Ausgediente Bücher

Die Medien, die in unseren Regalen stehen, gehen durch viele Hände. Man kennt das vielleicht vom eigenen Lieblingsbuch, das man über die Jahre immer wieder liest und irgendwann ziemlich zerfleddert aussieht. Und was dann einfach kaputt ist, wo Seiten raus fallen, der Einband eingerissen ist, das landet in der Mülltonne.

Auch Bücher, die einfach nicht mehr ausgeliehen werden, kommen weg – was noch gut erhalten ist, landet im Keller, so dass wir es bei unserem hin und wieder stattfindenden Flohmarkt anbieten können. Momentan findet zum Beispiel unser Sommerflohmarkt auf der Ausstellungsfläche im 1. OG der Stadtbibliothek am Neumarkt statt. Noch bis zum 14.09.2019 könnt ihr dort Romane, Krimis, Kinder- und Jugendbücher, Sachbücher und Filme ergattern.

Das Aussortieren macht auf jeden Fall Sinn. Was nicht mehr ausgeliehen wird, nimmt auf den Regalen nur Platz für neue Bücher weg, und was halb auseinander fällt oder durch fehlende Seiten nicht mehr vollständig ist, will verständlicherweise auch keiner mehr ausleihen.
Trotzdem war ich minimal verstört, als ich ganz am Anfang meiner Ausbildung das erste Mal Bücher makulieren, also aus dem Bestand aussortieren sollte. Bücher wegwerfen, das geht? Nach einer kleinen Überwindung landeten die kaputten Bücher dann also im Müll. Wenn ein Buch 100-mal oder mehr ausgeliehen wurde, hat es seinen Dienst ja auch erfüllt. 😉

Einige der Bücher haben aber auch das Glück noch ein zweites Leben als Dekoobjekt anzutreten. Wir bieten schon seit ein paar Jahren Veranstaltungen an, bei denen man in die Kunst des Buchfaltens einsteigen kann.

Dabei entstehen dann richtige Kunstwerke. Nur ein wenig Geduld braucht man, wenn man zwei-, dreihundert Buchseiten zu falten hat. 🙂

Die nächste Veranstaltung zum Buchfalten findet  am 20.09.2019 von 14:30 Uhr bis 17:30 Uhr statt. Eine frühzeitige Anmeldung ist durchaus zu empfehlen, da die Veranstaltungen immer gut ausgebucht sind. 🙂

lga

Bart Somers und Peter Zudeick

Bart Somers „Zusammen leben“ am 7.3. und Peter Zudeick „Heimat. Volk. Vaterland“ am 11.3.

Plakat zu den Veranstaltungen in der Stadtbibliothek bei den Aktionstagen gegen Rassismus 2019

Am 7. März kam Bart Somers, der Bürgermeister der belgischen Stadt Mechelen, auf unsere Literaturbühne. 2016 wurde er von der City Mayors Foundation zum „besten Bürgermeister der Welt“ ausgezeichnet; vor allem für sein erfolgreiches Integrationskonzept ist er berühmt und gefragt. Das ist auch das Thema seines Buches „Zusammen leben. Meine Rezepte gegen Kriminalität und Terror“ (Originaltitel: Samen leven. Een hoopvolle strategie tegen IS), in dem er sehr anschaulich und mit vielen Beispielen über seine Ideen und die Umsetzung in seiner Gemeinde erzählt.

Lesung und Podiumsgespräch mit Thomas Wolff (Vorleser des deutschen Textes), Bart Somers, Brenda Kreis (Übersetzerin) und Hidayet Tuncer (Moderator) (v.l.n.r)

Die gut zweistündige Lesung und Podiumsdiskussion begann Bart Somers mit einem sehr persönlichen Einstieg: Sein Onkel, der Lieblingsbruder seines Vaters, wurde 1944 in Paderborn beerdigt, er hatte für die Deutschen als Soldat gekämpft, aus Überzeugung als flämischer Patriot. Ein Jahr später verbrachten die Familienangehörigen einige Monate im Exil in Paderborn, weil sie fürchteten, in Belgien als Kollaborateure verurteilt zu werden. Das Bewusstsein über Radikalisierung und Kollaboration in seiner eigenen gutbürgerlichen Familie wurde Jahrzehnte später zur Motivation für das politische Engagement des 1964 geborenen Bart Somers.

Bart Somers liest in der Stadtbibliothek

In seinem Vortrag erklärte er, was für ihn gelebte Diversität bedeutet, warum er die Glaubwürdigkeit des Rechtsstaates und die Einhaltung, notfalls auch Durchsetzung von Regeln, die für alle gleichermaßen gelten müssen, für eine Grundvoraussetzung hält: Ungerechtigkeit und Diskriminierung zerstören das Vertrauen. Wichtig sei der Kampf gegen Kriminalität, für Sauberkeit in den Stadtteilen und für eine Kultur der Bürgerschaft, an der sich alle Gruppen beteiligen können und sollen; alle sollen angesprochen werden, sollen gehört werden, aber auch selber zuhören. Freiheit sei nicht nur Anspruch, sondern auch Verantwortung. Wenn sich der Einzelne, egal welcher Gruppe er angehöre, als individueller Bürger und nicht als Klischee angenommen fühle, könne die Entmenschlichung durch die Radikalisierer und populistischen Verführer aufgebrochen werden.

Im Buch beschreibt der Autor viele Beispiele und persönlichen Erfahrungen. Seine Sprache ist verständlich und klar, ein gut lesbares politisches Buch. Doch noch mitreißender ist es, den charismatischen Bürgermeister selbst zu hören. Das Publikum wirkte an diesem Abend sehr konzentriert und nachdenklich.

Peter Zudeick kannte ich bisher vor allem durch seinen Satirischen Wochenrückblick, der mir – beim Autofahren gehört – schon so manchen fragenden Blick von Passanten an roten Ampeln eingebracht hat, weil ich lauthals lachend am Steuer sitze; und so manches Mal bleibt das Lachen auch im Halse stecken bei seiner politischen Satire – vielleicht auch nicht gut während einer Autofahrt. Aber ich schweife ab.

Heimat.Volk.Vaterland / von Peter Zudeick

 

Der Journalist Peter Zudeick kam am 11. März zu uns mit seinem Buch „Heimat. Volk. Vaterland : eine Kampfansage an Rechts“.

 

 

In ihrer Begrüßung erinnerte Angelika Teller an Victor Klemperer und sein wichtiges Werk „LTI : Notizbuch eines Philologen„, in dem der Sprach- und Literaturwissenschaftler bereits 1947 die Sprache des Nationalsozialismus und ihre Wirkungsmacht analysierte.

Peter Zudeick auf der Literaturbühne

Peter Zudeick möchte wenigstens einige Begriffe wieder aus dem Propaganda-Feld der Nazis zurückholen. Ganz im Sinne des Philosophen Ernst Bloch hinterfragt er „Heimat“, „Vaterland“ und „Volk“ nach ihrer ursprünglichen Bedeutung und versucht, diese Begriffe von ideologischer Vereinnahmung und Verkitschung zu lösen. Denn sie gehören zur emotionalen Grundausstattung vieler Menschen und: „Wir dürfen ihnen [den Rechten] nicht das Begriffs-Arsenal überlassen, mit denen das ‚Volk‘ für dumm verkauft werden soll.“ (Vorwort, Seite 15)

Unsere Kollegin Angelika Teller, die die beiden Veranstaltungen im Rahmen der Bielefelder Aktionswochen gegen Rassismus vorbereitet hatte, war selbst überrascht, wie gut beide doch eigentlich so unterschiedlichen Lesungen inhaltlich zusammenpassten und sich ergänzten.

Wer nicht zu den Veranstaltungen kommen konnte, kann aber natürlich noch nachlesen: die Katalogdaten zu den beiden Werken:

HilDa

Ankommen hat viele Seiten

Plakat zur Lesereihe „Ankommen hat viele Seiten“

Zu unserem buchstäblich vielseitigen Programm gehört die Interkulturelle Bibliothek mit Medien für Kinder in unserer Kinderbibliothek und für Jugendliche und Erwachsene im 1. Obergeschoss: mehrsprachige Bilderbücher, Sprachkurse zum Deutschlernen, Grammatik- und Wörterbücher, Lesebücher in Einfacher Sprache, Einführungen in das Miteinander-Leben in Deutschland und in Bielefeld speziell. Ein vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW gefördertes Projekt ermöglicht es uns in diesem Jahr, viele neue Medien für diesen gefragten Bereich zu kaufen; wir arbeiten sie gerade ein.

Eine Lesereihe mit dem Motto „Ankommen hat viele Seiten“ soll jetzt das Projekt abschließen: eine Schriftstellerin und drei Schriftsteller, die uns mit ihren Büchern verschiedene Blickwinkel auf Migration und ihre Folgen für den einzelnen Menschen zeigen.

Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei.

 

Liliana Corobca liest aus ihrem Roman
Der erste Horizont meines Lebens

Donnerstag, 22. November, 19 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 18.30 Uhr, Beginn: 19.00 Uhr
Moderation: Iulia Capros

Die zwölfjährige Cristina kümmert sich um alles: Sie kocht, putzt, füttert die Hühner und Schweine und ist Elternersatz für ihre jüngeren Brüder. Die Geschwister leben in einem Dorf in Moldawien, während die Mutter in Italien fremde Kinder hüten muss und der Vater in Sibirien arbeitet. Dabei ist Cristina eigentlich in Cousin Lucian verliebt, träumt vom ersten Kuss und einer besseren Zukunft. Eine einprägsame Geschichte in starken Bildern, geschildert aus der Sicht von Kindern, die am Rande von Mitteleuropa alleine zurückbleiben.

 

Firas Alshater liest und erzählt aus
Versteh einer die Deutschen! Firas erkundet ein merkwürdiges Land.

Freitag, 23. November, 19 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 18.30 Uhr, Beginn: 19.00 Uhr

Firas Alshater ist ein ganz normaler Berliner mit Hipsterbart und Brille, ein Comedian und erfolgreicher YouTuber. Nur, dass er in Syrien für seine politischen Videos sowohl vom Assad-Regime als auch von Islamisten verhaftet und gefoltert wurde. Erst die Arbeit an einem Film erbrachte ihm das ersehnte Visum für Deutschland. Seitdem versucht er, uns zu verstehen. In manchen Fällen kann nicht mal Firas‘ Freund Jan großartig helfen – aber sie können gemeinsam lachen, über sich, alle anderen und die kleinen Sternstunden, die Deutsche und Nicht-ganz-so-Deutsche in ihrem gemeinsamen Land ja dann doch immer wieder erleben können. Wenn sie denn wollen. Firas Alshater studiert derzeit an der Filmhochschule in Babelsberg. Er glaubt unerschütterlich daran, dass Integration funktionieren kann.

 

Gemici

Bahattin Gemici liest aus dem Kinderbuch
Stefans Zuckerfest und Alis Weihnachten –
Stefan’ın Şeker Bayramı ve Ali’nin Noel’i.
Deutsch-Türkische Lesung.

Dienstag, 4. Dezember, 16.30 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Beginn: 16:30 Uhr

Durch Ali erfährt Stefan, dass Türken 30 Tage beim Ramadan fasten und anschließend das Zuckerfest feiern. Ohne es seinen Eltern zu erzählen, feiert Stefan heimlich mit Ali das Zuckerfest. Als das Weihnachtsfest vor der Tür steht, möchte Ali auch zu Hause Weihnachten feiern. Doch seine Eltern wehren sich. “Wir sind Muslime, wir feiern keine Weihnachten”, sagen sie. Aber Ali möchte unbedingt das Weihnachtsfest feiern. Ob es ihm gelingt?

 

Senthuran Varatharajah liest aus seinem Roman
Vor der Zunahme der Zeichen

Mittwoch, 5. Dezember, 19 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass 18.30 Uhr, Beginn 19 Uhr

Durch Zufall beginnen Senthil Vasuthevan und Valmira Surroi ein Gespräch auf Facebook. Er lebt als Doktorand der Philosophie in Berlin, sie studiert Kunstgeschichte in Marburg. Sieben Tage lang erzählen sie sich von ihrem Leben, ohne sich zu begegnen. Ihre Nachrichten handeln von ihren Familien, ihrer Flucht aus Bürgerkriegsgebieten, ihrer Kindheit im Asylbewerberheim und ihrer Schul- und   Studienzeit. Hochreflektiert schreibt Senthuran Varatharajah in seinem Debütroman über Herkunft und Ankunft, über Erinnern und Vergessen und über die Brüche in Biographien, die erst nach einiger Zeit sichtbar werden.

Hier der Link zum Veranstaltungsflyer.

HilDa

Literaturtage: Jakob Hein „Die Orient-Mission des Leutnant Stern

Buchcover

Jakob Hein: Die Orient-Mission des Leutnant Stern

Diese Geschichte ist wahr, obwohl sie kaum zu glauben ist. Während des ersten Weltkrieges schmiedet der Orientalist und Abenteurer Max Freiherr von Oppenheim unter der Ägide der deutschen Militärführung einen aberwitzigen Plan. Um die Kolonialmächte England und Frankreich zu schwächen, soll der türkische Sultan, milde gestimmt durch die feierliche Übergabe von 14 muslimischen Kriegsgefangenen, animiert werden, den Dschihad auszurufen. Diese „Orient-Mission“ wird dem jungen, tollkühnen Leutnant Stern übertragen. Er soll die Gefangenen heimlich im Balkanexpress von Berlin nach Konstantinopel bringen. Damit dieser bizarre Plan gelingt, verwandelt er die Häftlinge in eine illustre Zirkustruppe.

„Er deklarierte die Orientalen als Reit- und Trapezkünstler. Auf diese Weise konnte es den Grenzbeamten nicht einfallen, spontan von ihnen Kunststücke als Arbeitsnachweis einzufordern. Er selbst würde den Zirkusdirektor geben…“

Immer wieder wechselt der Autor die Erzählperspektiven von Stern über den Gefangenen Tassaout bis zum mitreisenden Gesandten Schabinger Freiherr von Schowingen.

Hein erzählt diese absurde, historisch belegte Geschichte mit viel Feingefühl, Witz und Humor und schafft es dabei, Bezüge zur Gegenwart herzustellen.

Er zeigt die verheerende Wirkung der Konstruktion von Feindschaft, ohne sich selbst darauf einzulassen. Dem Einzelnen Menschen, jedem, bleibt er freundlich gesinnt.
(Martin Hatzius, Neues Deutschland)

Jakob Hein, der auch als Psychiater arbeitet, hat sich in diesem Roman erstmals einem historischen Stoff zugewandt. Von ihm liegen bereits 14 Bücher vor, darunter „Herr Jensen steigt aus“, „Wurst und Wahn“ sowie „Kaltes Wasser“.

Montag, 29. Oktober, 19 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 18.30 Uhr, Beginn: 19.00 Uhr
Moderation: Prof. Dr. Ludwig Huber
Musikalische Begleitung: Valentin Katter (Trompete / Flügelhorn), Alexander Lipan (Oud / Gitarre)
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Ausleihhinweise zu Jakob Heins Werken findet Ihr hier. Zum gesamten Programm der Literaturtage geht es hier.

Literaturtage: Sigrid Damm „Im Kreis treibt die Zeit“

Wir kennen Sigrid Damm als akribische Biographin und Chronistin über Personen aus dem Umfeld der Weimarer Klassik. Erinnert sei an den Bestseller „Christiane und Goethe“ von 1998 und das Buch „Goethes letzte Reise“ von 2007. Mit beiden Büchern war die Autorin zu Gast bei den „Bielefelder Literaturtagen“. Diesmal ist sie mit einem autobiographischen Werk vertreten.

In ihrem neuen Buch wendet sie sich Ihrem Vater zu, der neunzigjährig im thüringischen Gotha starb. Das Verhältnis zu ihm war seit der Kindheit zerrüttet, hatte der von ihr verehrte Großvater doch das Bild des Vaters vergiftet und die Mutter es nie korrigiert. So lehnt die Autorin jahrzehntelang sowohl den Vater als auch die Vaterstadt Gotha ab. Eine vorsichtige Annäherung wird erst möglich nach dem Tod der Mutter, in seinen zwei letzten Lebensjahren. Zwanzig Jahre danach schreibt Sigrid Damm dieses Doppelporträt über den Vater Willi Och und ihre Geburtsstadt.

Im Nachlass findet die Autorin Papiere und alte Fotos, verschränkt diese Fragmente und ihre eigenen eingeschlossen Erinnerungen mit den Zeitläuften und der Geschichte Gothas. Daraus ist ein sensibles, zeitgeschichtliches Panorama entstanden, das wieder einmal vor Augen führt, wie eng das persönliche Schicksal mit den politischen Verhältnissen verknüpft ist.

„Wärme spricht aus dem Buch. Es macht etwas mit seinen Lesern, es bringt den eigenen festen Platz ins Wanken.“ (Cornelia Geißler, Frankfurter Rundschau)

Sigrid Damm wurde mit zahlreichen Preisen geehrt und ist seit 2010 Ehrenbürgerin der Stadt Gotha.

Freitag, 26. Oktober, 19 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 18.30 Uhr, Beginn: 19.00 Uhr
Moderation: Angelika Teller
Musikalische Begleitung: ZATIE – Mylene Kroon (Vocals), Kevin Hemkemeier (Bass)
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Ausleihhinweise zu Sigrid Damms Werken findet Ihr hier. Zum gesamten Programm der Literaturtage geht es hier.

Literaturtage: Klaus Cäsar Zehrer „Das Genie“

Buch lugt aus dem Regal der Stadtbibliothek hervor

Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie

Darf man heute noch so erzählen? „Das Genie“ ist ein biographischer Roman über das Leben des als Exzentriker geltenden William James Sidis (1898 – 1944). Es ist zugleich die Geschichte einer sich energisch behauptenden und nach oben durchboxenden Einwanderergeneration in den USA in Gestalt des aus der Ukraine kommenden Boris Sidis, der 1886 in New York inmitten eines vielsprachigen, multikulturellen Menschenwirrwarrs eintrifft. Eine angeborene Intelligenz, Zielstrebigkeit und Ehrgeiz ebnen ihm den Weg zu akademischer Bildung, Ansehen und Besitz. An seinem Sohn William will er schlussendlich demonstrieren, dass jedes Kind zum Genie werden kann. Vorausgesetzt es erhält die richtige Förderung. Doch die Dinge entwickeln sich meist anders als geplant. Zwar bricht der kleine William alle Rekorde, macht mit acht Jahren seinen High-School-Abschluss, ist der „Wunderjunge von Harvard“, doch als Erwachsener hat er nach all‘ dem Drill, der Fremdbestimmtheit und den, allerdings selbstauferlegten, 154 Lebensregeln nur noch den Wunsch, sein Leben selbst in die Hand nehmen und gestalten zu können. Eine Katastrophe scheint absehbar.

„Im Ernst: Es gibt tatsächlich eine Methode, die eigens dazu entwickelt wurde, ein Kind in ein Genie zu verwandeln.“ [aus dem Roman, S.7]

Klaus Cäsar Zehrer, Jahrgang 1969, nimmt wegen der zusammen mit Robert Gernhart herausgegeben Anthologie „Hell und schnell. 555 komische Gedichte aus 5 Jahrhunderten“ (2005) einen festen Platz im Herzen seiner Leserschaft ein. Darüber hinaus hat er sich als promovierter Kulturwissenschaftler intensiv mit der Neuen Frankfurter Schule und deren Satirekonzept beschäftigt. „Das Genie“ ist sein erster Roman.

Dienstag, 23. Oktober, 19 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 18.30 Uhr, Beginn: 19.00 Uhr
Moderation: Harald Pilzer
Musikalische Begleitung: Thomas Schweitzer, Saxophon
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Einen persönlichen Eindruck von der Lektüre hatte die Kollegin lga bereits im MittendrinMittwoch #71 beschrieben.

Ausleihhinweise zu Klaus Cäsar Zehrers „Das Genie“ findet ihr hier. Zum gesamten Programm der Literaturtage geht es hier.

Mittendrin Mittwoch #72

Und Froster sagt: Mann, Vandam, da hast du was Feines erkämpft, damals auf der Nationalstraße.

Wäre es nicht Froster, sondern jemand anders, würde der schon den Boden küssen.

Und Froster fährt fort: So hast du dir das damals nicht träumen lassen, was? Dass es ein so beschissenes Ende nimmt.

Und einer fragt: Was meinst du mit Nationalstraße?

Froster sagt: Dort hat Vandam es doch losgetreten.

Und ein anderer sagt: Hä? Wo?

Und Froster sagt: Unten in der Stadt sag ich, auf der Nationalstraße. Damals im November 1989.

(Seite 62)

„Nationalstraße“ von Jaroslav Rudis

Da schwadroniert ein Ich-Erzähler, der so ziemlich alles darstellt, was mich abstößt: er ist ein Schläger, ein gescheiterter Macho, ein gewalttätiger Ex-Polizist mit rechtsradikaler Einstellung. Und der Autor lässt diesen furchtbaren Menschen reden: In einem großen Monolog erklärt er seinem Gegenüber (noch ist nicht klar, wer das ist), wie und wo man sich seine Gegner für eine Schlägerei aussucht, wie man einen Kampf überlebt, gewinnt und zum König der örtlichen Kneipe wird; er erzählt so nebenbei auch von einer Kindheit im Plattenbau, dem Selbstmord des Vaters, dem Milieu der Gescheiterten und Abgehängten.

Der wie im Fieberwahn gesprochene Monolog mit seinen vielen Wiederholungen nervt manchmal, aber ich kann mich kaum entziehen: dieser  direkte Einblick in den Kopf, in das Denken und Fühlen eines so fremden, abstoßenden Menschen. Aber eben ein Mensch. Jaroslav Rudis zeichnet ihn grob, aber nicht in krassem Schwarz-Weiß-Kontrast, sondern als einen Menschen, wie wir ihn in irgendeiner Kneipe treffen könnten und der uns plötzlich seine Fassade öffnet. Die Wiederholungen geben der Rede einen Rhythmus, ja fast etwas poetisch-episches. Da überrascht es mich nicht, dass ich gerade in einer Rezension lese, dass Jaroslav Rudis auch als Musiker und für das Theater arbeitet. Als Graphic-Novel-Autor kannte ich ihn bereits.

Durch diese Rezension (Lerke von Saalfeld beim Deutschlandfunk) weiß ich jetzt allerdings auch, wie das Buch weitergeht. Ich bin sehr gespannt auf die Autorenlesung im Rahmen unserer Literaturtage morgen. Wie trägt man so einen provozierenden Text vor? Was hat den Autor inspiriert?

Erlesenes – mittendrin und mittendabei: Wir zeigen am Mittendrin-Mittwoch die Lektüre, in der wir gerade mittendrin stecken; die Literatur führt uns mitten in ein unbekanntes Leben und in die Gedankenwelt eines Menschen, mit dem man sich im realen Leben vielleicht nicht gerade unterhalten möchte; die Literaturtage lassen uns im Gespräch mit dem Autoren teilhaben am Schreibprozess.
Mitlesen könnt Ihr immer: unsere Katalogdaten zu den Werken von Jaroslav Rudis hier. Bei den Literaturtagen könnt Ihr auch mitreden, z. B. morgen mit dem Autor von „Nationalstraße“.

Donnerstag, 18. Oktober, 19 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 18:30 Uhr, Beginn 19 Uhr
Moderation: Dr. Maria Kublitz-Kramer, Literarische Gesellschaft
Musikalische Begleitung: Three Times Blues: Milan Böse, Valentin Katter, Uwe Martin
Eintrittspreis: 8 €, ermäßigt 6 €, Dauerkarte 50 €.

Das vollständige Programm der Literaturtage hier.

HilDa

Elizzy von read books and fall in love hat sich für alle, die teilnehmen mögen, folgende Blogaktion ausgedacht: der „Mittendrin Mittwoch“. Er besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.

Makerspace in Aktion – Offene Werkstatt

Irgendwas is immer – unter diesem Motto steht der Freitagnachmittag in der Stadtbibliothek am Neumarkt. Denn da möchten wir mit Euch kreativ sein, neue Dinge ausprobieren, spielen und noch vieles mehr. Letzte Woche Freitag war das Motto „Offene Werkstatt“. Bastler und Tüftler waren herzlich eingeladen, einfach alles mögliche mal auszuprobieren. Wir haben uns mit hinein geschlichen. Vor allem die Nähmaschinen üben eine Faszination aus. 😉 Die nähen nämlich von allein, wer kein Freund des Pedals ist (so wie ich) braucht einfach nur ein paar Knöpfe drücken und schon geht’s los. 🙂

Eine Kollegin aus einer Stadtteilbibliothek wartete noch mit höchst interessanten Häkel-Variationen auf. Schaut mal:

Wer Lust bekommen hat-  diesen Freitag, 24.08.2018, findet wieder unsere Handarbeitsrunde statt. Dieses Mal werden verschiedene Handarbeiten rund um Wolle und Garne ausprobiert. Gerne dürfen eigene Projekte mitgebracht werden, denn in munterer Runde handarbeitet es sich gleich viel schöner.

Treffpunkt: Literaturbühne im Erdgeschoss, 14:30 Uhr bis 17:30 Uhr.

kwk