Buchtipp: „Landnahme“ von Sara Paretsky

Sara Paretsky und ihre Hauptfigur, die Detektivin V. I. Warshawski, waren Ende des letzten Jahrhunderts der Krimi-Tipp, vor allem – aber bei weitem nicht nur – für weibliche Thrillerfreunde. Doch dann gab es lange keine neuen deutschen Übersetzungen ihrer Romane, die älteren Titel sind meist nicht mehr lieferbar. Ich dachte, die Bestsellerautorin schreibt nicht mehr und ist in Vergessenheit geraten. Doch die Serie mit Vic Warshawski ging originalsprachig weiter, die Detektivin löst inzwischen ihren 20. großen Fall und kämpft nicht nur gegen die üblichen Schurken, sondern auch mit immer deutlicher spürbarem „Rost in den Gelenken“. Endlich vor drei Jahren lag da wieder ein „neuer“ Warshawski beim Buchhändler meines Vertrauens, genauer ein Titel, der im Original bereits 2013 erschienen war: „Critical Mass“ (deutsch „Kritische Masse“. 2018). Im letzten Jahr kam „Landnahme“ heraus (Original: „Dead Land“. 2020). Eigentlich hatte ich mir den Krimi zum Geburtstag selbst geschenkt 🙂 , bin aber erst am Ende des Jahres zum Lesen gekommen.

Roman "Landnahme" von Sara Paretsky

Vic Warshawski könnte man beschreiben als eine Mischung aus Philip Marlowe und Bruce Willis (á la John McClane in „Die Hard“), nur in weiblich, gebildet und bei aller Härte auch einfühlsam. Wenn sie sich an einem Fall festgebissen hat, ruht sie nicht und riskiert alles, um die Wahrheit herauszufinden. Dabei schliddert sie in kriminelle Verstrickungen, die die offiziellen Ermittlungsbehörden gar nicht sehen, weil sie schnelle und einfache Antworten bevorzugen. Nur Warshawski bohrt weiter. Sie deckt die Hintergründe auf und entlarvt selbst die Strippenzieher aus Hochfinanz, Politik und Geldadel. Sie ist gut vernetzt, nicht korrumpierbar, hartnäckig und stur, hart im Nehmen; sie teilt aber auch ordentlich aus, nicht nur verbal. Ihr Revier ist Chicago, aber der aktuelle Fall bringt sie bis in die Great Plains von Kansas.

Ist das alles manchmal etwas dick aufgetragen? Ja. Darum auch der Bruce-Willis-Vergleich. 😉 Sara Paretsky schreibt Hardboiled Crime Fiction mit einer sehr weiblichen Actionheldin. Die Story ist trotzdem plausibel und selbst dann spannend, wenn die Detektivin mal auf der Stelle tritt und sich für Recherchen in ihr Büro oder in eine Bibliothek (ha, das musste ich jetzt natürlich erwähnen!) zurückzieht – Warshawski ist da ganz auf der Höhe der Zeit, nutzt alle Recherchemöglichkeiten, die das Internet so bietet und hat Kontakt zu einem forensischen Labor (das dem Hightech-Vergleich mit gerade angesagten Fernsehserien aber nicht standhalten kann, da ist Paretsky doch realistischer).

Paretskys besondere Stärke liegt in ihren originellen Figuren: den knorrigen Typen aus Kansas, die frühestens auf den 2. oder 3. Blick Vertrauen fassen; die Obdachlosen von Chicago, die durch unaussprechliche Traumata ihren Halt verloren haben; die Sheriffs und Chiefs und Polizistinnen, für die ihre Machtspielchen wichtiger sind als die Verbrechensopfer; die Prominenten, die Politiker und Diplomaten oder die einfach unverschämt Reichen, die sich für unantastbar halten; die Freunde und Nachbarn mit ihren Eigenheiten und Schrullen. Und nicht zuletzt die Ich-Erzählerin selbst, die unglaublich gute Detektivin, die nur mit Glück und Hilfe durch diesen verzwickten Fall findet – und auch nur knapp überlebt. Im Gegensatz zu vielen anderen Beteiligten, denn es geht um nicht weniger als einen Massenmord bei einem Festival, um Folter, Verschleppung und Mord in einer südamerikanischen Diktatur und um mehrere aktuelle Morde und Mordversuche in Chicago. Warshawski stolpert in diese monströse Verschwörung eigentlich nur, weil sie eine verwirrte Obdachlose sucht, für die sie sich nach einem dummen Fehler ein wenig verantwortlich fühlt. Doch dann muss sie plötzlich ihre Patentochter schützen, sich um einen weiteren Hund kümmern (sie hat schon zwei), eine Räumungsklage verhindern, Gewehrkugeln ausweichen.

Sara Paretsky hat seit 2018 im Argument-Verlag ein neues Zuhause im deutschsprachigen Buchmarkt gefunden, nach „Kritische Maße“ (eine Empfehlung gab es in unserem Blog 2019 hier) und „Altlasten“ ist dies jetzt schon der 3. Band in der schönen Ariadne-Reihe, in der es ja viele lesenswerte und preisgekrönte Krimi-Autorinnen zu entdecken gibt.

Es gibt ein kleines Vorwort von der Übersetzerin Else Laudan und am Ende ein Glossar mit einigen hilfreichen kleinen Erläuterungen und Quellenangaben. Da Musik und Songtexte eine große Rolle im Roman spielen, gibt es auch dazu Erklärungen und Übersetzungen.

Eigentlich frage ich mich, warum so viele Romane aus der Warshawski-Reihe bisher nicht in Deutsch erschienen sind. Das hat zwar keinen Einfluss auf das Leseverständnis bei den einzelnen Bänden – die Anspielungen auf ältere Fälle sind unerheblich für die Handlung und der Charakter der toughen Detektivin ist jetzt auch nicht so vielschichtig, dass wir alles über ihre private Vergangenheit wissen müssten. Aber von diesen süffigen Krimis hätte ich gerne mehr!

Die Romane, die wir von Sara Paretsky in der Stadtbibliothek Bielefeld haben, findet Ihr hier.
Die Katalogdaten speziell zu „Landnahme“ findet Ihr hier.

Viel Freude beim Lesen.
HilDa

Buchtipp: „Der gefrorene Himmel“ von Richard Wagamese

GRENZEN|LOS|LESEN
KANADA

Ich war neugierig auf die nächste Übersetzung aus dem Werk dieses kanadischen Autors, nachdem mir „Das weite Herz des Landes“ (Originaltitel „Medicine Walk“) sehr gut gefallen hat (der Blogbeitrag dazu hier). Im Frühjahr erschien „Der gefrorene Himmel“, Originaltitel ist „Indian Horse“, in der Übersetzung von Ingo Herzke.

Roman "Der gefrorene Himmel" von Richard Wagamese. Blessing-Verlag

Ich weiß eher wenig über das Leben der indigenen Bevölkerung Kanadas im 20. Jahrhundert. Doch vor wenigen Monaten erschreckte weltweit die Meldung, man habe Massengräber auf dem Gelände einer Residential School gefunden; es war von Misshandlungen und Missbrauch die Rede, von Vertuschung und Ignoranz. Offenbar kein Einzelfall, denn in den Wochen danach wurden weitere ganz ähnliche Funde gemeldet. Es gab Berichte über den gewaltsamen „Kindesentzug“ durch Behörden, die Kinder wurden ihren Eltern entrissen und in diese „Internate“ zwangseingewiesen. Dort wurden die Schüler*innen gezielt entwurzelt und von ihren Familien, ihren Traditionen, ihrem Glauben, ihrer Sprache entfremdet. Physische und psychische Gewalt waren die Regel, oft auch sexueller Missbrauch; im Todesfall – und da gab es offenbar mehr als bisher bekannt bzw. zugegeben – verschwanden die Kinder einfach, viele Familien erfuhren nie, was mit ihnen geschehen war, wo sie beerdigt oder einfach verscharrt wurden. Die Behörden reagierten nicht. Die aktuellen Funde beweisen nur, was längst bekannt sein müsste, hätte man auf die Fragen, Anzeigen und Beschwerden der Eltern und indigenen Gemeinden früher gehört.

Warum ich das hier erzähle? Richard Wagameses Roman hat genau so eine Kindheit zum Thema: Der Junge Saul Indian Horse verliert seine Familie, als sie ihn eigentlich vor den Behörden verstecken will und mit ihm in die Wildnis flieht. Er wird in eine dieser Residential Schools gesteckt, eine von katholischen Geistlichen und Schwestern geführte „Schule“, und er erfährt vom ersten Tag an Misshandlung und Erniedrigung. Er erlebt, wie Kinder, die sich widersetzen oder auch einfach nur ihre Muttersprache sprechen wollen, durch drakonische Bestrafungen gebrochen werden. Die Schul-„Bildung“ besteht hauptsächlich aus Arbeit, selbst schon bei den Jüngsten, die Versorgung ist schlecht, das Leid unaussprechlich. Kinder suchen in ihrer Ausweglosigkeit den Tod, einige sterben an den Folgen der Schläge und Misshandlungen oder bei Arbeitsunfällen. Der sich an diese Kindheit erinnernde Ich-Erzähler Saul schildert solche Schicksale fast lakonisch – und dann nennt er nur kurz das Alter seines getöteten Mitschülers oder des Mädchens, das in den Fluss geht, und es raubt einem beim Lesen den Atem.

Saul gelingt es, diese menschengemachte Hölle zu überleben. Ein Lehrer begeistert ihn für das Eishockeyspiel. Eigentlich noch zu jung und schmächtig für diesen harten Sport, bringt sich Saul das Schlittschuhlaufen und das Führen und Schlagen des Pucks selbst bei. Sein außergewöhnliches Talent wird entdeckt, sein vorausschauendes Spiel macht ihn zu einem fast magisch erfolgreichen Mannschaftsmitglied. Eine ebenfalls Eishockey-begeisterte Familie nimmt ihn als Pflegesohn auf und er findet in einer Ojibwe-Gemeinschaft endlich doch noch ein Zuhause. Damit verrate ich hier nicht zu viel, denn in der Erzählung, so schmal wie sie auch ist, sind wir hiermit erst in der Mitte angelangt.

Richard Wagamese erzählt präzise, lakonisch und mit erstaunlich wenigen Worten, wenn es um das Leid geht, doch um so ausführlicher und, ja, poetischer, wenn es um die Leidenschaft des Jungen geht. Da sind einmal (wie schon in „Das weite Herz des Landes“) die wunderbare Beobachtung der Natur. Und da ist das Hockeyspiel.

Ich interessiere mich kaum für Sport und schon gar nicht für Eishockey, ich kann nicht einmal Schlittschuhlaufen. Doch so wie Richard Wagamese über das Spiel schreibt, möchte man nicht nur an der Bande stehen und zuschauen, man ist mit Saul auf der Eisfläche – seinem gefrorenen Himmel.
Ich habe noch nie erlebt, dass mich eine Sporterzählung derart mitreißt. Nun ja, wahrscheinlich weil dies keine Sporterzählung im engeren Sinne ist.

Für Saul und seine Mitspieler aus den Reservaten bedeutet das gemeinsame Spiel viel mehr als sportlicher Wettkampf. Doch in der Welt der Weißen erleben sie Rassismus, Erniedrigung und Hass bis hin zu Gewalt und Schlägereien auf dem Eis und außerhalb der Stadien. Und auch die Traumata der Kindheit lassen sich nicht auf Dauer verdrängen.

Die Erzählung beschreibt die Suche des Protagonisten nach einem Zuhause, nach Identität, Akzeptanz und Gerechtigkeit. Die Geschichte ist krass, aber – siehe oben – nicht nur eine Romanerfindung. Andere Autoren hätten aus diesem Stoff wohl einen dicken Wälzer gemacht. Richard Wagamese kommt mit weniger als 250 großzügig bedruckten Seiten aus (einschließlich Nachwort!). Was für ein großartiger Geschichtenerzähler und Geschichtsvermittler gleichzeitig.

Der Autor gehört zu den bedeutenden literarischen Stimmen der kanadischen Gegenwartsliteratur. Er starb 2017. Das Buch enthält auch ein aufschlussreiches Nachwort der Literaturwissenschaftlerin Katja Sarkowsky über Wagamese und sein Werk, über die Tradition indigenen Schreibens und Erzählens in Nordamerika sowie über den indigenen politischen Aktivismus, der seit den späten 1960er Jahren breitere Aufmerksamkeit gewinnen konnte im Kampf gegen Diskriminierung und Rassismus und für die kulturelle Identität.

HilDa

Buchtipp: „Das Mädchen“ von Stephen King

Es sollte eigentlich eine ganz normale Wanderung werden. Ein paar Meilen auf dem Appalachian Trail in Maine mit ihrer Familie. Wenn sich ihre Mutter und ihr Bruder nur nicht ununterbrochen streiten und sie dabei gar nicht mehr bemerken würden. So schlägt sich die neunjährige Trisha unbemerkt in die Büsche, um mal kurz auszutreten. Ein Platz nicht zu nah am Weg, wo sie keiner sehen kann, soll es sein. Und wenn sie dann einfach hier vorne eine Abkürzung nimmt sollte sie ruckzuck wieder zurück auf den Weg finden. Und so verirrt sich Trisha im Wald.

Wir folgen ihr nun, wie sie umher irrt. Wie sie versucht nicht in Panik zu geraten. Wie sie in Panik gerät. Wie sie Strategien entwickelt. Welche Richtung schlägt sie am besten ein? Wie kommt sie an Essen und Trinken? Und natürlich erleben wir ihre Ängste. Was geht ihr nachts, im dunklen Wald, ganz allein, durch den Kopf? Und was ist es, das sie im dunklen hört? Einbildung? Etwas ganz reales? Oder doch etwas viel düstereres?

Immerhin hat sie eine Sache mit der sie sich ablenken kann: Baseball. Sie ist großer Fan und so folgt der Aufbau des Buchs dem Ablauf eines Baseballspiels und ist in Innings unterteilt. Ich habe von Baseball und Innings zwar rein gar keine Ahnung, das war aber ohnehin nur der Rahmen für die Handlung. Ob ich Baseball nun verstehe oder nicht tut der Geschichte keinen Abbruch.

Nun könnte man meinen, dass dieses Buch bald langweilig wird: Mädchen läuft durch Wald, mehr passiert ja eigentlich nicht. Aber der tiefe Einblick in Trishas Gedankenwelt, dem wir folgen, trägt ohne Probleme durch die gesamte Geschichte.

Das Buch gibt es bei uns als eBook in der Onleihe oder vor Ort als Hörbuch auszuleihen.

lga

Buchtipp: Das Jesus-Video

Bei Ausgrabungen in der Nähe von Jerusalem findet der Ausgrabungshelfer Steven etwas sehr Seltsames. Zuerst hält er es für einen Scherz. Denn was hat eine Anleitung für eine Videokamera, die erst in einigen Jahren erscheint, in einem uralten Beutel neben uralten Knochen zu suchen? Und warum sieht die Anleitung selbst so uralt aus? Handelt es sich hier etwa um einen Zeitreisenden?

Ausgehend von diesem Fund entspinnt sich nun eine Geschichte auf den Spuren des potentiellen und titelgebenden Jesus-Videos. Dabei ist nicht nur Steven auf der Suche, auch der Geschäftsmann und Sponsor der Ausgrabungen John Kaun will das Video finden, um möglichst viel Kapital daraus zu schlagen.

Den Großteil des 700 Seiten starken Buchs habe ich an einem Tag verschlungen. Ab einem gewissen Punkt konnte ich es einfach nicht mehr aus der Hand legen und wollte unbedingt hinter all die verschlungenen Geheimnisse kommen.

Im Lauf der Geschichte werden verschiedenste Theorien entwickelt, wie die Videoanleitung in die Vergangenheit geraten ist. Hat jemand von langer Hand geplant einen Zeitreisenden in die Vergangenheit zu schicken, um Jesus zu filmen – bzw. wird das jemand planen?

Sehr eindrücklich waren die Beschreibungen Israels bzw. Jerusalems im Besonderen. Bilder von Sand und Wüste, uralten Gemäuern und der unglaublich weit zurückreichenden Geschichte dieses Landstrichs kamen auf.

Die grundsätzliche Idee, was es bedeuten würde, könnte man beweisen, dass Jesus wirklich gelebt hat oder eben auch das genaue Gegenteil, war ein sehr spannendes Gedankenspiel. Wer hätte Interesse an einem solchen Video, was würde die Kirche dazu sagen, wie würden ganz normale Leute darauf reagieren?

Erschienen ist das Jesus-Video schon vor einer ganzen Weile, im Jahre 1998. Anfang der 2000er gab es auch eine Verfilmung. Ich habe mir dazu einen Trailer angesehen, der allerdings nicht ganz so vielversprechend ausschaute. Da werde ich mich wohl lieber dem Jesus-Deal zuwenden. Diese Fortsetzung erschien 2014 und ich bin sehr gespannt, wie Eschbach die Geschichte dort weitererzählt.

Hier geht es zu den Katalogdaten.

lga

Literaturtage 2021 Nachlese

Alle Bücher der Literaturtage 2021 sind empfehlenswert, das haben die Lesungen, die Gespräche und die Rezensionen zu den Romanen gezeigt. Wir hatten bereits Blogbeiträge mit Informationen zu jeder einzelnen Lesung. Aber einige Romane möchte ich hier noch einmal aus eigener Lektüre empfehlen. Die Auswahl ist dabei eher zufällig, denn ich habe nicht alle Bücher der 10 Veranstaltungen gelesen, einige möchte ich noch.

Lena Gorelik: Wer wir sind

Lena Gorelik hat mit ihrem autobiographischen Roman ihre sehr persönlichen Erfahrungen und Gefühle niedergeschrieben: Kindheit in St. Petersburg, dann mit 11 Jahren Ausreise und Ankunft in einem fremden Land mit anderen Sitten und vor allem einer anderen Sprache. Mehr zum Roman hier.

Roman "Wer wir sind" von Lena Gorelik mit dem Programmheft der Literaturtage Bielefeld 2021

Die Szenen, die mich besonders berührt haben, waren die, die das Verhältnis zu den Eltern betreffen. Die sind mit ihren Kindern in ihr Sehnsuchtsland ausgewandert, bleiben aber im „Westen“ die Fremden. Auf der Tochter liegt der Druck, die großen Erwartungen der Eltern, die Anpassung an die neue Heimat, die Scham über die Wohn- und Lebensverhältnisse im Flüchtlingsheim, der Zwiespalt und das Unverständnis zwischen den Generationen, dazu die ganz normalen Teenager-Probleme und Eltern-Kind-Konflikte, wie sie wohl jeder mehr oder weniger kennt. Das ist so berührend und klar geschrieben. Und alles ist umrahmt von der Liebe in dieser Familie, wobei zwischen den Generationen meist die Worte dafür fehlen. Aber Lena Gorelik hat das Buch auch als eine Liebeserklärung an die Eltern geschrieben. So habe ich es jedenfalls gelesen. Sehr bewegend. Dieses Buch hätte ich gerne meiner Mutter empfohlen und mit ihr darüber gesprochen.

Zora Del Buono: Die Marschallin

Auch ein Roman über ein Stück eigene Familiengeschichte, es geht um die gleichnamige Großmutter der Schweizer Autorin, eine bemerkenswerte Frau voller Widersprüche. Mehr dazu hier.

Roman "Die Marschallin" von Zora del Buono mit dem Programmheft der Literaturtage 2021

Ich musste feststellen, dass ich nur sehr wenig über die bewegte Geschichte des Balkan und Italiens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weiß. 1. Weltkrieg, Faschismus, 2. Weltkrieg – das war zwar alles mal Thema des Geschichtsunterrichts, aber nicht aus der südeuropäischen Perspektive. Da fehlte mir einiges an Hintergrundwissen – nicht dass das zum Verständnis des Romans unbedingt notwendig wäre. Aber das Buch stieß mich auf diese Lücke – nun ja, sicher eine von vielen. Aber dieser Teil der europäischen Geschichte hat schließlich auch Auswirkungen bis heute. Nein, das ist eigentlich nicht das Thema des Romans, aber die charismatische Hauptfigur steht für die Zerrissenheit, die inneren und äußeren Kämpfe, für die Verstrickungen und gesellschaftlichen Brüche dieser Zeit.

Felicitas Hoppe: Fieber 17

Die Autorin las aus ihrer Erzählung Fieber 17 vor, aber das größere Interesse beim anschließenden Gespräch und genauso in den Medien lag bei ihrem Roman „Die Nibelungen“ – den ich aber bisher noch nicht gelesen habe (liegt aber auf meinem SuB, dem Stapel ungelesener Bücher). Mehr zu beiden Büchern hier.

Buch "Fieber 17: eine Erzählung und ein Essay" von Felicitas Hoppe, Dörlemann-Verlag

An dem kleinen Büchlein „Fieber 17“ hat mich eigentlich der angehängte Essay am meisten beeindruckt. Den empfehle ich jedem, der sich für das Erinnern an die eigene Kindheit interessiert, für die Frage, wie Erinnerungen uns prägen und wie sich unsere Erinnerungen verändern, allein weil wir darüber Nachdenken, davon Erzählen oder eben Schreiben wie die Autorin. Hat mir einiges zu Denken gegeben.

Marente de Moor: Phon

Der Roman der niederländischen Autorin hat mich sehr überrascht. Der Inhalt ist im Blogbeitrag zur Lesung schon erzählt (hier).

Roman "Phon" von Marente de Moor

Mich interessiert zurzeit das Genre nature writing in der Belletristik, und hier habe ich ein großartiges Beispiel dafür gefunden. Die Natur aus der Sicht der Ich-Erzählerin beschrieben: als Zuflucht, als Spiegel für ihre Gefühle, als mythischer Ort. Die Natur dient aber als reine Projektionsfläche: Es ist der Mensch, der das Göttliche darin finden will – oder auch das Dämonische zu erkennen meint. Ob Pope, selbst ernannte Schamanin oder Atheist – alle erklären sich die Natur so, dass es zu ihrem jeweiligen Weltbild passt. Dabei sind der Natur die Menschen egal, sie ist zu ihnen genauso gnädig und brutal wie zu allen Lebewesen.

Der Ich-Erzählerin sind die Gewissheiten verloren gegangen, sie sucht neuen Halt. Zwischen Erinnerung und Verdrängung lauern ein Trauma und der Verlust — irgendetwas ist vor einiger Zeit geschehen, das das Paradies endgültig zerstört hat. Oder die Illusion vom Paradies.

Marente de Moor lässt ihre Protagonistin sprunghaft und scheinbar schlicht erzählen, findet aber besonders für die Beschreibung der Natur eine poetische Sprache. Das hat mir sehr gut gefallen. Es wird nicht alles erklärt. Läuten die seltsamen Töne die Apokalypse ein oder sind sie nur Einbildung, gibt es eine naturwissenschaftlich-logische Erklärung oder bleibt uns das Rätsel. Bringt der Lokomotivführer die Chance zu einem neuen Anfang oder ist auch er nur ein Traum, eine Phantasie? Und was genau ist passiert an dem Tag, über den niemand sprechen will.

Ich finde, dieser Roman um Menschen, die sich mehr oder weniger mit Absicht aus dem Zeitgeschehen zurückgezogen haben und jetzt in mehrfacher Hinsicht aus der Zeit gefallen sind – in ihrer eigenbrötlerischen Lebensweise, ihrer Abkapselung von der Gesellschaft, aber auch psychisch in ihrer Verwirrtheit und ihrem Gedächtnisverlust – wirft auch ein erstaunliches Bild auf unsere aktuelle Situation. Wie gehen wir mit dem Alleinsein um? Mit der Erosion unseres festgefahrenen Weltbildes? Mit unserem romantisierenden, vermenschlichenden Naturverständnis? Und unserer gleichzeitigen Tendenz, das zu zerstören, was wir vorgeben zu lieben? Wie reagieren wir auf die Gefahr, auf die wir nicht vorbereitet sind, obwohl (oder weil?) wir doch alles zu wissen glauben und uns durch den wahren Glauben, die eigene Stärke oder besondere Kenntnisse eigentlich geschützt wähnen? Sagt uns zumindest unser Bauchgefühl. Die Suche nach dem Ort, an dem wir alle menschliche Unbill einfach vergessen können, damit endlich alles vorbei ist – wer versteht das nicht.

„Aber sie sind sich ihrer Sache sicher, wie Esther. Meine drei Tischgenossen haben alle Rätsel gelöst. Egal, was man ihnen erzählt, sie nicken immer nur eifrig, und du wirst deine Geschichte nicht los, weil sie sie schon kennen, schlimmer noch, sie wissen darüber Bescheid, weil sie über alles Bescheid wissen. Sie haben den Durchblick, Lokführer. Ich bin hier allein mit meinen Zweifeln.“

(Seite 308)

Aber das sind meine Fragen und Gedanken beim Lesen dieses Romans. Es ist an jedem Leser, mit welcher Gewissheit oder Interpretation er aus dem Buch geht.
Ich empfehle es sehr.

HilDa

Kinderbücher von Sasa Stanisic

Dass Saša Stanišić ein großartiger Erzähler ist, wissen wir nicht nur von seinen Romanen. Wir durften ihn einige Male in Live-Veranstaltungen auf der Bühne erleben, wie er aus seinen Büchern nicht etwa vorliest, sondern fast frei erzählt und sein Publikum in den Bann zieht. Da kann ich mir auch gut vorstellen, wie er mit seinem Sohn zusammen fabuliert und phantastische Geschichten für ihn und auch mit ihm zusammen erfindet. Nun, er hat einige davon auch für uns aufgeschrieben und zusammen mit der Illustratorin Katja Spitzer ein Kinderbuch zum Vorlesen und Zuhören daraus gemacht.

Buch und Hörbuch "Hey, hey, hey, Taxi!" von Sasa Stanisic, beide stehen auf einer Fensterbank; durch das Fenster sieht man Bäume und Gebäude

„Hey, hey, hey, Taxi!“ ist quitschebunt, nicht nur die Bilder, auch und vor allem die Geschichten. Auf der Suche nach einem Vorlesebuch für unsere Kinderveranstaltungen habe ich mir das Buch gleich gekauft, als ich davon hörte. Und dachte dann beim Lesen des „Vorortes“ (kein Schreibfehler!) etwas enttäuscht: Das ist vielleicht doch nicht das richtige.

Saša Stanišić empfiehlt, seine Geschichten als lose Vorgaben zu nutzen, da er sie ja speziell für seinen Sohn verfasst hat und sie aus seinen Erfahrungen leben; jeder Vorleser möge sie verändern und Variablen aus der eigenen Welt und der seiner Zuhörer daraus machen. Da ich aber normalerweise eine Vorleserin bin, die sehr am vorgegebenen Text klebt, schien dieses Konzept für mich weniger geeignet. Trotzdem habe ich es ausprobiert: Ich habe meinen Vater gebeten, den Zuhörer zu spielen und mir zu sagen, ob meine kleinen Improvisationsversuche ausreichen.

Was soll ich sagen: Ich liebe diese verrückten Geschichten, und meinem Vater gefiel es auch.

Da kommt ein Taxi, um den Ich-Erzähler abzuholen, denn er muss dringend irgendwohin: zum Hafen, zum Bahnhof, ja einmal auch in die Bibliothek. Aber am Ende jeder Geschichte kehrt er zurück: nach Hause zu dir – also zu dem Sohn des Erzählers, der immer wieder direkt angesprochen wird.

Tja, es ist klar, dass ich dieses Geschichtenende für ein Vorlesen vor vielen Kindern nicht verwenden kann. Dass viele Taxifahrten zu Orten aus Hamburg führen, stört nicht. Warum soll man die Kinder nicht mit auf eine Reise in eine andere Stadt nehmen? Ich würde mir eine kleine Einleitung einfallen lassen, vielleicht in Form einer neuen Rahmenhandlung. Und ich müsste mir die passenden Geschichten aussuchen und so ein Vorleseprogramm für ca. 20-30 Minuten erstellen. Das Einbeziehen der zuhörenden Kinder und das dafür notwendige Improvisieren werde ich üben müssen. Vielleicht hilft mir wieder mein Vater dabei. Aber die fantastisch-skurrilen Abenteuer mit den Schrumpfpiraten oder den auf einer Riesenwelle surfenden Bienen, mit einem kleinen Riesen namens Riesling oder einem Käsetaxi mit Maus als Fahrerin, von der man sich sogar bis zum Mond kutschieren lassen kann – ja, das ist es wert, ich will einmal etwas anderes ausprobieren, als nur Wort für Wort abzulesen.

Meine Kolleginnen haben sich übrigens in das Hörbuch hineingehört und begrüßen mich schon lachend mit „Odjo, odjo!“ – Das ist ein Zitat und gehört zu einer der lustigsten Figuren im Buch – natürlich ein Taxifahrer, einer von vielen. Mehr verrate ich jetzt aber nicht.

Und wenn Ihr glaubt, ich hätte hier schon die verrücktesten Figuren aufgeführt, dann ruft Euch selber ein Taxi und fahrt mit Saša Stanišić und seinem Sohn in alle Richtungen, die die Fantasie so zulässt: Ihr werdet Euch wundern. Hey, hey, hey Taxi! (Katalogdaten hier)

Mittlerweile gibt es schon ein neues Kinderbuch von Saša Stanišić. Prompt sind wir mitten in der Pandamie. 😉 Ha! Nein, wieder kein Schreibfehler. Da sind nämlich Panda-Bären mit ihrer Lieblingsspeise Bambus. Doch ein Panda aus China, der natürlich Nicht-Peter heißt, weil Pandas aus China natürlich nicht Peter heißen, macht die großartige Entdeckung, dass man mit Bambus auch Töne erzeugen kann: Musik. Und mit mehreren zusammen macht das Musizieren richtig Spaß. Also wird eine Panda-BPand gegründet. … – Damit wäre schon mal das Wortspiel im Titel erklärt. In der Geschichte gibt es noch mehr von diesen Sprachspielereien und vom umwerfend-fantasiereichen Humor des Saša Stanišić.
Sicher demnächst auch in der Stadtbibliothek.

Kinderbuch "PandaPand: Wie die Pandas mal Musik zum Frühstück hatten" von Sasa Stanisic

Nachtrag 30.11.2021: Ja, Buch und Hörbücher der „PandaPand“ sind geliefert,
müssen zum Teil aber noch eingearbeitet werden.
Hier findet Ihr die Katalogdaten.

Am 19. November 2021 ist übrigens der Bundesweite Vorlesetag.

Was auch immer Ihr heute vorlest, ob herrlich verrückt oder knuddelig-verspielt, habt viel Spaß dabei. 😉

HilDa

Logo für den Bundesweiten Vorlesetag

Buchtipp: Andy Weir – Der Astronaut

Als Ryland Grace erwacht weiß er weder wo noch wer er ist. Ein erster untrüglicher Hinweis: es herrscht Schwerelosigkeit. So findet er bald heraus, dass er sich in einem Raumschiff befindet. Doch warum? Und warum liegen in den anderen Betten zwei Leichen?

Erst nach und nach kehrt seine Erinnerung zurück. Erinnerungen daran, dass es auf der Erde ein sehr bedrohliches Problem gab. Etwas, dass, die ganze Erdbevölkerung auslöschen könnte. Und ausgerechnet er befindet sich auf einer Mission dieses Problem zu lösen. Einer Mission weit, weit entfernt von der Erde, auf der er nicht so allein ist, wie anfangs gedacht.

Unser Astronaut befindet sich nun also in einem fernen Sternsystem, mit dem Wissen, dass das Überleben der Menschheit von ihm abhängt. Zum Glück hat er sich seinen Galgenhumor bewahrt, so gibt es für uns beim Lesen viel zu schmunzeln. Über was man da so schmunzelt will ich gar nicht mehr erzählen. Das findet man beim Lesen besser selbst heraus. Und da gibt es so einige überraschende Wendungen. Erst ganz zum Schluss lüftet sich der Schleier vollständig von Grace Erinnerungen und man sieht das ganze Ausmaß. Der Weg dahin war ein sehr spannender und unterhaltsamer. Dabei wird auch die Wissenschaft hinter allem beleuchtet – da habe ich gleich wieder Lust mir auch mal ein paar Sachbücher zum Thema zu Gemüte zu führen.

Hier geht es zu den Katalogdaten des Buchs.

lga

Buchtipp: 1918 – Die Welt im Fieber

2018 gab es ein Jubiläum. 100 Jahre waren nach dem Ausbruch der Spanischen Grippe 1918 vergangen. Passend dazu erschien ein Buch, dass die Spanische Grippe und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft beleuchtet.

1918 – Die Welt im Fieber von Laura Spinney ist eins dieser Bücher, dass mir in der Bibliothek immer wieder in die Hände fällt und scheinbar unbedingt von mir gelesen werden will. Dieses Jahr hat es dann endlich geklappt. Und da wir uns bekanntlich momentan ebenfalls in einer Pandemie befinden, blickt man ganz anders auf die Schilderungen dieser vergangenen Pandemie.

Laura Spinney erzählt uns die Geschichte der Spanischen Grippe. Wie sie sich ab 1918 über die Welt ausbreitete, welche Orte besonders schlimm betroffen waren und welche auch nicht. Warum es eigentlich „Spanische Grippe“ heißt und warum dieser Name nicht zutreffend ist. Und Spinney analysiert die Auswirkungen der Spanischen Grippe auf die damalige Gesellschaft. Dabei findet natürlich ein anderes Ereignis immer wieder Erwähnung – der Erste Weltkrieg. Spinney versucht die Auswirkungen dieser beiden Ereignisse auseinanderzudröseln. Gar nicht so einfach, da der Erste Weltkrieg schon damals viel mehr in der Erinnerung verankert war. Spinney stellt zwar fest, dass in den letzten Jahren ein vermehrtes Interesse an dieser Pandemie, die 1918 über die Welt hereinbrach, besteht – aber so richtig aus dem Schatten des Ersten Weltkriegs ist sie bisher nicht herausgetreten. Und das, obwohl schätzungsweise zwischen 50 und 100 Millionen Menschen an der Spanischen Grippe starben – zum Vergleich: im Ersten Weltkrieg starben 17 Millionen Menschen. Und tatsächlich weiß ich noch, dass mich diese Zahlen sehr erschreckt haben, als ich das erste Mal von der Spanischen Grippe las. Da war ich doch erstaunt, dass ich von dieser Pandemie, die so vielen Menschen das Leben kostete, so viel weniger gehört hatte, als vom Ersten Weltkrieg. Laura Spinney versucht diesen Umstand, dass die Spanische Grippe so lange eine Randnotiz der Geschichte war, zu erklären.

Mir hat das Buch die Spanische Grippe auf jeden Fall anschaulich näher gebracht. Natürlich können viele Informationen heute, nach gut 100 Jahren, nicht mehr letztlich verifiziert werden. Aber die verschiedenen Vermutungen und Theorien werden vorgestellt und erläutert.

Besonders interessant las sich der Ausblick zum Ende des Buches. Wann wird es die nächste gefährliche Grippepandemie geben? Oder wird es einen anderen Erreger geben, der eine Pandemie auslöst? Äh, ja… Hätte ich das Buch tatsächlich schon das erste Mal, als es mir in die Hände fiel, gelesen, hätte mich die ganze Coronageschichte vielleicht ein kleines bisschen weniger überrascht.

Wer sich also mal mit einer anderen Pandemie als der aktuellen beschäftigen möchte, dem sei 1918 – Die Welt im Fieber sehr empfohlen. Hier geht es zu den Katalogdaten.

lga

Kinderbuchtipp: „Despereaux“ von Kate diCamillo

Wir hatten vor Jahren wohl mal ein Projekt für Schulkinder rund um das Kinderbuch „Despereaux“ von Kate diCamillo geplant, aber daraus wurde dann nichts. Ich hatte das Buch nie komplett gelesen, aber trotzdem für mich gekauft. Vielleicht wollte ich es verschenken. Jedenfalls lag es in einem Umzugskarton und fiel mir jetzt eher zufällig wieder in die Hände. Zwischen zwei nicht gerade leichten Romanen sollte das Kinderbuch eine kleine auflockernde Lektüre sein. Aber leichte Kost ist „Despereaux“ nun auch wieder nicht.

Die ungewöhnliche, kleine Maus mit den großen Ohren, die sich mit ihren besonderen Vorlieben von allen anderen Mäusen unterscheidet und sich dann auch noch ausgerechnet in eine Prinzessin verliebt, muss durchaus gruselige Abenteuer bestehen. Auch den anderen Figuren wird nichts erspart – nicht gerade eine Geschichte für zarte Gemüter. Kate diCamillo erzählt ganz lakonisch von grausigen Verliesen, von Tod und Misshandlung. Aber sie schreibt auch in poetischen und märchenhaften Bildern und Worten von Mut, Fantasie und Mitgefühl, von der Kraft des Verzeihens und der Liebe.
Ja, vor allem von der Liebe.

Eine Aventiure, wahrhaftig eine Heldenreise für eine kleine tapfere Maus, aber auch für eine verständnisvolle Prinzessin mit dem seltsamen Namen Erbse, für ein armes und leider auch sehr einfältiges Mädchen, das auch einmal Prinzessin werden will, und für einen König, der in seiner Trauer jedes Maß verloren hat, ja, sogar für eine fiese Ratte, die sich nach dem Licht sehnt.

Despereaux und Prinzessin Erbse entsprechen nicht den üblichen Klischees der Märchenhelden und erfüllen doch gerade deswegen alle Voraussetzungen, um am Ende zu bestehen. Allerdings gehört auch noch märchenhaftes Glück dazu.

Das ist kein Kinderbuch für Leseanfänger, keine simple Märchengeschichte. Eher eine Fabel. Und die passt sogar erstaunlich gut in unsere jetzige Zeit: Diese falschen Versprechungen und Verführungen, diese scheinbar einfachen Antworten, mit denen intrigante Ratten die Leichtgläubigen und Hilflosen in die Irre führen und quälen, erinnerten mich doch sehr an so ein paar zeitgeschichtliche Parallelen.

Nun, gute Märchen bieten für alle Zeiten Denkanstöße und Interpretationsspielraum. Despereaux würde ich in genau diese Kategorie packen. Das preisgekrönte Kinderbuch von Kate DiCamillo ist darüber hinaus auch sprachlich bezaubernd schön, allerdings eben auch anspruchsvoll.

Vielleicht wäre das wirklich ein schönes Schülerprojekt, Teil eines literarischen Märchen- und Fabelprojekts für eine Sekundarstufe I zum Beispiel.

Jedenfalls ist dieser verträumte, lesekundige, hoffnungslos verliebte Despereaux, der seine Furcht überwindet, um das Unmögliche zu erlangen, ein wahrer Held, ein wunderbarer Klassiker.

Es gibt übrigens auch eine Verfilmung, den Zeichentrickfilm von 2008 haben wir aber nicht mehr in unserem Bibliotheksbestand. Das Buch aber schon: hier.

HilDa


Buchtipps gegen das Sommerloch

Wir haben die Kolleginnen und Kollegen nach ihren Lesetipps für diesen Sommer gefragt und werden diese so nach und nach hier veröffentlichen.

Viel Freude beim Lesen!

Buchtipp: „Frühling“ von Ali Smith

Nach Herbst und Winter kommt Frühling. Und dann auch Sommer – letzteres ist soeben erschienen und schon auf der SWR-Bestenlisten unter den 10 von Literaturkritikern besonders empfohlenen Neuerscheinungen. Ich bin aber gerade erst mit „Frühling“ fertig geworden.

Die Rede ist, manche ahnen es wohl schon, von der nach den Jahreszeiten benannten Roman-Tetralogie der britischen Autorin Ali Smith. Die beiden ersten Titel wurden hier bereits vorgestellt („Herbst“; „Winter“). Nun also „Frühling“.

Wieder ist es nicht leicht, den Inhalt wiederzugeben, obwohl mir dieser Roman einfacher konstruiert erscheint – vielleicht weil ich nun den Stil der Autorin kenne. Ali Smith erzählt nicht linear; sie lässt die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven wachsen, dadurch beginnt sie immer wieder neu aus einer anderen Richtung, einer anderen Zeitebene. In einem Kaff in Schottland treffen die Protagonisten zusammen, die scheinbar nichts gemein haben. Auf einer ruckelig-unbequemen Fahrt nach Inverness in einem Catering-Van mit nur einer Sitzbank kommen sie sich buchstäblich näher. Und auf einem historischen Schlachtfeld … – aber nein, ich will nicht vorgreifen.

Ein alter, einst zumindest in intellektuellen Kreisen bekannter Dokumentarfilmer sucht nach einem Sinn in seinem neuen Auftrag, ein Film über eine Fast-Begegnung zweier literarischen Größen des frühen 20. Jahrhunderts: Rainer Maria Rilke und Katherine Mansfield. Zugleich versucht er seine Trauer über den Tod seiner langjährigen Mitarbeiterin und Freundin zu verarbeiten.

Eine Frau vom Wachdienst einer geschlossenen Anstalt für Flüchtlinge verfolgt spontan ein Mädchen, das feengleich und ganz unerklärlich in der Anstalt aufgetaucht war und Veränderungen bewirkt hatte – nur kleine Verbesserungen, aber wie durch Zauberhand. Oder hat das außergewöhnliche Kind hypnotische Fähigkeiten?

Eine Aktivistin will über ein geheimes Netzwerk Menschen retten und Flüchtlinge verstecken.

Zwei gegensätzliche Frauen, ein desillusionierter Mann und ein Mädchen. Das Mädchen scheint der Schlüssel. Traumwandlerisch verbindet sie die Personen miteinander, für die sich danach alles verändern wird.

Wieder benutzt Ali Smith surreal wirkende Szenen. Waren es in „Herbst“ die Träume eines in tiefer Bewusstlosigkeit liegenden alten Mannes am Ende seines Lebens, waren es in „Winter“ die Visionen einer Frau mit den ersten Anzeichen einer Demenz, so sind es in „Frühling“ eher märchenhafte Elemente.

Aber auch Märchen gehen nicht immer gut aus; manche, und gerade die wahrhaftigsten, haben kein Happy End á la „sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage“-Blabla. Nein, am End sind vielleicht alle froh, wenn sie überhaupt wieder oder noch irgendeine Perspektive haben.

Immerhin: Der Frühling steht für Hoffnung. Die Hoffnung, auf einen neuen Anfang. Niemand sagt, dass das leicht wird. Auch Ali Smith nicht.

Eine beeindruckende Romanreihe.

HilDa

PS: Der „Sommer“ ist auch geliefert und eingearbeitet: hier.


Buchtipps gegen das Sommerloch

Wir haben die Kolleginnen und Kollegen nach ihren Lesetipps für diesen Sommer gefragt und werden diese so nach und nach hier veröffentlichen.


Viel Freude beim Lesen!