Titanic

110 Jahre ist das jetzt her, wir kennen alle die Geschichte.

Jungfernfahrt. Technisch vollkommen und unsinkbar.
Dekadente Champagnerseeligkeit in der Luxusklasse.
Und dann mit Volldampf gegen den Eisberg.

Die Schiffskatastrophe der Titanic am 14. April 1912 steht auch als Sinnbild für den Untergang der alten Klassengesellschaft und ist ein Menetekel für die folgenden menschgemachten globalen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Aber gelernt haben wir daraus ja wohl nix.

3 Kindersachbücher: "Die Geschichte der Titanic", Illustrationen von Steve Noon; "Titanic: Die berühmteste Katastrophe in der Geschichte der Seefahrt", Gerstenberg-Verlag; "Titanic: Entdeckung auf dem Meeresgrund", Maja Nielsen erzählt.

Na ja, auch bei der x-ten Wiederholung weinen wir noch um das unglückliche, aber fiktive Film-Liebespaar (Titanic, 1997, Regie James Cameron; Katalogdaten zu DVD, Blu-ray und Sachbuch über den Film hier). Wir erschauern ganz wohlig, wenn wir die Bilder vom rostenden Wrack in der Tiefsee sehen oder aufwändig geborgene Gegenstände in Ausstellungen und bei Versteigerungen gezeigt und gehandelt werden. Aber die wahren Opfer sind nur eine Zahl. Die wenigen Namen, die genannt werden, sind die der Multimillionäre, Prominenten oder Offiziere an Bord. Über den Prunk und Luxus der 1. Klasse sowie die Kunst- und Wertgegenstände, die unrettbar versunken sind, werden die namenlosen Opfer aus der 3. Klasse vergessen. Bis auf Leonardo DiCaprio natürlich.😉
Ach.

Filmbuch zu "Titanic" von James Cameron
Filmbuch zu „Titanic“ von James Cameron

Kein anderes Schiffsunglück ist so bekannt, wie dieses; auch nach einem Jahrhundert gehört es zum kollektiven Gedächtnis der Welt. Allein das Wort Titanic reicht aus. Und wenn jemand von „Unsinkbarkeit“ spricht, versteht jeder die sarkastische Anspielung.

Roman "Choral am Ende der Reise" von Erik Fosnes Hansen und Sachbuch "Titanic: das Schiff, der Untergang, die Legenden" von Linda Maria Koldau

Auch das 21. Jahrhundert ist reich an durch Menschen verursachte Katastrophen – und mindestens ebenso reich an arroganter Hybris und borniertem Narzissmus; die Technikgläubigkeit ist sogar noch größer als vor 100 Jahren; auch Klassenunterschiede sind nach wie vor bestimmend für Lebensläufe; und noch immer wird menschenverachtend auf „die Anderen“ herabgeblickt, wie auch immer man das Andere definiert. Klassismus, Ableismus, Rassismus, Chauvinismus, … – es gibt einfach zu viele dieser toxischen -ismen.😑

Und da ist auch dieses trügerische Gefühl der Unsinkbarkeit. Alles soll im Prinzip so bleiben, wie es ist, nur vorwärts soll es gehen – als gäbe es nur diese eine Richtung. Als wäre uns das Erreichte sicher und jetzt kann es nur noch besser werden. Gerne besser für alle, mehr für alle, wenn’s denn reicht, aber Hauptsache besser und mehr für mich, denn ich bin ja für mich der Maßstab aller Dinge. Wer vermag schon über seinen Tellerrand hinaus zu blicken. Oder will es wirklich. Narzissmus, Neoliberalismus, Fanatismus – okay, ich hör ja schon auf.

Doch dann kommt da so ein blöder Eisberg daher und verändert einfach alles. „Plötzlich“ gibt es eben doch noch eine ganz andere Richtung, nämlich das kalte Wasser, die Tiefe, der Untergang.

Hybris.
Doch wir haben eben nicht alles unter Kontrolle.

Das Meer und die Tiefe waren natürlich schon immer da, vor Eisbergen wurde gewarnt, Unsinkbarkeit gibt es nicht, Rettungsboote bieten nicht genug Platz für alle und selbst die Überlebenden verlieren und können kaum das Trauma bewältigen.

Trotzdem vergessen wir schnell. Kassandrarufe sind halt lästig. Ach, es wird schon alles gut gehen, wir wollen uns die Stimmung nicht verderben lassen. Freiheit, Eigenverantwortung – wir wollen Polonaise, Schampus!
Volldampf voraus!
Und hey, so viel frisches Eis für unseren Drink, haha!

HilDa

Buch "Mythos Titanic" und 3 DVDs gleichen Titels
Bildband "Die Geburt einer Legende: Entstehung und Bau der Titanic" von Michael McCaughan und Buch "Das Titanic-Bordbuch: eine Handreichung für Passagiere"

Hier noch ein paar Literaturtipps:

  • Ein sehr schön und anschaulich illustriertes Sachbilderbuch ist „Die Geschichte der Titanic“ . Die detailreichen Panoramazeichnungen von Steve Noon und der Text von Eric Kentley zeigen und erklären alle Decks und ihre Besonderheiten, die Technik an Bord, den Ablauf der Schiffskatastrophe und seine Auswirkungen – für Kinder gedacht, aber da können auch Erwachsene noch interessantes entdecken.
  • Auch die Kindersachbücher der bewährten Reihe „Sehen Staunen Wissen“ aus dem Gerstenberg-Verlag legen viel Wert auf detailreiche Illustrationen, und auch die Texte und Beschreibungen von Simon Adams zu „Titanic : die berühmteste Katastrophe in der Geschichte der Seefahrt“ bieten viele interessante Details zur Ausstattung des Luxusliners und zum folgenreichen Unglück.
  • Maja Nielsen erzählt in „Titanic : Entdeckung auf dem Meeresgrund“ sehr anschaulich über die Jungfernfahrt, den Untergang und ebenso ausführlich über die abenteuerliche Suche nach dem Wrack.
  • Im Roman des Norwegers Erik Fosnes Hansen „Der Choral am Ende der Reise“ geht es um sieben Musiker an Bord der Titanic, ein internationaler Bestseller in den frühen 1990ern, also noch vor dem Film von James Cameron.
  • Linda Maria Koldau rekonstruiert in ihrem Sachbuch „Titanic : das Schiff, der Untergang, die Legenden“ nicht nur die Schiffskatastrophe und den Forschungsstand zu den Ursachen, sondern auch die kulturgeschichtliche Bedeutung und die ganze Mythenbildung.
  • Die National-Geographic-Dokumentation von 2012 in 3 DVDs zeichnet das Unglück nach und sucht nicht zuletzt anhand der Bilder vom Wrack in der Tiefsee nach der Ursache dieser Katastrophe. Dazu passt der kleine Bildband: „Mythos Titanic“ .
  • Der Bildband „Die Geburt einer Legende : Entstehung und Bau der Titanic“ von Michael McCaughan ist schon etwas älter. Hier geht es weniger um das katastrophale Ende des Luxusschiffes, sondern seinen Bau, seine Technik und seine Ausstattung; mit vielen schwarz-weiß Fotos und Zeichnungen.
  • Das Titanic-Bordbuch: eine Handreichung für Passagiere“ ist hübsch gemacht, eine ausführliche Anleitung, als wenn wir uns als Passagiere auf die Jungfernfahrt vorbereiten wollten, ebenfalls mit vielen Fotos und Grafiken. Logischerweise spielt hierin der Untergang gar keine Rolle.
  • Und dann ist da noch das Filmbuch zu James Camerons Blockbuster-Film „Titanic“ mit vielen Fotos von den Dreharbeiten, mit Interviews und einem Überblick zu den Kostümen, Nachbauten und Kulissen, zu den Special Effects und den Anstrengungen für alle Beteiligten: „James Camerons Titanic“ .
  • Wer aber mehr über die echten Passagiere und vor allem vom Schicksal der überlebenden Frauen und Kinder an Bord wissen möchte, der kann viele einzelne Schicksale in „Titanic: Frauen und Kinder zuerst“ von Judith B. Geller nachlesen.

(Auswahl: HilDa)

Sachbuch "Titanic: Frauen und Kinder zuerst" von Judith B. Geller

Bitte, ein Gedicht: Neuerwerbungen 2021

In unserer kleinen Reihe „Bitte, ein Gedicht“ stellen wir in unregelmäßiger Folge einzelne Gedichte vor – Lyrik pur. Vielleicht ist Euch schon aufgefallen, dass die moderne Lyrik komplett fehlt. Alle Schriftsteller*innen, deren Werke wir verwenden, sind mindestens seit 70 Jahren verstorben, das gleiche würde auch für Übersetzer*innen gelten.

Wir machen diese Einschränkung aus urheberrechtlichen Gründen, die Werke sollen frei zur Veröffentlichung sein.

Die Lyrik-Abteilung der Stadtbibliothek ist zwar nur klein, aber natürlich findet Ihr dort auch zeitgenössische Dichter und Dichterinnen.
Ein paar Neuerwerbungen der letzten Monate möchte ich hier vorstellen. Wir beginnen mit einigen

Gedichtsammlungen

4 Bücher: "Die schönsten Herbstgedichte", "Gedichte für alle Liebeslagen", Frauen Lyrik" und "Cinema"

Cinema : Lyrikanthologie / herausgegeben von Wolfgang Schiffer & Dincer Gücyeter ; Collagen: Stefan Heuer. – Nettetal : ELIF VERLAG, 2019. – 197 Seiten : Illustrationen

Der ELIF VERLAG hat Lyrikerinnen und Lyriker eingeladen, Gedichte über das zu schreiben, was sie mit CINEMA verbindet. Welche Filme, Szenen, Charaktere sie erinnern, welcher Schauspielerin oder welchem Regisseur sie sich besonders zugeneigt sehen, was sie berührt, inspiriert, vielleicht getröstet hat, was ihr Sehen veränderte oder Assoziationen weckte, die nun in Wörtern weiterleben, obschon der Anlass womöglich längst in Vergessenheit geraten ist. (Verlagstext)

  • Standort (am Neumarkt): Gedichtsammlungen Cine
  • Standort (Heepen): Gedichte Cine

Frauen Lyrik : Gedichte in deutscher Sprache / im Auftrag der Wüstenrot Stiftung herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Anna Bers. – Ditzingen : Reclam, 2020. – 879 Seiten : Illustrationen

Über die fehlende Sichtbarkeit von Autorinnen in Verlagsprogrammen und Medien wird immer wieder diskutiert. Dass Frauen im Lyrik-Kanon zu Unrecht unterrepräsentiert sind, beweist diese Sammlung deutschsprachiger Gedichte. In Auswahl und Aufbau ist sie einzigartig, denn sie stellt über 500 Gedichte von Autor*innen unter vier verschiedenen Perspektiven vor: Die erste Perspektive orientiert sich am allgemeinen Kanon, die zweite nimmt einen literaturgeschichtlichen Blick ein und wählt Gedichte mit historischer Exemplarität. Eine dritte Gruppe versammelt Gedichte mit besonderer emanzipatorischer Stärke, eine vierte konzentriert sich auf eine an der Textstimme ausgerichtete Lesart und integriert so auch Gedichte von Autoren. In dieser multiperspektivischen Betrachtung ergeben sich Überschneidungen, aber auch spannende Widersprüche. Eine Anthologie, die einen völlig neuen Blick auf Frauen und Lyrik vom Mittelalter bis heute eröffnet. (Verlagtext)

  • Standort (am Neumarkt): Gedichtsammlungen Frau
  • Standort (Heepen): Gedichte Frau

Gedichte für alle Liebeslagen / Herausgegeben von Anton G. Leitner. – Ditzingen : Reclam, 2021. – 135 Seiten

Dem wohl schönsten aller Gefühle widmen sich zeitgenössische Lyrikerinnen und Lyriker wie Jan Wagner, Helmut Krausser, Matthias Politycki, Raoul Schrott, Gerhard Rühm und Ilma Rakusa. Sie schreiben über die Liebe und darüber, wie sie kommt, brennt, geht und bleibt. (Verlagstext)

  • Standort: Gedichtsammlungen Gedi

Die schönsten Herbstgedichte / herausgegeben von Matthias Reiner ; mit Illustrationen von Philippe Robert. – Berlin : Insel Verlag, 2021. – 100 Seiten : Illustrationen. – (Insel-Bücherei ; Nr. 2530)

Wenn die Tage wieder kürzer werden, die Blätter der Bäume in allen Farben leuchten, die letzte Ernte eingefahren wird, Kraniche und Wildgänse sich am Himmel in Formationen einfinden, um in wärmere Gefilde zu fliegen, dann ist er da, der »Herbsttag, wie ich keinen sah!« Das vorliegende Lesebuch versammelt die schönsten Herbstgedichte von Luise Hensel bis Ingeborg Bachmann, von Erich Kästner bis Joachim Ringelnatz. Und Marie Luise Kaschnitz bekennt im Nachwort: »Der Herbst war meine Jahreszeit.« Illustriert wird der schöne Geschenkband mit wunderbaren Herbstblättern des Schweizer Jugendstil-Malers Philippe Robert. (Verlagstext)

  • Standort: Gedichtsammlungen Schoenst
2 Bücher: "In 80 Liebesgedichten um die Welt" und "bis die Smartie-Ampel auf Grün springt - postpoetry.NRW"

bis die Smartie-Ampel auf Grün springt – postpoetry.NRW : Poesiebotschaften aus fünf Wettbewerbsjahren 2015-2019 : Gedichte für den Unterricht / hrsg. von Monika Littau. – Düsseldorf : Edition Virgines, 2020. – 152 Seiten

postpoetry.NRW ist ein Lyrikprojekt, in dem poetry gepostet wird, in dem poetry auch mit der Post ihren Weg zu Leserinnen und Lesern in die Welt finden kann, nämlich auf künstlerisch gestalteten Postkarten. An erster Stelle aber handelt es sich bei postpoetry um das seltene, ja bislang einmalige Format eines Lyrikwettbewerbs, der sich sowohl an NachwuchsautorInnen im Alter von 16 bis 24 Jahren als auch an LyrikerInnen aus Nordrhein-Westfalen wendet. (aus dem Vorwort)

  • Standort: Gedichtsammlungen Postp

In 80 Liebesgedichten um die Welt / ausgewählt von Clara Paul. – Berlin : Insel Verlag, 2020. – 138 Seiten. – (Insel Taschenbuch ; 47883)

Eine kleine, feine Auswahl der schönsten Liebesgedichte der Welt: von Anna Achmatowa, Gioconda Belli, Raymond Carver, Mascha Kaléko, Wladimir Majakowski, Pablo Neruda, Alfonsina Storni, Wislawa Szymborska, Shu Ting, Idea Vilariño, Derek Walcott, William Carlos Williams u. v. a.

  • Standort: Gedichtsammlungen In
2 Bücher: "Kontinentaldrift - Das Schwarze Europa" und "Kontinentaldrift - Das Persische Europa"

Kontinentaldrift – Das Schwarze Europa / herausgegeben von Fiston Mwanza Mujila ; übersetzt von: Jumoke Adeyanju [und anderen]. – Heidelberg : Wunderhorn, 2021. – 309 Seiten. – (Haus für Poesie)

Die persönlichen Werdegänge und Werke dieser Dichter*innen überschreiten nationale und kontinentale Grenzen. Sie wurden in Afrika, der Karibik oder Europa geboren, haben afrikanische Wurzeln. Gleichzeitig sind sie Kinder Europas, fast alle sind in Europa aufgewachsen. Ihre Poesie fordert den Begriff der Diaspora sowie den der Nationalliteratur heraus. Sie bewegt sich zwischen persönlichen, kollektiven und universellen Mythologien und wurzelt in verschiedenen Traditionen: dem Gesang und der Oralität der afrikanischen Poesietradition und den kanonisierten Texten der europäischen Lyrik. Dabei beschränken sich die Dichter*innen keineswegs auf Themen wie Identität, Frau- und Schwarzsein, Männlichkeit, Rassismus, oder koloniale Gewalt. Vielmehr zeigt die Anthologie die Vielfalt ästhetischer und künstlerischer Positionen, die in und aus einem europäischen Umfeld heraus entstehen. (Verlagstext)

  • Standort: Gedichtsammlungen Kont

Kontinentaldrift – Das Persische Europa / herausgegeben von Daniela Danz und Ali Abdollahi ; übersetzt von Maryam Aras, Kurt Scharf, Maryam Tiouri. – Heidelberg : Wunderhorn, 2021. – 269 Seiten. – (Haus für Poesie)

Diese zweisprachige Anthologie versammelt erstmalig 35 der bekanntesten, im europäischen Exil lebenden und persisch dichtenden Lyriker*innen aus England, Schweden, Frankreich, Deutschland, Italien, Norwegen, der Schweiz, den Niederlanden und Tschechien. Es vereint verschiedene Generationen und Dichtungstraditionen von der klassischen, modernen und postmodernen bis zur experimentellen Poesie und umfasst die verschiedensten Themen von Liebesgedichten bis hin zu Politik und Feminismus. So bilden die in einer Sprache geschriebenen Gedichte einen vielstimmigen, bisher unerhörten Chor aus verschiedenen europäischen Ländern. (Verlagstext)

  • Standort: Persisch Kont

(Auswahl HilDa)

Vorlesetipp: „Es war einmal und wird noch lange sein“

Ich arbeite in der Bibliothek hauptsächlich im Erwachsenenbereich. Kinderliteratur lese ich also aus privatem Interesse: Ich mag und sammle – in Maßen – Märchenbücher, ich finde gut gemachte Kindersachbücher sehr anschaulich als Einstieg in eine Thematik. Und ab und zu lese ich auch Bilderbücher – zusammen mit meinem Vater, der mir hilft, geeignete Vorlesebücher zu finden.

Ich weiß nicht mehr, wo ich die Empfehlung gelesen hatte, aber vor einigen Monaten habe ich das Bilderbuch von Johanna Schaible für mich gekauft. Zum Vorlesen in großer Runde ist es doch wohl weniger geeignet. Das Buch mit seiner Reise durch die Zeit ist eher ein schönes Buch zum Blättern, Lesen und Träumen vor dem Zu-Bett-Gehen.

Johanna Schaible: Es war einmal und wird noch lange sein. Hanser 2021

Erst blättert man sich von der Urzeit bis in die Gegenwart, dann träumt man sich Seite für Seite in die Zukunft. Der Text ist sehr sparsam, eine kurze Aussage über die Zeit pro Seite:

„Vor Milliarden von Jahren formte sich das Land.“

„Vor Tausenden von Jahren bauten die Menschen große Dinge.“

„Vor einem Monat war noch Herbst.“

In der zweiten Hälfte werden Fragen an die Zukunft gestellt:

„Wann stehst du morgen auf?“

„Wie feierst du nächstes Jahr deinen Geburtstag?“

„Was wünschst du dir für die Zukunft?“

Die Bilder geben viel Spielraum für eigene Gedanken und Interpretationen. Ungewöhnlich ist das Format: Die Seiten mit den ganzseitigen Illustrationen werden bis zur Mitte des Buches immer kleiner und dann in der zweiten Hälfte wieder größer, so dass alle Seiten einen bunten Rahmen für das Zentrum bilden: „Jetzt! Wünsch dir was!“ – lautet auf diesem zentralen Blatt der Text.

Das ist eine sehr poetische Zeitreise, nicht nur für Kinder.

„Für die Erwachsenen von morgen
und die Kinder von gestern“

So lautet die treffende Widmung. Das Bilderbuch ist ein Kunstwerk für jedes Alter. Mein Vater jedenfalls hat lange darin geblättert – und er hat die Fragen an die Zukunft verschmitzt lachend beantwortet: „Das verrate ich dir nicht!“

Johanna Schaible ist mit „Es war einmal und wird noch lange sein“ für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2022 in der Kategorie Bilderbuch nominiert.
Eine ausführliche Rezension von Thomas Linden wurde im deutschlandfunk veröffentlicht.
Vor einigen Tagen gewann die Autorin bei den Solothurner Literaturtagen den Schweitzer Kinder- und Jugendbuchpreis 2022, dazu gab es beim SRF Schweizer Radio und Fernsehen eine schöne Rezension (mit Bildern) von Britta Spichiger hier.

Unsere Katalogdaten sind hier

HilDa

Gilgamesch, König von Uruk

Vor ca. 5000 Jahren wurde die Schrift erfunden, ein nützliches und notwendiges Instrument in erster Linie für Handel und Bürokratie. Die erste Metropole der Welt steht für diesen Wendepunkt der Menschheitsgeschichte – Uruk. Die Zeichen wurden als Keilschrift in Ton geritzt, tausende Jahre alte Tontafeln, ja ganze Bibliotheken sind bis heute erhalten und haben uns Gesetzestexte überliefert sowie Steuertabellen, Gebete und Rituale, astronomische und mathematische Berechnungen, Verträge und Testamente, aber auch ganz profane Texte wie Rezepte zum Bierbrauen oder Schreibübungen von Schülern. Und Literatur. Dichtung. Das erste Epos: die Geschichte des Gilgamesch, nur Fragment oder genauer unzählig viele Fragmente, längst noch nicht alles entziffert und übersetzt, über Jahrhunderte weitergegeben und immer wieder kopiert.

Vor einigen Jahren (2014) war ich im LWLMuseum für Archäologie in Herne in einer großen Ausstellung mit vielen Original-Artefakten, „Uruk – 5000 Jahre Megacity“ wurde zuvor im Berliner Pergamonmuseum gezeigt; seit kurzem wird eine virtuelle Aufbereitung der Ausstellung angeboten: uruk-digital. In der Kinderbibliothek findet Ihr ein Kindersachbuch zum Thema, das anlässlich der Ausstellung erschienen ist („Uruk, Keilschrift, Gilgamesch“ ). Sehr empfehlenswert auch für Erwachsene als Einführung ins Thema – für Euch getestet. 😉

2 Bücher: Das Gilgamesch-Epos / neu übersetzt und kommentiert von Stefan M. Maul. Beck-Verlag
und
Sallaberger, Walther: Das Gilgamesch-Epos : Mythos, Werk und Tradition. Beck-Verlag

Das Gilgamesch-Epos wurde Vorbild für andere Werke in vielen verschiedenen Kulturen und bis in die heutige Zeit. Raoul Schrott hat viele Verse nicht nur übersetzt, sondern daraus auch eine eigene dramatisierte Version verfasst, anspruchsvoll und kräftig in der Sprache (das Buch haben wir nicht im Bestand). Bei der langen „Nacht der Bibliotheken“ 2013 habe ich einen Ausschnitt daraus vorgetragen, die „Zähmung“ des wilden Enkidu und sein erstes Aufeinandertreffen mit dem bis dahin unbesiegbaren Gilgamesch. „Saftig!“, war der Kommentar einer Kollegin. Nun ja, das Motto der Nacht war doch auch „Deine Bibliothek – wilder als Du denkst“. 😉

Es gibt die Sagengeschichten auch als Nacherzählungen in Prosa. Und Gilgamesch ist als Figur in moderne Romane und Erzählungen eingegangen, vor allem im Genre Fantasy und in Comics/Graphic Novels. Star-Trek-Fans kennen Gilgamesch und Enkidu aus einer sehr kurzen Nacherzählung durch Captain Picard in der Folge Darmok.

2 Bücher: "Gilgamesch: Graphic Novel" von Burkhard Pfister und "Der Löwe von Uruk: ein Gilgamesch-Roman" von Harald Braem

Ist es nicht interessant, dass viele Motive, Archetypen oder allein schon das Grundmuster der Heldenreise, wie wir sie bereits in diesem Jahrtausende alten Werk dargestellt sehen, noch heute in literarischen oder filmischen Produktionen wiederzufinden sind. Da ist zum Beispiel die Männerfreundschaft zwischen dem Halbgott Gilgamesch und dem wilden Naturburschen Enkidu: Erst prügeln sie sich bis zur Erschöpfung, doch als es keinen Sieger im Zweikampf gibt, einigen sich die beiden auf ein Unentschieden und werden die besten Freunde. Ein beliebter Topos z. B. in Western und Actionfilmen.

Oder wusstet Ihr, dass die biblische Geschichte von Noah und der Sintflut ihr Vorbild in der mesopotamischen Mythologie hat? Dort heißt die Hauptfigur Uta-napišti: Er rettet seine Familie und viele Tiere auf sein Schiff und sie werden durch göttlichen Rat zu den einzigen Überlebenden einer weltumspannenden Flut. So taucht er auch im Gilgamesch-Epos auf: Nach dem Tod seines Freundes sucht der verzweifelte Königssohn Rat bei Uta-napišti, dem von den Göttern nach der Flut sogar Unsterblichkeit geschenkt worden ist. Auch Gilgamesch will unsterblich werden, er lässt sich von dem alten Weisen dessen phantastische Geschichte erzählen. Doch Gilgamesch kann nicht einmal den Schlaf besiegen, der Tod bleibt die letzte Grenze, die ihm gesetzt ist.
Als die Flut- und Arche-Geschichte im Epos entdeckt und übersetzt werden konnte (1872 durch den britischen Assyriologen George Smith), war das Erstaunen groß: Es gibt so eindeutige Übereinstimmungen mit der Noah-Legende im Alten Testament – und das in Keilschrifttexten, die eindeutig älter sind als alle biblischen Schriften. Viel, viel älter.

Raoul Schrott stellt die These auf, dass sogar der Autor der Illias assyrische Texte und eben auch das Gilgamesch-Epos gekannt haben muss. Eine durchaus umstrittene Meinung, auch wenn der Schriftsteller und Übersetzer durch seine intensive Arbeit mit beiden Epen (er hat auch die Ilias übersetzt) sicher ein ausgezeichneter Textkenner ist.

2 Bücher: "Uruk, Keilschrift, Gilgamesch" und "Homers Heimat: der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe" von Raoul Schrott

Wie auch immer, selbst wenn heute die Erzählungen von Gilgamesch weit weniger bekannt sind als z.B. die griechisch-römischen Mythen, so gehören sie doch ebenso zu unserem ältesten Kulturgut. Dieser maßlose Königssohn und Halbgott aus Uruk, dieser arrogante, verantwortungslose, ja brutale Kraftprotz, der unverbrüchliche Freundschaft und phantastische Heldentaten erlebt, doch dann erfahren muss, dass auch für ihn Regeln und Gesetze gelten, dass auch seine Macht Grenzen hat, dass er vom Schicksal und der Rache der Götter getroffen werden kann und am Ende sterblich ist wie wir alle, der durch diese Erkenntnisse geläutert zu einem großen König wird, der die Stadt Uruk zu unvergleichlichem Ruhm führt und der zum mythischen Erbauer einer Stadtmauer wird, deren kolossale Überreste wir tatsächlich noch heute bestaunen können – dieser Gilgamesch ist nun also doch unsterblich geworden durch die Literatur. Und er beflügelt auch nach über 4000 Jahren unsere Phantasie.
Was für ein Held, was für ein Mythos!

Übersetzungen, Nacherzählungen, Bearbeitungen und Sachliteratur über das Gilgamesch-Epos findet Ihr hier.
Das erwähnte Buch von Raoul Schrott über seine These einer Verbindung Homers zum assyrischen Raum findet Ihr hier.

HilDa

Vorlesetipp: Die Tiefseetaucherin

Ein Sachbuch als Vorlesetipp ist vielleicht ungewöhnlich. „Die Tiefseetaucherin“ erzählt aber auch eine Abenteuergeschichte, die Entdeckungsreise mit dem kleinen U-Boot Ulf bis zur tiefsten Stelle im Ozean. Die junge Entdeckerin ist das Mädchen Juli, nicht älter als die Zielgruppe dieses Kinderbuches: Jungforscher und Forscherinnen zwischen 6 und 10 Jahren. Da kann der eine oder die andere ja auch schon selber lesen, benötigt aber vielleicht noch etwas Unterstützung.

Bilderbuch "Die Tiefseetaucherin"; das Cover zeigt eine bunte Grafik mit einem tauchenden Mädchen inmitten einer lichtdurchfluteten Unterwasserszene mit Korallen, einer Qualle, einigen Fischen und einigen roten Krakenarmen, die hinter einem Felsen hervorkommen.

In einem Sachbuch erwartet man natürlich Wissen und Informationen. Hier geht es um die großen Ozeane und vor allem das, was bisher noch ziemlich unbekannt ist: die Tiefsee, ein Lebensraum, der uns fremder ist als die Mondoberfläche.

Von Doppelseite zu Doppelseite geht es tiefer hinab. Juli begegnet dabei ganz unterschiedlichen Lebewesen: Wale und ihre verschiedenen Jagdmethoden, Riesenkraken, die sogar mit zehn Armen winken können, Blobfische, die fast ganz aus Gelee bestehen und vieles mehr. Wir erfahren etwas über die Meeresverschmutzung und ihre Folgen. Und wusstet Ihr, dass in 8.000 Meter Tiefe ein Wasserdruck herrscht, als würden 1.600 Elefanten auf dem kleinen U-Boot stehen? Vor allem aber sehen wir die Schönheit und die skurrilen Lebensformen unter Wasser.

Für uns, die wir kein U-Boot haben, wird diese geheimnisvolle Welt sichtbar gemacht durch die Illustratorin Iris Ott. Überwiegend naturalistisch, kindgerecht und mit kräftigen Farben lässt sie uns die Unterwasserwelt miterleben. Text und Grafik erklären und laden zum eigenen Entdecken in den großformatigen Bildern ein. Da kommt man beim Vorlesen vielleicht auch schnell zum Fabulieren und Selbsterfinden von Abenteuern in der Tiefsee. Und spätestens da hat man sicher alle Kinder mit im (U-)Boot. 😉

Eine eigene Tiefseefahrt „buchen“ könnt Ihr mit unserem ganz neuen Exemplar in der Kinderbibliothek, Katalogdaten hier.

HilDa

Buchtipp: Louise Erdrich

GRENZEN|LOS|LESEN
USA

In meiner Jugend habe ich gerne Abenteuerliteratur gelesen. Ja, ich war Karl-May-Fan. Geblieben ist ein Interesse an indigenen Völkern und ihren Geschichten; ich lese ab und zu gern literarische Werke von Schriftsteller*innen aus den Kulturen selbst. Richard Wagamese habe ich hier bereits zweimal vorgestellt (Das weite Herz des Landes, Der gefrorene Himmel). Jetzt wird es Zeit, über Louise Erdrich zu sprechen. Ein Buch von ihr hatten wir schon mal im Blog (Ein Lied für die Geister).

Als ich im letzten Frühjahr Der Nachtwächter beim Buchhändler meines Vertrauens kaufte, rief der an der Kasse verzückt: „Ah, Erdrich, unsere Lieblingsschriftstellerin!“. Bisher hatte ich immer das Gefühl, niemand in meinem durchaus belesenen Umfeld kennt die amerikanische Autorin. Und jetzt diese enthusiastische Empfehlung nicht nur für das aktuelle Buch, sondern das Gesamtwerk! Nun, ein Punkt mehr für meine Lieblingsbuchhandlung. 😉

Roman "Der Nachtwächter" von Louise Erdrich. Aufbau-Verlag

Der Nachtwächter stand kurz darauf auf der SWR-Bestenliste, Literaturkritik und Feuilleton sind voll des Lobes. Und dann erhielt der Roman 2021 auch noch den Pulitzerpreis. Trotzdem bleibt Louise Erdrich hierzulande wohl sowas wie ein Geheimtipp.

So hat 2019 die ARD mit großem Aufwand den Roman The Master Butchers Singing Club verfilmt, ein Zweiteiler, von dem man sich offenbar viel versprochen hatte: Der Club der singenden Metzger. Nun, in der etwas verdrucksten Werbung zum Film kamen die literarische Vorlage und der Name der Autorin fast gar nicht vor. Wobei ich zu der Verfilmung selbst nichts weiter sagen kann, die habe ich nämlich verpasst. Aber ich könnte mir vorstellen, dass viele Zuschauer nach der Ankündigung eines Historiendramas rund um deutsche Auswanderer in den amerikanischen Westen so etwas wie eine Wild-West-Romanze erwartet hatten. Hm, der Filmkritik entnehme ich, dass es ganz so schlicht wohl nicht ist. Schaut selbst, wir haben die DVD. Und den Roman natürlich auch (englisch und deutsch): hier.

2 Romanausgaben und DVD der Verfilmung: "Der Club der singenden Metzger"

Bei meinem ersten Roman von der Autorin vor vielen Jahren hatte ich auch etwas ganz anderes erwartet und die Lektüre nach den ersten Seiten wieder abgebrochen. Mein zweiter Versuch traf dann aber genau meinen Geschmack, obwohl auch Die Krone des Kolumbus so ganz anders war. Der Roman erschien 1991 passend zum Kolumbus-Jahr und den 500-Jahr-Feiern zur „Entdeckung“ Amerikas – aber Louise Erdrich und ihr damaliger Ehemann Michael Dorris hatten einen Gegenentwurf zur US-patriotischen Feierstimmung im Sinn. Ihre Protagonisten haben wie sie indigene Wurzeln und sind Intellektuelle, die das Leid der amerikanischen Urbevölkerung als Folge des Rassismus der Eroberer und des europäischen Kolonialismus herausstellen wollen.

Zum Inhalt: Während ihr Geliebter an einem Epos schreibt, stößt die Halb-Indianerin Vivian zufällig in einer Bibliothek auf ein mysteriöses Manuskript aus der Zeit des Kolumbus, in dem von einem kostbaren Geschenk an den König des „indischen“ Heidenvolkes die Rede ist. Es beginnt eine Schatzsuche mit allem, was in Indianer-Jones-Manier dazu gehört, nur dass hier eine zerstrittene Familie im Wettlauf mit Verbrechern und Geschichtsverdrehern nach dem Geheimnis und der historischen Wahrheit sucht, Ehestreitigkeiten, Generationskonflikt und Teenager-Krisen inklusive, mal witzig, mal hochliterarisch und politisch, mal spannend wie ein Thriller. Mir gefiel die krude Mischung damals. An einigen Stellen könnte der Roman heute allerdings schon etwas angestaubt wirken (über Milli Vanilli lacht heute niemand mehr, oder).

Roman "Die Krone des Kolumbus" von Michael Dorris und Louise Erdrich. Rowohlt-Verlag

Vielleicht stelle ich mal noch weitere Romane von Louise Erdrich in eigenen Blog-Artikeln vor. Aber kommen wir endlich zu meiner aktuellen Lektüre: Der Nachtwächter.

Ein bigotter Politiker will die Bewohner des Chippewa-Reservats mit einem neuen „Terminierungsgesetz“ angeblich emanzipieren – ein Euphemismus für die ewig gleiche alte Geschichte: Den Ureinwohnern soll schlicht ihr Land weggenommen, ihre Gemeinschaft aufgelöst werden. Thomas ist der Sprecher der Chippewa-Gemeinschaft, einer der wenigen Männer mit einem festen Job. Seine Nachtwachen im einzigen Fabrikgebäude des Reservats nutzt er, um die Gesetzentwürfe zu studieren und Strategien zu entwickeln. Es geht um die Zukunft des Volkes, um den Erhalt der Kultur.

Inmitten der weiß-amerikanischen Welt werden die Chippewa wie Fremde im eigenen Land behandelt. Im Reservat leben sie auf dem kargen Boden ärmlich, die meisten sind arbeitslos und abhängig von den staatlichen Leistungen, die dem Stamm zustehen. Alkohol zerstört die Familien, viele Chippewa sprechen kaum Englisch – was für eine Chance haben sie gegen die US-amerikanische Politik und Bürokratie. Auf Thomas lastet eine große Verantwortung.

Die jungen Menschen, die es in die Stadt zieht, sei es der Liebe wegen, um dort Arbeit zu finden oder weil sie an Sportwettkämpfen teilnehmen, gehen nur allzu oft verloren. Die Familie von Patrice zum Beispiel vermisst die älteste Tochter Vera. Patrice nimmt also Urlaub und wagt sich in die Stadt, wo sie bizarres und auch beängstigendes erlebt. Patrice ist die zweite Hauptfigur des Romans. Sie ist noch sehr jung, aber auch sie ist die einzige in ihrer Familie mit geregeltem Einkommen. Während sie gern mehr über Liebe und Sex erfahren möchte, scheint die vermisste Schwester bereits die schlimmsten, schier unaussprechlichen Erfahrungen gemacht zu haben. Zumindest deuten das die Träume an.

Wie immer bei Louise Erdrich sind da viele Sippen und Generationen, die miteinander in Verbindung stehen, und auch Ahnen und andere Geister mischen mit. Doch der im Wesentlichen linear erzählte Roman liest sich trotz der Perspektivwechsel leicht und klar. Auch die Selbstverständlichkeit, mit der das Magische immer wieder in die Handlung eingreift, verstört die europäische Leserin nur kurz.

Roman "Der Nachtwächter" von Louise Erdrich

Louise Erdrich hat mit diesem Roman ihrem eigenen Großvater und seinem Engagement für den Stamm und das Reservat ein Denkmal gesetzt – und uns das Denken, die Gefühle, den Alltag und einige Traditionen, aber auch die Diversität der Menschen aus dem Chippewa-Volk näher gebracht, ebenso die Tristesse und die Gemeinschaft im Reservat. Das hat so gar nichts von den hierzulande so beliebten idealisierenden, oft auch esoterisch angehauchten Naturvolk-Stereotypen.

Louise Erdrich ist zweifellos eine der ganz großen der amerikanischen Literatur. Wer sie noch nicht für sich entdeckt hat – Der Nachtwächter ist ein guter Einstieg in ihr Werk. Sowohl sprachlich als auch von seiner Struktur und Personenkonstellation her ist der Roman nicht so kompliziert wie einige andere Erzählungen der Autorin.

Große Empfehlung.

HilDa

Bitte, ein Gedicht #18

Ostern

Wenn die Schokolade keimt,
Wenn nach langem Druck bei Dichterlingen
»Glockenklingen« sich auf »Lenzesschwingen«
Endlich reimt
Und der Osterhase hinten auch schon preßt,
Dann kommt bald das Osterfest.

Und wenn wirklich dann mit Glockenklingen
Ostern naht auf Lenzesschwingen, –
Dann mit jenen Dichterlingen
Und mit deren jugendlichen Bräuten
Draußen schwelgen mit berauschten Händen –
Ach, das denk ich mir entsetzlich,
Außerdem – unter Umständen – Ungesetzlich.

Aber morgens auf dem Frühstückstische
Fünf, sechs, sieben flaumweich gelbe frische
Eier. Und dann ganz hineingekniet!
Ha! Da spürt man, wie die Frühlingswärme
Durch geheime Gänge und Gedärme
In die Zukunft zieht
Und wie dankbar wir für solchen Segen
Sein müssen.
Ach, ich könnte alle Hennen küssen,
Die so langgezogene Kugeln legen.

Joachim Ringelnatz

Ein buntes Schokoladenei in einem Blumentopf, in dem ein wenig Grün sprießt

Buchtipp: The President is missing

Das Buch hat es in sich. Man muss schon politisch interessiert sein um durchzuhalten. 🙂 Aber wie soll es auch anders sein, wenn Bill Clinton mit James Patterson ein Buch schreibt… 😉

Der Inhalt kurz und knapp:

Präsident Jonathan Duncan hat ein Problem. Eine Superhackerin hat ein Virus programmiert, das auf die gesamte Infrastruktur des Landes abzielt. Außerdem droht ihm ein Amtsenthebungsverfahren und es scheint einen Verräter in seinem engsten Beraterkreis zu geben.

Leider hat man beim Lesen manchmal das Gefühl, es geht wieder nur um „America first“. Hmpf. Auch muss der arme Präsident irgendwie immer selber auf die Lösung der Probleme kommen, trotz eines Teams, welches vor Intelligenz nur so strotzt. Natürlich spielt der Terrorismus eine Rolle, auch die Beziehung des Landes zu seinen Veteranen wird kurz angerissen.

Mich hat vor allem der Aspekt des Virus interessiert. Denn es ist schon erschreckend, wie abhängig wir vom Internet sind. Die beiden Autoren beschreiben ganz gut, was passiert, wenn das Virus sozusagen „los gelassen“ wird und was für Möglichkeiten es geben könnte, es zu stoppen. Nun könnte man meinen, das FBI und die CIA müssen doch „nur“ die Programmiererin fassen. Leider wurde diese bei einem Attentat getötet. Der Präsident hat deshalb ihren Freund Augie, eine Gruppe sehr intelligenter junger Computer-Genies und sich selbst in ein Safe House gebracht – dort müssen sie zeigen, was sie können. Und das ist eine Menge. Aber wird es reichen?

Wer wissen möchte, was im Weißen Haus so vor sich geht und wie streng alle möglichen Sicherheitsprotokolle eingehalten werden müssen, für den ist das Buch sicherlich interessant. Ansonsten könnte es leicht langatmig werden. Mir hat es aber gefallen 🙂 Hier geht es zu den Katalogdaten…

kwk

Buchtipp: „Trauer ist das Glück, geliebt zu haben“

Chimamanda Ngozi Adichie ist eine der bekanntesten Autorinnen der zeitgeschichtlichen Weltliteratur, vor allem durch ihren internationalen Bestsellerroman „Americanah“ von 2013 (deutsch 2014). Sie gilt als eine der wichtigsten afrikanischen Stimmen.
Dieser kleine autobiographische Band (Originaltitel „Notes on grief“, übersetzt von Anette Grube) ist sicher ihr persönlichstes Buch. Es handelt von Trauer, speziell ihren eigenen Gefühlen nach dem Tod ihres geliebten Vaters, ein sehr emotionaler Essay über unbändigen Schmerz, liebende Erinnerung und Familienanekdoten. Viele Facetten der Trauer.

Buch "Trauer ist das Glück geliebt zu haben" von Chimamanda Ngozi Adichie. S.Fischer-Verlag

Adichie beschreibt ihre Gefühle und ihre Überlegungen dazu sehr offen, drastisch und schonungslos gegen sich selbst. Ich finde es bemerkenswert und war beim Lesen sogar erleichtert, wie da jemand auch über die Wut in der Trauer schreibt und seinen Schmerz buchstäblich herausschreit – und damit ein kleines Tabu bricht. Es ist die Wut über den unerbittlichen Tod, über verpasste Momente und das, was nun unausgesprochen und unbeantwortet bleiben muss.

Große Trauer ist etwas, was uns meist verstummen lässt, teils weil uns die Worte fehlen, teils weil wir verdrängen wollen. Trauer in unserer Kultur ist eher still, einsam und sie soll nach einer gewissen Zeit wieder überwunden sein, damit man weiter im Alltag funktioniert. In anderen Kulturen geht man durchaus anders mit Trauer um, zum Beispiel auch in der Igbo-Kultur.

Chimamanda Ngozi Adichie ist wortgewaltig, sie lässt nicht nur ihren Gefühlen freien Lauf; sie analysiert sich dabei gleichzeitig selbst. Sie schreibt in ihrem Aufsatz auch über ihre Familie und den unterschiedlichen Umgang mit der Trauer, über kulturelle Bedeutungen, über die Bürokratie rund um den Tod insbesondere in Zeiten einer Pandemie. Und über die gutgemeinten Ratschläge und Floskeln der Freunde, die nicht immer hilfreich sind, aber vielleicht erst später nachwirken.

Das ist sicher kein Buch, das ich einem trauernden Menschen unmittelbar empfehlen würde. Aber mit gewissem zeitlichen Abstand fand ich es befreiend, dass hier auch über die krassen Gefühle geschrieben wird. Ein wuchtiges kleines Buch.

Die Katalogdaten hier.
In der Psychologie-Untergruppe Mcl 33 findet Ihr noch mehr Medien zum Thema Trauer/Trauerbewältigung.

HilDa

Buchtipp: „Tagebuch eines Buchhändlers“ von Shaun Bythell

Kuriose Mitarbeiter, unverschämte Kunden, Wasserrohrbrüche, verschwundene Kater, Buchfestivals – Shaun Bythell hat so einiges aus seiner Buchhandlung zu berichten. Die trägt den zwar nicht kreativsten aber bestimmt treffendsten Namen: The Bookshop. Also Die Buchhandlung.

Seine Buchhandlung für gebrauchte Bücher befindet sich in der schottischen Stadt Wigtwon, auch bekannt als „Scotlands National Book Town“. Neben Shauns Buchhandlung gibt es dort noch viele weitere und ein jährliches Buchfestival. The Bookshop ist die größte Secondhand Buchhandlung in Schottland.

In seinem Tagebuch berichtet er für ein Jahr aus seinem Arbeitsalltag. Er erzählt von den Menschen, die ihm Bücher verkaufen wollen und aus welchen Beweggründen sie das tun. Wir lernen seine etwas kuriose Mitarbeiterin Nicci kennen, die gerne mal Shauns Ordnung der Bücher durcheinander bringt. Immer wieder gibt es auch neue und ehemalige Mitarbeiterinnen oder Praktikanten, die durch Shauns Buchhandlung streifen. Und natürlich die Kunden. Arbeit mit Menschen ist etwas echt tolles, zumindest mache ich das bei uns in der Bibliothek sehr gerne. Aber: es gibt halt auch diese Leute, die es einfach drauf haben, einem den Tag zu vermiesen. Man sollte das gar nicht so an sich ran lassen. Den ganzen Tag hatte man nur Kontakt zu netten Menschen und dann kommt ein Miesepeter, und das ist der einzige, an den man sich erinnert. Shaun beschreibt diese Leute mit sehr trockenem Humor (der sich eh durch das ganze Buch zieht) und man kann sich nur mit ihm über Kunden amüsieren, die um jeden Euro feilschen, Bücher aus Regalen ziehen, um scheinbar größtmögliches Chaos zu hinterlassen oder ihn nach Büchern fragen, die sie dann offensichtlich im Anschluss lieber bei Amazon bestellen. In diesen Beschreibungen blitzt wohl eine etwas misanthropische Haltung durch. 🙂

Bibliothekare sind leider auch nicht seine Lieblingsmenschen – die stempeln Bücher, kleben Signaturen und Barcodes auf ansonsten schöne Einbände oder bekleben sie gleich ganz mit schmutzabweisenden Folien. Für eine Secondhand-Buchhandlung nicht der idealste Buchzustand, da muss ich ihm Recht geben. 😉

Amazon ist auch so ein Lieblingsthema von Shaun. Irgendwie ist er darauf angewiesen, aber sein Verhältnis zum großen A zeigt sich ganz gut durch eine Trophäe, die er in der Buchhandlung aufgehängt hat: ein wortwörtlich erschossener Kindle.

Ganz nebenbei berichtet Shaun uns von seiner jeweils aktuellen Lektüre. Da verbirgt sich noch der ein oder andere Literaturtipp, den man gerne mitnimmt.

Shaun durch das Jahr in seiner Buchhandlung zu begleiten, war ein sehr unterhaltsames Unterfangen. Mittlerweile hat er sogar noch weitere Bücher geschrieben. Bisher ist jedoch nur das hier vorgestellte ins Deutsche übersetzt, da muss ich mir die anderen vielleicht mal im Original besorgen.

Das Buch könnt ihr bei uns in der Onleihe oder vor Ort ausleihen.

lga