Bitte, ein Gedicht #11

Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Ludwig Uhland (1787-1862)

 

Bitte ein Gedicht – das ist Wunsch und Angebot zugleich. In unregelmäßigen Abständen möchten wir gerne zur Lyrik verführen und präsentieren einzelne Gedichte oder weisen auf besondere Lyrikbände aus unserem Bestand hin.

Buchtipp: Der letzte Wunsch

Ich mag Geschichte, die sich in Richtung Herr der Ringe oder Game of Thrones bewegen sehr gerne, sowohl in gedruckter Form als auch als Film. Daher stach mir die Serie The Witcher, die seit Dezember 2019 bei Netflix zu sehen ist direkt ins Auge. Die Serie beruht auf Büchern des polnischen Autors Andrzej Sapkowski, die ich vor dem Schauen der Serie zuerst lesen wollte.

Die Serie, wie auch die Bücher handeln von dem Hexer Geralt von Riva. Als Hexer zieht er durch die mittelalterlich anmutenden Lande, um gegen Bezahlung Ungeheuer und allerlei Monstrositäten zu erledigen. Dabei schlägt ihm allerdings oft der Hass der Dorfbewohner, die er vor Monstern rettet, entgegen. Denn Hexer sind Mutanten, die als Kinder so verändert wurden, dass sie zum Beispiel im Dunkeln sehen und Magie wirken können. Geralt hat dazu noch weißes Haar und jeder, der anders ist als die Mehrheit, muss natürlich mit Misstrauen gestraft werden, dass kennen wir ja aus dem echten Leben zur Genüge.

Andrzej Sapkowski hat zum einen eine fünfteilige Reihe rund um Geralt geschrieben. Angefangen hat er aber mit zwei Kurzgeschichten Bänden, die die Vorgeschichte bilden und einige Jahre nach Beendigung der Reihe hat er noch einen Roman geschrieben, der nach der ersten Vorgeschichte Der letzte Wunsch gelesen werden kann (unten findet ihr die Bücher einmal aufgelistet). Und dann gibt es noch eine Anthologie, indem aber nur einige Geschichten von Geralt handeln.
Vielen dürfte die Geschichte zudem wohl auch durch die Videospieladaptionen bekannt sein.

Ich habe nun Der letzte Wunsch und Zeit des Sturms gelesen und bin bisher ziemlich begeistert. Zum einen finde ich es spannend, dass auch Elemente aus der slawischen Mythologie in den Büchern zu finden sind. Zwar gibt es auch Drachen und Elfen und Geschichten, die an Aschenputtel oder Rapunzel erinnern, aber Geralt kämpft eben auch gegen Wesen aus der slawischen Sagenwelt. Baba Yaga sagt mir ja noch was aber von Strigen hatte ich beispielsweise vorher noch nie gehört.

Mir gefällt auch wie Sapkowski an das Fantasygenre herangeht – oft selbstironisch, manchmal wirkt es fast schon wie eine Parodie. Mir hat dieser unterschwellige Humor beim Lesen jedenfalls viel Spaß gemacht.

Zudem mag ich, dass es hier kein Gut und Böse gibt, sondern alle irgendwie grau durch die Gegend laufen. Da ist das blutrünstige Monster auf den zweiten Blick das eigentliche Opfer und die ehrwürdigen Zauberer haben dauernd mit Intrigen untereinander zu kämpfen.

Ich freue mich auf jeden Fall die weiteren Bücher zu lesen und danach dann auch die Serie zu schauen (die mir dann hoffentlich auch gefällt). 🙂

Hier die Übersicht über die gesamte Reihe und wo sie bei uns ausleihbar sind:

Die Vorgeschichte:
Der letzte Wunsch
Zeit des Sturms
Das Schwert der Vorsehung

Die Hexer-Saga 1-5:
Das Erbe der Elfen
Die Zeit der Verachtung
Feuertaufe
Der Schwalbenturm
Die Dame vom See

Die Anthologie, in der auch Geschichten aus der Hexerwelt enthalten sind:
Etwas endet, etwas beginnt

lga

Winterzeit ist Märchenzeit #7

Die kleine Meerjungfrau
von
Hans Christian Andersen

Dieses Märchen hat mich im letzten Jahr begleitet, darum habe ich mir zu Weihnachten eine besonders schöne Buchausgabe geschenkt:

wegen der Pop-Up- und Dreh-Elemente nicht gerade bibliotheksgeeignet, wohl auch nicht für kleine Kinder gedacht, sondern eher etwas für Sammler und Liebhaber. Mich erinnerten die Illustrationen an das Bühnenbild einer Theaterinszenierung.

Das Designteam MinaLima, berühmt für die grafisch-visuelle Gestaltung der Harry-Potter-Filme, gibt besonders dem titelgebenden ersten Märchen des Bandes eine bunte, verspielte Note.

 

Das prächtige Buch haben wir nicht in der Bibliothek, aber hier die bibliografischen Daten:

Die kleine Meerjungfrau und andere Märchen / von Hans Christian Andersen. Illustriert von MinaLima Design. – Münster : Coppenrath, 2018

 

 

Wirklich überrascht hat mich aber der Text der Erzählung. Ich hatte geglaubt, das Märchen längst zu kennen, doch wahrscheinlich hatte ich bisher nur gekürzte oder veränderte Versionen gelesen. Die Märchenerzählung ist länger als ich gedacht hätte, enthält schöne Beschreibungen der Unterwasserwelt (von der die Leser zu Andersens Zeiten ja keine Farbfotos oder Fernsehbilder kennen konnten) und ein für mich doch sehr überraschendes Ende.

Illustration aus dem Buch

Die kleine Meerjungfrau, die übrigens bei Andersen nie bei einem Namen genannt wird, ist schon von den Menschen fasziniert, lange bevor sie überhaupt an die Wasseroberfläche darf, um die Welt zu erkunden. Als sie sich dann auch noch in einen Prinzen verliebt, will sie ihr Wasserleben aufgeben, opfert sogar ihre zauberhafte Stimme, nur um Beine zu erhalten und bei den Menschen leben zu können. Jeder Schritt auf ihren neuen Beinen ist ungeheuer schmerzhaft, ein Schmerz, den sie aus Liebe erträgt. Doch der Prinz liebt eine andere. Diese Szene war für mich eine Überraschung, denn er ist nicht etwa untreu, nein: Er bietet der fremden, stummen Frau, die er am Strand scheinbar hilflos findet, seine Freundschaft an, nimmt sie ohne Bedingungen bei sich am Hofe auf und erzählt ihr gleich freimütig, dass sie seiner großen Liebe ähnele – er macht ihr nie weitergehende Hoffnungen. Natürlich ahnt er auch nicht, was für Folgen es für die verwandelte Nixe hat, wenn ihre Liebe nicht erwidert wird. Die Hochzeit mit der anderen bedeutet für sie, dass der Zauber vorbei ist, sie muss bei Sonnenaufgang zu Meerschaum zerfließen.

Illustration aus dem Buch

Die Ermordung des Prinzen könnte sie zwar retten, ihr die Rückkehr in die unbeschwerte Unterwasserwelt ermöglichen. Doch sie wählt lieber den Tod.
Ein trauriges Ende.

Doch nein, nicht das Ende, denn das Märchen geht noch weiter: Der Meerjungfrau wird für ihre gute Tat das angeboten, was eigentlich nur Menschen gewinnen können – eine Seele und damit  ein ewiges Leben. Aus der Nixe, die ein Mensch sein wollte, wird ein Luftwesen, das sich zwar noch 300 Jahre lang durch weitere gute Werke bewähren muss, aber dann Unsterblichkeit erlangen kann.

Eine unglückliche, nicht erwiderte Liebe – die Interpreten verweisen auf verschiedene biografische Bezüge in Andersens Leben, die ihn zu diesem Märchen inspiriert haben sollen. Uns Lesern fallen sicher auch eigene Erfahrungen ein: die Liebe als süßlich-plüschige Glückseligkeit, wie sie am klassischen Ende eines Märchens zu stehen hat – ach, im Leben verläuft’s oft anders. Hans Christian Andersen schreibt über den Schmerz, über die Enttäuschung, aber auch über den Sieg der wahren Liebe, die dem anderen das Glück wünscht und gönnt, die loslassen kann, selbst zum Preis der eigenen Einsamkeit. Kein Happy End für jeden, aber auch kein trauriges oder gar hoffnungsloses Ende. Andersens phantastische Erzählung von 1837 (dänischer Originaltitel: Den lille Havfrue) bietet tatsächlich mehr Realismus als die vielen Adaptionen á la Hollywood, die wir heute für kindgerechter halten, weil sie nicht so traurig sind.
Nun ja.

Ich habe mir Disneys Arielle, die Meerjungfrau (The Little Mermaid, 1989) noch immer nicht angesehen, sollte es aber vielleicht mal machen, denn laut Lexikon des Internationalen Films ist der Trickfilm sentimental aber mit viel Komik, mitreißend und fantasievoll, auch wenn er mit „Andersens tief melancholischer Vorlage kaum noch etwas zu tun hat“.

Andersens Märchenstil gefällt mir jedenfalls ausgesprochen gut, die Sprache in der Übersetzung meiner neuen Märchenausgabe auch. Ich freue mich auf die anderen Erzählungen (Die Nachtigall, Das hässliche Entlein, Die Schneekönigin, …), da gibt es sicher noch so manche überraschende Entdeckung – selbst bei den „eigentlich“ bekannten.

Wenn Ihr selber einmal wieder „Die kleine Meerjungfrau“ oder auch andere Märchen von Hans Christian Andersen lesen möchtet, empfehle ich aus der Stadtbibliothek folgende Ausgaben:

Für Kinder:

Die kleine Meerjungfrau / nach der Geschichte von Hans Christian Andersen illustriert von Chihiro Iwasaki; Textbearbeitung von Rosi Plattner. – Salzburg : Bilderbuchstudio Neugebauer, 1984.
> Katalogdaten hier

 

 

Schon eine ältere Bilderbuchausgabe, aber mir gefallen die aquarellierten Zeichnungen der japanischen Künstlerin Chihiro Iwasaki sehr (mehr über sie in der englischsprachigen Wikipedia).

Die kleine Seejungfrau / Hans Christian Andersen. Nacherzählt von Arnica Esterl. Illustriert von Anastassija Archipowa. – Esslingen ; Wien : Esslinger, 2005.

Die schönsten Märchen / von Hans Christian Andersen. Mit Bildern von Anastassija Archipowa. Einzelne Märchen nacherzählt von Arnica Esterl. – Esslingen ; Wien : Esslinger Verl. Schreiber, 2000.

> Katalogdaten (u.a.) hier.

Die russische Malerin Anastassija Archipowa illustriert Andersens Märchen detailreich und sehr phantasievoll.

Märchen : Bilder von Nikolaus Heidelbach / Hans Christian Andersen. Aus dem Dänischen von Albrecht Leonhardt. – Weinheim ; Basel : Beltz, 2004.
> Katalogdaten hier

 

 

 

Vom Format her vielleicht doch eher ein Buch für Erwachsene, aber ideal zum Vorlesen. Der preisgekrönte Bilderbuchillustrator (und Autor) Nikolaus Heidelbach hat einen ganz eigenen Bilderschatz zu Andersens Märchen geschaffen: schön und voller Details, hintergründig und saftig.

Für Erwachsene:

Der Schatten : Hans Christian Andersens Märchen – gesehen von Günter Grass – Göttingen : Steidl, 2004.
> Katalogdaten hier

 

 

 

Natürlich kann auch aus diesem opulenten Band vorgelesen werden, aber die Aufmachung und vor allem die Lithografien von Günter Grass zielen eindeutig auf den erwachsenen Leser und Betrachter und interpretieren die bekannten und unbekannten Märchen neu.

Viel Freude beim Lesen.

HilDa

Buchtipp: Der Name des Windes

Der Name des Windes von Patrick Rothfuss handelt von Kvothe, Sohn fahrender Spielleute und der größte Zauberer seiner Zeit. Kvothe, der Blutlose und Kvothe, der Königsmörder wird er genannt, er ist nicht nur ziemlich klug und begabt, sondern besitzt auch ein großes Talent sich in Schwierigkeiten zu bringen. In der Name des Windes erzählt Kvothe von seinem Leben und wie er zu dem wurde, der er ist.

Die Königsmörder-Chroniken, wie sie auch heißen, lese ich nun schon zum wiederholten Male. Der Name des Windes ist der erste Teil, der zweite Band Die Furcht des Weisen ist im Deutschen wegen des großen Umfangs auf zwei Bücher aufgeteilt. Teil drei, der gleichzeitig auch der Abschluss sein soll, wird hoffentlich in nicht allzu ferner Zukunft erscheinen. Man wartet mittlerweile schon einige Jahre auf dieses letzte Buch. Meine gelegentlichen Internetrecherchen ergeben leider immer wieder, dass es weiterhin keinen offiziellen Erscheinungstermin gibt. Der Autor soll sich natürlich alle Zeit nehmen, das Buch in seinem Sinne zu Ende zu schreiben, trotzdem warte ich doch etwas ungeduldig, den Abschluss endlich lesen zu können.

Der Name des Windes steckt nämlich voller Geheimnisse. Der Chronist, dem Kvothe seine Lebensgeschichte erzählt, findet ihn in einem Wirtshaus in einer kleinen Ortschaft, die er unter dem Namen Kote bewirtschaftet und wo er sich seit einigen Monaten versteckt. Da findet sich schon direkt die erste Frage: wieso steckt unser Held irgendwo im nirgendwo in einem Wirtshaus? Und wie kommt er zu seinem Beinamen „Königsmörder“? Gefühlt alle paar Seiten ergeben sich weitere Fragen, die mich dazu verführt haben, in den letzten Tagen noch öfter nach dem Erscheinungsdatum für Band drei zu suchen … man kann ja auf ein Wunder hoffen. Andererseits machen all diese Geheimnisse ja auch den Reiz dieses Buches aus und das Rätseln und Verdächtigen hat auch etwas für sich.

Neben der spannenden Geschichte, die mich beim Lesen gar nicht mehr los lässt, mag ich auch den Schreibstil von Patrick Rothfuss sehr gerne. Er nutzt eine fast schon poetische Sprache, die dazu führt, dass ich manche Sätze und Formulierungen auch mal wiederholt lesen muss, weil sie einfach so schön sind.
Faszinierend finde ich auch Rothfuss Beschreibungen von Musik. Kvothe ist Lautenspieler und Sänger und zwar ein ziemlich guter und seine Musik ist ihm sehr wichtig. Dementsprechend nimmt die Musik auch immer wieder viel Platz in der Geschichte ein. Man könnte meinen, das wäre nicht gut durchdacht von Rothfuss. Musik lebt ja schließlich davon, dass man sie hört, aber der Autor beschreibt Musik auf so schöne Weise, dass es dafür entschädigt, sie nicht tatsächlich hören zu können (wobei ich Kvothe trotzdem gerne mal spielen hören würde… 🙂 ).

Der Name des Windes ist für mich ein Buch, dessen Geschichte ich immer wieder gerne besuche. Und wenn ich das nächste mal Lust auf die Bücher habe, habe ich ja vielleicht sogar das Glück, dass dann auch schon der letzte Teil erschienen ist und ich die Geschichte endlich im Ganzen lesen kann. 🙂

Hier gelangt ihr zu den Katalaogdaten des Buches, dass ihr auch als eBook oder Hörbuch bei uns ausleihen könnt.

lga

Buchtipp zum „Neujahr“

Henning setzt sich am Neujahrsmorgen im Lanzaroteurlaub aufs Fahrrad und fährt los, um den Steilaufstieg nach Femés zu bezwingen. Dabei gehen ihm immer neue Gedanken durch den Sinn. Über seine Frau, die am Vorabend ungeniert mit einem Franzosen am Tisch nebenan geflirtet hat, über seine Kinder, die er über alles liebt, bei denen er sich aber dennoch fragt, ob er und seine Frau in der Erziehung nicht irgendetwas falsch machen, über die Schwiegereltern, über seine eigene Mutter, die ihn und seine Schwester als Alleinerziehende zwar mit allem Nötigen versorgt hat, aber auch immer das Gefühl vermittelte, die Kinder seien eine Belastung und Zumutung.
Und über ES denkt er nach. Über seine Panikattacken und Angstzustände, unter denen er seit einer ganzen Weile leidet.

Als er den Pass schließlich völlig erledigt erreicht, trifft ihn eine furchtbare Erkenntnis. Als Kind ist er schon einmal an diesem Ort gewesen. Und er erinnert sich an die schrecklichen Geschehnisse dieses lange zurückliegenden Familienurlaubs, der die Ursache, für seine Angstzustände zu sein scheint.

Hennings Fahrradtour den Berg hinauf fühlt sich an, wie ein Weglaufen vor sich selbst. Immer wieder kommen seine Gedanken auf ES zurück. Er spricht nicht von Panikattacken und Angstzuständen, immer nur von ES. Man spürt, dass etwas dahintersteckt, an das Henning nicht denken will, etwas das er verdrängt. Wenn seine Gedanken zurück zu ES wandern versucht er jedes Mal sie umzulenken, aber alle Themen führen ihn doch wieder dorthin zurück.
Man fragt sich, was Henning erlebt hat. Ist er einfach so unzufrieden mit Job, Familie und seinem ganzen Leben? Was steckt dahinter?
Es war spannend herauszufinden, was Henning als Kleinkind im Urlaub auf Lanzarote erlebt hat, und wie ihn dies bis heute verfolgt.
Am Ende stellte sich mir die Frage, wie es mit Henning weitergehen wird. Wird er sich endlich ärztliche Hilfe holen? Hat es ihm geholfen, sich an das Trauma aus seiner Kindheit zu erinnern?

Sehr gut gefallen hat mir übrigens auch die Inszenierung des Buchs im Theater am Alten Markt in Bielefeld. Das Stück war sehr nah am Buch und die beiden Darsteller vermochten durchgehend zu fesseln. Sehr empfehlenswert!

lga

Bitte, ein Gedicht #10

Heute gibt es ein Gedicht für alle, die sich auch mal wieder ein bisschen Schnee wünschen. Bei den milden Temperaturen ist eine weiße Weihnacht dieses Jahr, zumindest hier in Bielefeld und Umgebung, leider wieder außerhalb des Möglichen. Dann lese ich zumindest ein Gedicht darüber und träume von ein bisschen Schnee… 🙂

Neuschnee

Flockenflaum zum ersten Mal zu prägen
mit des Schuhs geheimnisvoller Spur,
einen ersten schmalen Pfad zu schrägen
durch des Schneefelds jungfräuliche Flur –

kindisch ist und köstlich solch Beginnen,
wenn der Wald dir um die Stirne rauscht
oder mit bestrahlten Gletscherzinnen
deine Seele leuchtende Grüße tauscht.

Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Bitte ein Gedicht – das ist Wunsch und Angebot zugleich. In unregelmäßigen Abständen möchten wir gerne zur Lyrik verführen und präsentieren einzelne Gedichte oder weisen auf besondere Lyrikbände aus unserem Bestand hin.

Bitte, ein Gedicht #9

Lied im Advent
Immer ein Lichtlein mehr
im Kranz, den wir gewunden,
dass er leuchte uns sehr
durch die dunklen Stunden.

Zwei und drei und dann vier!
Rund um den Kranz welch ein Schimmer,
und so leuchten auch wir,
und so leuchtet das Zimmer.

Und so leuchtet die Welt
langsam der Weihnacht entgegen.
Und der in Händen sie hält,
weiß um den Segen!

Matthias Claudius (1740 – 1815)

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Winterzeit ist Märchenzeit #6

Winter is coming – also machen wir auch weiter mit unserer Märchenzeit.
Und da das Theater Bielefeld das amerikanische Märchen „Der Zauberer von Oz“ als Familienstück zur Weihnachtszeit spielt und die Märchenvorlage von L. Frank Baum in Deutschland kaum bekannt ist, liegt es doch nahe, hier im Blog ein paar Informationen zusammen zu tragen.

 

Der Zauberer von Oz

Ich kenne das Märchen auch erst durch eine Theaterinszenierung vor vielen Jahren, bei der ich den Blechmann spielen durfte. Selbst den Filmklassiker von 1939 mit Judy Garland hatte ich vorher nie gesehen, kannte nur den Titel und ein paar Ausschnitte. Und natürlich das Lied: „Somewhere over the Rainbow“. Das Theaterstück damals war toll, also habe ich auch das Buch gelesen. Vielleicht lag es ja an der Übersetzung, jedenfalls gefiel mir die Märchenerzählung nicht besonders; und selbst der Musicalfilm konnte mich nicht begeistern. In den USA gehört er zum alljährlichen Weihnachtsprogramm im Fernsehen, ein Familienereignis. Als synchronisierte Fassung unter dem Titel „Das zauberhafte Land“ wird er zwar auch im deutschen Fernsehen regelmäßig um Weihnachten herum im Kinderprogramm gezeigt, aber weder Film noch Buch haben hier je große Popularität erreicht.

Illustration von W.W. Denslow – Library of Congress LC Control No.: 03032405 (p. 81), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4674617

L. Frank Baum (seinen Vornamen Lyman mochte er angeblich nicht, darum kürzte er ihn nur ab) schrieb mit „The Wonderful Wizard of Oz“ den ersten amerikanischen Kinderbuchklassiker. Seine Figuren sind in den USA ebenso vertraut wie bei uns das Märchenpersonal der bekanntesten Grimm’schen Erzählungen. Der große Erfolg schon gleich im ersten Erscheinungsjahr 1900 ist sicher auch seinem Illustrator William Wallace Denslow zu verdanken.

Dass die Hauptfiguren Dorothy und ihr Hund Toto sowie ihre neu gewonnenen Freunde Vogelscheuche, Blechmann und Löwe ebenso wie die große Gegenspielerin, die böse Hexe des Westens, als Charaktere seltsamerweise hierzulande bekannter als die Erzählungen selbst sind, liegt wohl an den vielen Zitaten aus Kinderbuch und Film in der amerikanisch geprägten Popkultur. Die roten Schuhe, der gelbe Steinweg, der Wirbelsturm, der das Haus weg trägt, die grüne Smaragdstadt und eben Vogelscheuche, Blechmann und Löwe, die für sich Verstand, Herz und Mut suchen – das wird oft in TV-Serien, Filmen, Werbung, Videoclips oder Songtexten aufgegriffen, weil es als bekanntes Allgemeinwissen in den USA vorausgesetzt werden kann. Hierzulande fehlt jedoch meist das Wissen um den Kontext.

Baum nutzte für seinen Märchenroman die klassische Struktur der Heldenreise:

Dorothy wird durch einen Wirbelsturm aus dem beschaulichen Kansas in das zauberhafte Land Oz getragen und dort gleich als Heldin gefeiert, weil durch ihre Ankunft – aber von ihr unbeabsichtigt – eine böse Hexe getötet wurde. Zur Belohnung erhält sie Zauberschuhe, doch leider hat sie sich auch die Feindschaft der ebenfalls bösen Hexe des Westens eingefangen. Dorothy will wieder zurück nach Hause, doch das geht nur mit Hilfe des großen und mächtigen Zauberers in der Smaragdstadt. Sie folgt dem gelben Steinweg und trifft unterwegs Freunde: Sie holt die Vogelscheuche von der Stange, ölt den eingerosteten Blechmann und beruhigt den ängstlichen Löwen. Die Drei schließen sich ihr an, denn sie haben ebenfalls Wünsche an den Zauberer. Gemeinsam erleben sie Abenteuer, besiegen sogar die Westhexe – doch der große und mächtige Zauberer ist nicht das, was alle glauben. Trotzdem gibt es für alle ein Happy End.

Die Wikipedia bietet zu Lyman Frank Baum und Der Zauberer von Oz sehr ausführliche Artikel und Bilder.

Die schon jetzt fast ausverkauften Aufführungen am Bielefelder Theater haben nun in unserer Bibliothek zu einer größeren Nachfrage nach dem Märchen geführt; Schulen, Kindergärten und auch einige Eltern wollen ihre Kinder auf den Theaterbesuch vorbereiten oder die auf der Bühne gesehene Geschichte noch einmal nachlesen.

Es gibt unterschiedliche Ausgaben und Übersetzungen, Bearbeitungen für verschiedene Altersgruppen, Bilderbücher und Vorlesebücher. In unseren Stadtteilbibliotheken und natürlich in der Kinderbibliothek am Neumarkt könnt Ihr fündig werden – wenn nicht gerade alles ausgeliehen ist. Ich habe jedenfalls nur zwei Ausgaben zum Fotografieren vorgefunden: die Übersetzung von Sybil Gräfin Schönfeldt im Dressler-Verlag und die illustrierte Ausgabe aus dem Coppenrath-Verlag.

Der Zauberer von Oz / von L. Frank Baum; übersetzt von Sybil Gräfin Schönfeldt. – Dressler-Verlag

Der Zauberer von Oz / von L. Frank Baum; nacherzählt von Heidemarie Brosche; Bilder von Markus Zöller. Coppenrath-Verlag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Übrigens findet Ihr in unserem Videoarchiv sogar noch die erste Stummfilm-Verfilmung (mit Oliver Hardy als Blechmann) und auch den Filmklassiker mit Judy Garland als VHS-Videokassette; den Musicalfilm von 1939 gibt es aber auch als DVD (4 Discs mit viel Bonus-Material anlässlich des 70. Filmjubiläums). Und dann ist da noch die Musical-Verfilmung 1978 „The Wiz – Das zauberhafte Land“ von Sidney Lumet mit Diana Ross und Michael Jackson, Musik Quincy Jones.

Follow the yellow brick road …

HilDa

Bitte, ein Gedicht #8

Des Wunders lächelnd staunend, das geschah,
Stand ich am Morgen leise fröstelnd, sah
Die Heide blitzend, funkelnd, übersät;
Als die Dezembersonne mild und spät
Hinter den Kiefern aufstieg … Silberblinken,
Glitzern und Blitzen aller Nähe, Weite
Im Winterlicht … Und bronzen ein Geläute
Vom Dorf her: – Morgenglocken; – und ein Winken
Des Horizontes blauzart; fernklar, fein:
Wie hingehaucht. Und eine Stille dann
Fing durch das Strahlende zu wandern an,
Und fand auf weißen Wegen sich allein. … O, ganz allein.

Karl Röttger (1877-1942)

Bitte ein Gedicht – das ist Wunsch und Angebot zugleich. In unregelmäßigen Abständen möchten wir gerne zur Lyrik verführen und präsentieren einzelne Gedichte oder weisen auf besondere Lyrikbände aus unserem Bestand hin.

Bitte, ein Gedicht #7

Verse zum Advent

Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,
Aber als Knecht Ruprecht schon
Kommt der Winter hergeschritten,
Und alsbald aus Schnees Mitten
Klingt des Schlittenglöckleins Ton.

Und was jüngst noch, fern und nah,
Bunt auf uns herniedersah,
Weiß sind Türme, Dächer, Zweige,
Und das Jahr geht auf die Neige,
Und das schönste Fest ist da.

Tag du der Geburt des Herrn,
Heute bist du uns noch fern,
Aber Tannen, Engel, Fahnen
Lassen uns den Tag schon ahnen,
Und wir sehen schon den Stern.

Theodor Fontane (1819 – 1898)

 

Bitte ein Gedicht – das ist Wunsch und Angebot zugleich. In unregelmäßigen Abständen möchten wir gerne zur Lyrik verführen und präsentieren einzelne Gedichte oder weisen auf besondere Lyrikbände aus unserem Bestand hin.