Imaginäre Linien

Ich liebe es schon seit meiner Kindheit, in den Sternenhimmel zu starren. Da war zum Beispiel der Campingurlaub an der Nordsee vor vielleicht 45 Jahren. Ich sah einen kleinen Lichtpunkt über den Nachthimmel ziehen und habe prompt lauthals verkündet, ich hätte einen Planeten entdeckt – heißen die doch Wandelsterne, weil sie sich im Gegensatz zu den Fixsternen am Himmel bewegen. Hatte ich gelesen. Vielleicht in meinem Lieblingsbuch: „Die Sterne“ aus der Was-Ist-Was-Reihe.
Nun ja, wie sich herausstellte, ist die Planeten-Bewegung nicht ganz so, wie ich sie mir nach meinem theoretischen „Studium“ vorgestellt hatte, jedenfalls nicht so schnell. Mein Vater erklärte mir, das da oben sei ein Sputnik. Allein dieses Wort versöhnte mich: Ich hatte einen Sputnik entdeckt, klingt doch auch toll. Es brauchte eine Weile, bis ich begriff, dass der erste künstliche Satellit der Menschheit „Sputnik“ hieß und mein Vater den Namen als Synonym für alle Satelliten im Erdorbit nutzte.

Mit ein bisschen Geduld lassen sich erstaunlich viele davon in einer sternklaren Nacht beobachten, allerdings sind die kleinen, rasenden Lichtpunkte nicht immer leicht von hochfliegenden Flugzeugen zu unterscheiden. Für mich wurde es zu einer Lieblingsbeschäftigung, am Lagerfeuer auf Satellitenjagd zu gehen. Selbst heute stehe ich manchmal auf dem Balkon, um nach der ISS (Internationale Raumstation) Ausschau zu halten; die kann man in manchen Nächten als sehr deutlichen Lichtpunkt beobachten, wenn man die genaue Zeit des Überflugs weiß und wenn die Raumstation oben im Orbit noch von der Sonne angestrahlt wird, während es bei uns unten schon dunkel genug ist. Zu meiner Überraschung bin ich nicht die einzige, in den Sozialen Medien werden die ISS-Beobachtungen geteilt und nicht selten mit Fotos dokumentiert; auch wenn nur eine Lichtlinie zu erkennen ist, ein beliebtes Motiv.

Planeten erkenne ich ja bis heute nicht, außer natürlich den Abend-/Morgenstern = Venus, das ist leicht. Aber der Mars hebt sich leider nicht knallrot von all den anderen Lichtpunkten am Himmel ab, Jupiters großer roter Fleck oder die Ringe des Saturn sind mit bloßem Auge nicht zu erkennen – das sieht im Buch doch alles viel einfacher aus.

 

Übrigens sind auch Sternbilder am echten Himmel nicht mit Linien verbunden wie in den Sternkarten. Als Kind hatte ich mir jedenfalls die Orientierung am Nachthimmel leichter vorgestellt. Und wenn mein Vater mit dem Finger imaginäre Linien zwischen einigen Sternen zog, um mir den Kleinen Wagen und den Polarstern zu zeigen, konnte ich nicht folgen: Da sind einfach zu viele Sterne am Himmel.

Ich wollte tatsächlich einmal Astronomin werden und irgendwann fantastische Entdeckungen in den unendlichen Weiten machen. Oh, und wäre es nicht wunderbar, einmal mit einem Raumschiff unsere Erde aus dem Weltall zu sehen? Oder zwischen den Ringen des Saturn hindurch zu fliegen? Auf einem Kometen zu landen?
Hach ja, Kindheitsträume.
Ich wollte übrigens auch als Archäologin oder Tiefseeforscherin Atlantis entdecken, ein nachhaltiges Bewässerungssystem für die Sahara entwickeln, eine großartige Schriftstellerin und berühmte Schauspielerin werden und bei den nordamerikanischen Indianern leben.

 

 

Wenn ich heute in den Himmel schaue, erkenne ich gerade mal eine Handvoll Sternbilder: den Großen und den Kleinen Wagen (somit finde ich jetzt auch den Polarstern, lieber Papa), dann sind da noch Orion mit seinen drei markanten Gürtelsternen und Cassiopeia, dieses große, etwas windschief wirkende W; und die Plejaden, die für die ersten Bauern in Mitteleuropa eine große Bedeutung gehabt haben müssen, sind sie doch auf der „Himmelsscheibe von Nebra“ dargestellt – wohl der spannendste archäologische Fund in Deutschland während der letzten Jahrzehnte.

Zu den Ringen des Saturn hat mich das Internet gebracht – da sind die faszinierenden Bilder, die die Raumsonde Cassini von dem Planeten, seinen Monden, seinem wunderbaren Ringsystem aufgenommen hat. Ich war auch live dabei, als die Sonde Rosetta den Kometen Tschurjumow-Gerassimenko (Tschuri) umkreiste und der Lander Philae leider in einer Spalte verloren ging.
Das Hubble-Teleskop hat Bilder aus den Tiefen des Raums gemacht, soweit ist nicht einmal das Raumschiff Enterprise geflogen. Und der Wissenschaftler und Astronaut Alexander Gerst vermittelt mir die Sicht auf unsere Erdkugel aus dem Orbit heraus. Über ein Projekt des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt DLR (Projekt_4D Die Zeitkapsel) sind sogar ein paar Fotos mit Erinnerungen an meinen Bruder und meine Mutter ins All geflogen und haben auf der ISS viele Male unseren Heimatplaneten umrundet. All das hätte sich mein 10jähriges Ich nicht vorstellen können, bei aller Phantasie nicht.

Ich bin nicht Forscherin oder Schriftstellerin geworden, nicht mal Indianerin 😉 . Ich wurde Bibliothekarin – und all meine Interessensgebiete sind für diesen Beruf relevant und nützlich: Von meiner kindlichen Sputnik-Jagd führen für mich Verbindungslinien zur Astronomie, zur Raumfahrtgeschichte, zur Frühgeschichte, Archäologie und Mythologie, auch zur Science Fiction und überhaupt zu Film und Literatur, natürlich zu meinem Beruf und zu meiner Familie – alles hängt irgendwie zusammen. Wenn ich in einer klaren Nacht hinauf in den Sternenhimmel schaue, fühle ich mich für einen Augenblick mit allem verbunden.
Und manchmal habe ich das gleiche Gefühl, wenn ich in der Bibliothek stehe.
Das Leben, das Universum und der ganze Rest.
Ach, Ihr wisst schon.

HilDa

Wer sich auch für das eine oder andere aus diesem Beitrag interessiert, hier ein paar Empfehlungen:

  • Die Sterne  (Was ist was ; Band 6) – der Klassiker und auch heute noch ein guter Einstieg für Sternengucker;
  • Rätsel der Galaxis: wie Wissenschaftler die Milchstraße erforschen – DVD aus der Reihe „Geo kompakt“, tolle Bilder und zusammen mit dem Themenheft Die Milchstraße : Forscher revolutionieren das Bild unserer kosmischen Heimat (Geo kompakt ; Nr. 39), eine gute Einführung in den heutigen Stand der Wissenschaft;
  • Space Tomorrow : Faszination Weltall – Abenteuer Raumstation (DVD) und Mission im All  (DVD) –  ich mag Alexander Gerst und wie er die Welt erklärt; dazu auch hier tolle Bilder;
  • Die Himmelsscheibe von Nebra : der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas / von  Harald Meller und Kai Michel und  Die Himmelsscheibe von Nebra [DVD];
  • Das Universum: ein Reiseführer – klingt witzig vom Konzept her: Reiseführer der Lonely Planet Reihe sind eigentlich immer empfehlenswert, aber einmal Universum und zurück nur leider ohne Raumschiff? Diesen Titel schaue ich mir demnächst mal genauer an;
  • Nein, Winnetou ist kein Witz. Ich hatte eine ausgeprägte Karl-May-Phase und die Winnetou-Bücher haben meine Neugierde geweckt: auf andere Kulturen (nicht nur Indianer) und ihre Mythen und Geschichten;
  • Das Leben, das Universum und der ganze Rest – der 3. Teil der „Per Anhalter durch die Galaxis“- Romane, wer die noch nicht kennt, sollte das mindestens mit dem ersten Band nachholen, selbst wenn Ihr Science Fiction eigentlich gar nicht mögt. Und auch die anderen Bücher von Douglas Adams sind übrigens lesenswert.

Buchtipp: Miss Terry

Ich habe hier schon einmal einen Roman von Liza Cody vorgestellt und gerne empfohlen: „Ballade einer vergessenen Toten“. Mit „Miss Terry“ (Katalogdaten hier) habe ich mich anfangs etwas schwer getan; vielleicht lag es ja auch an mir, jedenfalls landete das Buch nach den ersten Seiten erst einmal auf dem Stapel „Später_vielleicht“ – und geriet in Vergessenheit. Vor drei Tagen habe ich es neu angefangen und konnte es kaum wieder zuklappen.

Miss Terry heißt eigentlich Nita Tehri, ist eine junge, engagierte Grundschullehrerin, die ihr Studium noch abzahlen muss, allein lebt und am liebsten unauffällig bleiben will: nett, kompetent, beliebt und respektiert, aber auch selbstbewusst Grenzen setzend – so möchte sie gerne wahrgenommen werden. Ganz normal eigentlich. Doch allzu oft wird sie reduziert auf ihre Hautfarbe, sie bleibt die Exotin, obwohl sie in England geboren ist. Rassismus in Form von unbedachten Äußerungen, die wie feine Nadelstiche wieder und wieder wirken, bis hin zu offenem fremdenfeindlichen Hass und Gewalt – als Leser erleben wir alle Abstufungen des Alltagsrassismus und des strukturellen Rassismus ganz aus der Perspektive der um Selbstbeherrschung bemühten, aber mehr und mehr hilflosen Nita Tehri.

Die Eskalation beginnt mit dem Fund eines toten Babys, die Leiche wurde in einem Müllcontainer entsorgt – direkt vor Miss Tehris Haus. Sofort konzentriert sich die Gerüchteküche auf sie, ebenso die Polizei, die unfreundlich, ja, dreist die Freiheitsrechte verletzend und schikanös mit ihr umspringt. Das ganze wird noch gesteigert durch Frauenfeindlichkeit und Sexismus, Sozialneid und Verachtung für die gebildete Frau. Nita Tehri gerät in eine Mühle, aus der es immer weniger ein Entrinnen zu geben scheint. Selbst der Mord an eine Prostituierte wird mit ihr in Verbindung gebracht.

Manchmal hätte ich Nita gerne geschüttelt und ihr zugerufen: „Geh nicht dorthin! Sei nicht so vertrauensselig!“ oder auch „Jetzt nimm doch diese Hilfe an!“ – wie in einem Horrorfilm, wo man als Zuschauer schon ahnt, dass hinter der Tür etwas lauert. Nita trifft falsche Entscheidungen, aber sie will aus der Opferrolle herauskommen. Doch was da in nur wenigen Tagen über sie hereinbricht, lässt ihr kaum eine Chance und wird sogar zur tödlichen Gefahr.

Liza Cody sprengt mal wieder das Genre. Was wie ein sozialkritischer Gesellschaftsroman beginnt, mit einer authentisch gezeichneten, verunsicherten Frauenfigur im Zentrum, steigert sich erst langsam, dann immer atemloser in einen realen Albtraum.

Ein Thriller, der mich mehr über Rassismus und andere toxische Vorurteile gelehrt hat, als es irgendeine TV-Talkrunde je schaffen könnte. Nitas Verletzlichkeit und Empörung über all die kleinen und großen Respektlosigkeiten: Ist sie überempfindlich, wenn sie sich Unverschämtheiten verbittet? Wenn sie sich durch beleidigende „Witze“ abgestoßen fühlt? Ist es nicht verständlich, dass sie misstrauisch wird gegen jeden, selbst gegen wohlmeinende Nachbarn, weil die die gleichen obszönen Worte nutzen, weil ihr Blick anklagend wirkt, weil einfach jeder ihr Feind zu sein scheint?  Und wenn Rassisten oder Frauenhasser dein Leben bedrohen – wie sinnvoll ist es dann, nett und verständnisvoll zu sein, ihnen zuzuhören, ihnen eine Bühne zu geben? Wie erkennt man in so einer traumatischen Grenzsituation, zumal wenn man allein und „anders“ ist, wer noch Freund, wer Feind ist?
Puh.

Liza Cody konstruiert da nicht nur einen aufregenden Plot (über den ich nicht noch mehr verraten möchte, nur: die Geschichte ist noch viel komplexer). Sie schreibt einfach gut: authentische Figuren und Milieus, voller Mitgefühl (und nicht ohne Humor!) beschrieben, vor allem ohne plumpe Schwarz-Weiß-Zeichnung oder moralisierenden Zeigefinger, dafür mit prägnanten Bildern.

Leseempfehlung!

HilDa

Lieblingsklassiker

Heute habe ich ein Buch für euch, welches (für mich) zu den Klassikern gehört. Nicht Schiller, Goethe, Brecht … sondern eins, was schon 1970 erschien, in der Kinderbuchabteilung beheimatet und kein bisschen angestaubt ist:

Mog, der vergessliche Kater“ von Judith Kerr.

Kennt ihr ihn? Über diesen Kater muss ich immer wieder schmunzeln. Zuhause habe ich übrigens auch so ein Exemplar- einer unserer Kater steht Mog vom Aussehen und Verhalten in nichts nach.

Zurück zu dem Bilderbuch-Felltier.
Mog ist, wie der Titel schon vermuten lässt, etwas schusselig und gerade deswegen ein Herzenskater. Sämtliche Familienmitglieder haben ihn lieb aber regen sich diverse Male über ihn auf: weil er die Sicht auf den Fernseher versperrt oder die Blumen kaputt trampelt oder oder oder. Doch als er eines Abends wieder nicht die Katzenklappe ins wohlige Heim findet, hat er seinen großen Auftritt…

Einfach, aber klar gezeichnet und erzählt, tapst sich dieser Kater in die Kinderherzen und ganz bestimmt auch in die der Erwachsenen.

kwk

Buchtipp: Das Mädchen im Strom

„Es hatte eine Zeit vor dem Krieg gegeben, und nun gab es eine Zeit nach dem Krieg.
Auch wer ihn ohne Schaden überstanden hatte, würde ihn künftig in sich tragen.“

Eine ebenso nüchterne wie bittere Wahrheit im ersten Roman von Sabine Bode. (Katalogdaten zum Roman – gedruckt, als eBook und eAudio – hier)

Die Kölner Autorin und Journalistin wurde bekannt durch ihre wichtigen Sachbücher über die Traumata und seelischen Spätfolgen des Krieges, die sich von den Kriegskindern über die Nachkriegskinder bis zu den Kriegsenkeln übertragen, und sie hat sich als eine der ersten Autorinnen überhaupt an dieses schwierige und sensible Tabu-Thema herangewagt. (Hier die Katalogdaten zu allen Werken von Sabine Bode)

Ich habe Sabine Bode vor vielen Jahren bei der Vorstellung ihres Sachbuches „Kriegsenkel“ kennengelernt, und ihre Lesung hat mich zutiefst berührt. In vielen Lebensberichten habe ich mich wiedergefunden, hörte dieselben Fragen, die ich mir auch immer gestellt habe – und vieles fiel mir plötzlich wie Schuppen von den Augen. Ich habe das Buch verschlungen.

Als ich nun ihren Roman „Das Mädchen im Strom“ in Händen hielt, war ich einfach neugierig.

Sabine Bode nimmt die Leser*innen mit auf die Flucht und die Lebensgeschichte der Jüdin Gudrun Samuel.  Die Protagonistin ist mutig und selbstbewusst, aber als Tochter einer reichen jüdischen Familie in der Zeit des Nationalsozialismus ist für sie kein normales Leben möglich. Wir erleben ihre erste große Liebe zu Martin, die bereits vom aufkommenden Rassismus der Nazis überschattet wird. Dann Gestapo-Verhöre und Gefängnis, Flucht durch Russland bis nach Shanghai. Ihr Leben ist geprägt von Armut, Demütigung und ständiger Bedrohung, aber sie gibt nie auf und hat einen unerschütterlichen Willen – „Selbstachtung als Überlebensstrategie“, so hat die Autorin es umschrieben.

Die Erzählweise des Romans ist eher nüchtern gehalten, manches fast beiläufig erzählt, und ich musste mich erst mal einlesen in den distanzierten Schreibstil. Ungewöhnlich ist, dass bei der direkten Rede die entsprechende Zeichensetzung fehlt.

Gudrun war mir nicht von Anfang an sympathisch und ist mir auch nicht ans Herz gewachsen, aber gerade durch die emotionale Distanz war es leichter, die aufwühlende und spannende Lebensgeschichte zu verfolgen. Sehr besonders war die Brieffreundschaft zwischen Gudrun und ihrer Jugendfreundin Margot, die nie ganz abriss und die verdeutlichte, wie sehr das Trauma der Überlebenden auch Jahrzehnte nach Kriegsende noch andauerte.

Hinter der Geschichte von Gudrun Samuel (die sich später Judy nennt) steht übrigens eine wahre Person: es ist die Überlebensgeschichte von Gertrude Meyer-Jörgensen aus Mainz, die Sabine Bode erzählt. Sie hat sieben Tage lang mit der Überlebenden des Nazi-Terrors gesprochen, die 2011 im Alter von 93 Jahren starb.

Alles in allem finde ich das Buch sehr lesenswert: ein Roman mit biographischen Elementen sowie eine geschichtlich sehr interessante und fesselnde Geschichte.

S.Q.

Buchtipp: Space Girls

Maiken Nielsen erzählt in Space Girls die Geschichte der Mercury 13. Es sind Frauen, allesamt Pilotinnen, die in den 1960er Jahren erfolgreich die selben Tests wie zuvor die Mercury-Astronauten durchliefen. Neben den realen Frauen, folgen wir der fiktiven Juni. Sie wächst in den 1950er Jahren in New Orleans auf. Schon früh nimmt ihr Stiefvater Ben sie mit auf den Flughafen und sie ist von Anfang an vom Fliegen begeistert. Sie wird Pilotin und ist Feuer und Flamme, als das Angebot für die Astronautentests kommt.
Wir folgen aber auch Junis Mutter Martha, die mit der kleinen Juni aus Nazideutschland über Frankreich in die USA fliehen musste.

Es war sehr spannend zu verfolgen, welche Hürden den Pilotinnen immer wieder in den Weg gelegt wurden und wie sie viele dieser Hürden trotzdem überwunden haben.
Es tauchten zudem auch immer wieder kurze Kapitel auf, in denen Wernher von Braun zu Wort kommt. Nachdem er in Deutschland während des zweiten Weltkriegs, die V2 Rakete mitentwickelte, mit der unter anderem London bombardiert wurde, holten ihn die Amerikaner nach dem Krieg, seiner Forschung wegen, in die USA. Dort erlangte er immer größere Popularität, da er öffentlich für die Raumfahrt warb und so zu einer prominenten Persönlichkeit auf dem Weg zur Mondlandung wurde.

Es war interessant, in Space Girls von diesen zwei Seiten von Wernher von Braun zu lesen. Einerseits seine absolute Leidenschaft für die Raumfahrt und wie er diese Begeisterung an andere weitergibt. Andererseits seine Vergangenheit, die zeigt, dass er für seinen Traum, ins Weltall zu fliegen, bereit war viel Schreckliches in Kauf zu nehmen. Irgendwie eine sehr ambivalente Persönlichkeit. Ich habe schon geschaut, und natürlich haben wir auch ein paar Biografien zu von Braun, da werde ich mir demnächst mal eine aussuchen. Bisher habe ich immer eher über seine Errungenschaften in der Raumfahrt gelesen, die natürlich nicht abzustreiten sind. Dennoch würde ich gerne erfahren, was er im Nationalsozialismus alles getan hat und ob man ihn nicht kritischer betrachten sollte.

Neben von Braun waren auch immer wieder kurze Kapitel aus der Sicht von Michael Collins eingefügt. Collins war zusammen mit Neil Armstrong und Buzz Aldrin in der Mannschaft für die erste Mondlandung. Während die anderen beiden auf dem Mond landeten, blieb Collins allein im Raumschiff.

Aber vor allem standen natürlich die faszinierenden Geschichten der Pilotinnen im Vordergrund. Dabei spielte Junis Geschichte die wichtigste Rolle. Ihr Leben auf dem Weg zur Pilotin, ihre Vergangenheit, die ihre Mutter jahrelang vor ihr verheimlicht.
Mir hat auch gefallen, wie Maiken Nielsen die Geschichte der Space Girls beginnend mit einer Flucht aus Deutschland, über Junis Kindheit und Erwachsenwerden in New Orleans bis hin zur Mondlandung, ab und an unterbrochen durch Gedanken von Wernher von Braun und Michael Collins, erzählt hat.

Spannend fand ich auch noch Nielsens Nachwort, in dem sie kurz darlegt, wo ihr Roman auf Tatsachen beruht und wo nicht und welche Sachbücher ihr bei diesem Thema empfehlenswert erscheinen (noch mehr Bücher, die ich lesen möchte… 🙂 ).

Hier seht ihr, wo ihr das Buch bei uns ausleihen könnt.

lga

Buchtipp: Die kleine Buchhandlung am Ufer der Themse

Laut der Kartenapp war sie fast da. Charlotte hob die Hand, um ihre Augen abzuschirmen, und als sie es plötzlich direkt vor sich erblickte, wusste sie, dass sie angekommen war.

Es war ein typisch viktorianisches Stadthaus. Der obere Teil war aus Backstein gemauert, der untere mit einer zinnoberroten Fassade versehen, es sah charmant englisch aus. Das Einzige, was das Bild störte, war, dass jemand massenhaft Gerümpel in das überfüllte Schaufenster gestellt hatte. Ansonsten wirkte es sehr ansprechend.

Charlottes Herz machte einen Sprung. Zwar war das Gebäude eher klein und stand etwas eingequetscht zwischen zwei anderen da, dennoch hatte es mit seinen Fensterläden und anderen Blumenkästen einen eigenen Charakter, und aus irgendeinem Grund beschleunigte das ihren Puls.

Ein Taxi hupte wütend, als sie über die Straß ging, ohne sich umzusehen, doch sie konnte den Blick einfach nicht von dem Haus wenden. Über dem vollgestopften Schaufenster prangten vergoldete Buchstaben. The Riverside Bookshop, las Charlotte.

Die kleine Buchhandlung an der Themse / von Frida Skybäck. Seite 27

Als ich das Buch bei uns in der Bibliothek aus dem Rückgabe-Korb fischte, musste ich es mir einfach genauer ansehen. Denn nicht nur der Titel sprach mich sofort an, sondern auch das hübsch gestaltete Buchcover. Nachdem ich schnell noch den Klappentext gelesen hatte, war die Sache beschlossen: Das gute Stück ausleihen und zum Lesen mit nach Hause nehmen. 🙂

Schon nachdem ich die ersten Seiten gelesen hatte, war mir klar: das ist so ein nettes Buch, das muss ich einfach auf dem Blog vorstellen. Da ich alles in allem schreiben kann: Es ist nicht nur optisch ansprechend, es ist auch wunderbar zu lesen. Gut geeignet, wenn es mal nichts allzu Aufregendes, Spannendes oder Dramatisches sondern ein wenig gemäßigt sein soll.
Vielleicht kaufe ich es mir sogar noch, nicht nur wegen des adretten Aussehens, sondern weil es sich sicherlich auch gut ein zweites Mal lesen lässt. 🙂

Charlotte lebt in Schweden und ist dort eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Ihr gehört die Kosmetikfirma c/o Charlotte, die sie seit dem Unfalltod ihres Mannes Alex vor etwas mehr als einem Jahr, alleine führt. Da es ihr immer noch schwer fällt seinen Verlust zu akzeptieren, vergräbt sie sich seitdem gerne in ihrer Arbeit und meidet – soweit möglich – den Kontakt zu anderen Menschen. – Bis die junge Witwe eine Buchhandlung in London erbt: den Riverside Bookshop. Zu Verdanken hat Charlotte diese unerwartete Erbschaft ihrer Tante Sara, der Schwester ihrer Mutter Kristina, der sie obendrein kein einziges Mal im Leben begegnet ist.

Es hilft alles nichts, Charlotte muss nach London reisen. Ihr Plan: Den Laden so schnell wie möglich verkaufen, um mindestens genau so schnell wieder nach Schweden zurückzukehren. Doch als Charlotte das erste Mal vor dem Laden steht, geraten ihre Pläne ins Wanken. Denn sie ist vom ersten Augenblick an von dem urigen Geschäft fasziniert. Nichtsdestotrotz hält sie an ihrem Beschluss fest. Bis ihr Vorhaben mehr und mehr durchkreuzt wird: Durch den Laden selbst, der hoch verschuldet ist, was aber niemand wusste – schon gar nicht die Mitarbeiter; durch die mit der Zeit entstehende Freundschaft zu eben jenen; durch Familiengeheimnisse die gelöst werden wollen – in die Gegenwart fließen immer wieder Kapitel aus der Vergangenheit, die die Geschichte von Sara und Kristina erzählen; durch William, ein smarter Autor, der ausgerechnet in einer der beiden Wohnungen über der Buchhandlung wohnt (in der anderen, die Charlotte während ihres Aufenthalts für sich beansprucht, lebte ihre Tante Sara); und nicht zuletzt durch Saras eigenen Kater Tennyson, der sie zu ihrer neuen Freundin auserkoren hat.

Alle „diese Umstände“ tragen dazu bei, dass Charlotte sich mehr und mehr wohlfühlt und länger in London bleibt als beabsichtigt. Aber: Wird es ihr gelingen, den Geheimnissen auf die Spur zu kommen? Gelingt es ihr, herauszufinden, warum Sara die Buchhandlung ausgerechnet ihr vererbt hat? Und vor allem wird Charlotte es wagen, einen Neuanfang zu starten?

Lest selbst nach – ausleihen könnt ihr das Buch vor Ort oder in der Onleihe.

kte

Buchtipp: Das Evangelium der Aale

Wie viel kann man eigentlich über einen Aal wissen? Oder über einen Menschen? Das fragt sich Patrik Svensson in Das Evangelium der Aale.
Er erzählt von der Erforschung des Aals, vom Wissen, dass über die Jahre über ihn erlangt wurde – oder eher gesagt all das, was wir noch nicht wissen.

Geboren wird der Aal vermutlich in der Sargassosee im Atlantik, lässt sich von Meeresströmungen tragen, um schließlich vom Salz- ins Süßwasser zu wechseln. Er wandert Flüsse hinauf, bis er einen Platz findet, an dem er sich nieder lässt. Dort bleibt er Jahre, manchmal Jahrzehnte, um dann wieder zur Sargassosee zu wandern und abzulaichen. Dabei durchläuft er erstaunliche Metamorphosen seiner Gestalt. Doch bei all dem gibt es unzählige offene Fragen: Warum schwimmen manche Aale schon im Alter von 7 Jahren und andere wiederum erst nach 20 Jahren zurück ins Meer? Warum hat man in der Sargassosee zwar unzählige Larven, aber bisher noch keine erwachsenen Aale gefunden? Wie findet er überhaupt seinen Weg zurück in die Sargassosee?

Bevor man vor einigen Jahrzehnten die Sargassosee als Geburtsort der Aale ausfindig machte, gab es vielfältige Spekulationen seine Herkunft betreffend. So vermutete Aristoteles, dass der Aal aus dem Schlamm in Seen und Flüssen geboren werde.

Auch auf die Geschichte des Aalfangs und die damit verbundenen Traditionen wirft Svensson einen Blick und geht auch auf das Vorkommen des Aals in der Literatur ein. Und er spricht über die Bedrohung des Aals, der, wie so viele Tierarten, vom Aussterben bedroht ist.

Dabei kehrt er immer wieder zurück zu seiner eigenen Geschichte mit dem Aal. Wie er in seiner Kindheit mit seinem Vater angeln ging und was sie dabei selbst über den Aal gelernt haben. Welche Rolle der Aal ganz allgemein für ihn und sein Leben spielt und gespielt hat.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen. All die Details über den Aal waren sehr faszinierend und ich habe jede Menge verblüffende Sachen gelernt. Auch die eher literarische Herangehensweise an das Thema mochte ich.

Wenn ihr euch auch einmal mit dem Aal beschäftigen wollt: Ausleihen könnt ihr das Buch bei uns vor Ort. Details zum Standort findet ihr hier.

lga

Buchtipp: Das NEINhorn

Muss ich dieses Buch noch empfehlen? In meinem Freundeskreis wird es längst überall herumgereicht, war ein beliebtes Geschenkbuch – und zwar unter Erwachsenen, auch wenn es ein Kinderbilderbuch ist. Ja, natürlich haben auch Kinder ihre Freude am NEINhorn (Katalogdaten zu Buch und Hörbuch hier), aber eben auch die Erwachsenen, egal ob beim Vorlesen, gemeinsam Lesen oder selbst Entdecken. Die herrlichen Sprachspielereien waren bei uns sogar schon Partygespräch.

Aber wen wundert’s, spätestens wenn der Name des Autors fällt, ist alles klar: Marc-Uwe Kling (Katalogdaten zu seinen Werken in der Stadtbibliothek hier) ist längst berühmt für seine Känguru-Chroniken, Bestsellerautor mit „Qualityland“ und jetzt eben ein Kinderbuch, das genauso wenig in ein Schema passt wie sein Känguru – dafür ist es aber schön illustriert von Astrid Henn.

Nun ja, das NEINhorn will ja auch schlichtweg nicht in irgendein Schema passen. Alle rosa und regenbogenbunten Einhörner wissen, was sich für Einhörner gehört. Alle. Nur das NEINhorn tanzt aus der Reihe. Immer. Ja, es ist ein wenig anstrengend. Aber irgendwie kann man es auch verstehen, denn die ewig gut gelaunten, plüschig-langweiligen anderen Einhörner mit ihrem Anspruch, alles müsse immer auf diese eine Art geschehen, können auch nerven. Wie gut, dass es da noch andere Wesen gibt, die auch so ihre Eigenarten haben: der nie richtig zuhörende WASbär zum Beispiel oder der NAhUND, dem einfach alles egal zu sein scheint.

An diesen Namen erkennt man schon, der Autor liebt das Spiel mit Sprache; seine Einfälle wirken nur auf den ersten Blick schlicht – aber die Phantasie kennt keine Grenzen. Und die schönste Stelle im Buch ist sowieso der Aufruf an die kleinen und großen Leser, weitere seltsame Wesen zu erfinden. Das macht nicht nur Kindern Spaß.

Für mich die größte Freude ist aber das laute Lesen, um dabei die kleinen Minidramen zwischen den unterschiedlichen Charakteren mit je eigenen Stimmen und Stimmungen zu interpretieren: Nein! – Waaas? – DOCH! – Na und?

Daraus kann man vielleicht auch ein Spiel entwickeln: Einer stellt Fragen und der andere antwortet motzig mit Variationen von „Nein“; geht auch mit mehreren Mitspielern, die dann die Eigenarten anderer Figuren nachahmen. Das ist so einfach, dass auch Kinder mitmachen; das könnte aber auch zu einem Improvisationsspiel mit Sprache und Betonung für Amateurdarsteller ausgebaut werden.
Oder gar zu einem Partyspiel.
Ach, nur so eine alberne Idee aus dem einsamen HomeOffice zu Coronazeiten. Ich mag nämlich keine Partyspiele.
NEIN!

Damit die Erwachsenen nicht immer das NEINhorn-Bilderbuch aus der Kinderbibliothek für sich blockieren, kaufen wir noch ein Exemplar für den Bereich Comics für Erwachsene. Und wenn Ihr das unpassend findet, ist mir das doch egal!
WAS? – NA UND!

HilDa

Hörbuchtipp: Ein Akt der Gewalt

4 Uhr morgens – Katrina Marino macht sich auf den Heimweg. Schon fast an ihrer Wohnungstür angekommen, passiert es. Ein Mann mit einem Messer fällt über sie her. Schwer verletzt bleibt sie mitten auf dem Vorplatz zu ihrer Wohnung liegen. Rund Ein Akt der Gewalt_Jahn, Ryan Davidherum Wohnungen und Menschen, die auf sie herunter schauen. Doch die Polizei oder einen Krankenwagen ruft keiner von ihnen.

Ryan David Jahn geht in seinem Roman Ein Akt der Gewalt der Frage nach, wie ein solches Verbrechen vor den Augen so vieler Menschen passieren kann, ohne das jemand zur Hilfe kommt. Was geht in diesen Leuten vor, die das Verbrechen beobachtet haben, welche eigenen Probleme nehmen sie so gefangen, dass sie sich um einen hilflosen Menschen nicht kümmern können, kümmern wollen?
Immer wieder hört man den selben Satz: es wird bestimmt schon jemand anderes die Polizei verständigt haben, da müssen wir uns jetzt nicht mehr drum kümmern.

Der Roman beruht auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 1964, bei der die 28-jährige Kitty Genovese früh morgens unweit ihrer Wohnung ermordet wurde. Mehrere Leute aus einem benachbarten Apartmentgebäude hörten oder sahen Teile der Tat, zur Hilfe kam der Frau aber niemand.

Die Geschichte war sehr beklemmend, traurig und erschreckend und dass das Ganze auf einem tatsächlich geschehenen Verbrechen basiert macht es noch fürchterlicher.

Die Frage warum niemand dieser Frau geholfen hat, lässt sich natürlich nie zufrieden stellend beantworten. Der Autor folgt einigen der Leute die etwas von der Tat mitbekommen haben. Wer hätte vielleicht im Normalfall geholfen, befindet sich gerade aber selber in einer so schlimmen Situation, dass er nicht dazu kommt? Wer verkennt einfach nur die Lage, weil er in dem Tatgeschehen nur ein streitendes Pärchen sieht? Wer mag einfach nicht in das Ganze mit hinein gezogen werden?
Die Geschichte wirft auf jeden Fall viele nachdenklich machende Fragen auf, auf die man nicht immer eine befriedigende Antwort finden kann.

Das Hörbuch habe ich mir übrigens des Sprechers wegen ausgesucht. Ich mag David Nathans Stimme sehr gerne und habe in der Onleihe daher nach seinem Namen recherchiert. Dabei bin ich dann unter anderem auf diesen Titel aufmerksam geworden.

Den Roman könnt ihr in der Onleihe als eBook oder eAudio oder bei uns vor Ort ausleihen.

lga

Buchtipp: Dolores

Die 65-jährige Dolores sitzt im Polizeirevier von Little Tall Island, einer Insel, die zum Bundesstaat Maine gehört. Sie ist dort, weil sie ihre Arbeitgeberin Vera Donovan, für die sie Jahrzehnte lang als Haushälterin gearbeitet hat, umgebracht haben soll. Beim Verhör stellt sich heraus, dass Dolores, um den Tod von Vera zu erklären, weit ausholen muss. Sie muss etwas beichten, das jahrelang ihr düsterstes Geheimnis war.

Die Geschichte besteht aus einer langen Erzählung, aus Dolores Aussage beim Polizeiverhör. So gibt es auch keine Kapitel oder dergleichen. Mich hat das beim Lesen tatsächlich gar nicht gestört, weil die Geschichte so fesselnd war. Das hat auch dazu verführt, einfach immer weiter zu lesen, weil ja nie eine Unterbrechung in Form eines neuen Kapitels kam.

Dolores sieht sich aus einem bestimmten Grund mit der Annahme konfrontiert, sie habe Vera umgebracht. Es kursiert seit Jahrzehnten ein Gerücht über sie, das die Wahrheit streift, hinter dem aber natürlich mehr steckt, als die Leute glauben. Stück für Stück enthüllt Dolores die Wahrheiten hinter dem Gerücht und damit die schrecklichen Verhältnisse innerhalb ihrer Familie, die aus Dolores, ihrem Mann Joe und ihren drei Kindern besteht. Und wie das Ganze wiederum mit ihrer Arbeitgeberin Vera zusammen hängt.
Es ist eine Geschichte darüber, zu was Menschen fähig sind, wenn sie keinen anderen Ausweg sehen und glauben, das Richtige zu tun beziehungsweise tun zu müssen.
Es war manchmal tieftraurig, manchmal verstörend, selten zeigten sich Lichtblicke.

Trotz der vielen Tiefen und Schrecken in Dolores Leben bin ich ihr gerne durch diese Geschichte gefolgt, weil sie so sympathisch war und die Geschichte durch ihre Stimme so eindringlich erzählt wurde.

Wie das bei King so üblich ist, taucht auch hier ein übersinnliches Element auf, aber sehr dezent. Es verbindet Dolores mit einem weiteren Roman von King, und zwar Das Spiel. Da habe ich wohl direkt meine nächste Lektüre gefunden. 🙂

Dolores und auch Das Spiel könnt ihr bei uns in der Onleihe als eBook entleihen.

lga