Wiedergelesen: Eine kurze Geschichte der Menschheit

Ich gebe zu, als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, habe ich einiges übersprungen oder nur quer gelesen. Das mache ist meistens bei Sachbüchern so, ich ziehe mir die Informationen heraus, die mich gerade interessieren und überfliege den Text ansonsten nur. Doch der wunderbare Stil von Harari lädt einfach zum gründlichen Lesen ein; wie bei Belletristik wollte ich auch die Sprache, ja, jeden einzelnen Satz genießen. So blieb das Buch vorerst auf dem SUB, dem Stapel der ungelesenen Bücher, in diesem Fall zum Wiederlesen, dann aber richtig.

Es brauchte endlich einen Urlaub. Und wie bei einem spannenden Roman hätte ich fast einige Nächte durchgelesen, wenn die Augen mitgemacht hätten.

Dieses Sachbuch zur Geschichte der Menschheit besticht nicht nur durch seinen ungewöhnlichen inhaltlichen Ansatz, sondern vor allem durch seine Sprache. Es vermögen leider nicht viele Sachbuchautoren, einen komplexen Sachverhalt allgemeinverständlich und gleichzeitig auch schön zu formulieren. Harari kann.

Und das, was er dabei vermittelt, ist wahrlich komplex: die Geschichte der Menschheit von ihren Anfängen bis heute, physikalisch-biologisch, evolutionär, historisch, philosophisch, soziologisch, kulturell. Zum Schluss wagt der Autor auch einen visionären Blick in die Zukunft, denn den Fragen müssen wir uns heute stellen: Wie soll die Geschichte der Menschheit weitergehen, wohin wollen wir uns weiterentwickeln?

Harari schreibt dabei nicht das übliche Geschichtsbuch über all die großen historischen Ereignisse, die Kriege, die Erfindungen. Er löst sich fast ganz von der Chronologie; Geschichtsdaten, Epochen, Dynastien, einzelne historische Persönlichkeiten und ganze Imperien kommen nur als Beispiele vor. Dem Autor geht es um die großen Entwicklungssprünge der Menschheit: dem Homo Sapiens, der zur beherrschenden Spezies auf der Erde wurde, zum Umgestalter und letztlich auch Zerstörer der Ökosysteme dieses Planeten. Harari stellt für einen Historiker ungewöhnliche Fragen: Haben uns all die Errungenschaften und erstaunlichen Leistungen der letzten 100 000 Jahre glücklicher und zufriedener gemacht? Was wollen wir werden und wollen wir überhaupt Verantwortung für die Zukunft übernehmen? Was wollen wir wollen?

Klingt jetzt sehr philosophisch, ist aber gar nicht abgehoben, sondern Harari erläutert gut nachvollziehbar, verständlich und nicht zuletzt mit viel Humor. Man muss sich nicht einmal für Geschichte interessieren, das Werk bietet so viele anregende Gedankengänge und sagt mehr über uns Menschen heute aus als über die alten Völker, mehr über die vielen unbekannten Menschen als über einzelne Eroberer, Religionsgründer und Denker der Geschichte, die sonst so im Vordergrund historischer Abhandlungen stehen.

Das Buch ist ein Bestseller, das heißt ja nicht unbedingt, dass es auch gelesen wird. Vielleicht habt Ihr es geschenkt bekommen so wie ich. Nun, diesem klugen, witzigen und wunderbaren Werk wünsche ich viele Leser. Also fischt es aus dem SUB heraus oder leiht es Euch bei uns. Und natürlich kann man es auch gut ein zweites Mal lesen.

Das Buch findet Ihr in verschiedenen Ausgaben hier in unserer Bibliothek.
Es gibt auch eine Graphic Novel zum 1. Teil des Buches: Sapiens – Der Aufstieg

HilDa

Mittendrin Mittwoch #67

Die landwirtschaftliche Revolution ist eine der umstrittensten Ereignisse der Geschichte. Ihre Befürworter behaupten, sie habe ein neues Zeitalter von Fortschritt und Wohlstand eingeläutet. Kritiker halten dagegen, die Wende zur Landwirtschaft sei der Anfang vom Ende gewesen, denn mit ihr habe der Homo sapiens den Kontakt zu seiner natürlichen Umwelt verloren und den Weg der Gier und Entfremdung eingeschlagen.

(“Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von  Yuval Noah Harari. Seite  126)

„Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari

Das Buch war ein Weihnachtsgeschenk, und tatsächlich lese ich schon etliche Wochen darin, an den Wochenenden nur ein paar kleine Kapitel, mit durchaus größeren Lektüreunterbrechungen (das geht bei einem Sachbuch ja besser als bei einem Roman). Trotzdem genieße ich jedes Wort in diesem wunderbaren Buch.

Wie man an der oben zitierten Stelle erkennt, bin ich gerade erst am Ende der Steinzeit angelangt: Einige Menschen haben eine neue Lebensform für sich entdeckt, die sich ausbreitet und nahezu alles verändert: Landwirtschaft, Sesshaftigkeit, Leben in größeren Gemeinschaften auf engem Raum. Das neue Kapitel ist überschrieben mit „Pyramiden bauen“: Die ersten Städte entstehen, ja Metropolen und Zivilisationen bilden sich.

Vor- und Frühgeschichte interessieren mich schon immer, da habe ich bereits einiges gelesen, im Fernsehen schaue ich mir fast jede Dokumentation dazu an. Aber Harari schreibt anders über das Thema. Es geht weniger darum, uns ein Bild über das Leben in grauer Vorzeit auszumalen, Harari stellt vielmehr in Frage. Was können wir aus den wenigen gefundenen Artefakten für Schlussfolgerungen ziehen, was ist Interpretation (und eben nur eine von womöglich vielen), was gar reine Spekulation. Auch Wissenschaftler sehen vielleicht nur, was sie sehen wollen, haben Vorurteile, sind von ihrem eigenen kulturellen Umfeld geprägt und übersehen darum ihnen fremdes. Hararis Ansatz und seine Fragen haben mindestens so viel mit uns heute wie mit Evolution und Geschichte des Homo Sapiens in den vergangenen 100 000 Jahren zu tun. Das ist spannend, interessant, aufschlussreich, manchmal überraschend und provokant, vor allem aber allgemeinverständlich und auch kurzweilig und mit Humor geschrieben.

Gar so kurz ist die Geschichte der Menschheit dann doch nicht, ich habe noch viele Seiten vor mir. Aber empfehlen kann ich das Werk jetzt schon. Das Buch ist ein Geschenk!

HilDa

In der Stadtbibliothek findet Ihr das Buch in der Onleihe und im Sachbuchbestand; die Katalogdaten sind hier.

Elizzy von read books and fall in love hat sich für alle, die teilnehmen mögen, folgende Blogaktion ausgedacht: der „Mittendrin Mittwoch“. Er besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.