Ein Abend mit Olga Tokarczuk

Um kurz nach 13 Uhr am 10. Oktober 2019 war großer Jubel auf den Gängen der Bibliothek zu vernehmen. Auf mehreren Bildschirmen wurde live die Übertragung der Vergabe des Literaturnobelpreises verfolgt. Schwedisch sprechen wir zwar nicht, den Namen Olga Tokarczuk haben wir dann aber doch verstanden. Die Freude über den Preis für Olga Tokarczuk war also groß, auch, weil sie zu dem Zeitpunkt schon im Auto, auf dem Weg nach Bielefeld, saß. Denn am Abend um 20 Uhr war sie für eine Lesung, im Rahmen unserer Literaturtage, bei uns zu Gast.

Schon einige Tage vorher tauchte Olga Tokarczuks Name als Favoritin für den Nobelpreis auf, sodass wir im Voraus schon die ein oder andere Überlegung anstellten. Dass sie den Preis dann aber wirklich gewonnen hat, hat uns doch überrascht. Wer rechnet auch schon mit einem solchen Zufall. 🙂

Mir ist Olga Tokarczuk durch die Vorbereitungszeit auf die Literaturtage nun schon gut bekannt. Auch ein Buch habe ich von ihr schon mit Begeisterung gelesen. Aber allen, die sie noch nicht kennen möchte ich sie und ihr aktuelles Buch einmal in Kürze vorstellen.

Olga Tokarczuk wurde 1962 geboren, studierte in Warschau Psychologie, lebt im südpolnischen Eulengebirge und ist heute eine bedeutende europäische Schriftstellerin des magischen Realismus. Für Ihren Roman Unrast erhielt sie 2018 den Man Booker International Prize.
Ihr jüngster Roman „Die Jakobsbücher“ erschien am 01.10.2019 auf deutsch, in Polen schon 2014. Der Roman handelt von Jakob Frank, eine der bedeutendsten Figuren, des 18. Jahrhunderts. Den einen galt er als Weiser und Messias, den anderen als Scharlatan und Ketzer. Als Anführer einer mystischen Bewegung, der Frankisten, war Jakob fest entschlossen, sein Volk, die Juden Osteuropas, endlich für die Moderne zu öffnen. Olga Tokarczuk zeichnet das schillernde Porträt dieser kontroversen historischen Figur und das Panorama einer krisenhaften Welt an der Schwelle zur Moderne.
Wegen dieses Romans erhielt Olga Tokarczuk Todesdrohungen von nationalistischen Fanatikern und benötigte einige Zeit lang Leibwächter. „Diese Hass-Reaktion hat sich nicht unmittelbar auf das Buch bezogen, sondern auf meine Aussage im Fernsehen, dass die Polen sich auch den dunklen Kapiteln in ihrer Geschichte stellen müssen. Auch die Polen haben Juden ermordet, sie haben im Osten kolonialisiert, und die Landbevölkerung musste feudalen Frondienst leisten, der sehr an Sklaverei erinnert. So habe ich das auch genannt. Das hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Man hat mir dann vorgeworfen, ich würde lügen und mein Land verraten. Und das Buch widerspricht nun der offiziellen Darstellung eines mono-ethnischen, heldenhaften Polens, in der die Polen immer nur Opfer, aber nie auch Täter sind“, erklärt Olga Tokarczuk.

Auch dieses Buch würde mich reizen zu lesen, auch wenn es mit über 1000 Seiten eine schwere Lektüre im wahrsten Sinne des Wortes ist. Es erscheinen demnächst aber auch noch weitere Bücher von ihr auf deutsch, die ebenfalls interessant klingen.

Auf die Lesung mit Olga Tokarczuk habe ich mich auch schon vor dem ganzen Nobelpreistrubel sehr gefreut. Sie war bereits zweimal in der Stadtbibliothek zu einer Lesung eingeladen. Kollegen sprachen von diesen Lesungen und der Autorin so positiv, dass ich schon ganz gespannt war auf den Abend mit ihr.

Durch den Nobelpreis wurde der Tag für uns etwas hektischer als geplant. Ein Raum wurde hergerichtet für die Pressekonferenz, die stattfinden sollte, sobald Olga Tokarczuk bei uns eintreffen würde. Ein Geschenk wurde für die Nobelpreisträgerin besorgt (allerdings keine Schnittblumen, die mag sie nämlich nicht), vor unserer Literaturbühne mussten wir noch etwas umräumen und anschließend weitere Stühle nachstellen, bei den Kollegen im Publikumsservice klingelte pausenlos das Telefon, da sich viele Leute noch eine Karte zur Lesung sichern wollten, und bei unserem Leiter der Zentralbibliothek stand das Telefon auch nicht still, da alle möglichen Pressevertreter um Auskunft baten.

Der Nachmittag ging jedenfalls, mit allem was noch so zu tun war, sehr schnell rum und gegen halb sechs waren wir tatsächlich mit allem einigermaßen fertig. Danach hieß es erstmal warten bis Olga Tokarczuk bei uns eintreffen würde.
In der Wartezeit war dann Gelegenheit, noch etwas auf Facebook zu posten. Schnell ein Bild von den letzten fünf Karten für die Lesung geknipst und als ich den Facebook-Post endlich fertig geschrieben hatte war er schon nicht mehr aktuell – denn da waren dann auch die letzten Karten weg (aus Brandschutzgründen konnten wir übrigens nicht einfach noch Karten nachdrucken und verkaufen – auch wenn noch Platz gewesen wäre, dürfen wir nur gut 300 Personen bei Lesungen herein lassen).

Unsere Nutzer haben sich bestimmt gewundert, was bei uns Seltsames los ist, da der Eingangsbereich mit Pressevertretern sowie Kollegen aus der Bibliothek und von der Stadt Bielefeld etwas verstopft war. Auch unser Oberbürgermeister Pit Clausen und Kulturdezernent Udo Witthaus gesellten sich zu den Wartenden.

Lothar Quinekstein, Klaus Loest, Olga Tokarczuk und Pit Clausen

Gegen 18 Uhr rollte Olga Tokarczuks Auto dann tatsächlich vor der Bibliothek vor. Kaum hatte sie die Beifahrertür geöffnet wurde sie auch schon von einem Pressepulk belagert, der sie den Weg bis ins 2. Obergeschoss, wo die Pressekonferenz stattfinden sollte, begleitet hat. Ganz viel habe ich von dem Pressegespräch allerdings nicht mitbekommen, da einige Kollegen und ich uns unten im Erdgeschoss dann schon wieder daran machten die Technik für die Lesung aufzubauen.
Die Technik hat uns natürlich ausgerechnet an einem Abend, an dem so viele Leute da waren und überall Kameras standen, ganz schön auf Trab gehalten. Es hat am Ende alles prima geklappt und die Zuschauer haben davon auch zum Glück nicht wirklich was mitbekommen aber uns hat es dann doch etwas gestresst.

Dementsprechend habe ich von der Lesung selber inhaltlich gar nicht richtig etwas aufnehmen können. Auf der Bühne saßen der Leiter unserer Zentralbibliothek, Klaus Loest, Olga Tokarczuk natürlich, Lothar Quinkenstein, einer der Übersetzer der Jakobsbücher und die Theaterwissenschaftlerin Barbara Frey aus Bielefeld. Olga Tokarczuk las Teile aus ihrem Buch im Original auf Polnisch, danach las Barbara Frey, die entsprechenden Abschnitte auf Deutsch. Lothar Quinkenstein übersetzte und Klaus Loest, (übrigens auch derjenige, der Olga Tokarczuk zu uns eingeladen hat) moderierte die Lesung.
Auch wenn ich mich nicht so richtig auf die Lesung konzentrieren konnte, war es trotzdem eine tolle Atmosphäre auf der Bühne.

Nach den ersten 20 Minuten gab es dann eine kleine Musikpause, in der die Pressevertreter ihre Kameras wieder einpacken mussten, damit wir für den Rest der Lesung „unter uns“ sein konnten.

Barbara Frey, Lothar Quinkenstein, Olga Tokarczuk und Klaus Loest

Die Pause haben einige aus dem Publikum aber auch zum Anlass genommen, Olga Tokarczuk persönlich zu gratulieren, wobei fast die Literaturbühne gestürmt wurde. Da hatte unser Sicherheitsdienst richtig was zu tun.

Die Lesung fiel dann vielleicht etwas kürzer aus, als üblich, was ich unter den gegebenen Umständen aber auch verständlich fand. Nach der Lesung hat Olga Tokarczuk nämlich noch signiert und dann standen immer noch einige Pressevertreter rum, die noch ein Interview mit ihr führen wollten. Ich glaube es war schon fast zwölf, als sie sich endlich auf den Weg zum Hotel machen konnte.

Zum Schluss waren noch eine Kollegin, ein Kollege und ich übrig. Nachdem alles was noch an dem Abend aufgeräumt werden musste, erledigt war, hatten wir auch endlich Feierabend (bzw. Feiermorgen? Es war schließlich schon 00:30 als ich nach Hause fuhr. Bis nach Mitternacht habe ich auch noch nie gearbeitet). 🙂

Es war auf jeden Fall ein verrückter Tag und ganz sicher ein Ereignis, an das wir uns noch lange erinnern werden. Regelmäßig brauche ich solche Veranstaltungen dann aber doch nicht. Es war schon ein bisschen verrückt, wie eine Unmenge Leute unbedingt ein Selfie mit Olga Tokarczuk haben wollten, sie umarmen, ihr gratulieren, sie sehen wollten und wie gefühlt 100 Pressevertreter wahrscheinlich alle genau dieselben Aufnahmen gemacht haben. Sehr sympathisch wie Olga Tokarczuk bei dem ganzen Rummel durchgehend gelassen und souverän geblieben ist und immer ein Lächeln im Gesicht hatte.

Hoffentlich habe ich irgendwann noch einmal eine Gelegenheit, eine Lesung mit ihr zu besuchen – dann aber bitte ganz in Ruhe und ohne, dass Sie ein paar Stunden vorher einen Nobelpreis verliehen bekommt!

lga

Juliana Kálnay „aufgeschlagen: OWL: Die Stadt ist nicht die Stadt – 80 Feststellungen“

Literaturtage Bielefeld 2019: Wir lesen laut!

„Seitdem der Fluss trocken ist, regnet es in der Stadt“.

In Bielefeld gibt es keinen Fluss, da die nicht standesgemäße Geliebte des Grafen sich mit Steinen in den Rocksäumen in ihm ertränkte. Dieses Unglück mussten Fluss und Wassergräben mit ihrer Trockenlegung büßen.  Die Schriftstellerin Juliana Kálnay hat für eine Auftragsarbeit des Literaturbüros OWL ihr eigenes Kapitel zur „OWL-Metropole“ aufgeschlagen. Im März durchstreifte sie Bielefeld im Dauerregen und mit Notizbuch in der Tasche. Entstanden sind „80 Feststellungen – Die Stadt ist nicht die Stadt“. Es ist eine, so Kálnay, „poetische Verschränkung“, eine prosaische, assoziative Annährung an die Menschen, die Geschichte(n), die Plätze und Straßen der Stadt, in der Reales und Fantastisches ineinanderfließen. In der Stadtbibliothek erlebt der Text seine Urlesung.

Früher sagten die Leute häufiger, man würde jemanden durchhecheln, wenn man schlecht über ihn redete. Aber wir müssen auch nicht alle über einen Kamm scheren. (Juliana Kálnay, Die Stadt ist nicht die Stadt)

Einen anderen Blick auf eine westliche Großstadt, die namenlos bleibt und Bielefeld sein könnte, richtet F. C. Delius mit seinem Roman „Adenauerplatz“. Die Schauspielerin Inka Friedrich geht in ihrer Lesung mit dem deutsch-chilenischen Exilanten Felipe durch die nächtliche Stadt, schaut aus der Distanz des Außenstehenden bis ins Innerste. Inka Friedrich liest an Stelle der kurzfristig verhinderten Schauspielerin Jeanette Hain.

Juliana Kálnay, geboren 1988, wuchs in Köln und Malaga auf. Für ihren 2017 erschienenen Debütroman „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ wurde sie 2017 mit dem ZDF-aspekte Literaturpreis sowie dem Hebbelpreis 2018 ausgezeichnet.

Inka Friedrich (geboren 1965) wurde 1990 vom Magazin Theater heute zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres gewählt und ist nach mehreren festen Engagements seit 1998 als freie Schauspielerin an vielen Bühnen im deutschsprachigen Raum tätig. Bekannt ist sie auch durch viele Film- und Fernsehrollen.

Das Werk von Juliana Kálnay in unserem Online-Katalog findet Ihr hier, ebenso den Roman „Adenauerplatz“ von Friedrich Christian Delius;
das Literaturverzeichnis zur Lesung hier als PDF: Kalnay

Der Debütroman von Juliana Kálnay wurde im Feuilleton bei seinem Erscheinen 2017 geradezu hymnisch gelobt, z. B. in der TAZ; der ZDF-Beitrag zum Aspekte-Literaturpreis 2017 ist hier.
Zu den aktuellen Texten gibt es natürlich noch keine Besprechungen, sie werden am 31.10 erstmals vorgestellt.

Donnerstag, 31. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Iris Hennig, Leiterin des Literaturbüros OWL
Musikalische Begleitung: Matthias Kämper, Flügel
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

In Kooperation mit dem Literaturbüro OWL und der Literarischen Gesellschaft OWL.

Heinz Helle: Die Überwindung der Schwerkraft

Literaturtage Bielefeld 2019: Wir lesen laut!

Ich fragte mich wieder einmal, ob es denn wirklich so gut sei, dass Menschen sich fortpflanzten, angesichts des Leids, das sie verursachten…

Heinz Helles Buch zu lesen, ist ein intellektuelles Vergnügen, aber es ist keine amüsante Lektüre. Es ist eine philosophische Betrachtung über Sinn und Zweck dieser Welt, über Tod und Geburt, über Gewalt und Sinnlosigkeit. Für Die Zeit ist die „Überwindung der Schwerkraft“ ein eleganter, essayistischer Roman, eine „dichte Meditation über das Universum im Allgemeinen und über Männlichkeit, Frauen und Deutschland im Besonderen“ (Rezension von David Hugendick). Und über die fundamentale Lebensfrage: Kinder in die Welt setzen – ja oder nein.
Zwei Brüder philosophieren eine lange Nacht über den Zustand der Welt. Kurze Zeit nach dieser gemeinsamen Tour durch Münchens Kneipen stirbt der Ältere an den Folgen seiner Alkoholsucht. Übrigens eine Parallele zu Helles Biographie, der ebenfalls einen Bruder an den Alkohol verloren hat.
Den Roman zu lesen ist eine Herausforderung. 200 Seiten ohne einen Absatz, ohne Kapitel, manche Sätze atemlos lang, eine Kette von klugen Gedanken. Ein Lesestoff mit Sogkraft – Konzentration vorausgesetzt.
Der Autor schont seine Leser nicht. Detaillierte Schilderungen der bestialischen Gewalt eines Marc Dutroux, der in Belgien in einem Keller über Jahre Kinder quälte und sexuell missbrauchte. Er ermordete zwei von ihm entführte junge Frauen und ließ zwei Mädchen verhungern. All das kann man nur schwer ertragen. Und trotzdem können wir uns – gemeinsam mit dem Autor – für ein Leben in dieser Welt entscheiden. Und lernen, „das Leben mit Härte und Widersprüchen zu verstehen, ohne vor die Hunde zu gehen“ (Carsten Hueck im Deutschland Funk Kultur).

Es ist das Buch, das mir am meisten Angst macht. Es ist aber das, was ich am liebsten habe. Wahrscheinlich deswegen, weil ich das, was mich selber tief verunsichert und aufwühlt, da ziemlich direkt verarbeitete. (Heinz Helle über sein Buch „Die Überwindung der Schwerkraft“)

Heinz Helle ist promovierter Philosoph, er lebt mit Frau und Kind in Zürich. Für „Die Überwindung der Schwerkraft“ erhielt er in diesem Jahr den Literaturpreis der Stadt Bremen und war 2018 nominiert für den Schweizer Buchpreis.

Die Werke von Heinz Helle in unserem Online-Katalog findet Ihr hier,
das Literaturverzeichnis zur Lesung hier als PDF: Helle

Mittwoch, 30. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Solveig Münstermann, WDR-Journalistin
Musikalische Begleitung: Valentin Katter, Gesang und Trompete; Leon Brames, Schlagzeug; Milan Böse, Bass.
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Norbert Gstrein: Als ich jung war

Literaturtage Bielefeld 2019: Wir lesen laut!

Was wissen wir von den anderen? Was von uns selbst?

Am Anfang ist da nur ein Kuss. Aber gibt es das überhaupt, nur ein Kuss? Franz wird Jahre brauchen, die Ereignisse einer einzigen Nacht seiner Jugend zu verstehen. Hungrig nach Leben und sehnsüchtig nach Glück, findet er sich auf Wegen, bei denen alle Gewissheiten fraglich werden.
Franz wächst im hintersten Tirol auf und muss dem Vater beim Ausrichten von Hochzeitsfesten helfen. Er fotografiert die Paare »am schönsten Tag ihres Lebens«, bis bei einer Feier die Braut ums Leben kommt. Was hat das mit ihm zu tun? Was damit, dass er nur Wochen zuvor am selben Ort ein Mädchen geküsst hat? Er flieht nach Amerika. Doch dann stirbt auch dort jemand: ein Freund von Franz, in dessen Leben sich ebenfalls mögliche Gewalt und mögliche Unschuld die Waage halten. Was wissen wir von den anderen? Was von uns selbst? Dieser Roman über Liebe und Begehren, Eigenständigkeit und Einsamkeit stellt sich den existentiellen Fragen mit poetischer Genauigkeit. (Verlagstext).

…labyrinthisch, unkorrekt, Vergangenes und Jetziges, Räume und Zeiten gegeneinander schneidend. Ein schillerndes Buch der „unangenehmen Gefühlswahrheiten“, scheinbar einfach erzählt, doch verdammt raffiniert. (Paul Jandl in der Neuen Zürcher Zeitung)

Norbert Gstrein, geboren 1961 in Mils in Tirol, studierte Mathematik in Innsbruck, arbeitete zu sprachphilosophischen Themen in Stanford und Erlangen. Er lebte in Paris, Zürich, London und heute in Hamburg.

Die Werke von Norbert Gstrein in unserem Online-Katalog findet Ihr hier.
Das Literaturverzeichnis zur Lesung gibt es auch als PDF: Gstrein

Im Blog hatte die Kollegin lga den Roman „Als ich jung war“ bereits kurz vorgestellt: MittendrinMittwoch #107.
Christof Schröder ist in seiner Rezension in der ZEIT sehr angetan von dem Unbehagen, das die Lektüre erzeuge – und von der Kunst des Autors.
Ein aufschlussreiches Interview von Carsten Otte mit dem Autor sendete SWR2.

Der Roman steht auf der Shortlist zum Österreichischen Buchpreis 2019, der Gewinner wird am 4.11. bekannt gegeben. Wir drücken die Daumen.

Freitag, 25. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Klaus-Georg Loest
Musikalische Begleitung: Henning Rice, Flügel; Valentin Katter, Trompete und Gesang
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Nachtrag vom 5.11.2019: Norbert Gstrein erhält für seinen Roman „Als ich jung war“ den Österreichischen Buchpreis 2019. Wir gratulieren ganz herzlich.

Isabel Bogdan: Laufen

Literaturtage Bielefeld 2019: Wir lesen laut!

„FERTIG. Mit dem Buch. Ich muss das jetzt noch mal hinschreiben, damit ich es glaube:
Der neue Roman ist fertig
Er ist …in Satz gegangen. Und ich übe mich im Loslassen und Ausatmen.“

Isabel Bogdan war erleichtert. Anfang Mai verkündete sie auf ihrer Website, dass ihr neues Werk „Laufen“ in Druck geht. Erscheinungsdatum war der 12. September, rechtzeitig für die Literaturtage in Bielefeld.
Die Autorin ist hauptberuflich hochgeschätzte Übersetzerin, u.a. von Jonathan Safran Foer und Jane Gardam. Sie ist Bloggerin und seit 2016 auch Schriftstellerin. Ihr erster Roman „Der Pfau“ wurde auf der Stelle ein Bestseller – eine unterhaltsame, feinsinnige Komödie mit britischem Charme, angesiedelt in den schottischen Highlands. Der Pfau wird leider verrückt, attackiert alles Blaue und torpediert alle Bemühungen von Investment-Bankern, sich als Team wieder zusammen zu raufen. Das gruppendynamische Chaos nimmt seinen Lauf und der Pfau landet schließlich als Gänsebraten auf dem Tisch. Was für ein Schicksal!
Themenwechsel: Isabel Bogdan wechselt in ihrem neuesten Werk „Laufen“ die literarische Kulisse. Ein Roman über eine Frau, die nach einem schweren Schicksalsschlag quasi um ihr Leben läuft. Erst kurze Strecken, dann immer längere. Sie läuft förmlich ins Leben zurück. Es geht keineswegs nur um Gesundheit und Leichtigkeit, sondern um fundamentalere Fragen: Wie verkraftet man einen solchen Verlust? Welche Rolle spielen Freunde und Familie? Welche Rolle spielt die Zeit? Und der Beruf? Mit jedem Kilometer gewinnt die Läuferin ihre alte Souveränität zurück, ihren Humor und offensichtlich auch ihre Lebensfreude.

„Ein Buch zu schreiben ist eine Kunst. Es zu übersetzen, ist eine andere, ganz eigene Kunst.“ Isabel Bogdan.

Isabel Bogdan erhielt 2006 den Förderpreis für literarische Übersetzung, fünf Jahre später den für Literatur. 2013 war sie für einen Monat Artist in Residence an der Universität in Nanjing. Ihr erster Roman „Der Pfau“ stand im Erscheinungsjahr auf der Shortlist zum „Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels“ und wurde außerdem mit dem deutschen Hörfunkpreis „Hörkules“ ausgezeichnet.

Die Angaben zu den Romanen und einigen Übersetzungen von Isabel Bogdan im Bestand der Stadtbibliothek findet Ihr hier in unserem Online-Katalog.
Das Literaturverzeichnis zur Lesung gibt es hier als PDF: Bogdan

Über den Roman „Laufen“ wird zurzeit viel berichtet, hier nur ein paar Beispiele:
Daniel Kaiser stellt „Laufen“ ausführlich im NDR Kulturjournal als Buch des Monats vor:
Carsten Otte lobt den Roman in der ZEIT – und traut der Autorin in der Zukunft noch weitere große Werke zu, wiederum ganz anders und überraschend.
Ein Interview mit Isabel Bogdan auf der Frankfurter Buchmesse findet man in der 3Sat-Mediathek.

Sehr empfehlenswert auch ihr Blog: is a Blog

Donnerstag, 24. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Solveig Münstermann, WDR-Journalistin
Musikalische Begleitung: Henning Rice, Flügel und Ismail Özgentürk, Saxophon
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Karl-Heinz Ott: Und jeden Morgen das Meer

Literaturtage Bielefeld 2019: Wir lesen laut!

Jeden Morgen steht sie auf den Klippen, bei jedem Wind und Wetter, und jedes Mal denkt sie, ich könnte springen.

So lautet der erste Satz im Roman von Karl-Heinz Ott. Sie heißt Sonja, ist eine Frau Anfang sechzig, gerade verwitwet und hat am Bodensee ein Nobelhotel geführt. Jetzt lebt sie an der rauen Küste von Wales. Tag für Tag stellt sie sich diese existenzielle Frage. Was ist geschehen?
Sonja war mit Bruno, einem Sternekoch, verheiratet. Gemeinsam haben sie aus dem „Lindenhof“ ein erstklassiges Hotelrestaurant gemacht. Sie war eine perfekte Gastgeberin und er ein scheuer, aber begnadeter Koch. Internationale Prominenz verkehrte bei ihnen. Diesen Ruf zu verteidigen, erforderte unglaublich viel Kraft und sehr viel Zeit. Das kinderlose Ehepaar verliert sich in den eigenen und fremden Ansprüchen. Der Niedergang ist vorprogrammiert mit dem Entzug des Michelin-Sterns. Bruno vergräbt sich im eigenen Weinkeller und trinkt ihn quasi selbst aus. Sie kämpft verzweifelt gegen den Ruin an, bis Bruno Selbstmord begeht und der schäbige Schwager Sonja eilig aus dem Hotel drängt. Sie versucht, mit ihrem Renommee als Hotelmanagerin, eine neue Anstellung zu finden, scheitert aber an Vorurteilen und Altersdiskriminierung. Sie muss die demütigende Erfahrung einer sechzigjährigen, arbeitssuchenden, bemitleidenswerten Witwe machen. Auf Umwegen gelangt Sonja nach Wales in eine heruntergekommene Strandpension. Eine Zuflucht am Rande der Welt!
Das ist die Handlung. Aber was Karl-Heinz Ott auf 150 Seiten noch erzählt, ist meisterlich. Knapp und präzise werden Erinnerungen gegen die Urgewalt des Meeres gestellt. Auf wenigen Seiten erschafft er ein Gesellschaftspanorama und das Psychogramm einer nicht mehr jungen Frau, die durch das Scheitern sich selbst verliert. Ein wunderbares Herbstbuch!

Wenn einmal alles vorbei ist, bleibt keine Stille, es bleibt das Meer mit seinem Rauschen. (Karl-Heinz Ott)

Karl-Heinz Ott lebt in Freiburg im Breisgau. Er hat Musikwissenschaft studiert und ist ein meisterhafter Pianist. Für sein Werk wurde er mehrfach ausgezeichnet u.a. mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis (1999), dem Johann-Peter-Hebel-Preis (2012) sowie dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2014).

Die Daten zu Karl-Heinz Otts Werken in unserer Bibliothek findet Ihr hier.
Die Literaturliste zum Ausdrucken als PDF: Ott

Helmut Böttiger hat den Roman recht ausführlich im Deutschlandfunk Kultur vorgestellt; die Rezension von Ulrich Rüdenauer im WDR kann man lesen und im Podcast hören. Karl-Heinz Ott könne so viel in seinem eleganten, kunstvollen und eben auch menschenfreundlichen Roman, schreibt Christoph Schröder in der ZEIT ; und Ursula März lobt, ebenfalls in der ZEIT, die großartige, befreiende Frauenfigur in diesem sparsamen und gerade dadurch so glänzenden kleinen Roman.

Dienstag, 15. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Angelika Teller
Musikalische Begleitung: Valentin Katter, Trompete/Flügelhorn und Alexander Lipan, Gitarre
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Marion Brasch: Lieber woanders

Literaturtage Bielefeld 2019: Wir lesen laut!

Wer wäre nicht manchmal „Lieber woanders“, so der programmatische Titel des neuen Romans von Marion Brasch.
Die junge Toni lebt in einem Dorf unweit von Berlin in einem Wohnwagen und möchte nach Neuseeland auswandern. Alex arbeitet als Roadie, hat eine Frau, eine Tochter und eine Geliebte. Alex und Toni kennen sich nicht, dennoch verbindet sie eine gemeinsame Geschichte, die ihrer beider Leben nachhaltig verändert hat. Nach sieben Jahren, am Ende eines Tages im Oktober, werden sich ihre Wege wieder kreuzen. Wendungsreich und multiperspektivisch erzählt, geht es um Schuld und Sühne sowie die Unverhandelbarkeit des Schicksals und trügerische Erinnerungen, also um das Leben schlechthin. Dabei ist der Ton niemals larmoyant, manchmal komisch, manchmal melancholisch und seinen beiden Protagonisten auf den Leib geschneidert. 

„…ein feines Buch über Zufälle und Gedankenspiele – und das wunderbare Prinzip der Ziellosigkeit.“ dpa

Marion Brasch, 1961 in Berlin geboren, arbeitet als Rundfunkjournalistin und hat bisher vier Bücher veröffentlicht. Ihr Debüt gab sie mit dem autobiographischen Roman „Ab jetzt ist Ruhe“ über ihre berühmte Familie. Braschs jüdische Eltern siedelten nach der Rückkehr aus dem Exil nach Ostberlin über. Der Vater wurde ein von der Sache überzeugter ranghoher Funktionär in der DDR-Nomenklatura, während die drei heranwachsenden Söhne rebellierten. Alle Brüder von Marion Brasch wurden als Dramatiker, Schauspieler oder Autoren berühmt, scheiterten jedoch an ihrer eigenen Zerrissenheit und starben früh. Gerne werden die Braschs auch als die Manns des Ostens bezeichnet.
Marion Brasch hat sich mit den drei folgenden Romanen von dieser Familiengeschichte emanzipiert und ihren ganz eigenen erzählerischen Stil gefunden.

Die Daten zu Marion Braschs Werken findet Ihr in unserem Online-Katalog,
die Literaturliste gibt es auch zum Ausdrucken als PDF: Brasch
Am 3.11. zeigt die Literarische Gesellschaft OWL in Kooperation mit dem Lichtwerk in einer Matinee den 2018 gedrehten Film „Familie Brasch“. Anschließend gibt es ein Gespräch mit Marion Brasch.

Freitag, 11. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Dr. Dagmar Nowitzki
Musikalische Begleitung: Nils Rabente, Bass und Kevin Hemkemeier, Flügel
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Literarischen Gesellschaft OWL.

Olga Tokarczuk: Die Jakobsbücher

Literaturtage Bielefeld 2019: Wir lesen laut!

Den einen galt er als Weiser und Messias, den anderen als Scharlatan und Ketzer. Eine der bedeutendsten Figuren des 18. Jahrhunderts ist er allemal: Jakob Frank, 1726 im polnischen Korolówka geboren, 1791 in Offenbach am Main gestorben. Als Anführer einer mystischen Bewegung, der Frankisten, war Jakob fest entschlossen, sein Volk, die Juden Osteuropas, endlich für die Moderne zu öffnen; zeit seines Lebens setzte er sich für ihre Rechte ein, für Freiheit, Gleichheit, Emanzipation. Tausende Anhänger scharte Jakob um sich, tausende Feinde machte er sich. Und sie alle, Bewunderer wie Gegner, erzählen hier die schier unglaubliche Lebensgeschichte dieses Grenzgängers, den es weder bei einer Religion noch je lange an einem Ort hielt. Es entsteht das schillernde Porträt einer kontroversen historischen Figur und das Panorama einer krisenhaften Welt an der Schwelle zur Moderne. Zugleich aber ist Olga Tokarczuks ebenso metaphysischer wie lebenspraller Roman ein Buch ganz für unsere Zeit, stellt es doch die Frage danach, wie wir uns die Welt als eine gerechte vorstellen können – ein Buch, das Grenzen überschreitet.
Olga Tokarczuks neuer Roman ist voll skurrilem Witz, voller Welterkenntnis.

„Von der Größe eines W. G. Sebald.“ (Annie Proulx)

1962 geboren, studierte Olga Tokarczuk in Warschau Psychologie, lebt im südpolnischen Eulengebirge und ist heute eine bedeutende europäische Schriftstellerin des magischen Realismus. Den Man Booker International Prize 2018 erhielt sie für ihren Roman, der auf Deutsch unter dem Titel „Unrast“ erschien.
Meine Kollegin hat den Unrast vor kurzem gelesen, ihr Blogbeitrag dazu hier.

Am 10.10.2019 verkündete die Schwedische Akademie in Stockholm, dass Olga Tokarczuk den Nobelpreis für Literatur 2018 erhält.

Unsere Katalogdaten zu den Werken von Olga Tokarczuk findet Ihr hier und die Literaturliste zum Ausdrucken als PDF Tokarczuk

Der Kampa-Verlag bietet ein berührendes Video-Porträt der Autorin an.

Donnerstag, 10. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Übersetzer: Dr. Lothar Quinkenstein
Lesung der deutschsprachigen Texte: Dr. Barbara Frey
Moderation: Klaus-Georg Loest
Musikalische Begleitung: Axana Derksen, Gesang und Flügel
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Michael Krüger: Vorübergehende

Literaturtage Bielefeld 2019: Wir lesen laut!

Der namenlose Ich-Erzähler ist ein Kulturpessimist par exellence. Er beobachtet seine Umwelt und scheint dabei von Weltekel erfüllt. In beißenden kleinen Exkursen seziert er den sogenannten Zeitgeist. Beispielsweise mokiert er sich über den heutigen Massentourismus:

„… die Städtetrips, die Kulturangebote, der Last-Minute-Flug nach Istanbul, die zauberhaften Weltuntergänge am Bosporus, aber auch die Oper in Verona, alles inklusive, früher einhundertzwanzig Euro, jetzt die Hälfte, Getränke sind mitzubringen.“

Oder er sinniert über den Zerfall Europas:

„Meine geliebte Türkei, Sehnsuchtsland meiner Jugend, wurde von einem Faschisten beherrscht, der tatsächlich, ohne mit der Wimper zu zucken, mehr als hunderttausend Andersdenkende ins Gefängnis warf; die Polen hatten sich einen patriotischen Giftzwerg als Chef gewählt, der seine Gegner im Parlament als Mörder seines Bruders bezichtigte, ohne dafür vor Gericht gestellt zu werden…“.

Dabei hat er jahrzehntelang mit seinem Job als sogenannter Motivationscoach selbst zum Zeitgeist gehört. Sein phrasenreiches Hauptwerk „Stärken stärken, Schwächen schwächen“ machte ihn zu einem gefragten Vortragsredner und Berater für mittelständische Unternehmen. Jetzt ist er ein alter, einsamer Mann ohne Geldsorgen, der seine bisherigen Thesen verachtet. Scheinbar nur aus Langeweile nimmt er noch gelegentlich Aufträge an. Bei einer dieser Reisen begegnet er Jara. Während er im Zug eingeschlafen ist, hat sich das Kind, welches auf ihn wie „eine eigentümliche Mischung aus Kobold und Fee“ wirkt, an seine Schulter geschmiegt. Von da an begleitet Jara ihn. Er nimmt sie, ein Flüchtlingskind, mit nach Hause und kümmert sich fürsorglich um sie. Allerdings verweigert das rätselhafte Mädchen konsequent jede Auskunft über seine Herkunft und Familie. Tagelang zeichnet sie seltsame Chiffren, die der altkluge Nachbarsjunge als „Atlas der verborgenen Erinnerungen“ betitelt. Dabei wirkt sie nicht bemitleidenswert, eher eigenwillig und autark. Scheinbar im Vorübergehen berühren sich in dieser zart und etwas wehmütig erzählten Geschichte zwei Fremde.

„Das ist mit Leichtigkeit und Eleganz entwickelt, mit Humor, der durchaus wütend, doch nie zynisch ist.“ (Carsten Hueck, DLF)

Michael Krüger war viele Jahre Chef des Hanser-Verlages und ist Autor mehrerer Gedichtbände, Romane und Übersetzungen. Für sein schriftstellerisches Werk wurde er vielfach geehrt. So erhielt er u.a. den Peter-Huchel-Preis (1986), den Joseph-Breitbach-Preis (2010), sowie den Eichendorff-Literaturpreis (2017).

Michael Krüger als Verfasser, Herausgeber oder Übersetzer in unserem Online-Katalog.
Unser Literaturverzeichnis als PDF: Krueger

Carsten Hueck hat den Roman für Deutschlandfunk Kultur besprochen, kann man hier nachlesen. Eine Rezension von Julia Schröder in der ZEIT findet sich hier.

Mittwoch, 9. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Angelika Teller
Musikalische Begleitung: Henning Rice, Flügel und Ismail Özgentürk, Saxophon
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Elisabeth Plessen: Die Unerwünschte

Literaturtage Bielefeld 2019: Wir lesen laut!

„So viel Familie, zum Ersticken.“ (Elisabeth Plessen)

„Die Unerwünschte“ ist der letzte Teil einer autofiktionalen Roman-Trilogie, die sich mit der Geschichte einer norddeutschen Adelsfamilie beschäftigt. Denn Elisabeth Plessen wurde als Elisabeth Charlotte Marguerite Gräfin von Plessen in Holstein geboren. Ihre Herkunft und die daraus resultierenden Folgen für ihr Leben sind bereits in den Romanen „Mitteilung an den Adel“ (1976) und „Das Kavaliershaus“ (2006) Thema. In allen drei Büchern reibt sich die Erzählerin an der tradierten Frauenrolle:

„Kinder, vor allem Töchter, waren Gänse, die zu stopfen waren und zu gehorchen hatten.“

Zudem kritisiert die Autorin ein Geschichtsbewusstsein, welches sich vor allem auf die eigene Herkunft und Bewahrung von Tradition und Besitz versteht, aber nicht auf die Vergangenheit bzw. Verantwortung Deutschlands vor und während des zweiten Weltkrieges. Mit dem Roman „Mitteilung an den Adel“, in dem sie sich konsequent von dem Adelsgeschlecht derer von Plessen und damit der Elterngeneration abwendet, löst sie einen Skandal aus. In “Das Kavaliershaus“ erzählt die Autorin die Pubertätsgeschichte einer höheren Tochter in den 1950er Jahren. Oberstes Ziel der Erziehung war offenbar die Zurichtung der Mädchen für eine standesgemäße Heirat. Sich dem zu widersetzen, war ein schmerzhafter Prozess.

Nach vierzig Jahren besucht Elisabeth Plessen erneut ihre Familie und beschreibt deren Geschichte anhand starker und eigensinniger Charaktere. Wieder sind es die Frauen, die im Fokus stehen. Stephanie, Charlotte, Alma – drei Generationen spiegeln über siebzig Jahre Familienvergangenheit und ihren mühsamen Kampf um Emanzipation.

Elisabeth Plessen veröffentlichte mehrere Romane, Erzähl- und Gedichtbände und ist auch als Übersetzerin bekannt. Für ihr Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

Die Katalogdaten zu ihren Werken in der Stadtbibliothek Bielefeld findet Ihr hier.
Wer lieber unser Literaturverzeichnis ausdrucken möchte: PDF Plessen.

Eine ausführliche Buchrezension findet man hier bei WDR 3: zum Hören oder Lesen, mit einigen Zitaten aus dem Roman – eine Empfehlung von Jutta Duhm-Heitzmann.
Der Deutschlandfunk sendete ein Interview mit Elisabeth Plessen, kann man hier hören und lesen.

Mittwoch, 2. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Angelika Teller
Musikalische Begleitung: Anna Suzuki, Gesang und Flügel
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €