Buchtipp: „Das Mädchen“ von Stephen King

Es sollte eigentlich eine ganz normale Wanderung werden. Ein paar Meilen auf dem Appalachian Trail in Maine mit ihrer Familie. Wenn sich ihre Mutter und ihr Bruder nur nicht ununterbrochen streiten und sie dabei gar nicht mehr bemerken würden. So schlägt sich die neunjährige Trisha unbemerkt in die Büsche, um mal kurz auszutreten. Ein Platz nicht zu nah am Weg, wo sie keiner sehen kann, soll es sein. Und wenn sie dann einfach hier vorne eine Abkürzung nimmt sollte sie ruckzuck wieder zurück auf den Weg finden. Und so verirrt sich Trisha im Wald.

Wir folgen ihr nun, wie sie umher irrt. Wie sie versucht nicht in Panik zu geraten. Wie sie in Panik gerät. Wie sie Strategien entwickelt. Welche Richtung schlägt sie am besten ein? Wie kommt sie an Essen und Trinken? Und natürlich erleben wir ihre Ängste. Was geht ihr nachts, im dunklen Wald, ganz allein, durch den Kopf? Und was ist es, das sie im dunklen hört? Einbildung? Etwas ganz reales? Oder doch etwas viel düstereres?

Immerhin hat sie eine Sache mit der sie sich ablenken kann: Baseball. Sie ist großer Fan und so folgt der Aufbau des Buchs dem Ablauf eines Baseballspiels und ist in Innings unterteilt. Ich habe von Baseball und Innings zwar rein gar keine Ahnung, das war aber ohnehin nur der Rahmen für die Handlung. Ob ich Baseball nun verstehe oder nicht tut der Geschichte keinen Abbruch.

Nun könnte man meinen, dass dieses Buch bald langweilig wird: Mädchen läuft durch Wald, mehr passiert ja eigentlich nicht. Aber der tiefe Einblick in Trishas Gedankenwelt, dem wir folgen, trägt ohne Probleme durch die gesamte Geschichte.

Das Buch gibt es bei uns als eBook in der Onleihe oder vor Ort als Hörbuch auszuleihen.

lga

Buchtipp: „Frühling“ von Ali Smith

Nach Herbst und Winter kommt Frühling. Und dann auch Sommer – letzteres ist soeben erschienen und schon auf der SWR-Bestenlisten unter den 10 von Literaturkritikern besonders empfohlenen Neuerscheinungen. Ich bin aber gerade erst mit „Frühling“ fertig geworden.

Die Rede ist, manche ahnen es wohl schon, von der nach den Jahreszeiten benannten Roman-Tetralogie der britischen Autorin Ali Smith. Die beiden ersten Titel wurden hier bereits vorgestellt („Herbst“; „Winter“). Nun also „Frühling“.

Wieder ist es nicht leicht, den Inhalt wiederzugeben, obwohl mir dieser Roman einfacher konstruiert erscheint – vielleicht weil ich nun den Stil der Autorin kenne. Ali Smith erzählt nicht linear; sie lässt die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven wachsen, dadurch beginnt sie immer wieder neu aus einer anderen Richtung, einer anderen Zeitebene. In einem Kaff in Schottland treffen die Protagonisten zusammen, die scheinbar nichts gemein haben. Auf einer ruckelig-unbequemen Fahrt nach Inverness in einem Catering-Van mit nur einer Sitzbank kommen sie sich buchstäblich näher. Und auf einem historischen Schlachtfeld … – aber nein, ich will nicht vorgreifen.

Ein alter, einst zumindest in intellektuellen Kreisen bekannter Dokumentarfilmer sucht nach einem Sinn in seinem neuen Auftrag, ein Film über eine Fast-Begegnung zweier literarischen Größen des frühen 20. Jahrhunderts: Rainer Maria Rilke und Katherine Mansfield. Zugleich versucht er seine Trauer über den Tod seiner langjährigen Mitarbeiterin und Freundin zu verarbeiten.

Eine Frau vom Wachdienst einer geschlossenen Anstalt für Flüchtlinge verfolgt spontan ein Mädchen, das feengleich und ganz unerklärlich in der Anstalt aufgetaucht war und Veränderungen bewirkt hatte – nur kleine Verbesserungen, aber wie durch Zauberhand. Oder hat das außergewöhnliche Kind hypnotische Fähigkeiten?

Eine Aktivistin will über ein geheimes Netzwerk Menschen retten und Flüchtlinge verstecken.

Zwei gegensätzliche Frauen, ein desillusionierter Mann und ein Mädchen. Das Mädchen scheint der Schlüssel. Traumwandlerisch verbindet sie die Personen miteinander, für die sich danach alles verändern wird.

Wieder benutzt Ali Smith surreal wirkende Szenen. Waren es in „Herbst“ die Träume eines in tiefer Bewusstlosigkeit liegenden alten Mannes am Ende seines Lebens, waren es in „Winter“ die Visionen einer Frau mit den ersten Anzeichen einer Demenz, so sind es in „Frühling“ eher märchenhafte Elemente.

Aber auch Märchen gehen nicht immer gut aus; manche, und gerade die wahrhaftigsten, haben kein Happy End á la „sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage“-Blabla. Nein, am End sind vielleicht alle froh, wenn sie überhaupt wieder oder noch irgendeine Perspektive haben.

Immerhin: Der Frühling steht für Hoffnung. Die Hoffnung, auf einen neuen Anfang. Niemand sagt, dass das leicht wird. Auch Ali Smith nicht.

Eine beeindruckende Romanreihe.

HilDa

PS: Der „Sommer“ ist auch geliefert und eingearbeitet: hier.


Buchtipps gegen das Sommerloch

Wir haben die Kolleginnen und Kollegen nach ihren Lesetipps für diesen Sommer gefragt und werden diese so nach und nach hier veröffentlichen.


Viel Freude beim Lesen!

Buchtipp: Carsten Henn – Der Buchspazierer

Der Buchhändler Carl Kollhoff liefert nach Ladenschluss Bücher an Kunden aus, für die er häufig der einzige Kontakt zur Außenwelt ist. Auf einem seiner Spaziergänge trifft er auf die neunjährige Schascha, die ihn von nun an begleitet. Durch sie lernt Carl seine Kunden besser kennen und lernt, dass er nicht die Bücher liefern muss, die sie wollen, sondern solche, die sie brauchen. Denn jeder hat mit eigenen Problemen zu kämpfen wie Einsamkeit, Analphabetismus oder Gewalt.

Schließlich verstirbt Carls ehemaliger Chef, mit dem er eng befreundet war. Die neue Inhaberin sieht in Carls Service ein Relikt aus vergangenen Tagen und kündigt ihm schließlich. Nach einem Unfall benötigt er selbst die Macht der Bücher und die Hilfe von Schascha.

Der Buchspazierer ist eine Hommage an Bücher und die Brücken, die sie zwischen Menschen schlagen können. Mir haben Buch und Personen sehr gut gefallen.

Carl, der eigentlich bereits im Ruhestand sein könnte, kann sich schlecht Namen merken, so dass er seine Kunden treffend nach Romanfiguren benennt. Wie sein ehemaliger Chef glaubt er, man könne jeden zum Lesen bringen, wenn man ihm nur das richtige Buch gibt. Auch bei Praktikant Leon, der – obwohl Fußballfan – das von Carl offensichtlich platzierte ‚Fever Pitch‘ von Nick Hornby nicht anfasst – gibt er die Hoffnung nicht auf.

Durch ihre offene Art bewirkt Schascha, dass sich Carls Kunden öffnen und man sie besser kennenlernt. Sie sieht mehr zwischen den Zeilen als Carl und ist davon überzeugt, dass sich ein Problem einfacher lösen lässt, wenn man erst einmal ein Eis isst. Und natürlich versucht Carl auch für sie einen Namen aus einem Roman zu finden.

Juliane


Wir haben die Kolleginnen und Kollegen nach ihren Lesetipps für diesen Sommer gefragt und werden diese so nach und nach hier veröffentlichen.


Viel Freude beim Lesen!

Romanreihe um Rico und Oskar von Andreas Steinhöfel

Zwischen 2008 und 2020 sind fünf Romane in der Reihe für Kinder ab 10 Jahren erschienen. Der erste Roman – Rico, Oskar und die Tieferschatten – wurde unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Die ersten drei Teile wurden ab 2014 verfilmt. Ich möchte hier nicht nur ein Buch herausnehmen, sondern die gesamte Reihe empfehlen. Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch sowie Rico, Oskar und das Mistverständnis entstanden erst in den letzten Jahren, nachdem es ursprünglich bei einer Trilogie bleiben sollte.

Der 10-jährige Rico lebt zusammen mit seiner Mutter in Berlin. Er bezeichnet sich als tiefbegabt und vergleicht seine Gedanken mit Bingo-Kugeln, die manchmal durcheinandergeraten und ab und zu aus seinem Kopf herausfallen. Zudem verwechselt er häufig links und rechts, so dass er seine gewohnte Umgebung nicht weiter als nötig verlässt. Sein Klassenlehrer erkennt anhand eines Aufsatzes Ricos Potential als Erzähler. Er gibt ihm also den Auftrag, ein Ferientagebuch zu schreiben. Dementsprechend werden die Romane aus Ricos Perspektive erzählt.

Oskar dagegen ist hochbegabt. Sein Kopf ist gefüllt mit Faktenwissen, unter anderem die Anzahl Kinder, die jährlich als Beifahrer, Radfahrer oder Fußgänger verunglücken. Aus Sicherheitsgründen trägt er daher einen Motorradhelm. Er lebt bei seinem Vater, der mit Oskars Hochbegabung nicht umgehen kann. Oskar glaubt daher, er wolle nichts von ihm wissen.

Zwischen den Kindern entwickelt sich eine Freundschaft an der beide wachsen. Rico entwickelt sich im Laufe der Romane zu einem selbstbewussten und mutigen Jungen, der sich auch in für ihn unbekannte Gebiete wagt und sich zu behaupten weis. Oskar, der die Wahrscheinlichkeiten durch einen Unfall ums Leben zu kommen genau kennt, verliert seine Angst und benötigt schließlich keinen Helm mehr.

Rico, Oskar und die Tieferschatten

Ricos Lebensmittelpunkt liegt hauptsächlich in der Dieffenbachstraße, wo er sich nicht verlaufen kann. Am ersten Ferientag trifft er auf Oskar, mit dem er sich anfreundet. Tagesthema unter den Nachbarn ist eine Serie Kindesentführungen, bei der die Kinder nach Zahlung eines geringen Lösegeldes wieder freigelassen werden. Als schließlich Oskar entführt wird, und die Polizei ihn nicht für voll nimmt, als er glaubt den Täter zu kennen, muss Rico seinen Mut zusammennehmen und seine für ihn sichere Umgebung verlassen.

Rico, Oskar und das Herzgebreche

Oskar darf bei Rico übernachten. Die beiden begleiten Ricos Mutter zum Bingo, wo Oskar bemerkt, dass sie schummelt und die falsch markierten Zahlen bei der Kontrolle nicht auffallen – was sie eigentlich sollten. Es stellt sich heraus, dass die Preise keine Plastikhandtaschen sind wie behauptet wird, sondern teure Ware. Die Jungs finden heraus, dass Ricos Mutter hier nicht freiwillig mitmacht.

Ricos neuen Nachbarn, einen Polizisten, wollen sie auf keinen Fall um Hilfe bitten. Sie erwischen ihn mit einer anderen Frau, was Rico sehr wütend macht. Eigentlich hätte er sich gewünscht, dass der Polizist mit seiner Mutter zusammenkommt und sein neuer Papa wird. Die Freunde müssen den Fall also ohne Hilfe der Polizei lösen.

Rico, Oskar und der Diebstahlstein

Oskar wohnt mittlerweile im selben Haus wie Rico. Beide besuchen den Nachbarn Fitzke, obwohl dieser oftmals unfreundlich und gemein zu den Kindern war. Rico ist fasziniert von dessen Steinzucht, im Gegensatz zu Oskar, der dies für Quatsch hält. Nach Gustav Fitzkes Angaben hat das Züchten aber bereits einmal geklappt. Ganz einfach ist die Steinzucht natürlich nicht. Man muss wohl Geduld mitbringen. Sehr viel Geduld.

Kurz darauf verstirbt Fitzke aufgrund einer Herzerkrankung und vererbt Rico seine Sammlung. Vor allem auf den Kalbstein – das Produkt einer erfolgreichen Paarung – soll er gut aufpassen. In der Nacht wird in die leerstehende Wohnung eingebrochen und der Kalbstein ist verschwunden. Die Jungs verfolgen die Diebe bis an die Ostsee. Dabei wird auch ihre Freundschaft auf die Probe gestellt.

Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch

Wie der Titel bereits andeutet, spielt die Geschichte an Heiligabend. Ricos Mutter und der Polizist Simon Westbühl sind zusammengezogen und erwarten in wenigen Wochen ein gemeinsames Kind. Neben letzten Vorbereitungen und Einkäufen blickt Rico zurück auf den Sommer. Während Oskar im Urlaub ist, freundet sich Rico mit einer Gruppe von Kindern an, die auf einem vergessenen Spielplatz ihre Freizeit verbringen. Später stößt auch Oskar dazu. Die Freundschaft geht aber aufgrund des Diebstahls von Oskars Schneekugel auseinander.

Heiligabend verläuft nicht wie geplant. Es ist Schneesturm angesagt, so dass Rico nicht wie versprochen den Weihnachtsbaum mit aussuchen kann. Oskar verhält sich ebenfalls komisch. Nach den letzten Einkäufen tauchen zwei Kinder vom Spielplatz auf, die den Weihnachtsabend aufgrund des Sturms bei Rico verbringen müssen. Schließlich kündigt sich Ricos Halbschwester für den selben Abend an, ohne dass die Möglichkeit besteht, in ein Krankenhaus zu kommen.

Oskar gerät schließlich in eine Situation, die selbst den hochbegabten Jungen überfordert. Die Hilfe der Erwachsenen wird benötigt und auch die der Kinder vom Spielplatz.

Rico, Oskar und das Mistverständnis

Der vergessene Spielplatz soll verkauft und bebaut werden. Hinzu kommt, dass Rico und Oskar sich verkracht haben und sich ihre Wege trennen. Der Verkauf kann nur durch den seit 50 Jahren verschollenen Bruder der Besitzerin verhindert werden, der für tot erklärt werden soll. Rico macht sich schließlich mit einem Freund vom Spielplatz auf den Weg in das lebensgefährliche Hessen – hier gibt’s Vulkane – um einen früheren Freund des Verschollenen aufzusuchen.

Ab dem Zeitpunkt der Trennung kann Rico nur seine eigene Geschichte erzählen, aber Oskars nicht kennen. Steinhöfel verlagert seine Geschichte also in einen Roman im Roman in das Berlin von 1907. Oskar findet heraus, dass es bei dem geplanten Verkauf nicht mit rechten Dingen zugeht. Gemeinsam mit den Freunden vom Spielplatz versucht er Beweise zu sammeln. Lösen können den Fall aber nur alle Freunde gemeinsam.

Die Erzählweise macht es möglich, dass Ricos Begleiter, der nur „der Checker“ genannt wird, ein Smartphone haben kann, in Berlin aber nur 5,5 % der Einwohner einen Telefonanschluss hatten. Aber warum eine solche Zeitverschiebung? Die Handlung enthält nebst Gastauftritt einige Anspielungen an Erich Kästner und weist Parallelen zu Emil und die Detektive auf.

Wie bekommt man aber zwei Handlungsstränge mit über 100 Jahren Zeitverschiebung am Ende wieder zusammen – wenn die Freunde denn wieder zusammenfinden? Das geht ganz einfach. Wie, das erfährt man am Ende des Buches. 🙂

Juliane


Wir haben die Kolleginnen und Kollegen nach ihren Lesetipps für diesen Sommer gefragt und werden diese so nach und nach hier veröffentlichen.


Viel Freude beim Lesen!

Buchtipp: Mädelsabend

Ruth und Walter leben seit Ruths Sturz im Seniorenheim. Walter möchte am liebsten sofort zurück nach Hause. Ruth hingegen genießt die Gesellschaft von Gleichgesinnten. Sie lauscht den Lebensgeschichten der anderen Frauen und singt endlich wieder im Chor. Unter keinen Umständen möchte sie von hier weg. Als ihre Enkelin Sara, Mutter eines kleinen Sohnes, die Zusage für ein Forschungsstipendium in Cambridge erhält und von ihrem Mann vor eine Entscheidung gestellt wird, sucht sie Rat bei Ruth.

Geschickt verwebt Anne Gesthuysen Gegenwart und Vergangenheit und erzählt von einem bewegten Frauenleben am Niederrhein, das den Bogen vom Zweiten Weltkrieg über die Fünfziger- und Siebzigerjahre bis in die Jetztzeit spannt. Eindrücklich zeigt sie, dass es keine einfachen Antworten gibt, nur individuelle Wege zum Glück.

Das innige Verhältnis zwischen der Oma und der Enkelin hat mich an meine Oma erinnert. Ich, die aus einer ganz anderen Ecke der Welt stamme, habe viele Begebenheiten in dem Roman entdecken können, die ich aus meiner Kindheit ähnlich kannte.

Und dieser Satz aus dem Buch hätte auch von meiner Oma stammen können: „Kämpfe nicht gegen dich selbst, sondern richte Dich in dem Leben ein, das Dich froh macht. Du hast nur dieses eine.“

Diesen Roman findet ihr bei uns als Buch, Hörbuch oder eBook. Hier geht es zu den Katalogdaten.

MRo




Wir haben die Kolleginnen und Kollegen nach ihren Lesetipps für diesen Sommer gefragt und werden diese so nach und nach hier veröffentlichen.
Viel Freude beim Lesen.

Buchtipps: Spannung und Nachhaltigkeit

Das Dorf in den roten Wäldern (früherer Titel: Denn alle tragen Schuld) von Louise Penny

Kanada…! Für mich ein Traumland mit sagenhafter Natur, freundlichen Menschen, tollen Erinnerungen, Sehnsuchtsort schlechthin. Als ich entdeckte, dass es sogar Krimis aus Kanada gibt, musste ich das natürlich sofort testen.

Aber sie spielen ja im frankophonen Ostteil des Landes? Hm, entspricht eigentlich nicht meinem Beuteschema, aber ich wollte dem Ganzen eine Chance geben. Und Inspector Gamache hat mich nicht enttäuscht.

Ein kluger, souveräner, geschmackvoller Ermittler, der zu einem Mord in das versteckte Dörfchen Three Pines in der Provinz Quebec gerufen wird. Getötet durch den Pfeil einer Armbrust wird die pensionierte Lehrerin Jane Neal im Wald gefunden. Es kann sich doch eigentlich nur um einen Jagdunfall handeln? Wäre nicht ungewöhnlich in der herbstlichen Jagdsaison. Doch wo sind Pfeil und Tatwaffe?

Als Außenstehender tastet Armand Gamache sich in die verschworene Dorfgemeinschaft vor, mit ihren Geheimnissen und ungewöhnlichen Bewohnern.

Der Krimi ist eher einer der leiseren Töne, es passiert nichts Schrilles, Spektakuläres. Ruhe, Beschaulichkeit, Einklang mit der Natur, Einigkeit und Freundschaft prägen das Dorf. Seicht oder langweilig ist er dabei aber nicht. Es kann passieren, dass Küche und Smartphone kalt bleiben.

Einfach nachhaltig: Verpacken, schenken, aufbewahren von Ina Mielkau

So, und nach Entspannung bei Louise Penny ist man nun wieder voller Tatendrang, um kreativ zu werden. Nachhaltigkeit ist das aktuelle Stichwort.  In unseren Haushalten sammelt sich allerhand an. Vieles davon kann weiterverwendet und z.B. zu Geschenkverpackungen umfunktioniert werden.

Ina Mielkau gibt dafür machbare und gut anzuschauende Beispiele. Wie wärs mit einem Tetrapak, der ein neues Leben als Kräutertopf bekommt? Oder das Hosenbein einer alten Jeans wird zu einer Geschenktasche für eine Weinflasche? Auch Seiten aus alten Magazinen können mit Stempeln verschönert zum Geschenkpapier avancieren.

Also, ran an den Müll!

A.W.


Wir haben die Kolleginnen und Kollegen nach ihren Lesetipps für diesen Sommer gefragt und werden diese so nach und nach hier veröffentlichen.
Viel Freude beim Lesen.

Buchtipp: Miss Merkel – Mord in der Uckermark

Frau Merkel wird zur kommenden Bundestagswahl nicht noch einmal antreten und sich wohl in den Ruhestand verabschieden. Einer repräsentativen Studie aus den Jahren 2013 und 2016 zufolge gingen 57 % der Befragten mit konkreten Plänen in den Ruhestand. Am häufigsten wurde mit 59 % der Wunsch zu reisen genannt. Einem Hobby nachgehen wollten 38 % und die Übernahme eines Ehrenamts war von 23 % der Befragten geplant.

Romane von David Safier

Über Angela Merkels Pläne gibt es Spekulationen, aber nichts, was sie selbst geäußert hätte. Ex-Bundespräsident Joachim Gauck glaubt einem Interview aus dem Jahr 2019 zufolge nicht, dass es völlig still um sie herum wird. So sieht das auch David Safier in seinem Roman Miss Merkel.

Nach ihrer Amtszeit als Bundeskanzlerin zieht sich Angela Merkel mit ihrem Mann Joachim Sauer, Personenschützer Mike und Mops Putin ins beschauliche Klein-Freudenstadt in der Uckermark zurück. Zunächst fällt es ihr schwer, sich auf die Ruhe einzulassen. Nach einem Fest im Schloss der Familie von Baugenwitz wird der Schlossherr, Freiherr Philipp von Baugenwitz, tot im Weinkeller aufgefunden. Während der Polizeichef den Fall als Selbstmord ad acta legen will, geht Angela von einem Mordfall aus. An Motiven mangelt es nicht.

In dem Buch geht es nicht nur um den Kriminalfall selbst. Angela möchte in dem Ort natürlich auch Anschluss finden. Dazu lernt man Joachim und Personenschützer Mike näher kennen. Das Buch ist lustig und spannend geschrieben und einfach zu lesen. Nicht fehlen dürfen dabei Anspielungen auf andere Politiker und die Merkelraute. Sehr zu empfehlen, allerdings gekürzt, ist das Hörbuch. Gelesen wird es von Nana Spier, die Angela Merkels Stimme sehr gut imitieren kann.

Juliane

Romane von David Safier in unserem Katalog hier.

Quellen:
(Un-)Ruhestände in Deutschland

Gauck genießt seinen Ruhestand“ – n-tv-Beitrag vom 03.10.2019


Wir haben die Kolleginnen und Kollegen nach ihren Lesetipps für diesen Sommer gefragt und werden diese so nach und nach hier veröffentlichen.
Viel Freude beim Lesen.

Buchtipp: Puls von Stephen King

Kürzlich überkam mich mal wieder die Lust auf einen Stephen King Roman. Ich lese seine Bücher richtig gerne und warte tatsächlich immer noch darauf, dass er mich mit einem seiner Bücher mal enttäuscht.

Anfangs dachte ich, dass er dies mit Puls vielleicht schaffen würde. In Puls begleiten wir Clay Riddell, der geschäftlich in Boston unterwegs ist, als plötzlich jeder, der gerade ein Handy am Ohr hat, wahnsinnig wird. Was sich zum Beispiel darin äußert, dass diese Personen anderen die Kehle durchbeißen oder Hunden die Ohren abkauen. Nett. Zusammen mit Tom und Alice, die er zufällig trifft, verlässt er Boston, um nach Hause zu gelangen und seine Ex-Frau und besonders seinen Sohn zu finden. Der natürlich auch ein Handy hat. (Das Buch ist von 2006, da hatten ja noch nicht alle Menschen ein Handy und so ist es durchaus plausibel, dass eben nicht jeder den Verstand verliert.)

Ich mag ja solche Endzeitgeschichten. Diese ganzen Versionen davon, wie die Menschheit zu Grunde gehen könnte, finde ich immer wieder spannend, gerade weil sie oft Aspekte aus unserem echten Leben nehmen und auf die Spitze treiben, wohin das führen könnte. Das macht das Ganze dann gleich noch gruseliger.

Hier ist es ein Gegenstand, den heute so gut wie jeder in der Tasche hat. So werden die wahnsinnig Gewordenen dann auch Handy-Verrückte genannt. Während sie anfangs noch an Zombies erinnern, entwickeln sie später noch ganz andere Züge (stinknormale Zombies hätte ich King auch nicht zugetraut :)).

Enttäuschend war für mich, dass sich die Geschichte im ersten Drittel ganz schön hingezogen hat. Ich mag ja eigentlich Kings ausschweifende Schreiberei sehr gerne, hier war mir der Anfang aber einfach zu sehr in die Länge gezogen. Zum Glück hat sich das noch geändert und den Rest des Buches über viel es mir sehr schwer dasselbige überhaupt aus der Hand zu legen. Also noch immer keine Enttäuschung. 🙂

Die Katalogdaten zum Buch findet ihr hier. Dort ist ebenfalls die Verfilmung zum Buch verzeichnet. Der Film ist von 2017, ich habe ihn bisher aber noch nicht gesehen. Verfilmungen von Stephen Kings Werken sind ja immer so eine Sache … mal sind es Meisterwerke und dann wieder eher ein Griff ins Klo. Mal sehen in welche Kategorie dieser Film für mich fallen wird. 🙂

lga

Buchtipp: „Winter“ von Ali Smith

Die britische Schriftstellerin Ali Smith schreibt eine Jahreszeiten-Reihe, „Winter“ ist nach „Herbst“ (2019) der zweite Band, der ins Deutsche übersetzt wurde. „Frühling“ und „Sommer“ werden demnächst folgen. „Herbst“ hatte mich fasziniert (hier der Blogbeitrag), da war ich natürlich gespannt auf den neuen Band.

Man kann die Bücher unabhängig voneinander lesen. Aber der Vergleich ist natürlich reizvoll. Auch „Winter“ beginnt mit einer surreal wirkenden Szene: Eine Frau sieht einen Kopf durch ihr Haus schweben, Kopf und Schultern eines Kindes, aber kein Torso, keine Gliedmaßen; er spricht nicht, bleibt aber hartnäckig in ihrer Nähe. Danach folgt eine Szene, die auch wieder als Realsatire auf unsere moderne Zeiten gelesen werden kann: Waren es in „Herbst“ die Stolpersteine, die die Bürokratie ihren Bürgern zumutet, so ist es in „Winter“ der Service bzw. Nichtservice einer Bank. Obwohl die Dame im reifen Alter als ehemalige Geschäftsfrau und gute Kundin des Geldinstituts sogar für Extraservice bezahlt hat, wird sie auf die automatisierte Selbstbedienung verwiesen; der junge, arrogante Angestellte will beim „Servicegespräch“ nur überflüssige Versicherungen verkaufen, doch eine einfache Bargeldauszahlung – und mehr möchte die Kundin gar nicht – macht er nicht möglich.

Ali Smith schreibt einen Gegenwartsroman, in dem die Zeitgeschichte aber nicht nur satirischer oder surrealer Hintergrund ist. Da sind die Einwanderer, die ihre Nische in einem fremdenfeindlichen Land suchen, das sie als billige Arbeitskräfte ausnutzen, ansonsten aber am liebsten übersehen will, sie sollen unsichtbar bleiben oder werden hinausgeworfen (sogar aus der Bibliothek 😦 ). Da ist die leidige Brexit-Diskussion. Vor allem aber geht es in Rückblenden immer wieder zurück in die wilden Jugendjahre von Sophia und ihrer Schwester Iris. Letztere ist Aktivistin auf Demonstrationen gegen die atomare Aufrüstung, gegen Umweltzerstörung und die Ungerechtigkeiten in der Welt. Sophia dagegen hat sich ein erfolgreiches Geschäft aufgebaut und verkauft Leuten mit zu viel Geld überteuerten Design-Schnickschnack. (Auch in „Herbst“ kommt eine Mutter vor, sie ist Fan einer Antiquitäten-Show im Fernsehen und wünscht sich all diesen Schnickschnack.)

In der Rahmenhandlung des Romans fährt Arthur (Art) aus London, ein Blogger, der sich als Intellektueller versteht, nach langer Zeit mal wieder zu seiner Mutter Sophia ins ländliche Cornwall. Er hadert mit der Trennung von seiner Freundin und heuert spontan eine unbekannte junge Frau an, die er seiner Mutter unter dem Namen seiner Freundin vorstellen möchte. Doch sie finden Sophia verwirrt vor, das Haus ist kalt und so gar nicht für Besuch und die Weihnachtstage bereit. Es ist ausgerechnet die junge Frau von der Straße mit den vielen Piercings und dem fremden Akzent, die sich erwachsener und verantwortungsvoller benimmt als Art, der Sohn. Und es ist ausgerechnet Iris, die ewige Rebellin, die das seltsame Familienwochenende komplettiert. Sie kommt sofort, um zu helfen, obwohl ihre Schwester seit vielen Jahren nicht mehr mit ihr geredet hat. Vier Menschen, die einander fremd sind, auch und gerade die drei Familienmitglieder. In einem Haus, das für diese drei eine Vergangenheit hat, die dem einen völlig unbekannt ist, für die beiden anderen aber voller verdrängter, geleugneter oder erlogener Erinnerungen.

Das ist alles andere als ein seliges Weihnachtsfest im Kreis der Familie; diese Familie redet ja nicht miteinander, geht sich seit vielen Jahren erfolgreich aus dem Weg. Doch plötzlich verwirren seltsame Visionen. Die Zeitsprünge, Erinnerungen und Perspektivwechsel machen es aber auch dem Leser nicht einfach. Ali Smith lässt sogar die Zeit stillstehen, die Kirchenglocke schlägt Mitternacht – wieder und wieder.

Der Winter ist nicht mehr so, wie er früher war: das Klima erwärmt sich, doch das Zwischenmenschliche wird kälter. Wenn da nicht noch die Fremde wäre, die die Freundin von Art spielen soll (was sie aber schnell gegenüber Sophia eingesteht), die eigentlich nirgendwo dazu gehört, die durch eine Lüge ins Haus kommt und doch die Wahrhaftigste von allen ist. Sie nennt sich Lux.

Wie in „Herbst“ gibt es auch in diesem Roman viele literarische Anspielungen zu entdecken, vor allem natürlich auf Dickens und Shakespeare. Ali Smiths Sprache hat Rhythmus, ihre Dialoge sind bissig. „Herbst“ fand ich poetischer. Aber „Winter“ muss ich ja allein schon für die Bibliotheks-Szene mögen (obwohl: „Triggerwarnung“, liebe Kolleginnen und Bibliotheksfreunde, sie ist nicht unbedingt schmeichelhaft für unsere Zunft).

Wie „Herbst“ wurde auch „Winter“ von den Literaturkritikern auf die SWR-Bestenliste gewählt als eine der empfehlenswertesten Neuerscheinungen. Ausdrücklich wird auch die Übersetzerin Silvia Morawetz gelobt.

Den Roman findet Ihr sowohl in der Papierausgabe wie auch als eBook hier.

HilDa

Buchtipp: „Mein Herz in zwei Welten“

Als ich das erste Mal von Jojo Moyes hörte dachte ich „och nein, ich glaube das mag ich nicht“. Dann sah ich ganz viel später den Film „Ein ganzes halbes Jahr“ und war begeistert. Also musste das Buch auch her. Und was soll ich sagen, ich habe es quasi verschlungen. Auch Teil zwei habe ich fast in eins weg gelesen und bin nun bei Teil drei angelangt – „Mein Herz in zwei Welten“.

Und darum geht’s: Louisa Clark ist in New York bei ihrem neuen Arbeitgeber angekommen. Dem reichen Mr. Gropnik und seiner Frau. Sie soll der Dame des Hauses als Assistentin mit Rat und Tat zur Seite stehen. Was bedeutet, irgendwie zwischen ihr und der Haushälterin zu vermitteln, da sich die beiden nicht ausstehen können. Überhaupt hält die gesamte New Yorker High Society nicht viel von Mrs. Gropnik. Weil sie Mr. Gropniks zweite Ehefrau ist, aus Polen kommt und seine Masseuse war. Also kauft man Lou ein dreitausend-Dollar-Kleid und bittet sie, bei sämtlichen Empfängen auf Mrs. Gropnik acht zu geben. Die würde nämlich den hochnäsigen Damen gerne so richtig die Meinung sagen.

Louisas Freund Sam ist natürlich in England geblieben, die beiden pflegen eine Fernbeziehung. Für das eine Jahr wird das schon gehen, oder? Sie schlagen sich ganz gut, allerdings taucht auf einmal ein Mensch auf, der Will Traynor ziemlich ähnlich sieht und Lou in Verwirrung bringt. Und auch auf der anderen Seit des Atlantiks passiert etwas. Sam bekommt eine neue Partnerin zugewiesen. Die, wie man das eben so macht, von Louisa erstmal via Facebook und Instagram inspiziert wird. War keine gute Idee. Bei einem Besuch von Sam wird es haarig. Sam findet in Louisas Badmülleimer einen Schwangerschaftstest. Negativ zwar, aber egal…


Bislang habe ich nicht viel an der Geschichte auszusetzen. Natürlich denkt man an manchen Stellen „oh Louisa, sei doch nicht so dumm“. Aber insgesamt ist der Schreibstil flüssig und die Geschichte sehr schön erzählt. Ich kann noch nicht sagen, wie ich das Buch abschließend finde, da ich mittendrin bin. 😉 Aber es ist sehr schön zu lesen, wie sich Lou nach Will’s Tod wieder gefangen hat. Das war in Band zwei teilweise krass. Aber ich glaube, dass mittlere Bände immer die am schwierigsten zu lesenden sind. Schön ist auch, dass sich Lou von ihrem Wesen her nicht verändert hat. Ihr verrückter Modestil ist immer noch so ausgeprägt wie früher und sie kümmert sich um die Menschen, die ihr wichtig sind.

Ich bin echt gespannt, was noch passiert. Ob unsere Hauptdarstellerin und der Typ aus New York ein Paar werden, oder ob sie doch bei Sam bleibt…oder keinen von beiden? Geht sie überhaupt wieder nach England zurück? Fragen über Fragen, ich hoffe, das Buch kann sie alle eindeutig beantworten. Für alle, die auch ein Fan werden möchten: Man sollte bei Band eins anfangen, damit man Louisa in all ihren Facetten richtig kennen und lieben lernt. 🙂

kwk