Literaturtage 2022 – persönliche Nachlese #2

Zwei weitere Romane aus der Reihe der Literaturtage 2022 (Teil #1 hier). Leider verblassen bereits die Erinnerungen an die Lesungen, zumindest was Einzelheiten aus den Gesprächen betrifft. Darum kann ich daraus hier nicht viel zitieren. Aber die Bücher hallen lange nach.


Julia Frank: Welten auseinander
Roman "Welten auseinander" von Julia Frank

Wieder ein autofiktionaler Roman, die Autorin verwendet die realen Namen ihrer Familie, verweist auf prominente und weniger prominente Menschen aus ihrem Bekanntenkreis, erwähnt viele Ereignisse des Zeitgeschehens, schreibt als Ich. Darin ähnelt „Welten auseinander“ etwas dem Erinnerungsbuch „Meine Schwester“ von Bettina Flitner – und doch liegen beide Bücher, tja, ich kann‘s mir jetzt nicht verkneifen: Welten auseinander. Inhaltlich sowieso, aber auch Stil, Aufbau, Sprache sind komplett anders. Es wäre unfair, die beiden Werke gegeneinander zu lesen.

Aber ich kann nicht leugnen, dass mir „Meine Schwester“ besser gefallen hat. An (auto-)biografischen Texten stört mich grundsätzlich der unwillkürlich voyeuristische Blick in das Privateste und Intimste. Bei den Literaturtagen 2022 war aber das Erinnern nun mal der Schwerpunkt (siehe Motto „Von der Wandelbarkeit des Erinnerns“); vielleicht ermüdete mich jetzt dann doch ein weiterer autobiografisch geprägter Roman. Zumal Julia Frank wirklich sehr offen über ihre Kindheit und ihre Familie spricht, über die meist prekären Verhältnisse im Haushalt; Verhältnisse, die schon an Verwahrlosung grenzen.

Die Autorin erzählt mit vielen Aufzählungen; das gibt einen sehr detailreichen Einblick in diese mir sehr fremde Welt. Aber auch die Struktur des Romans wirkt wie eine Aufzählung: Episoden aneinandergereiht, mit manchmal ganz unvermittelten Sprüngen. Auf mich wirkte das etwas strukturlos und streckenweise auch ermüdend. Dabei ist die Erzählung über eine Kindheit, die ja tatsächlich fast ohne Struktur und gegen so viel Kälte (im wörtlichen wie im übertragenen Sinn) auskommen musste, einfach erschreckend. Ich muss es hier einfach sagen: Ich bin meiner Mutter so dankbar, dass wir behütet und geborgen aufwachsen durften, in einem Zuhause, das uns Vertrauen und Halt gegeben hat. Keine Selbstverständlichkeiten, wie mir diese Lektüre beweist.
Und vielleicht ist es genau deshalb wichtig, dass ich eben dieses Buch gelesen habe.

So richtig mitgerissen hat mich dann übrigens die tragische Liebesgeschichte gegen Ende des Buches. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sie tragisch nenne, denn das deutet sich schon sehr früh an. Es ist faszinierend geschrieben, wie zwischen zwei Menschen, die aus derart unterschiedlichen Milieus stammen, eine tiefe Vertrautheit und Freundschaft erwächst und daraus dann – ganz langsam und für die Erzählerin gänzlich unerwartet – eine Liebe voller Leidenschaft und Wärme. Dieses letzte Viertel des Buches ist schön und berührend erzählt.

Die Autorin Julia Frank liest aus ihrem Buch "Welten auseinander"
© KlausHansen
Julia Frank, Lesung am 20. Oktober 2022 (©KlausHansen)

Leider war ich bei der Lesung mit der Autorin am 20. Oktober abgelenkt und habe auch dem Gespräch mit der Moderatorin nur zum Teil folgen können. Julia Frank zeigte sich genauso offen und sympathisch wie im Buch. Im Gespräch mit Angelika Teller ging es u. a. um die DDR-Erinnerungen aus der Kindheit: Leben in Ost-Berlin, Ferien an der Ostsee, Ausreiseantrag, dann geradezu traumatisch für die Kinder das Auffanglager im Westen. Das allein wäre schon Stoff für einen Roman gewesen. Auch die Liebesgeschichte mit Stephan über alle Klassengrenzen hinweg könnte ein eigener Roman sein. Oder die charismatischen Großmütter, die vielen Künstler und, nun ja, Lebenskünstler in der (heute würde man sagen Patchwork-) Familie und ihrem breiten Freundes- und Bekanntenkreis – das alles würde für gleich mehrere Romane reichen.

Alles andere als ein leichter Start ins Leben, was die Autorin da erzählt. Aber ein aufschlussreicher Blick auf die 80er und 90er Jahre aus einer für mich in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlichen Perspektive.


Norbert Scheuer: Mutabor
Roman "Mutabor" von Norbert Scheuer zusammen mit dem Programmheft der Bielefelder Literaturtage 2022 auf einem grauen Tuch

Die Welt ist ein Dorf.

Vor einem Jahr organisierten Freunde eine Spendenaktion für die Flutopfer in Kall, eine Gemeinde in der Eifel, die ich bis dahin nur als einen Romanort bei Norbert Scheuer kannte – und von der ich dachte, sie sei fiktiv.

In „Mutabor“ wird Kall zum Schauplatz einer Mischung aus Hauff‘schem Märchen und griechischer Tragödie. Die Anspielungen auf „Kalif Storch“ von Wilhelm Hauff sind offenkundig, das beginnt ja schon mit dem Titel, das Zauberwort „Mutabor“, mit dem man sich in einen Storch verwandeln kann. Der Storch ist allgegenwärtig als Motiv bis hin zum Sehnsuchtsort Byzanz/Istanbul mit dem Palast der Störche.

Der zweite Sehnsuchtsort ist Rhodos, die Heimatinsel des griechischen Gastwirts in Kall. Hauptfigur des Romans ist Nina, die als Waise aufwächst, von Istanbul und Rhodos träumt, doch Kall erst verlassen kann, wenn sie das Schicksal ihrer verschollenen Mutter aufdecken kann. Doch wie soll das Gelingen bei all dem Geraune und Gerede und all dem Schweigen und Wegschauen, das dem Mädchen im Dorf entgegen schlägt.

Norbert Scheuer webt die Erzählung voller mythischer Anspielungen erstaunlich leicht aus vielen kleinen Episoden, kombiniert das mit Bierdeckel-Lyrik und den Zeichnungen seines Sohnes. Viel Interpretations- und Assoziationsspielraum für den Leser, anspruchsvoll und doch leichtfüßiger, als ich erwartet hatte.

Norbert Scheuer auf der Bühne, er lacht ins Publikum
© KlausHansen
Norbert Scheuer, Lesung am 10.Oktober 2022 (©KlausHansen)

Zu meiner Freude las Norbert Scheuer den Romanausschnitt über die Ausflüge des Mädchens mit dem schon leicht dementen Opa und seinem klapprigen, längst nicht mehr zugelassenen Opel Kapitän, ihre Fahrten hinaus aus Kall mit dem unerreichbaren Ziel Byzanz – die Fahrten scheitern regelmäßig und führen nur wieder zurück nach Kall.

Das Mädchen wird erwachsen, die junge Frau fragt und forscht hartnäckig weiter; das Klingeln der drei Armreifen, die einst der Mutter gehörten, weist den Weg. Sind es am Ende die Götter, die mit einer großen Flut die Wahrheit freilegen können? Und ändert diese Wahrheit irgendetwas in Kall? Oder zumindest für Nina? Und was ist mit ihrer großen Liebe Paul? Können Liebe und Wahrheit Erfüllung bringen wie im Märchen oder lachen da die Götter wie in der griechischen Tragödie?

Die Wege führen eben nicht alle nach Rom, sondern meist zurück nach Kall. Aber zumindest einer irgendwann mal nach Istanbul? „Mutabor“ ist das Zauberwort. Vielleicht.

Ich kann gar nicht aufhören, immer mehr in diesem kurzen und doch so vielschichtigen Roman zu entdecken.

Die Welt ist ein Dorf. Na ja, fast zumindest.


Autor Jaroslav Rudiš und Moderatorin Antje Doßmann am 26. Oktober 2022 (©KlausHansen)
Autor Jaroslav Rudiš und Moderatorin Antje Doßmann am 26. Oktober 2022 (©KlausHansen)

Es wird noch einen dritten Teil der Nachlese geben, ich lese noch an zwei Romanen.
Außerdem möchte ich auf die beiden Beiträge meiner Kollegin Juliane verweisen: Sie hat „Nastjas Tränen“ von Natascha Wodin gelesen und schon vor den Literaturtagen dazu geschrieben. Und in ihrem ausführlichen Artikel „Reisen mit dem Zug“ , der übrigens auch schon vor den Literaturtagen fertig war, widmet sie Jaroslav Rudiš und seiner „Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“ einen großen Abschnitt.

Roman "Nastjas Tränen" von Natascha Wodin
Die Lesung mit Natascha Wodin, geplant für den 28. Oktober 2022, musste leider ausfallen

HilDa

Am Kamin

Stürme, Dezember, vor meinem Gemach,
Hänge Zapfen von Eis an das Dach;
Nichts doch weiß ich vom Froste;
Hier am wärmenden, trauten Kamin
Ist mir, als ob des Frühlings Grün
Rings um mich rankte und sprosste.

All das Gezweig, wie es flackert und flammt,
Plaudert vom Walde, dem es entstand,
Redet von seligen Tagen,
Als es, durchfächelt von Sommerluft,
Knospen und Blüten voll Glanz und Duft,
Grünende Blätter getragen.

Fernher hallenden Waldhornklang
Glaub´ ich zu hören, Drosselgesang,
Sprudelnder Quellen Schäumen,
Tropfenden Regen durchs Laubgeäst,
Der die brütenden Vögel im Nest
Weckt aus den Mittagsträumen.

Stürme denn, Winter, eisig und kalt!
An den Kamin herzaubert den Wald
Mit der Flammen Geknister,
Bis ich bei Frühlingssonnenschein
Wieder im goldgrün schimmernden Hain
Lausche dem Elfengeflüster.

(Adolf Friedrich von Schack)

Vorlesetipp: Ein Schaf fürs Leben

Geht es euch auch so? Beim Vorlesen für Kinder muss mir das Buch selber auch gefallen, sonst wird das mit dem richtigen Vorlesen schwierig.

So ein Buch ist auf jeden Fall „Ein Schaf fürs Leben“ von Maritgen Matter.

Die Geschichte könnte recht schnell erzählt sein: Ein Wolf hat fürchterlichen Hunger, trifft auf ein Schaf – wie passend – und zack…

Soweit der Plan des Wolfs. Er muss jedoch umdisponieren und lädt das arglose Schaf zu einem nächtlichen Schlittenausflug ein, bei dem er dann seinen Plan umsetzen möchte. Das Schaf ahnt von alldem nichts, bewundert den Wolf, sieht in ihm einen Dichter, der ihm Erfahrungen zeigen möchte. Und los geht die wilde Fahrt.

Doch sie endet komplett anders als vom Wolf geplant. Ein Unglück passiert, das Schaf wird zum Lebensretter. Kann der Wolf bei so viel Freundschaft und Herzenswärme hart bleiben?

Die zauberhafte Geschichte wird mit den Bildern von Anke Faust wunderbar unterstrichen und bekam 2004 zu Recht den Deutschen Jugendliteraturpreis, Kategorie Kinderbuch, verliehen.

In der Bibliothek findet ihr das Buch unter ab 6 J. Matt.

A.W.

Buchtipps zum bundesweiten Vorlesetag

Bereits seit 2004 ist der Bundesweite Vorlesetag auf gemeinsame Initiative von DIE ZEIT, Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung Deutschlands größtes Vorlesefest und ein öffentliches Zeichen, um alljährlich am dritten Freitag im November Kinder und Erwachsene für die Bedeutung des Vorlesens zu begeistern. Dieses Jahr lautet das Motto „Gemeinsam einzigartig“. Wer mehr über diese tolle Aktion erfahren möchte, bitte hier klicken.

Wir möchten euch hier natürlich auch ein bisschen Inspiration geben und stellen in aller Kürze ein paar schöne Titel zum Vorlesen für Kinder und für Erwachsene vor. Da ist bestimmt etwas für euch dabei, schaut mal:

Vorlesetipps für Kinder

Kleiner König Kalle Wirschvon Tilde Michels

Kalle Wirsch ist der König der Erdmännchen. Zoppo Trump möchte König werden und fordert ihn zu einem Zweikampf heraus. Dieser soll beim nächsten Vollmond in der Wiwogitrumu-Festung stattfinden. Zoppo versucht durch viele Tricks, Kalle daran zu hindern, zur Festung zu gelangen. Gut, dass Kalle Wirsch die Hilfe von Jenny und Max – zwei Menschenkindern – hat.

Ein Lesevergnügen für Klein und Groß.

Urmel aus dem Eis“ von Max Kruse

Professor Habakuk Tibatong bringt Tieren das Sprechen bei. Er lebt mit seiner Haushälterin dem Hausschwein Wutz und vielen anderen Tieren auf einer Insel. Versteckt in einem Eisberg taucht ein großes Ei auf, aus dem der kleine Dinosaurier Urmel schlüpft, der die Welt auf der Insel ganz schön durcheinanderbringt.

Diese Vorlesegeschichte macht viel Freude, da jedes der Tiere einen anderen Sprachfehler hat, was den/die Vorleser*in vor Herausforderungen stellt und den Kindern einen Heidenspaß macht.

Sabine Lieker
ehrenamtliche Mitarbeiterin und Teamsprecherin in der Stadtteilbibliothek Jöllenbeck

„Stellaluna“ von Janell Cannon

Das junge Flughund-Mädchen Stellaluna entgleitet seiner Mutter, als diese von einer Eule angegriffen wird. Stellaluna fällt und fällt… und landet wohlbehalten in einem Vogelnest mit drei erschreckten Vogelkindern. Stellaluna muss sich nun den Gewohnheiten der Vogelkinder anpassen, die völlig anders leben als Flughunde. Dies ist der Beginn einer ungewöhnlichen Freundschaft…

Fazit dieser Geschichte:

Trotz aller Unterschiede befreundet zu sein ist leicht, wenn man begriffen hat, dass richtiges oder falsches Verhalten nur eine Frage der Sichtweise ist.

Ich habe dieses Bilderbuch mit sehr schönen Illustrationen gern vorgelesen, wenn Kinder aus Tagesstätten zu uns in die Stadtteilbibliothek in Jöllenbeck zu einer Führung gekommen sind. Sehr schön ist auch der Anhang mit verständlichen Informationen über „Fledertiere“.

Bilderbuch "Stellaluna" von Janell Cannon

„Little People, BIG DREAMS“ von Maria Isabel Sánchez Vegara

Die weltweit erfolgreiche Kinderbuchreihe erzählt von den beeindruckenden Lebensgeschichten großer Menschen. Jede dieser Persönlichkeiten, ob Schauspieler, Fußballer oder Bürgerrechtsaktivistin, hat Unvorstellbares erreicht. Dabei begann alles, als sie noch klein waren: Mit großen Träumen.

Die Texte sind einfach und gut verständlich geschrieben und mit schönen Bildern von unterschiedlichen Künstlern illustriert. Im Anhang befindet sich ein Lebenslauf mit Fotos zu wichtigen Ereignissen im Leben der beschriebenen Person.

Es gibt zahlreiche Bücher zu vielen Persönlichkeiten und bietet die Möglichkeit, sich mit dem Leben bekannter Menschen zu beschäftigen und andere, unbekannte Persönlichkeiten kennenzulernen.

Margret Langenkämper
ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Stadtteilbibliothek Jöllenbeck

Der Lesewolf“ von Bénédicte Carboneill und Michael Derullieux

Der Wolf wird im Schlaf von Vater und Tochter gestört, die auf einer Bank im Wald sitzen. Der Vater liest aus einem Buch vor, dessen Geschichte spannend klingt und den Wolf neugierig macht. Zum Glück bleibt das Buch im Wald zurück. Der Wolf sucht einen Vorleser doch ihm traut keiner – er ist ja als „böses“ Tier bekannt. Schließlich liest der Hase das Buch zu Ende und erweckt im Wolf den Wunsch, auch lesen zu können. Der Hase hilft ihm dabei. So wird aus dem Wolf ein Lesewolf.

Das Buch zeigt sehr schön, wie wichtig Lesen ist. Die Bilder in dem Buch sind besonders gut gelungen.

Renate Krammenschneider
ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Stadtteilbibliothek Jöllenbeck

„Herr Bello und das Blaue Wunder“ von Paul Maar (Warnung: dieses Buch kann Lachanfälle verursachen!!! 🙂)

Max, Sohn des Apothekers Sternheim, bekommt zu seinem 12. Geburtstag einen Hund geschenkt und nennt ihn Bello.

Als im Hinterzimmer der Apotheke eine Flasche mit blauer Flüssigkeit zerbricht, schlabbert Bello alles begierig auf. Am nächsten Morgen trauen Max und sein Vater ihren Augen nicht: aus dem Hund Bello ist ein Mensch geworden, Herr Bello. Dumm nur, dass Herr Bello zwar aussieht wie ein Mensch, sich aber weiterhin wie ein Hund benimmt. Das wirft natürlich einige Fragen auf. Wie benutzt man Messer und Gabel? (Ist etwas kompliziert aber durchaus machbar.) Wie begrüßt man andere Menschen korrekt? (Konzertbesucher werden zur Begrüßung nicht beschnüffelt!) Wie verrichtet man als Mensch sein Geschäft? (Das will ich hier nicht vertiefen.) Peinliche Situationen sind also vorprogrammiert.

Herr Bello ist aber nicht die einzige Merkwürdigkeit in der Stadt. Seit Kurzem hat der Gemüsehändler einen neuen Mitarbeiter. Der hat auffallend vorstehende Zähne, ist aber ein großer Experte für Wurzelgemüse. Außerdem kommt es vermehrt zu Eierdiebstählen, begangen von sechs Frauen, die wild gackernd umherlaufen.

„Herr Bello und das blaue Wunder“ ist ein herrlicher Vorlese Spaß für Jung und Alt, geeignet für Menschen ab vier Jahren, zum Selberlesen ab 9 Jahren. Wer nicht genug bekommen kann von Herrn Bello und seinen Abenteuern, der kann sich auch den Film angucken, gedreht 2007 mit August Zirner, Armin Rohde und Sophie von Kessel in den Hauptrollen.

Kinderbuch "Herr Bello und das blaue Wunder" von Paul Maar

Nico

Vorlesetipps für Erwachsene

Um es kurz zu machenMeike Winnemuth

Kurze Geschichten des Alltags, humorvoll von einer intelligenten Frau mit Lebenserfahrung geschrieben. Das Buch ist lustig und frech geschrieben, gleichzeitig voller Lebensweisheiten. Einfach mal gemeinsam lesen und darüber diskutieren – gute Unterhaltung und eine echte Bereicherung für das Leben.

Die große Umwendung – Neue Briefe in die chinesische Vergangenheitvon Herbert Rosendorfer

Der Mandarin Kao-Tai muss wieder aus seiner Heimat fliehen und landet erneut als Zeitreisender  in München. Auf der Suche nach Herrn Schischmi – der ihn bereits vor 20 Jahren beherbergt hat – erlebt er dieses Mal die Zeit kurz nach der Wiedervereinigung. Fassungslos beschreibt er die Welt der Großnasen in Briefen an seinen Freund Dji-Gu in der Vergangenheit.

Schöner, kritischer und lustiger als Herbert Rosendorfer hält niemand dem Leser einen Spiegel vor die Nase. Ein Vorlesespaß, der uns die Welt mit anderen Augen sehen lässt.

Anständig essen – Ein Selbstversuch“ von Karen Duve

Karen Duve beschreibt ihren Selbstversuch, sich je zwei Monate biologisch, vegetarisch, vegan und frutarisch zu ernähren. Sie versteht das Buch nicht als Anleitung zur „Weltenrettung“, sondern macht aus einem ernsten Thema mit der ihr eigenen trockenen Komik einen amüsanten Roman.

„Laufen. Essen. Schlafen.“ von Christine Thürmer

Christine Thürmer gehört zu den meistgewanderten Menschen der Welt. Sie hat ihre berufliche Karriere aufgegeben, um über die berühmtesten Wanderwege der USA zu gehen. Der Pacific Crest Trail, der Appalachian Trail und der Continental Divide Trail führen mitten durch die Wildnis, in der nichts für Ablenkung von den eigenen Gedanken sorgt.

Witzig, amüsant, unterhaltsam und lehrreich –  Reisebericht und Mutmacher in Einem, die es wert sind, dass darüber gesprochen wird.

Sabine Lieker
ehrenamtliche Mitarbeiterin und Teamsprecherin in der Stadtteilbibliothek Jöllenbeck


Unsere Kolleginnen haben uns noch mehr Vorlesetipps geschickt. Damit dieser Beitrag heute nicht zu lang wird, werden wir in den nächsten Wochen weitere Vorlesebücher vorstellen.
Schließlich ist jeder Tag ein guter Vorlesetag!

Literaturtage 2022 – persönliche Nachlese

Ich war zwar bei allen zehn Lesungen der Literaturtage, habe aber nur einige der Bücher gelesen. Nur auf diese paar werde ich hier eingehen und einige persönliche Eindrücke wiedergeben.


Bettina Flitner: Meine Schwester
Buch "Meine Schwester" von Bettina Flitner zusammen mit dem Programmheft der Literaturtage

Dieses Buch hatte ich sozusagen unter Vorbehalt angefangen: sobald mir das Thema zu nahe geht, wollte ich es abbrechen. Immerhin geht es um Depressionen, den Verlust naher Angehöriger, Suizid. Aber um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe es bis zum Ende gelesen – ohne Zögern und mit Gewinn.

Bettina Flitner beschreibt die Szenen aus der Kindheit mit fotografischer Genauigkeit und Detailliebe. Ich bin zwar in einem ganz anderen Milieu aufgewachsen, aber ungefähr zur gleichen Zeit. Da fanden sich dann doch überraschend viele Parallelen, angefangen mit den Fernsehserien der 70er Jahre, die die Geschwister – oft heimlich – schauten. Es ist keine unbeschwerte Kindheit, die Bettina Flitner beschreibt, die „schwarzen Raben“ tauchen immer wieder auf: die Depressionen der Mutter. Dazu der hohe Erwartungsdruck der Eltern und Großeltern an die Kinder und das Auseinanderbrechen der Ehe der Eltern – die Kinder spüren genau die Verwerfungen und Beben in der Familie. Doch vor allem erleben die beiden Mädchen viele Abenteuer, sie haben berühmte und charismatische Großeltern, lernen illustre Persönlichkeiten kennen – einmal sogar den unvergleichlichen Kermit und eine gewisse Hannah Arendt -, sie leben eine Weile in New York, machen Urlaub in einem Ferienhaus auf Capri. Die bunte Phantasie und große Beobachtungs- und Schauspielgabe der Schwestern – die große Schwester kann herrlich die Erwachsenen parodieren – beschert auch uns Lesern wunderbare Szenen. Immer wieder fallen den Kindern spannende Spiele und Tricks ein: Notfallübungen mit Kissen für den Fall eines Autounfalls zum Beispiel.

Die Autorin erzählt diese Kindheitserinnerungen leicht und erinnerungsstark. Gleichzeitig verarbeitet sie aber auch diesen einen Tag, an dem die Schwester, die als Kind doch noch so unbeschwert, begabt und selbstbewusst wirkte, an ihren Depressionen und Selbstzweifeln zerbricht und sich das Leben nimmt. Der jüngeren Schwester bleiben quälende Fragen. Aber eben auch die Erinnerungen.

Bettina Flitner schreibt sehr bewegend gegen diesen Schmerz und diese Fragen, die unbeantwortet bleiben, an. Dabei spricht sie offen auch über die dunklen Seiten in ihrer Familie, ohne daraus aber platte Schuldzuweisungen abzuleiten.

Auch im Gespräch mit der Moderatorin des Abends, Angelika Teller, beeindruckten die Offenheit und Klarheit der Autorin.

Zu Buch und Lesung am 14. Oktober hatten wir im Blog bereits Informationen zusammengetragen.

Auf einer Bühne sitzen die Autorin Bettina Flitner und die Moderatorin Angelika Teller im Gespräch, davor ist Publikum zu erkennen, im Hintergrund ein Bild an der Wand mit Foto der Autorin und vom Buch; Schrift: 27. Literaturtage Bielefeld, Bettina Flitner "Meine Schwester" 14. Oktober 20 Uhr
Autorin Bettina Flitner und Moderatorin Angelika Teller im Gespräch (©KlausHansen)

Die literarische Qualität dieses Erinnerungsbuches hat mich überrascht, die Sprache, die Beschreibungen mit ihren oft überraschenden Fokussierungen auf kleine Details, in denen aber eine große Metaphorik zu entdecken ist, der episodische Aufbau mit seinem Wechsel zwischen Kindheitserinnerungen und der Schilderung dieses einen Tages, der mit der Schreckensnachricht endet.

Auf die Frage, ob dieses literarische Werk für die Fotografin eine Ausnahme bleibe, gab sie zur Antwort, dass noch nicht alles erzählt sei, Bettina Flitner will weiter schreiben. Wir dürfen gespannt sein.


Abbas Khider: Der Erinnerungsfälscher
Roman "Der Erinnerungsfälscher" von Abbas Khider zusammen mit dem Programmheft der Literaturtage

Eine kleine, kompakte und doch so wuchtige Erzählung! Nur 125 großzügig bedruckte Seiten, aber Abbas Khider erzählt darin nicht nur eine, sondern viele Geschichten: die Geschichte eines jungen Mannes, der seine Heimat und seine Familie verlassen musste und nach vielen Jahren im Exil als Fremder zurückkehrt; die Geschichten und Traumata seiner Flucht durch viele Länder; die Geschichte des Ankommens in einem Land und seiner fremden Kultur und Sprache, ein Ankommen trotz einer zermürbenden Bürokratie, trotz Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Ignoranz; und nicht zuletzt die Geschichte eines geschundenen Landes und seiner verzweifelten Menschen, die brutale Geschichte des Irak in den vergangenen Jahrzehnten mit Diktatur, Besetzung, Bürgerkrieg. Und zwischen den Zeilen stecken noch mehr Geschichten. Dieses kleine Buch klingt lange nach.

AUf der Bühne sitzen sich Moderator Klaus Loest und AUtor Abbas Khider im Gespräch gegenüber, Khider gestikuliert lächelnd, Loest hört gespannt zu. Im Vordergrund erkennt man Publikum. An der Rückwand der Bühne ein Bild: Foto des Autoren und des Buches, Schrift: Abbas Khider liest "Der Erinnerungsfälscher"
Moderator Klaus G. Loest und Schriftsteller Abbas Khider auf der Literaturbühne (©KlausHansen)

Genau wie die Begegnung mit dem charismatischen Autor: Abbas Khider hat einmal mehr uns und das Publikum verzaubert (so wie schon vor drei Jahren, als er mit „Deutsch für alle“ die Literaturtage 2019 eröffnete)

Zum aktuellen Buch und der Lesung am 5. Oktober hatten wir im Blog bereits Informationen zusammengetragen.


Alois Hotschnig: Der Silberfuchs meiner Mutter
Buch "Der Silberfuchs meiner Mutter" von Alois Hotschnig, zusammen mit dem Programmheft der Literaturtage

Am Anfang hatte ich etwas Schwierigkeiten mit der Sprache des Romans: viele Wiederholungen, viele Füllwörter und sehr viele Wörter oder Phrasen in kursiv, damit sie besonders betont werden. Das gibt dem Text fast einen Tonfall wie bei einem mündlichen Vortrag – und dieser unmittelbare Sog, bei dem ich den Ich-Erzähler quasi im Ohr hatte, als würde er mir direkt seine Lebensgeschichte erzählen, packte mich dann doch. Ich lese ja gerne laut, aber selbst beim Leiselesen inszeniert und intoniert die innere Stimme den Erzähler, wie sie der Text mit seinen typografischen Hervorhebungen vorgibt. Bei der Autorenlesung am 7.10. war ich besonders gespannt auf die Interpretation von Alois Hotschnig selbst. Tatsächlich las er leise, eindringlich und in wechselndem Tempo, so wie jemand, der – manchmal nach Worten suchend, manchmal von den eigenen Erinnerungen mitgerissen – seine Lebensgeschichte mündlich erzählen würde. Genauso hatte ich mir den Vortrag vorgestellt.

Zur erzählten Geschichte fühle ich auch einen persönlichen Bezug: Mein Großvater war während des Krieges als Soldat im Norden Skandinaviens. Auch ich weiß nicht, welchen Erinnerungen ich da trauen soll, denn als er erzählte, war ich noch ein kleines Kind; und das, was mein Vater später ergänzte, war ja auch nur aus zweiter Hand, er war selbst nur ein kleiner Junge, als sein Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. Sonst gibt es keine direkten Parallelen, aber da mein Vater nur wenige Jahre älter ist als der Ich-Erzähler des Romans, würde ich jetzt gerne mit ihm über das Buch sprechen – was aber leider nicht mehr geht.

„Die Wandelbarkeit des Erinnerns“ war das Motto unserer Literaturtage 2022, der Roman von Alois Hotschnig passt da sehr gut ins Thema. Er hat mich zum Nachdenken gebracht über die Auswirkungen von Krieg, Besetzung, Exil und nicht zuletzt einer furchtbaren Ideologie, die leider bis heute ihre Fratze zeigt. Die Traumata der Kinder aus dieser Zeit, der Generation meiner Eltern, wurden kaum aufgearbeitet und prägen selbst die nächsten Generationen – uns.

Das Gespräch zwischen dem Historiker und Leiter des Stadtarchivs Dr. Jochen Rath und dem Autor des Romans bei der Lesung gab noch viele weitere Ansatzpunkte. Alois Hotschnig erzählte von seinen Recherchen, dem Datenmaterial, auf das er zurückgreifen konnte und seinen Gesprächen mit Zeitzeugen. Auch aus dem Publikum kamen sehr persönliche Beiträge. Ein bewegender Roman, ein bewegendes Gespräch.

Zu Buch und Lesung am 7. Oktober hatten wir im Blog bereits Informationen zusammengetragen.


Das waren nur drei von zehn Literaturtage2022-Titeln. Vielleicht schaffe ich noch zwei oder drei weitere Romane aus der Lesereihe, die Blogbeiträge dazu werde ich dann hier nachreichen. Interessant und lesenswert sind sie alle. Aber es gibt ja auch noch so viel anderes zu lesen. 😏

Die Kollegin Frau Teller ist ohnehin schon weiter: Das Sondieren und Planen für die Literaturtage 2023 hat bereits begonnen.

Wenn Ihr uns Eure Meinung zu den vergangenen Lesungen und zu den Büchern der Literaturtage mitteilen wollt – unsere Social Media Kanäle sind offen.

Viel Freude beim Lesen.

 HilDa

Reisen mit dem Zug

Ich fahre gerne mit dem Zug, auch wenn es hin und wieder mal zu Verspätungen oder Ausfällen kommt. Das Schöne am Zugfahren ist nicht nur das Ziel. Viele Strecken führen an sehenswerten Land- und Ortschaften vorbei. Wenn nicht, dann kann man im Zug wunderbar lesen.

Neulich ist mir das Buch „Reisen auf Schienen“ von Daniela Schetar (Cdp Scheta) in die Hände gefallen. Auf je zwei Seiten werden sehenswerte Strecken aus aller Welt beschrieben. Darunter die Kanonenbahn zwischen Trier und Koblenz oder der Rasende Roland auf Rügen. Aber auch die größten Bahnhöfe oder schnellsten Züge werden vorgestellt. Die Beiträge sind mit vielen Bildern versehen, dadurch fällt die Vorstellung natürlich recht kurz aus. Dennoch ist es ein schönes Buch zum Schmökern.

Ähnlich ist „Auf Schienen um die Welt“ von Klaus Viedebantt (Wkl 1 Vied). Auf jeweils zwei bis sechs Seiten werden 55 Strecken weltweit vorgestellt. Es geht durch die Rocky Mountains, mit der Bergenbahn durch Norwegen oder dem Shinkansen durch Japan. Die Beiträge sind mit vielen, teils ganzseitigen Bildern versehen. Zusätzlich zur Beschreibung der Strecken werden Highlights der Strecke und weitere gute Tipps und Informationen mitgegeben. Eine Streckenkarte zeigt den Reiseverlauf.

Auf die Geschichte einzelner Bahnstrecken fokussiert und nicht auf das Reisen an sich ist „Einsteigen!“ (Wkl 1 Koch) von Karl-Wilhelm Koch. Darunter die Brockenbahn, Wuppertaler Schwebebahn oder die Strecken entlang von Rhein und Mosel. Daneben wird der Hauptbahnhof Köln, der Hundertwasserbahnhof Uelzen und das Dampflokwerk Meiningen vorgestellt. Jedes reich bebilderte Kapitel enthält zusätzliche Informationen zum Betrieb und eine Streckenbeschreibung. Auf einer Karte sind jeweils die Trassenverläufe skizziert.

Inspiration für Zugreisen innerhalb Europas findet man in einigen Büchern: In „Fast CO2-frei – Zug statt Flug“ (Ce Ecker) werden 52 Städte in Europa vorgestellt, die mit dem Zug in wenigen Stunden erreichbar sind. Sie sind eingeteilt in die Kapitel „Auf in den Norden!“, „Go West!“, „Ostwärts!“ und „Ab in den Süden!“. Hamburg, Köln, Berlin und München dienen dabei als Ausgangspunkte. Zu jedem Ziel wird die durchschnittliche Reisezeit angegeben. Für jede Stadt werden die wichtigsten Sehenswürdigkeiten beschrieben. Zudem gibt es Tipps für nachhaltige Restaurants, Hotels, regionale Einkaufsmöglichkeiten, sowie für bewusstes Erleben. Das Buch ist reich bebildert, teils ganzseitig. 

Cindy Ruch legt im „Reisehandbuch Europa mit dem Zug“ (Cdn 1 Ruch) den Fokus auf das europäische Streckennetz. Für jedes Land und den jeweiligen Nachbarländern sind auf einer Übersichtskarte die Hauptverbindungen sowie einige wichtige Städte eingezeichnet. Ruch stellt besonders schöne Strecken vor und informiert über Streckennetz, Züge, Preise und Anreise. Zudem gibt es Literaturvorschläge für das jeweilige Land. Das Buch bietet auf jeweils zwei Seiten einen guten Überblick und enthält zudem viele Bilder, teils ganzseitig. Aber nicht alles steht im Inhaltsverzeichnis. Der Untertitel „Geheimtipps von Freunden“ verrät, warum: Verschiedene Autoren verraten hier ihre Lieblingsstrecken. Hier erfolgt eine ausführlichere Beschreibung als innerhalb der Länderporträts. Da möchte man am liebsten gleich losfahren.

In „Die schönsten Reisen mit dem Zug“ (Cdn 1 Schoen) werden 30 Touren in Europa vorgestellt. Darunter Rundreisen in Irland, Schottland oder Portugal. Aber auch Fahrten quer durch Europa, von Amsterdam nach Budapest oder durch Skandinavien. Zu jeder Tour gibt es nebst zahlreicher Fotos eine illustrierte Übersichtskarte mit Anreise, Fahrzeiten und Hör- bzw. Lesetipps. Die Touren sind zwischen 5 (Rumänien) und 14 (Irland) Tagen lang. Für jeden Ort und Tag werden die wichtigsten und schönsten Sehenswürdigkeiten beschrieben. Abschließend gibt es praktische Infos zu Bahngesellschaften und Tickets in den bereisten Ländern und Anreisemöglichkeiten ausgehend von München, Köln, Berlin oder Hamburg.

Von der Faszination des Bahnfahrens schreibt Jaroslav Rudiš in „Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“ (Cdn 1 Rudi). Aufgewachsen in einer Eisenbahnerfamilie in Lomnice (CSSR, heute Tschechien) wollte er ebenfalls zur Bahn, was ihm aber aufgrund seiner Sehschwäche verwehrt blieb. Durch den Anschluss Lomnices an das Bahnnetz 1906 – was eine ähnliche Sensation war wie die örtliche Brauereieröffnung ein paar hundert Jahre früher – waren viele Ziele erreichbar. Jahre später konnte man aufgrund des Eisernen Vorhangs viele Orte nur auf Karten erreichen.

Während Schulfreunde geschmuggelte LPs aus dem Westen besaßen, hatte Rudiš eine LP mit Dampflokgeräuschen und sammelt aktuelle und historische Kursbücher. Er erzählt von seiner ersten Fahrt als Lokführer, zu der er schließlich doch noch kam. Von Spitznamen der Loks, wie dem Adler, der am 7. Dezember 1835 die 7 Kilometer lange Strecke von Nürnberg nach Fürth fuhr, oder der Lok Taurus, die beim Ein- und Ausfahren die Tonleiter spielt.

Rudiš schreibt über die Schönheit von Bahnstrecken und verweist auf Autoren und Komponisten, die sich von der Bahnfahrt haben inspirieren lassen. Ausgewählte Fahrten werden in eigenen Kapiteln ausführlicher beschrieben. Zum Bespiel begibt sich Rudiš in „Vierzig Stunden Eisenbahn. Ein Experiment“ auf eine 40-stündige Rundreise auf Deutschlands Schienen – ohne größere Verspätungen.

Joseph von Eichendorff beschrieb das Zugfahren wie folgt:

„An einem schönen warmen Herbstmorgen kam ich auf der Eisenbahn vom andern Ende Deutschlands mit einer Vehemenz dahergefahren, als käme es bei Lebensstrafe darauf an, dem Reisen, das doch mein alleiniger Zweck war, auf das allerschleunigste ein Ende zu machen. Diese Dampffahrten rütteln die Welt, die eigentlich nur noch aus Bahnhöfen besteht, unermüdlich durcheinander wie ein Kaleidoskop, wo die vorüberjagenden Landschaften, ehe man noch irgendeine Physiognomie gefaßt, immer neue Gesichter schneiden, der fliegende Salon immer andere Sozietäten bildet, bevor man noch die alten recht überwunden.“

(Quelle: http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG. Vollständiger Text http://www.zeno.org/nid/20004740726)

Manchmal lohnt es sich, den langsameren Zug zu nehmen, wie Rudiš schreibt. Und das gilt hier auch für das Lesen. Man bekommt viele Eindrücke, erinnert sich an eigene Erlebnisse mit der Bahn. So ist es gut, ein paar Kapitel zu lesen, und diese erstmal wirken zu lassen. Eine Gebrauchsanweisung im eigentlichen Sinne ist das Buch nicht, sondern vielmehr eine schöne und lesenswerte Hommage an das Reisen mit der Bahn.

Was aber liest man, wenn man gerade keine sehenswerte Strecke vor sich hat? Das, was man gerne lesen möchte und gut auf eine Fahrt mitnehmen kann. Wenn man beim Thema Zug bleiben möchte, bieten sich natürlich Jaroslav Rudiš oder Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ sowie „16 Uhr 50 ab Paddington“ an. Literatur zum Schienenverkehr selbst, wie zur Geschichte der Eisenbahn oder zu Dampfloks, steht im Bereich Technik in den Gruppen Wkl 1 und Wkl 11.

Auch handliche Bücher, die man auf eine Zugreise mitnehmen kann und nicht nur für Bahnliebhaber interessant sind: Eine Sammlung von Fakten und Kuriositäten aus Eisenbahngeschichte und Technik sowie Superlativen ist „101 Dinge die ein Eisenbahnliebhaber wissen muss“ (Wkl 1 Frie). ). Umfangreicher ist „333x Schienenverkehr“ (Wkl 1 Doerf). Vorteil ist hier, dass die Beiträge in neun Unterkapitel wie ‚Superlativen‘, ‚Pannen, Unglücke und Kriege‘, ‚Gelungener und Schöner‘ oder ‚kurioser und spaßiger‘ eingeteilt sind. Aus beiden Reihen sind unter anderem auch Bände zum Thema Dampflok vorhanden (Wkl 11 Knip und Wkl 11 Koch).

Juliane

Buchtipp: „Happy at home“

Dieser Titel ist bei uns nur in der eBib verfügbar oder über die Fernleihe bestellbar. Hier findet ihr den Link.

Die Autorinnen Clea Shearer und Joanna Teplin sind die Organisationsprofis aus der Serie „The Home Edit“. Habe ich ehrlich gesagt nie gesehen. 🙂 Die Ausleihe dieses Buches war mal wieder ein klarer Fall von „Cover-Liebe“. Ich muss zugeben, je schöner das Cover gestaltet ist, desto mehr spricht mich das Buch an. Womöglich könnte man mir auch so einen Thriller unterjubeln.

Zurück zu „Happy at home“. In diesem Buch geht es ums Ordnen. Arbeitszimmer, Kleiderschrank, Hauswirtschaftsraum… ziemlich viele Räume werden angesprochen. Dabei werden allerdings nur perfekt geordnete Schränke gezeigt, es geht nicht um Falt-Techniken wie bei Marie Kondo und auch vorher-nachher-Bilder findet man keine. Für mich ist auch klar, dass ich nie so toll geordnete Schränke haben werde wie abgebildet aber ich nehme die Bilder einfach als Inspiration. Warum auch nicht. Nur stressen lassen sollte man sich nicht davon. Ganz ehrlich- jeder hat doch „die“ Schublade, in der einfach alles mögliche Krimskrams herum liegt. Ich weiß auch noch nicht ob es für mich praktikabel ist, jedes Mal nach dem Einkaufen Cornflakes und Co. in Gläser umzufüllen. Aber für Bastelsachen eignet sich ein wohlüberlegtes Ordnungssystem schon. Wie oft sitze ich da und denke „Achja, dieses und jenes Papier hast du auch irgendwo…“. Mittlerweile ist das zumindest alles an eine Ort verstaut, aber schön sieht es nicht aus. 😉

Hier seht ihr den Aufbau des Buches. Auf einer Seite findet ihr die fertigen Schränke, auf der anderen Seite Erklärungen dazu.

Das sieht schon toll aus, oder? Ich kann immer schlecht beurteilen, ob solche Bücher lesenswert sind. Zum Blättern und Fantasie anregen eignen sie sich aber allemal. 🙂

kwk

Buchtipp: Natascha Wodin „Nastjas Tränen“

Natascha Wodin wurde 1945 in Fürth als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter geboren. Sie wuchs in Lagern für ‚displaced persons’ auf. Ihr bislang größter Erfolg war ‚Sie kam aus Mariupol‘, das mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. Dort begibt sie sich auf Spurensuche nach dem Leben ihrer Mutter und Herkunft ihrer Familie. ‚Nastjas Tränen‘ hat ebenfalls autobiographische Züge. Sie trifft im Berlin der 90er Jahre auf die Protagonistin Nastja.

Roman "Nastjas Tränen" von Natascha Wodin. Rowohlt

1942 geboren wächst Nastja in der Ukraine auf. Ihre Kindheit ist von Armut und Hunger geprägt, auch ihr Leben als Erwachsene in Kyiv ist schwierig. Die Gehälter von ihr und Mann Roman reichen kaum aus, um die Familie zu ernähren. Nach dem Zerfall der Sowjetunion bessert sich die Lage nicht. Im Gegenteil. Mit einem Touristenvisum gelangt Nastja nach Berlin, wo sie sich ein besseres Leben erhofft.

Mit Putzstellen kann sie sich selbst versorgen sowie Familie und Freunde unterstützen. Aber ihre Aufenthaltserlaubnis läuft ab und sie findet sich in der Illegalität wieder. Von sich aus traut sie sich nicht zur Polizei oder einem Anwalt zu gehen. Auch der Sprache nicht mächtig, wird sie zu einem Opfer von Menschenhändlern. Sie findet zwar ihr wohlgesonnene Menschen und in Natascha Wodin jemanden, der ihr helfen kann, schafft es aber dennoch nicht, in Berlin heimisch zu werden und beide Welten, die hier aufeinanderprallen, zu verbinden. Dieses Buch ist aufgrund der Thematik keine einfache Kost, aber dennoch ein gut zu lesendes und wichtiges Buch. Für ihr literarisches Werk wurde Natascha Wodin 2021 mit dem erstmals vergebenen Gisela-Elsner-Preis des Literaturhauses Nürnberg ausgezeichnet. Für die Jury sind ihre Werke „ein Plädoyer für einen genaueren Blick auf die Außenseiter der Gesellschaft und deren Schicksale.“ (Literaturhaus Nürnberg, 2021, Jury-Begründung)

Die Bücher von Natascha Wodin sind hier zu finden.

Juliane

Die Autorin könnt Ihr bei den Literaturtagen Bielefeld 2022 live erleben: Am 28. Oktober liest Natascha Wodin aus ihrem Buch „Nastjas Tränen“. Mehr Informationen und den Link zum Kartenverkauf für die Lesung vor Ort oder den Livestream findet Ihr in unserem Online-Kalender.

Buchtipp: Stephen King – „Joyland“

Von Stephen King habe ich länger nichts gelesen. In erster Linie habe ich die frühen Werke wie z.B. „Carrie“, „Friedhof der Kuscheltiere“, „Sie“, oder „Es“ und Werke unter dem Pseudonym Richard Bachman, z.B. „Der Fluch“ oder „Todesmarsch“ gelesen. Das jüngste der Werke war „Puls“. Da wurde es mal wieder Zeit. „Joyland“ stand schon länger auf der Liste.

Zum Inhalt:

In den 70er Jahren jobbt Devin Jones während der Semesterferien im Freizeitpark Joyland. Nachdem ihn seine Freundin verlassen hat, nimmt er eine Auszeit und beschließt, noch ein weiteres Jahr dort zu arbeiten. Bereits am Tag seiner Einstellung erfährt er von einem Mord an einer jungen Frau in der Geisterbahn einige Jahre zuvor. Der Täter konnte nie gefasst werden. Seitdem soll es am Tatort spuken, was natürlich keiner ernst nimmt – wo soll es auch sonst spuken, wenn nicht in einer Geisterbahn. Bis Devin mit seinen Freunden Erin und Tom eine Fahrt unternimmt und Tom tatsächlich den Geist der jungen Frau sieht.

Zunächst dreht sich die Geschichte eher um Devin als um den Mord. Die Ermittlungen nehmen erst nach und nach Fahrt auf. Dennoch ist das Buch nicht langweilig. Es ist flüssig zu lesen und King nutzt die Zeit, ein Bild vom Freizeitpark und den Charakteren, denen Devin begegnet, zu zeichnen und schafft es, den Leser zu fesseln. So als sei man selbst dort.

„Joyland“ ist kein typischer King aus dem Horror-Genre, sondern eher ein Krimi. Einen blutigen Stephen King wie in einigen der erstgenannten Romane darf man also nicht erwarten. Es ist dennoch ein lesenswertes Buch mit erkennbarer Handschrift.

Unsere ausleihbaren Exemplare – gedrucktes Buch, Hörbuch-CD, eBook, eAudio und sogar eine arabische Ausgabe – findet Ihr über unseren Online-Katalog.

Juliane

Buchtipp: „Hier sind Löwen“ von Katerina Poladjan

Hic sunt leones – hier sind Löwen.

Hic sunt leones schrieb man in alter Zeit an die weißen Flecken einer Landkarte.“

(Seite 9 der Taschenbuchausgabe)

Im Roman geht es um ein unbekanntes Land: Die Ich-Erzählerin und Buchrestauratorin Helen kommt für ein mehrmonatiges Praktikum nach Armenien – nicht nur für sie unbekanntes Terrain, sicher auch für die meisten Leser, so wie für mich. Der Genozid während des 2. Weltkriegs war in unserem Geschichtslehrbuch nicht mehr als ein kleiner Abschnitt, der Satz vom 1. Völkermord des 20. Jahrhunderts ist hängen geblieben. In den Nachrichten heute wird immer wieder mal erwähnt, welche diplomatischen Verwicklungen und Verrenkungen das Sprechen über den Völkermord noch immer auslöst. Doch die Geschichten und die Schicksale hinter den historischen Fakten und dem Gedenken bleiben Leerstellen.

Taschenbuch "Hier sind Löwen" von Katerina Poladjan

Helen hat von ihrer Mutter Sara ein altes Foto mitbekommen, dreizehn fremde Personen, die ernst in die Kamera blicken, auf der Rückseite eine Notiz mit Ort und Jahr. Verwandte in Armenien, Helens Mutter kennt nur wenige Namen. Ihr Auftrag irritiert. Helen kennt nicht mal ihren eigenen Vater, doch jetzt soll sie fernen Verwandten nachforschen.

Die Leerstelle in der Biografie der Mutter. Und der Großmutter.

„Meine Mutter spricht von einer Lücke. Plötzlich denke ich, ich trage auch etwas von dieser Leerstelle in mir.“
„Und jetzt wollten Sie die Lücke mit Verwandtschaft stopfen?“
„Manchmal hat sich meine Großmutter tagelang eingeschlossen.“
„Sie hatte ihre Gründe.“

(Seite 109 der Taschenbuchausgabe)

Hic sunt leones.

Helen findet in ihrem „exotischen“ Gastland Armenien noch mehr Leerstellen, denn sie taucht auch in die der Kollegen und Kolleginnen und deren Angehörigen ein.

Selbst ihre Arbeit mit den alten Handschriften des Zentralarchivs führt zu fantastischen Leerstellen, die sie restaurieren, dokumentieren und auch manchmal als leer erhalten soll. Welche Bedeutung haben die Kritzeleien und Sprüche, die auf den Rändern neben dem Text zu entziffern sind? Welche Schicksale liegen in den Namen und Daten verborgen, die in die Familienbibel hineingeschrieben wurden?

Ich mag es, wie wir mit Helen in das heutige Armenien eintauchen, wie sie den Weißen Fleck erkundet und sich den Löwen stellt. Zwischen diesen Erfahrungen und Begegnungen in der Gegenwart lässt die Autorin die Familienbibel eine Geschichte aus der düsteren Vergangenheit erzählen; das Heilsevangeliar, das einst den Kindern bei Krankheit unter das Kopfkissen gelegt wurde, ist der einzig gerettete Gegenstand bei ihrer einsamen Flucht durch ein gnadenloses Land, Ballast beim Weg durch die Berge, Spielzeug und sogar Nahrung in der Verzweiflung. Zwei Kinder, die die Welt nicht mehr verstehen, die nicht mehr zurück können und nicht wissen, wohin.

Die Autorin erzählt lakonisch, deutet das ganze Grauen eher an und zeigt um so drastischer, dass sich zwar die Zeiten geändert haben, die Geschichten der Menschenverachtung, des Krieges und der Grausamkeiten setzen sich aber bis heute fort.

Ich bin vor allem begeistert von den Dialogen: kleine Wortgefechte, kein Wort zu viel zwischen Mutter und Tochter oder bei den Telefonaten mit dem Partner im fernen Deutschland – oder beim Bettgeflüster mit dem neuen Geliebten. Auch hier wieder: Leerstellen, die es in sich haben, all das Ungesagte, Angedeutete, Verschlüsselte. Und überall lauern Löwen.

Katerina Poladjan wurde mit diesem Roman auch einem größeren Lesepublikum bekannt: Sie stand damit auf der Nominierungsliste für den Deutschen Buchpreis 2019. Unsere Katalogdaten findet Ihr hier.

Auch ihr neuer Roman „Zukunftsmusik“ wird von der Literaturkritik hoch gelobt. Er war nominiert für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse (Shortlist), was leider in diesem Jahr etwas untergegangen ist. Im April war der Roman Platz 1 auf der SWR-Bestenliste. Die Katalogdaten zu allen Werken der Autorin in unserem Bestand findet Ihr hier.

Ihr habt demnächst die Gelegenheit, Autorin und ihr Werk persönlich kennenzulernen. Mehr als diesen kleinen Teaser darf ich noch nicht verraten, aber schon bald erfahrt Ihr mehr. Bleibt gespannt 🤩

HilDa

Roman "Zukunftsmusik" von Katerina Poladjan, daneben ein Programmheft  der Literaturtage Bielefeld 2022