Vorlesetipp: Ein Schaf fürs Leben

Geht es euch auch so? Beim Vorlesen für Kinder muss mir das Buch selber auch gefallen, sonst wird das mit dem richtigen Vorlesen schwierig.

So ein Buch ist auf jeden Fall „Ein Schaf fürs Leben“ von Maritgen Matter.

Die Geschichte könnte recht schnell erzählt sein: Ein Wolf hat fürchterlichen Hunger, trifft auf ein Schaf – wie passend – und zack…

Soweit der Plan des Wolfs. Er muss jedoch umdisponieren und lädt das arglose Schaf zu einem nächtlichen Schlittenausflug ein, bei dem er dann seinen Plan umsetzen möchte. Das Schaf ahnt von alldem nichts, bewundert den Wolf, sieht in ihm einen Dichter, der ihm Erfahrungen zeigen möchte. Und los geht die wilde Fahrt.

Doch sie endet komplett anders als vom Wolf geplant. Ein Unglück passiert, das Schaf wird zum Lebensretter. Kann der Wolf bei so viel Freundschaft und Herzenswärme hart bleiben?

Die zauberhafte Geschichte wird mit den Bildern von Anke Faust wunderbar unterstrichen und bekam 2004 zu Recht den Deutschen Jugendliteraturpreis, Kategorie Kinderbuch, verliehen.

In der Bibliothek findet ihr das Buch unter ab 6 J. Matt.

A.W.

Reisen mit dem Zug

Ich fahre gerne mit dem Zug, auch wenn es hin und wieder mal zu Verspätungen oder Ausfällen kommt. Das Schöne am Zugfahren ist nicht nur das Ziel. Viele Strecken führen an sehenswerten Land- und Ortschaften vorbei. Wenn nicht, dann kann man im Zug wunderbar lesen.

Neulich ist mir das Buch „Reisen auf Schienen“ von Daniela Schetar (Cdp Scheta) in die Hände gefallen. Auf je zwei Seiten werden sehenswerte Strecken aus aller Welt beschrieben. Darunter die Kanonenbahn zwischen Trier und Koblenz oder der Rasende Roland auf Rügen. Aber auch die größten Bahnhöfe oder schnellsten Züge werden vorgestellt. Die Beiträge sind mit vielen Bildern versehen, dadurch fällt die Vorstellung natürlich recht kurz aus. Dennoch ist es ein schönes Buch zum Schmökern.

Ähnlich ist „Auf Schienen um die Welt“ von Klaus Viedebantt (Wkl 1 Vied). Auf jeweils zwei bis sechs Seiten werden 55 Strecken weltweit vorgestellt. Es geht durch die Rocky Mountains, mit der Bergenbahn durch Norwegen oder dem Shinkansen durch Japan. Die Beiträge sind mit vielen, teils ganzseitigen Bildern versehen. Zusätzlich zur Beschreibung der Strecken werden Highlights der Strecke und weitere gute Tipps und Informationen mitgegeben. Eine Streckenkarte zeigt den Reiseverlauf.

Auf die Geschichte einzelner Bahnstrecken fokussiert und nicht auf das Reisen an sich ist „Einsteigen!“ (Wkl 1 Koch) von Karl-Wilhelm Koch. Darunter die Brockenbahn, Wuppertaler Schwebebahn oder die Strecken entlang von Rhein und Mosel. Daneben wird der Hauptbahnhof Köln, der Hundertwasserbahnhof Uelzen und das Dampflokwerk Meiningen vorgestellt. Jedes reich bebilderte Kapitel enthält zusätzliche Informationen zum Betrieb und eine Streckenbeschreibung. Auf einer Karte sind jeweils die Trassenverläufe skizziert.

Inspiration für Zugreisen innerhalb Europas findet man in einigen Büchern: In „Fast CO2-frei – Zug statt Flug“ (Ce Ecker) werden 52 Städte in Europa vorgestellt, die mit dem Zug in wenigen Stunden erreichbar sind. Sie sind eingeteilt in die Kapitel „Auf in den Norden!“, „Go West!“, „Ostwärts!“ und „Ab in den Süden!“. Hamburg, Köln, Berlin und München dienen dabei als Ausgangspunkte. Zu jedem Ziel wird die durchschnittliche Reisezeit angegeben. Für jede Stadt werden die wichtigsten Sehenswürdigkeiten beschrieben. Zudem gibt es Tipps für nachhaltige Restaurants, Hotels, regionale Einkaufsmöglichkeiten, sowie für bewusstes Erleben. Das Buch ist reich bebildert, teils ganzseitig. 

Cindy Ruch legt im „Reisehandbuch Europa mit dem Zug“ (Cdn 1 Ruch) den Fokus auf das europäische Streckennetz. Für jedes Land und den jeweiligen Nachbarländern sind auf einer Übersichtskarte die Hauptverbindungen sowie einige wichtige Städte eingezeichnet. Ruch stellt besonders schöne Strecken vor und informiert über Streckennetz, Züge, Preise und Anreise. Zudem gibt es Literaturvorschläge für das jeweilige Land. Das Buch bietet auf jeweils zwei Seiten einen guten Überblick und enthält zudem viele Bilder, teils ganzseitig. Aber nicht alles steht im Inhaltsverzeichnis. Der Untertitel „Geheimtipps von Freunden“ verrät, warum: Verschiedene Autoren verraten hier ihre Lieblingsstrecken. Hier erfolgt eine ausführlichere Beschreibung als innerhalb der Länderporträts. Da möchte man am liebsten gleich losfahren.

In „Die schönsten Reisen mit dem Zug“ (Cdn 1 Schoen) werden 30 Touren in Europa vorgestellt. Darunter Rundreisen in Irland, Schottland oder Portugal. Aber auch Fahrten quer durch Europa, von Amsterdam nach Budapest oder durch Skandinavien. Zu jeder Tour gibt es nebst zahlreicher Fotos eine illustrierte Übersichtskarte mit Anreise, Fahrzeiten und Hör- bzw. Lesetipps. Die Touren sind zwischen 5 (Rumänien) und 14 (Irland) Tagen lang. Für jeden Ort und Tag werden die wichtigsten und schönsten Sehenswürdigkeiten beschrieben. Abschließend gibt es praktische Infos zu Bahngesellschaften und Tickets in den bereisten Ländern und Anreisemöglichkeiten ausgehend von München, Köln, Berlin oder Hamburg.

Von der Faszination des Bahnfahrens schreibt Jaroslav Rudiš in „Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“ (Cdn 1 Rudi). Aufgewachsen in einer Eisenbahnerfamilie in Lomnice (CSSR, heute Tschechien) wollte er ebenfalls zur Bahn, was ihm aber aufgrund seiner Sehschwäche verwehrt blieb. Durch den Anschluss Lomnices an das Bahnnetz 1906 – was eine ähnliche Sensation war wie die örtliche Brauereieröffnung ein paar hundert Jahre früher – waren viele Ziele erreichbar. Jahre später konnte man aufgrund des Eisernen Vorhangs viele Orte nur auf Karten erreichen.

Während Schulfreunde geschmuggelte LPs aus dem Westen besaßen, hatte Rudiš eine LP mit Dampflokgeräuschen und sammelt aktuelle und historische Kursbücher. Er erzählt von seiner ersten Fahrt als Lokführer, zu der er schließlich doch noch kam. Von Spitznamen der Loks, wie dem Adler, der am 7. Dezember 1835 die 7 Kilometer lange Strecke von Nürnberg nach Fürth fuhr, oder der Lok Taurus, die beim Ein- und Ausfahren die Tonleiter spielt.

Rudiš schreibt über die Schönheit von Bahnstrecken und verweist auf Autoren und Komponisten, die sich von der Bahnfahrt haben inspirieren lassen. Ausgewählte Fahrten werden in eigenen Kapiteln ausführlicher beschrieben. Zum Bespiel begibt sich Rudiš in „Vierzig Stunden Eisenbahn. Ein Experiment“ auf eine 40-stündige Rundreise auf Deutschlands Schienen – ohne größere Verspätungen.

Joseph von Eichendorff beschrieb das Zugfahren wie folgt:

„An einem schönen warmen Herbstmorgen kam ich auf der Eisenbahn vom andern Ende Deutschlands mit einer Vehemenz dahergefahren, als käme es bei Lebensstrafe darauf an, dem Reisen, das doch mein alleiniger Zweck war, auf das allerschleunigste ein Ende zu machen. Diese Dampffahrten rütteln die Welt, die eigentlich nur noch aus Bahnhöfen besteht, unermüdlich durcheinander wie ein Kaleidoskop, wo die vorüberjagenden Landschaften, ehe man noch irgendeine Physiognomie gefaßt, immer neue Gesichter schneiden, der fliegende Salon immer andere Sozietäten bildet, bevor man noch die alten recht überwunden.“

(Quelle: http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG. Vollständiger Text http://www.zeno.org/nid/20004740726)

Manchmal lohnt es sich, den langsameren Zug zu nehmen, wie Rudiš schreibt. Und das gilt hier auch für das Lesen. Man bekommt viele Eindrücke, erinnert sich an eigene Erlebnisse mit der Bahn. So ist es gut, ein paar Kapitel zu lesen, und diese erstmal wirken zu lassen. Eine Gebrauchsanweisung im eigentlichen Sinne ist das Buch nicht, sondern vielmehr eine schöne und lesenswerte Hommage an das Reisen mit der Bahn.

Was aber liest man, wenn man gerade keine sehenswerte Strecke vor sich hat? Das, was man gerne lesen möchte und gut auf eine Fahrt mitnehmen kann. Wenn man beim Thema Zug bleiben möchte, bieten sich natürlich Jaroslav Rudiš oder Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ sowie „16 Uhr 50 ab Paddington“ an. Literatur zum Schienenverkehr selbst, wie zur Geschichte der Eisenbahn oder zu Dampfloks, steht im Bereich Technik in den Gruppen Wkl 1 und Wkl 11.

Auch handliche Bücher, die man auf eine Zugreise mitnehmen kann und nicht nur für Bahnliebhaber interessant sind: Eine Sammlung von Fakten und Kuriositäten aus Eisenbahngeschichte und Technik sowie Superlativen ist „101 Dinge die ein Eisenbahnliebhaber wissen muss“ (Wkl 1 Frie). ). Umfangreicher ist „333x Schienenverkehr“ (Wkl 1 Doerf). Vorteil ist hier, dass die Beiträge in neun Unterkapitel wie ‚Superlativen‘, ‚Pannen, Unglücke und Kriege‘, ‚Gelungener und Schöner‘ oder ‚kurioser und spaßiger‘ eingeteilt sind. Aus beiden Reihen sind unter anderem auch Bände zum Thema Dampflok vorhanden (Wkl 11 Knip und Wkl 11 Koch).

Juliane

Buchtipp: „Happy at home“

Dieser Titel ist bei uns nur in der eBib verfügbar oder über die Fernleihe bestellbar. Hier findet ihr den Link.

Die Autorinnen Clea Shearer und Joanna Teplin sind die Organisationsprofis aus der Serie „The Home Edit“. Habe ich ehrlich gesagt nie gesehen. 🙂 Die Ausleihe dieses Buches war mal wieder ein klarer Fall von „Cover-Liebe“. Ich muss zugeben, je schöner das Cover gestaltet ist, desto mehr spricht mich das Buch an. Womöglich könnte man mir auch so einen Thriller unterjubeln.

Zurück zu „Happy at home“. In diesem Buch geht es ums Ordnen. Arbeitszimmer, Kleiderschrank, Hauswirtschaftsraum… ziemlich viele Räume werden angesprochen. Dabei werden allerdings nur perfekt geordnete Schränke gezeigt, es geht nicht um Falt-Techniken wie bei Marie Kondo und auch vorher-nachher-Bilder findet man keine. Für mich ist auch klar, dass ich nie so toll geordnete Schränke haben werde wie abgebildet aber ich nehme die Bilder einfach als Inspiration. Warum auch nicht. Nur stressen lassen sollte man sich nicht davon. Ganz ehrlich- jeder hat doch „die“ Schublade, in der einfach alles mögliche Krimskrams herum liegt. Ich weiß auch noch nicht ob es für mich praktikabel ist, jedes Mal nach dem Einkaufen Cornflakes und Co. in Gläser umzufüllen. Aber für Bastelsachen eignet sich ein wohlüberlegtes Ordnungssystem schon. Wie oft sitze ich da und denke „Achja, dieses und jenes Papier hast du auch irgendwo…“. Mittlerweile ist das zumindest alles an eine Ort verstaut, aber schön sieht es nicht aus. 😉

Hier seht ihr den Aufbau des Buches. Auf einer Seite findet ihr die fertigen Schränke, auf der anderen Seite Erklärungen dazu.

Das sieht schon toll aus, oder? Ich kann immer schlecht beurteilen, ob solche Bücher lesenswert sind. Zum Blättern und Fantasie anregen eignen sie sich aber allemal. 🙂

kwk

Buchtipp: Natascha Wodin „Nastjas Tränen“

Natascha Wodin wurde 1945 in Fürth als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter geboren. Sie wuchs in Lagern für ‚displaced persons’ auf. Ihr bislang größter Erfolg war ‚Sie kam aus Mariupol‘, das mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. Dort begibt sie sich auf Spurensuche nach dem Leben ihrer Mutter und Herkunft ihrer Familie. ‚Nastjas Tränen‘ hat ebenfalls autobiographische Züge. Sie trifft im Berlin der 90er Jahre auf die Protagonistin Nastja.

Roman "Nastjas Tränen" von Natascha Wodin. Rowohlt

1942 geboren wächst Nastja in der Ukraine auf. Ihre Kindheit ist von Armut und Hunger geprägt, auch ihr Leben als Erwachsene in Kyiv ist schwierig. Die Gehälter von ihr und Mann Roman reichen kaum aus, um die Familie zu ernähren. Nach dem Zerfall der Sowjetunion bessert sich die Lage nicht. Im Gegenteil. Mit einem Touristenvisum gelangt Nastja nach Berlin, wo sie sich ein besseres Leben erhofft.

Mit Putzstellen kann sie sich selbst versorgen sowie Familie und Freunde unterstützen. Aber ihre Aufenthaltserlaubnis läuft ab und sie findet sich in der Illegalität wieder. Von sich aus traut sie sich nicht zur Polizei oder einem Anwalt zu gehen. Auch der Sprache nicht mächtig, wird sie zu einem Opfer von Menschenhändlern. Sie findet zwar ihr wohlgesonnene Menschen und in Natascha Wodin jemanden, der ihr helfen kann, schafft es aber dennoch nicht, in Berlin heimisch zu werden und beide Welten, die hier aufeinanderprallen, zu verbinden. Dieses Buch ist aufgrund der Thematik keine einfache Kost, aber dennoch ein gut zu lesendes und wichtiges Buch. Für ihr literarisches Werk wurde Natascha Wodin 2021 mit dem erstmals vergebenen Gisela-Elsner-Preis des Literaturhauses Nürnberg ausgezeichnet. Für die Jury sind ihre Werke „ein Plädoyer für einen genaueren Blick auf die Außenseiter der Gesellschaft und deren Schicksale.“ (Literaturhaus Nürnberg, 2021, Jury-Begründung)

Die Bücher von Natascha Wodin sind hier zu finden.

Juliane

Die Autorin könnt Ihr bei den Literaturtagen Bielefeld 2022 live erleben: Am 28. Oktober liest Natascha Wodin aus ihrem Buch „Nastjas Tränen“. Mehr Informationen und den Link zum Kartenverkauf für die Lesung vor Ort oder den Livestream findet Ihr in unserem Online-Kalender.

Buchtipp: „Hier sind Löwen“ von Katerina Poladjan

Hic sunt leones – hier sind Löwen.

Hic sunt leones schrieb man in alter Zeit an die weißen Flecken einer Landkarte.“

(Seite 9 der Taschenbuchausgabe)

Im Roman geht es um ein unbekanntes Land: Die Ich-Erzählerin und Buchrestauratorin Helen kommt für ein mehrmonatiges Praktikum nach Armenien – nicht nur für sie unbekanntes Terrain, sicher auch für die meisten Leser, so wie für mich. Der Genozid während des 2. Weltkriegs war in unserem Geschichtslehrbuch nicht mehr als ein kleiner Abschnitt, der Satz vom 1. Völkermord des 20. Jahrhunderts ist hängen geblieben. In den Nachrichten heute wird immer wieder mal erwähnt, welche diplomatischen Verwicklungen und Verrenkungen das Sprechen über den Völkermord noch immer auslöst. Doch die Geschichten und die Schicksale hinter den historischen Fakten und dem Gedenken bleiben Leerstellen.

Taschenbuch "Hier sind Löwen" von Katerina Poladjan

Helen hat von ihrer Mutter Sara ein altes Foto mitbekommen, dreizehn fremde Personen, die ernst in die Kamera blicken, auf der Rückseite eine Notiz mit Ort und Jahr. Verwandte in Armenien, Helens Mutter kennt nur wenige Namen. Ihr Auftrag irritiert. Helen kennt nicht mal ihren eigenen Vater, doch jetzt soll sie fernen Verwandten nachforschen.

Die Leerstelle in der Biografie der Mutter. Und der Großmutter.

„Meine Mutter spricht von einer Lücke. Plötzlich denke ich, ich trage auch etwas von dieser Leerstelle in mir.“
„Und jetzt wollten Sie die Lücke mit Verwandtschaft stopfen?“
„Manchmal hat sich meine Großmutter tagelang eingeschlossen.“
„Sie hatte ihre Gründe.“

(Seite 109 der Taschenbuchausgabe)

Hic sunt leones.

Helen findet in ihrem „exotischen“ Gastland Armenien noch mehr Leerstellen, denn sie taucht auch in die der Kollegen und Kolleginnen und deren Angehörigen ein.

Selbst ihre Arbeit mit den alten Handschriften des Zentralarchivs führt zu fantastischen Leerstellen, die sie restaurieren, dokumentieren und auch manchmal als leer erhalten soll. Welche Bedeutung haben die Kritzeleien und Sprüche, die auf den Rändern neben dem Text zu entziffern sind? Welche Schicksale liegen in den Namen und Daten verborgen, die in die Familienbibel hineingeschrieben wurden?

Ich mag es, wie wir mit Helen in das heutige Armenien eintauchen, wie sie den Weißen Fleck erkundet und sich den Löwen stellt. Zwischen diesen Erfahrungen und Begegnungen in der Gegenwart lässt die Autorin die Familienbibel eine Geschichte aus der düsteren Vergangenheit erzählen; das Heilsevangeliar, das einst den Kindern bei Krankheit unter das Kopfkissen gelegt wurde, ist der einzig gerettete Gegenstand bei ihrer einsamen Flucht durch ein gnadenloses Land, Ballast beim Weg durch die Berge, Spielzeug und sogar Nahrung in der Verzweiflung. Zwei Kinder, die die Welt nicht mehr verstehen, die nicht mehr zurück können und nicht wissen, wohin.

Die Autorin erzählt lakonisch, deutet das ganze Grauen eher an und zeigt um so drastischer, dass sich zwar die Zeiten geändert haben, die Geschichten der Menschenverachtung, des Krieges und der Grausamkeiten setzen sich aber bis heute fort.

Ich bin vor allem begeistert von den Dialogen: kleine Wortgefechte, kein Wort zu viel zwischen Mutter und Tochter oder bei den Telefonaten mit dem Partner im fernen Deutschland – oder beim Bettgeflüster mit dem neuen Geliebten. Auch hier wieder: Leerstellen, die es in sich haben, all das Ungesagte, Angedeutete, Verschlüsselte. Und überall lauern Löwen.

Katerina Poladjan wurde mit diesem Roman auch einem größeren Lesepublikum bekannt: Sie stand damit auf der Nominierungsliste für den Deutschen Buchpreis 2019. Unsere Katalogdaten findet Ihr hier.

Auch ihr neuer Roman „Zukunftsmusik“ wird von der Literaturkritik hoch gelobt. Er war nominiert für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse (Shortlist), was leider in diesem Jahr etwas untergegangen ist. Im April war der Roman Platz 1 auf der SWR-Bestenliste. Die Katalogdaten zu allen Werken der Autorin in unserem Bestand findet Ihr hier.

Ihr habt demnächst die Gelegenheit, Autorin und ihr Werk persönlich kennenzulernen. Mehr als diesen kleinen Teaser darf ich noch nicht verraten, aber schon bald erfahrt Ihr mehr. Bleibt gespannt 🤩

HilDa

Roman "Zukunftsmusik" von Katerina Poladjan, daneben ein Programmheft  der Literaturtage Bielefeld 2022

Buchtipp: Sheroes von Jagoda Marinić

Jagoda Marinić ist mir vor allem als Kolumnistin bekannt, sie führt einen erfolgreichen Podcast-Kanal (FREIHEIT DELUXE bei hr2-kultur) mit immer wieder interessanten Gästen und Gesprächen, sie ist Schriftstellerin und Kulturmanagerin in Heidelberg. Ich schätze ihre Äußerungen und Kommentare auf Twitter, wo sie sich sachkundig und pointiert mit aktuellen gesellschaftlichen Themen auseinandersetzt.
Eines ihrer Themen ist die Gleichberechtigung der Geschlechter. Und mit „Sheroes: neue Held*innen braucht das Land“ hat sie in einem ausführlichen Essay ihre Gedanken formuliert zum Feminismus, zur #MeToo-Bewegung und zu den Anforderungen an die neuen „Heroes/Sheroes“, die unsere Vorbilder sein könnten, um unsere Gesellschaft zu einem besseren Miteinander zu führen.

Tablet, auf dessen Bildschirm die Daten zum Buch "Sheroes" von Jagoda Marinic stehen: "MeToo war ein öffentliches Gesprächsangebot - nehmen wir es wahr! Jetzt haben wir endlich die Chance ...
Im Bestand seit: 30.03.2020
Verfügbar", sowie ein Download-Button "Jetzt ausleihbar"

Die bisher üblichen Klischees von Männlichkeit und Frausein verändern sich und damit auch die Machtstrukturen. Aber sind diese Veränderungen nur marginal, betreffen sie – vor allem weltweit betrachtet – vorwiegend eine kleine, im Vergleich zur Mehrheit ohnehin privilegierte Gesellschaftsschicht? Ist der Fortschritt insgesamt schlicht zu langsam? Gibt es selbst in den Industrieländern gerade einen Backlash, d. h. Rückschritte in veraltete Geschlechterzuteilungen? Oder könnte ein neuer, globaler Feminismus getragen von Frauen und Männern der Weg zu einem besseren und gerechteren Zusammenleben aller sein?

Das kurze Buch hat mir viele Denkanstöße gegeben.

Die Katalogdaten zu allen Büchern von Jagoda Marinić in der Stadtbibliothek hier.

HilDa

Buchtipp: Diese Dinge geschehen nicht einfach so

Der Titel sagt schon alles: Dinge geschehen; es gibt Zufälle, Zusammenhänge, Beziehungen, Gefühle, Unausgesprochenes, Vorwürfe, Missverständnisse, Fehler und falsche Entscheidungen, Unterstellungen, Schuld. Vieles ist nicht auf den ersten Blick sichtbar und könnte erst durch ein offenes Gespräch überhaupt erkannt werden. Aber all diese Dinge haben Ursachen. Gerade in einer Familie kann es fatale Folgen haben, wenn sich jeder in seiner eigenen Echokammer verschließt.

Roman "Diese Dinge geschehen nicht einfach so" von Taiye Selasi

Die Familie von Kwaku Sai ist über mehrere Kontinente verteilt zum Zeitpunkt seines Todes. Und genau mit diesem Moment beginnt der Roman: Kwaku stirbt. Sein Herz, ganz plötzlich.
In seinen letzten Minuten erinnert er sich an sein Leben, seine Entscheidungen, seine Erfolge. Wir sehen einen stolzen Menschen, einen genialen Chirurgen, der ganz für seinen Beruf lebte. Fast ein Drittel des Romans sehen wir Szenen aus der Vergangenheit im letzten Blitzlicht seiner Erinnerung. Dazwischen als Gegenspiegel die Reaktionen seiner Familienangehörigen nach der Nachricht über seinen Tod. Ein gelungener Kunstgriff der Autorin, wie sie verschiedene Perspektiven aus der Familie zusammenschneidet – die unterschiedlichen Erinnerungen springen quer durch Raum und Zeit, überschneiden sich aber auch an entscheidenden Punkten. Deutlich wird, wie trügerisch Erinnerung sein kann.

Faszinierend ist nicht nur diese facettenartige Komposition der Familiengeschichte, sondern auch die Metaphern, mit denen Taiye Selasi die unterschiedlichen Charaktere und ihre jeweiligen Geschichten und Standpunkte sprachlich ausmalt.

Nach und nach wird deutlich, wie entscheidend nicht zuletzt die Herkunft einschließlich der Traumata der vorhergehenden Generationen sein kann. Die Kinder leben in London, Boston und New York, sie haben den afrikanischen Kontinent nie oder nur als Gast betreten. Und sie wissen fast nichts über ihre Großeltern und die Herkunft ihrer Eltern: Kweku wuchs in einer ärmlichen Lehmhütte an der Küste Ghanas auf; die Großeltern mütterlicherseits starben im Bürgerkrieg Nigerias. Doch gerade durch das Schweigen der Eltern nehmen die Traumata aus einer Vergangenheit lange vor der Geburt der Kinder auch Einfluss auf deren Entwicklung, ohne dass es ihnen bewusst sein kann.

Der plötzliche Tod von Kweku führt die Familie wieder zusammen, ausgerechnet in Ghana. Die Trauer um den Vater und (Ex-)Ehemann hält sich in Grenzen. Er hatte einst, als sein amerikanischer Traum durch eine falsche Anschuldigung zerbrach, die Familie ohne Angabe von Gründen verlassen und in Ghana ein neues Leben aufgebaut. Jetzt brechen all die unausgesprochenen Zerwürfnisse zwischen den Geschwistern und der Mutter auf. Jeder einzelne der inzwischen erwachsenen Kinder hatte eigene Gründe, die Kontakte zur Familie abzubrechen, auch zur Mutter, die dann zur allgemeinen Überraschung ebenfalls nach Westafrika zurückgekehrt ist. Und so treffen sich alle dort, sitzen zur Vorbereitung der Trauerfeier erstmals wieder an einem Tisch und reisen gemeinsam zu ihren Wurzeln.

Der Roman hat mich einerseits in eine fremde Welt mitgenommen: westafrikanische Auswanderer, die mit Stipendium in den USA studieren können, die vom sozialen Aufstieg träumen und vom Familienglück. Die auf verschiedenen Kontinenten zu Hause sind, sich überall anpassen können und doch immer Außenseiter bleiben.

Andererseits habe ich in den Familienproblemen sehr viel bekanntes wiedererkannt. Gibt es nicht in jeder Familie ungeklärte Missverständnisse und vielleicht auch Unsagbares? Diese Dinge geschehen aber nicht einfach so …

Taiye Selasi, die schon mit ihren Essays und einigen Erzählungen im angloamerikanischen Raum Bekanntheit erlangte, hat da einen beeindruckenden Debütroman vorgelegt, der prompt zu einem internationalen Bestseller wurde. Unsere Katalogdaten (auch zur englischsprachigen Ausgabe) hier.

HilDa


Buchtipps gegen das Sommerloch

Lesetipps für den Sommer, Buchtipps für den Urlaub

Viel Freude beim Lesen

Sachbuchtipps gegen das Sommerloch

Bielefelder kennen sich mit abstrusen Verschwörungstheorien ja aus. Leider gibt es da aber nicht nur diese lustig-lästige „Bielefeld-Verschwörung“.

Nachdem einige Kolleginnen bei einer Fortbildung ganz beeindruckt von Katharina Nocun waren, möchte ich den nächsten Urlaub gerne nutzen und mich mit „Fake Facts: wie Verschwörungtheorien unser Denken bestimmen“ und „True Facts: was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft“ zu beschäftigen. Vielleicht hilft es mir, Manipulationen, Lügen und Verschwörungsmythen zu durchschauen. Vor allem aber möchte ich verstehen, wieso sogar Menschen, die ich bisher für recht klug gehalten habe, in eine mir unbegreifliche Parallelwelt abdriften konnten.

Sachbuch "Fake Facts" von Katharina Nocun und Pia Lamberty

Ganz anderes Thema – oder vielleicht auch nicht: Das Buch von Annika Brockschmidt erklärt den zunehmenden Einfluss der fundamental-evangelikalen Rechten in den USA: „Amerikas Gotteskrieger: wie die Religiöse Rechte die Demokratie gefährdet“. Ein wichtiges Buch, nicht nur, um die politischen Vorgänge in Amerika zu verstehen – der Einfluss der Religiösen Rechten wächst auch in Europa.

Im Urlaub nehme ich mir endlich Zeit für diese gesellschaftspolitischen Themen. 🙂

HilDa


Buchtipps gegen das Sommerloch

Lesetipps für den Sommer, Buchtipps für den Urlaub

Viel Freude beim Lesen

Das Weltall, unendliche Weiten – und ein Lesetipp

Als Jugendliche wollte ich Astronomin werden – zumindest war das einer meiner vielen Berufswünsche. Ich wollte Kometen entdecken, Schwarze Löcher erforschen, astronomische Phänomene erklären. Doch dann habe ich die Relativitätstheorie nur so halb verstanden. Oder eigentlich gar nicht. 🙄 Und die Quantenphysik … , also nun ja, das ist doch wie mit Schrödingers Katze: Mal habe ich verstanden, dass sie da und gleichzeitig nicht da ist, und mal verstehe ich es eben nicht. 😬

Bleibe ich halt lieber Laie und reise nur ab und zu mit Star Trek und Co. durchs All. Und mit Carl Sagan, Harald Lesch, Neil deGrasse Tyson und all den anderen Astrophysiker*innen, die in Fernsehdokumentationen das Unerklärliche erklären können.

Als Lektüre empfehle ich nach wie vor „Die Milchstraße“, ein Heft aus der Reihe Geo Kompakt mit vielen, gut erklärenden Aufsätzen; es gibt auch eine schöne DVD „Rätsel der Galaxis“ dazu. (Hatte ich schon mal im Blogbeitrag „Imaginäre Linien“ erwähnt, hier, Empfehlung gilt immer noch.)
Und die kleine, aber feine Einführung von Neil deGrasse Tyson „Das Universum für Eilige“.

Und dann ist da jetzt diese Neuerscheinung: „Das Weltall oder Das Geheimnis, wie aus nichts etwas wurde“ von Ian Paul Schutten, illustriert von Floor Rieder, übersetzt aus dem Niederländischen von Verena Kiefer.

Sachbuch "Das Weltall oder Das Geheimnis, wie aus nichts etwas wurde" von Ian Pauk Schutten und Floor Rieder, Gerstenberg-Verlag.
Das Cover zeigt eine Grafik mit einem wilden Durcheinander von astronomischen Instrumenten, Flugobjekten und Himmelskörpern, ausschließlich in den 3 Farben Blau (Hintergrund und Konturen), Weiß und Bronze

Ich gebe zu, ich hatte etwas anderes erwartet, als ich das Buch aufgrund einer sehr guten Rezension für mich gekauft hatte. Für ein Jugendsachbuch hat es ungewöhnlich viel Text und keine Fotos; als Illustrationen sind da viele witzige Cartoons, die weniger erklären, sondern das wissenschaftliche Thema des Buches satirisch auflockern. Der Ton des Textes passt dazu: flapsig, augenzwinkernd, die jugendlichen Leser*innen direkt ansprechend. Aber dieser Ton ändert nichts daran, dass da hochkomplexe Wissenschaft vermittelt wird: anschaulich, verständlich und spannend.

„Aber keine Angst – dein Kopf wird von all dem neuen Wissen nicht explodieren. Wir haben es im Vorhinein getestet und bislang ist noch kein Gehirn geplatzt!“

(aus dem Vorwort, Seite 14)

Wenn man sich für Sternkunde und Astrophysik interessiert, aber wie ich wenig Ahnung von so etwas wie Relativitätstheorie und Quantenphysik hat, findet Ihr hier eine gut erklärende Einführung: das Weltall, das Nichts und der ganze Rest. 😊

Für Kinder ab 13 Jahre empfohlen, aber auch für Erwachsene gleichermaßen informativ und unterhaltsam zu lesen. Ich habe es wirklich mit Gewinn studiert und – ganz wie im Vorwort insbesondere den Erwachsenen empfohlen – einige Passagen eben zweimal gelesen. 😉

„Manche dieser Informationen haben es ganz schön in sich. (…) Dir wird es nicht schwerfallen, das ist mir schon klar! Aber viele Kinder lesen solche Bücher gemeinsam mit ihren Eltern. Die verstehen solche Sachen vielleicht weniger fix als du.“

(aus dem Vorwort S. 15)

Sogar meinem alten Vater habe ich einige Seiten vorgelesen, er hat sich früher ja ein wenig für Sternkunde interessiert. Auch wenn er jetzt nicht mehr viel versteht, hat er doch gerne zugehört; und er hat mit mir über die witzigen Beispiele und Gedankenexperimente sowie den kalauernden Text gelacht. Er blätterte auch alleine noch eine ganze Weile aufmerksam in dem Band, und wie ich erst später festgestellt habe, hat er seinen Namen in das eingedruckte „Dieses Buch gehört …“ geschrieben. Tja, jetzt kann ich das nun offiziell in den Familienbesitz inventarisierte Buch leider nicht mehr wie geplant der Kinderbibliothek schenken. 🤭 Aber die haben es mittlerweile sowieso schon.

Das schön gemachte Buch ist in der Kategorie Sachbuch nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis.

In ähnlicher Machart gibt es noch weitere Sachbücher: „Evolution oder Das Rätsel von allem, was lebt“ und „Der Mensch oder Das Wunder unseres Körpers und seiner Billionen Bewohner“.

HilDa

Vorlesetipp: Die Tiefseetaucherin

Ein Sachbuch als Vorlesetipp ist vielleicht ungewöhnlich. „Die Tiefseetaucherin“ erzählt aber auch eine Abenteuergeschichte, die Entdeckungsreise mit dem kleinen U-Boot Ulf bis zur tiefsten Stelle im Ozean. Die junge Entdeckerin ist das Mädchen Juli, nicht älter als die Zielgruppe dieses Kinderbuches: Jungforscher und Forscherinnen zwischen 6 und 10 Jahren. Da kann der eine oder die andere ja auch schon selber lesen, benötigt aber vielleicht noch etwas Unterstützung.

Bilderbuch "Die Tiefseetaucherin"; das Cover zeigt eine bunte Grafik mit einem tauchenden Mädchen inmitten einer lichtdurchfluteten Unterwasserszene mit Korallen, einer Qualle, einigen Fischen und einigen roten Krakenarmen, die hinter einem Felsen hervorkommen.

In einem Sachbuch erwartet man natürlich Wissen und Informationen. Hier geht es um die großen Ozeane und vor allem das, was bisher noch ziemlich unbekannt ist: die Tiefsee, ein Lebensraum, der uns fremder ist als die Mondoberfläche.

Von Doppelseite zu Doppelseite geht es tiefer hinab. Juli begegnet dabei ganz unterschiedlichen Lebewesen: Wale und ihre verschiedenen Jagdmethoden, Riesenkraken, die sogar mit zehn Armen winken können, Blobfische, die fast ganz aus Gelee bestehen und vieles mehr. Wir erfahren etwas über die Meeresverschmutzung und ihre Folgen. Und wusstet Ihr, dass in 8.000 Meter Tiefe ein Wasserdruck herrscht, als würden 1.600 Elefanten auf dem kleinen U-Boot stehen? Vor allem aber sehen wir die Schönheit und die skurrilen Lebensformen unter Wasser.

Für uns, die wir kein U-Boot haben, wird diese geheimnisvolle Welt sichtbar gemacht durch die Illustratorin Iris Ott. Überwiegend naturalistisch, kindgerecht und mit kräftigen Farben lässt sie uns die Unterwasserwelt miterleben. Text und Grafik erklären und laden zum eigenen Entdecken in den großformatigen Bildern ein. Da kommt man beim Vorlesen vielleicht auch schnell zum Fabulieren und Selbsterfinden von Abenteuern in der Tiefsee. Und spätestens da hat man sicher alle Kinder mit im (U-)Boot. 😉

Eine eigene Tiefseefahrt „buchen“ könnt Ihr mit unserem ganz neuen Exemplar in der Kinderbibliothek, Katalogdaten hier.

HilDa