Roman über ihn ist, und bin schon gespannt, wie genau seine Wunderkindjahre und dann sein Leben als Erwachsener bis zu seinem frühen Tod verlaufen werden.

Klaus Cäsar Zehrer ist im Rahmen der Literaturtage übrigens am 23.10.2018 bei uns zu Gast und wird aus Das Genie lesen.

Die Details zur Lesung:
Dienstag 23. Oktober 2018
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 18.30 Uhr, Beginn: 19.00 Uhr
Moderation: Harald Pilzer
Musikalische Begleitung: Thomas Schweitzer, Saxophon
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Hier findet ihr Ausleihhinweise zum Buch und hier das gesamte Programm der Literaturtage.

lga

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