Systemrelevant? Echt jetzt?

Zu Beginn des letzten Jahres sah es für kurze Zeit so aus, als würde mit dem Begriff „systemrelevant“ endlich das Augenmerk auch mal auf die Menschen gelenkt, die mit ihrer Arbeit so viel für unser Gemeinwohl und das Funktionieren unseres Alltags tun – oft nur gering entlohnt oder gar unbezahlt. Aber längst wird der Begriff inflationär gebraucht und nahezu jeder beansprucht diese Zuschreibung für sich, seine Berufsgruppe oder seinen gesellschaftlichen Beitrag. Und bei der Frage, wer oder was ist denn nun relevanter, scheiden sich erst recht die Geister.

Sollten wir da nicht einmal fragen: relevant okay, aber in welchem System? In welchem Zusammenhang?

Ich erinnere mich an eine Übung bei einem Seminar vor etlichen Jahren. Wir sollten uns einen Astronauten vorstellen, der mit seinem Raumschiff auf einem fremden Planeten notlanden musste. Hilfe kann erst in einigen Wochen kommen. Es gibt da aber eine verlassene, noch funktionierende Versorgungsstation mit allem, was er für die nächsten Wochen benötigt – nur leider drei Tagesmärsche entfernt. Er muss jetzt aus seinem defekten Raumschiff die wichtigsten Sachen mitnehmen, die sein Überleben bei diesem Marsch ermöglichen. Unsere Aufgabe: Wir sollten eine Liste erstellen, 40 Dinge waren vorgegeben, die mussten nach der Relevanz sortiert und von 1 – 40 durchnummeriert werden.

In unserem Team brach schon gleich über die Position 1 Streit aus. Trinkwasser sei eindeutig das Wichtigste überhaupt, so lernt man es z. B. bei der Bundeswehr; ja selbst mit normalem Schulwissen ist doch klar: Ohne Wasser überlebt man keine drei Tage, bei körperlicher Anstrengung sogar deutlich weniger. Dagegen wirkten die sperrigen Sauerstoffflaschen erst einmal überflüssig, damit sollte der Astronaut lieber nicht belastet werden, schließlich waren sie fast das Schwerste auf unserer Liste.

Wie lange überlebt man noch mal ohne Sauerstoff?

Nirgendwo in der Testbeschreibung stand, dass es auf diesem Planeten atembare Luft gäbe. Allerdings stand da auch ebenso wenig das Gegenteil. Mit unserer normalen Raumschiff-Enterprise-Erfahrung gingen einige also zunächst einmal von letzterem aus. Luft ist doch normal!

Outdoor-Wasserflaschen

Aber Moment mal: Notlandung, fremder Planet! Ist nicht die Erde mit ihrer Sauerstoff-Stickstoff-Atmosphäre ganz einmalig? Zumindest ist bisher kein anderer auch nur annähernd ähnlicher Himmelskörper bekannt. Außer natürlich bei Raumschiff Enterprise und Co. Das brachte aber die Trinkwasser-Fraktion nicht ins Wanken. Da stehe nicht ausdrücklich „toxische Atmosphäre“, also könnten wir getrost davon ausgehen, dass dieser fremde Planet erdähnlich sei.

Nur wenn wir uns irrten, wäre unser Astronaut schon nach Sekunden bewusstlos und in drei Minuten tot. Tja, aber zumindest mit ausreichend Wasser für die nächsten Tage auf dem Rücken.

Den Ausschlag in unserer Diskussion gab dann, dass ich von einem ähnlichen Test schon mal gelesen hatte, ich konnte mich an die ersten beiden Positionen noch sehr gut erinnern: Sauerstoffflaschen! Und dann Trinkwasser. So kam in unserem Team dann doch eine Mehrheit für diese Reihenfolge zusammen, allerdings nur erstaunlich knapp und immer noch unter Protest einiger lautstarker Mitglieder; es war durchaus schwer, sich gegen sie durchzusetzen. Mein Wissen wurde angezweifelt: Ähnlicher Test, aber nicht exakt der gleiche; und an die anderen Positionen konnte ich mich ja nicht mal erinnern, da stimmte wohl etwas mit meinem Gedächtnis nicht; auch fehlten die Beweise, denn blöderweise hatte ich den zufällig in der Bibliothek gelesenen Zeitschriftenartikel ja nicht dabei.

Selbst als dann am Ende das offizielle Ergebnis unser Ranking mit Sauerstoff auf Platz Eins bestätigte, wurde gemurrt: unfaires Szenario, die Informationen waren unvollständig, die Aufgabe nur mit Insiderwissen zu lösen; man selbst hatte aber doch anderes gelernt und was bisher immer richtig war, könne doch jetzt nicht plötzlich falsch sein. Und überhaupt, ohne Trinkwasser wäre der blöde Astronaut dann eben später gestorben. Die Seminarleiter mussten die Diskussion, die auch nach der Bekanntgabe des Ergebnisses noch heftig weiterging, endlich abbrechen. Im Leben sei das eben manchmal so, dass man Entscheidungen treffen müsse, ohne vollständige Informationen zu haben. Und ja, das Leben ist unfair.
Ach.

Manchmal trifft man falsche Entscheidungen und hat mit dem derzeitigen Kenntnisstand sogar gute Gründe dafür. In unserem Fall hätte das zwar tödliche Folgen für den von uns betreuten Astronauten gehabt – zum Glück für ihn war er ja nur fiktiv.

Wenn sich plötzlich die Verhältnisse ändern, können die bisherigen Erfahrungen und Intuitionen in die Irre führen. Die Gefahr für eine Fehlentscheidung ist größer, wenn nur ein Einzelner entscheidet. Besser ist ein Team, das unterschiedliche Kenntnisse und Erfahrungen einbringt, sich bespricht und abstimmt. Wichtig ist dabei die Kommunikation innerhalb des Teams, der Respekt vor dem Wissen anderer, das Zuhören und Abwägen miteinander.

Die Diskussion muss aber auch irgendwann zu einem Ergebnis führen, vor allem, wenn die Zeit drängt. Die Verantwortung für die Konsequenzen tragen alle gemeinsam. Weder ein besserwisserisches „Ich hab‘s ja gleich gesagt“ noch ein kleinlautes „Hätten wir doch …“ könnte das Leben des Astronauten im Nachhinein wieder zurückholen. Aber aus Angst vor einer Fehlentscheidung lieber gar nichts machen, hilft eben auch nicht.
Tja, nachher weiß es dann natürlich jeder besser.

Bei unserem Seminar ging es gar nicht um die eine perfekte Lösung. Die Seminarleiterinnen wollten nur unsere Art der Entscheidungsfindung beobachten. Mir ist in Erinnerung geblieben, wie schwer es ist, sich gegen vermeintlich sicheres Wissen durchzusetzen, zumal wenn dieses vehement und lautstark vertreten wird.

Übrigens gab es einige Positionen in dem Übungsergebnis, die ich auch fragwürdig fand. Warum stand das Familienfoto, das für den Astronauten sicherlich eine stark motivierende Bedeutung haben konnte, ganz weit hinten im Ranking, obwohl es doch kaum Platz oder Gewicht beanspruchte? Solche Herzens-Gegenstände können eine ganz eigene Relevanz entwickeln, die selbst der Astronaut nicht vorhergesagt hätte; aber er hätte spontan sicher anders entschieden als die Wissenschaftler und Ingenieurinnen im Controlcenter auf der Erde.

Und dann waren da noch einige Gegenstände auf der Liste, die völlig unsinnig für seinen gefährlichen Marsch erschienen – aber aus diesen Einzelteilen ließ sich mit etwas Geschick und Können ein Handkarren oder Schlitten bauen, der es wiederum erlaubte, noch mehr überlebenswichtige Gegenstände mitzunehmen. Muss man nur erst einmal drauf kommen: Um-die-Ecke-Denken, Improvisation und Kreativität sind für einen Lösungsansatz womöglich genauso wichtig wie Wissen.

In den letzten Monaten musste ich oft an diesen einsamen Astronauten und unsere Entscheidungen für ihn denken. Wenn uns unsere bisherigen Erfahrungen kaum weiterhelfen? Wenn wir sogar darüber streiten, was denn nun das Lebensnotwendigste in einer Krisensituation ist? Wie soll dann noch geklärt werden, was für jeden persönlich gerade besonders wichtig ist, z. B. weil er Ermutigung und Trost braucht.

Bei Mark Watney in „Der Marsianer“ waren es ja auch nicht nur die Vorräte und die selbst angebauten Kartoffeln, die ihn über Monate am Leben hielten. Die einzige Musik, die ihm zur Verfügung stand, war so gar nicht nach seinem Geschmack, aber sie beflügelte und ermutigte ihn trotzdem in seiner monatelangen Einsamkeit, und letztlich half auch sie ihm, das fast Unmögliche zu schaffen und allein auf dem Mars zu überleben. (Film und Buch wirken fast, als wären sie aus „unserem“ Test-Szenario entstanden 😉 .) Den empfehlenswerten SF-Roman hatten wir übrigens schon mal im Blog vorgestellt.

Die eine perfekte Lösung kann es gar nicht geben. Es ist schon schwer genug, für das Wohl eines Astronauten, äh, einer Person zu entscheiden. Für viele Personen oder gar für eine ganze Gesellschaft kann eine Festlegung, egal wie und von wem sie getroffen wird, einfach nicht tadellos gelingen. Wir könnten ewig diskutieren und streiten, wir könnten noch so viel Fach- und Expertenwissen einfordern – aber auch das hätte Konsequenzen, wenn darüber die Zeit davonläuft. Und je komplexer die Zusammenhänge, die dabei bedacht werden müssen, desto unmöglicher ist es, allem und jedem gerecht zu werden. Binsenweisheit.

Noch einmal zurück zum Anfang und dem Fragezeichen in der Überschrift. Der Begriff der Systemrelevanz funktioniert höchstens, wenn der Rahmen, innerhalb dessen er wirken soll, klar definiert ist. So ohne Zusammenhang dahin geworfen, halte ich ihn schlicht für ein aufgeblasenes Modewort. (Dass der Begriff ursprünglich nur im Zusammenhang von Bankenkrisen und Insolvenzen von Großunternehmen gebraucht wurde, macht ihn mir auch nicht sympathischer; siehe hier).

Unsere komplexe arbeitsteilige Gesellschaft funktioniert tatsächlich nur, wenn viele Dienste und Arbeiten ineinandergreifen, da ist viel mehr relevant, als wir bisher in unserem Alltag wahrgenommen haben. Wenn uns der Lockdown dafür die Augen geöffnet hätte, wäre das ja schon ein Gewinn.

Natürlich habe ich diesen überlangen Artikel nicht geschrieben, um jetzt ausgerechnet meine Profession und Öffentliche Bibliotheken allgemein für absolut systemrelevant zu erklären oder um das Lesen als „so wichtig wie die Luft zum Atmen“ zu bewerten. Das wäre doch wohl vermessen! Für den langen Marsch über die lebensfeindliche Planetenoberfläche hätte ich auf mein Lieblingsbuch verzichtet und lieber eine zusätzliche Sauerstoffflasche geschleppt!

Aber für die lange Einsamkeit in der Raumstation hätte ich dann doch gerne den Zugriff auf eine umfangreiche Datenbank voller Wissen und Ideen, auf Literatur, Musik, Filme, Theater- und Opernaufzeichnungen, Konzerte …

Und dass ich damals für unser Astronauten-Szenario den entscheidenden Hinweis einbringen konnte, weil ich zufällig in einer Zeitschrift aus unserer Bibliothek davon gelesen hatte, habe ich doch auch irgendwie geschickt mit einfließen lassen, oder?  🙂

Ebenso wie die auf den Fotos eingeschmuggelten Buchtipps unseres kleinen Astronauten, die ja eigentlich gar nichts mit dem Thema zu tun haben; aber man weiß ja nie, wann sie in irgendeinem Zusammenhang mal relevant werden könnten 😉 :

Ach, habt einfach viel Freude beim Lesen.

HilDa

 

 

 

 

Lieblingsklassiker: Vom Winde verweht

Mit Olivia de Havilland ist nun auch die letzte Grand Dame der goldenen Hollywood-Ära von uns gegangen. Für viele stand ihr Name unter anderem für die Rolle der Melanie in dem Südstaaten-Epos „Vom Winde verweht“ von Margaret Mitchell. Lieblingsbuch und Lieblingsfilm– Grund genug, den Klassiker einmal vorzustellen.

Entschuldigt, das Exemplar ist schon etwas älter 🙂

„Vom Winde verweht“… fast jedem sind diese drei Worte ein Begriff. Dahinter verbirgt sich ein gewaltiges Buch und ein ebenso monumentaler Film. Ich werde mich in diesem kleinen Beitrag mehr mit dem Film und allem drumherum beschäftigen weil dieser einfach irgendwie ein Muss ist. Über die Geschichte lasse ich mich nicht aus, ich denke die meisten von euch wissen grob, worum es geht. Und wenn nicht – einfach anschauen! 🙂

Vier Stunden müssen wir vor dem Fernseher verbringen, damit wir über die (Liebes-)Geschichte von Scarlett, Rhett, Melanie und Ashley vollends im Bilde sind. Aber bereuen tut man keine Sekunde. Gedreht wurde er 1939 und kostete 4 Millionen Dollar, für die damalige Zeit ein Vermögen.
Bei der Oscarverleihung 1940 erhielt Hattie McDaniel als erste Schauspielerin afroamerikanischer Herkunft einen Oscar als beste Nebendarstellerin für die Rolle als „Mammy“. Auch Vivian Leigh wurde ausgezeichnet- sie erhielt den Oscar als beste Hauptdarstellerin.

Randnotiz: Es war die Oscarverleihung, bei der „Over the rainbow“ als bester Filmsong gewann. Zu dieser Zeit wurden zwei Preise für die beste Kamera verliehen: Farbfilm und Schwarz/Weiß-Film. Lang lang ist’s her. Ich werde ganz nostalgisch.

Aber zurück zum Film. Die Figur der Scarlett O’Hara wird oftmals als „Südstaatenschönheit“ bezeichnet, von Vivian Leigh perfekt umgesetzt: „Der Begriff Southern Belle („Südstaatenschönheit“) bezeichnet ein in der amerikanischen Kultur weitverbreitetes Stereotyp einer jungen, gebildeten und kultivierten schönen weißen Frau aus den amerikanischen Südstaaten, die, obschon oft flirtend, eine Ausstrahlung der Prüderie mit sich bringt.“  (Wikipedia) Auch die Kostüme sind eine Wucht. Der arme Kostümbildner hatte einiges zu tun, denn vor allem die Damenmode machte einige Wandlungen durch: Vorkriegs-Reifrock-Kleider samt Hüten, Handschuhen und allerlei anderem Zubehör, schlichtere, aus der Not heraus geborene Mode während des Krieges und die Nachkriegskleidung mussten entworfen und produziert werden.

Berühmte Zitate oder Dialoge hat der Film auch hervorgebracht. Allen voran Rhett Butlers „Frankly, my dear, I don’t give an damn“. („Offen gesagt ist mir das gleichgültig“) Ich verrate nicht, wann Clark Gable diese Wörter ausspricht, das wäre ein Spoiler. 😉
Am Besten hat mir jedoch immer Scarletts Gedankengang gefallen: „Ich muss darüber nachdenken. Aber nicht jetzt. Verschieben wir’s auf Morgen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

kwk

Serien-Tipp: The night manager

Ja ich weiß, ganz neu ist die Mini-Serie nicht. Aber gut ist sie allemal. Kurz vorweg: Der Spionageroman (Thriller) „Der Nachtmanager“ von John le Carré erschien bereits 1993, für die Verfilmung wurde das Geschehen in die heutige Zeit gelegt.

Es beginnt in Kairo in einem Luxushotel. Auf den Straßen herrschen die Unruhen des arabischen Frühlings, das Hotel selbst ist eine Oase der Ruhe. Zum Personal zählt der britische Ex-Soldat Jonathan Pine (Tom Hiddleston), er hält als Nachtmanager im Dunkeln die Zügel in der Hand. Entgegen seiner Gewohnheit lässt er sich in private Angelegenheiten einer seiner Gäste verwickeln: Sophie, die Geliebte des ägyptischen Geschäftmanns Freddie Hamid, weiß um dessen Beziehungen zu Richard Roper (Hugh Laurie). Einem undurchsichtigen Waffenhändler wie er im Buche steht. Sie bittet Pine um Hilfe, doch bei dem Versuch Kontakt zum britischen Geheimdienst aufzunehmen, wird Sophie ermordet. Pine fühlt sich mitschuldig an ihrem Tod und lässt sich vom MI6 als Undercover-Agent anwerben um in Ropers Nähe zu gelangen. Ein äußerst gefährlicher Einsatz, denn Ropers bezaubende Frau Jed und sein Handlanger Corcoran (Tom Hollander) machen ihm das Leben nicht einfach.

Der Vorspann, in dem Kristalle, Sektgläser und ein Tee-Service zu Bomben, Granatwerfern und ähnlichem mutieren, lässt die Gedanken zu James Bond aufkommen.
Doch die Serie kommt sehr gut ohne Action-Szenen aus und einen Aston Martin gibt es auch nicht. Die Handlung lebt von den Dialogen zwischen Laurie und Hiddleston. Und nicht zu vergessen: Olivia Colman. Die fungiert als Pine’s MI6-Kontakt und hat den Männerclub in ihrer Behörde gründlich satt.
Great Britain at its finest eben.

Gefilmt wurde vor toller Kulisse unter anderem auf Mallorca und der Türkei. Das lässt trotz manchmal etwas altbacken erscheinender Agentenmethoden (verstecken hinterm Reiseführer) Kinofeeling aufkommen. 🙂

Hier findet ihr die DVD und das Buch in unserem Bestand.

kwk

Imaginäre Linien

Ich liebe es schon seit meiner Kindheit, in den Sternenhimmel zu starren. Da war zum Beispiel der Campingurlaub an der Nordsee vor vielleicht 45 Jahren. Ich sah einen kleinen Lichtpunkt über den Nachthimmel ziehen und habe prompt lauthals verkündet, ich hätte einen Planeten entdeckt – heißen die doch Wandelsterne, weil sie sich im Gegensatz zu den Fixsternen am Himmel bewegen. Hatte ich gelesen. Vielleicht in meinem Lieblingsbuch: „Die Sterne“ aus der Was-Ist-Was-Reihe.
Nun ja, wie sich herausstellte, ist die Planeten-Bewegung nicht ganz so, wie ich sie mir nach meinem theoretischen „Studium“ vorgestellt hatte, jedenfalls nicht so schnell. Mein Vater erklärte mir, das da oben sei ein Sputnik. Allein dieses Wort versöhnte mich: Ich hatte einen Sputnik entdeckt, klingt doch auch toll. Es brauchte eine Weile, bis ich begriff, dass der erste künstliche Satellit der Menschheit „Sputnik“ hieß und mein Vater den Namen als Synonym für alle Satelliten im Erdorbit nutzte.

Mit ein bisschen Geduld lassen sich erstaunlich viele davon in einer sternklaren Nacht beobachten, allerdings sind die kleinen, rasenden Lichtpunkte nicht immer leicht von hochfliegenden Flugzeugen zu unterscheiden. Für mich wurde es zu einer Lieblingsbeschäftigung, am Lagerfeuer auf Satellitenjagd zu gehen. Selbst heute stehe ich manchmal auf dem Balkon, um nach der ISS (Internationale Raumstation) Ausschau zu halten; die kann man in manchen Nächten als sehr deutlichen Lichtpunkt beobachten, wenn man die genaue Zeit des Überflugs weiß und wenn die Raumstation oben im Orbit noch von der Sonne angestrahlt wird, während es bei uns unten schon dunkel genug ist. Zu meiner Überraschung bin ich nicht die einzige, in den Sozialen Medien werden die ISS-Beobachtungen geteilt und nicht selten mit Fotos dokumentiert; auch wenn nur eine Lichtlinie zu erkennen ist, ein beliebtes Motiv.

Planeten erkenne ich ja bis heute nicht, außer natürlich den Abend-/Morgenstern = Venus, das ist leicht. Aber der Mars hebt sich leider nicht knallrot von all den anderen Lichtpunkten am Himmel ab, Jupiters großer roter Fleck oder die Ringe des Saturn sind mit bloßem Auge nicht zu erkennen – das sieht im Buch doch alles viel einfacher aus.

 

Übrigens sind auch Sternbilder am echten Himmel nicht mit Linien verbunden wie in den Sternkarten. Als Kind hatte ich mir jedenfalls die Orientierung am Nachthimmel leichter vorgestellt. Und wenn mein Vater mit dem Finger imaginäre Linien zwischen einigen Sternen zog, um mir den Kleinen Wagen und den Polarstern zu zeigen, konnte ich nicht folgen: Da sind einfach zu viele Sterne am Himmel.

Ich wollte tatsächlich einmal Astronomin werden und irgendwann fantastische Entdeckungen in den unendlichen Weiten machen. Oh, und wäre es nicht wunderbar, einmal mit einem Raumschiff unsere Erde aus dem Weltall zu sehen? Oder zwischen den Ringen des Saturn hindurch zu fliegen? Auf einem Kometen zu landen?
Hach ja, Kindheitsträume.
Ich wollte übrigens auch als Archäologin oder Tiefseeforscherin Atlantis entdecken, ein nachhaltiges Bewässerungssystem für die Sahara entwickeln, eine großartige Schriftstellerin und berühmte Schauspielerin werden und bei den nordamerikanischen Indianern leben.

 

 

Wenn ich heute in den Himmel schaue, erkenne ich gerade mal eine Handvoll Sternbilder: den Großen und den Kleinen Wagen (somit finde ich jetzt auch den Polarstern, lieber Papa), dann sind da noch Orion mit seinen drei markanten Gürtelsternen und Cassiopeia, dieses große, etwas windschief wirkende W; und die Plejaden, die für die ersten Bauern in Mitteleuropa eine große Bedeutung gehabt haben müssen, sind sie doch auf der „Himmelsscheibe von Nebra“ dargestellt – wohl der spannendste archäologische Fund in Deutschland während der letzten Jahrzehnte.

Zu den Ringen des Saturn hat mich das Internet gebracht – da sind die faszinierenden Bilder, die die Raumsonde Cassini von dem Planeten, seinen Monden, seinem wunderbaren Ringsystem aufgenommen hat. Ich war auch live dabei, als die Sonde Rosetta den Kometen Tschurjumow-Gerassimenko (Tschuri) umkreiste und der Lander Philae leider in einer Spalte verloren ging.
Das Hubble-Teleskop hat Bilder aus den Tiefen des Raums gemacht, soweit ist nicht einmal das Raumschiff Enterprise geflogen. Und der Wissenschaftler und Astronaut Alexander Gerst vermittelt mir die Sicht auf unsere Erdkugel aus dem Orbit heraus. Über ein Projekt des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt DLR (Projekt_4D Die Zeitkapsel) sind sogar ein paar Fotos mit Erinnerungen an meinen Bruder und meine Mutter ins All geflogen und haben auf der ISS viele Male unseren Heimatplaneten umrundet. All das hätte sich mein 10jähriges Ich nicht vorstellen können, bei aller Phantasie nicht.

Ich bin nicht Forscherin oder Schriftstellerin geworden, nicht mal Indianerin 😉 . Ich wurde Bibliothekarin – und all meine Interessensgebiete sind für diesen Beruf relevant und nützlich: Von meiner kindlichen Sputnik-Jagd führen für mich Verbindungslinien zur Astronomie, zur Raumfahrtgeschichte, zur Frühgeschichte, Archäologie und Mythologie, auch zur Science Fiction und überhaupt zu Film und Literatur, natürlich zu meinem Beruf und zu meiner Familie – alles hängt irgendwie zusammen. Wenn ich in einer klaren Nacht hinauf in den Sternenhimmel schaue, fühle ich mich für einen Augenblick mit allem verbunden.
Und manchmal habe ich das gleiche Gefühl, wenn ich in der Bibliothek stehe.
Das Leben, das Universum und der ganze Rest.
Ach, Ihr wisst schon.

HilDa

Wer sich auch für das eine oder andere aus diesem Beitrag interessiert, hier ein paar Empfehlungen:

  • Die Sterne  (Was ist was ; Band 6) – der Klassiker und auch heute noch ein guter Einstieg für Sternengucker;
  • Rätsel der Galaxis: wie Wissenschaftler die Milchstraße erforschen – DVD aus der Reihe „Geo kompakt“, tolle Bilder und zusammen mit dem Themenheft Die Milchstraße : Forscher revolutionieren das Bild unserer kosmischen Heimat (Geo kompakt ; Nr. 39), eine gute Einführung in den heutigen Stand der Wissenschaft;
  • Space Tomorrow : Faszination Weltall – Abenteuer Raumstation (DVD) und Mission im All  (DVD) –  ich mag Alexander Gerst und wie er die Welt erklärt; dazu auch hier tolle Bilder;
  • Die Himmelsscheibe von Nebra : der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas / von  Harald Meller und Kai Michel und  Die Himmelsscheibe von Nebra [DVD];
  • Das Universum: ein Reiseführer – klingt witzig vom Konzept her: Reiseführer der Lonely Planet Reihe sind eigentlich immer empfehlenswert, aber einmal Universum und zurück nur leider ohne Raumschiff? Diesen Titel schaue ich mir demnächst mal genauer an;
  • Nein, Winnetou ist kein Witz. Ich hatte eine ausgeprägte Karl-May-Phase und die Winnetou-Bücher haben meine Neugierde geweckt: auf andere Kulturen (nicht nur Indianer) und ihre Mythen und Geschichten;
  • Das Leben, das Universum und der ganze Rest – der 3. Teil der „Per Anhalter durch die Galaxis“- Romane, wer die noch nicht kennt, sollte das mindestens mit dem ersten Band nachholen, selbst wenn Ihr Science Fiction eigentlich gar nicht mögt. Und auch die anderen Bücher von Douglas Adams sind übrigens lesenswert.

Filmtipp: Inception

Ein Film, der mir schon seit dem ersten Mal sehen im Gedächtnis geblieben ist und den ich mir immer wieder ansehen kann ist Inception.

Christopher Nolan inszeniert hier mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle einen sehr vielschichtigen Film, bei dem man als Zuschauer ständig aufmerksam sein muss.

Das vom Militär erfundene Traum-Sharing, bei dem mehrere Träumer denselben Traum miteinander erleben und gestalten können, wird mittlerweile auch genutzt, um Geheimnisse aus dem Unterbewusstsein von Menschen zu extrahieren und zu stehlen. Ein solcher Extractor ist der von DiCaprio verkörperte Dom Cobb. Doch sein neuester Auftrag lautet nicht einen Gedanken auszulesen, sondern einen Gedanken einzupflanzen. Dies gilt als extrem schwierig, doch Cobb lässt sich auf den Deal ein. Mit seinem Team entwirft er einen Plan, wie sie Robert Fischer, dem Erben eines riesigen Konzerns, den Gedanken einpflanzen, diesen Konzern nach dem Tod seines Vaters aufzuteilen. Dieser Plan beinhaltet gleich mehrere Traumebenen. Ein Traum in einem Traum in einem Traum.

Mir gefiel immer schon die durch die verschiedenen Traumschichten in einander verschachtelte Handlung. Nicht alle Teammitglieder steigen auf alle Traumebenen mit hinab, sodass die Handlung zwischen den verschiedenen Traumebenen hin und her wechselt. Auch die visuellen Effekte finde ich beeindruckend. So zum Beispiel, wenn die von Ellen Page verkörperte Ariadne zum ersten Mal einen Traum gestaltet und dabei gleich eine ganze Stadt auf den Kopf stellt.
Auch den Soundtrack von Hans Zimmer finde ich ziemlich gelungen.

Für alle, die den Film noch nicht kennen, ihn mal wieder sehen oder einmal in den Soundtrack hineinhören möchten: Hier geht es zu den Katalogdaten.

lga

DVD-Tipp: Lascaux – Prähistorische Kunst in der Höhle

Der Sachfilm (unsere Katalogdaten hier) gehört zur Reihe „Palettes – Faszinierende Entdeckungsreisen ins Reich der Malerei“ von Alain Jaubert. In der gleichen Hülle leiht man auch den Film „Malerei der Antike: Euphronios, Faijum, Pompeji“ mit aus, auf den ich hier aber nicht weiter eingehe (nur so viel: auch er ist sehenswert).

Ich interessiere mich insgesamt für Vor- und Frühgeschichte, da fasziniert mich die frühe Höhlenmalerei natürlich auch. Denn näher kann man den Menschen aus der frühen Steinzeit nicht kommen als über ihre Kunst. Auch wenn wir wohl nie verstehen werden, was die Menschen vor zigtausend Jahren bewegte, wie sie dachten, was sie wollten. Aber die Vorstellung über Rituale und Feste, die über viele Generationen hinweg von diesen Bildern geprägt waren, die Mythen und Geschichten, die mit ihnen erzählt wurden – da braucht es nicht viel Phantasie, um diese Zeichnungen und Ritzungen wieder lebendig werden zu lassen.

Wirklich beeindruckend ist die Kunstfertigkeit, mit der die Tiere und Symbole an die Höhlenwand gebannt wurden: so viel handwerkliches Know-How, so viel Wissen über die dargestellten Tierarten, ihre Anatomie, ihre Bewegung, dann diese überraschenden Perspektiven, die Abstraktionen, die unterschiedlichen Techniken.

Der Film zeigt auch die Werkzeuge und Farben, die gefunden werden konnten; Wissenschaftler und heutige Künstlerinnen versuchen, die verschiedenen alten Techniken zu rekonstruieren. Doch viele Fragen bleiben offen. Interpretationen und die Schlussfolgerungen über Lebensart und Glauben der Menschen vor ca. 20.000 Jahren bleiben sowieso spekulativ. Aber diese Kunst berührt auch ohne Erklärung.

Die Höhle von Lascaux in der Dordogne wurde 1940 zufällig entdeckt, sie ist bereits recht gut erforscht und dokumentiert. Es gibt Nachbildungen, Bildbände und eben auch filmische Dokumentationen, durch die wir diese Kunst erleben können, denn die Höhlengänge selbst sind natürlich nicht öffentlich zugänglich.

Lascaux ist nur ein Beispiel für die europäische Höhlenmalerei des Jungpaläolithikums. Als nächstes muss ich mir unbedingt den Werner Herzog Film „Die Höhle der vergessenen Träume“ über die Chauvet-Höhle ansehen.

 

In dem großartigen Bildband „Grotte Chauvet“ habe ich schon öfter geblättert, ich kann mich gar nicht satt sehen an den fast 100 Farbtafeln.

 

Von Brian Fagan hoffe ich mehr über den Cro-Magnon-Menschen zu erfahren: Der erste anatomisch moderne Mensch (Homo Sapiens), der vor vielleicht 40.000 Jahren nach Europa einwanderte und dort jahrtausendelang mit dem Neandertaler in mehr oder weniger enger Nachbarschaft lebte – und der unter anderem die Kunst mitbrachte.

HilDa

Alpi – ein DVD-Tipp

Es war ein Witz: Mein Bruder nannte seinen Freund halb im Scherz „Alptraum“, der andere antwortete schlagfertig: „Selber Alpi, du bist doch im Alpenverein“, und so nannten sie sich gegenseitig lachend „Alpi“. Als ich das Wort als Filmtitel auf einer DVD sah, musste ich an diese Szene denken und lachen; vielleicht ein alberner Grund, einen Sachfilm auszuleihen. Die Dokumentation zeigt aber tatsächlich beides: Alpen und Alptraum.

DVD-Sachfilm „Alpi“

Alpi [DVD] : eine Dokumentation von Armin Linke

Die Bilder bleiben ganz unkommentiert, überhaupt wird kaum gesprochen. Es beginnt mit einem Team, das Szenen für einen Bollywood-Film vorbereitet: indische Darsteller und Darstellerinnen, die mitten auf einer Dorfstraße ihre Tanzmoves üben und dabei vorbeifahrenden Autos ausweichen müssen. Genauso bizarr geht es weiter: eine Ski-Anlage in einer riesigen Halle in Dubai, in der die Alpenwelt nachgestellt wird einschließlich Sessellift, Seilbahnstation und wahlweise österreichischen, französischen oder Schweizer Wochen … . Labore mit Modellen zur Lawinen- und Klimaforschung, Bergwerke und Steinbrüche, Wellness und Sicherheitskonzepte für die Schönen und Reichen in Davos, riesige Talsperren, eine Kletterhalle, futuristische Touristenzentren mit Durchsagen in Englisch, Japanisch, … .

Die anrührendsten Bilder und Worte kommen von einem alten Bergbauern, der noch lebt und arbeitet wie einst seine Eltern, während alle anderen Familien ringsum fortgezogen sind: „Aber verstehst du nicht, dass das Leben hier, mein Leben alleine, hart ist?“

Bereits die Inhaltsangabe und das Interview mit dem Filmemacher Armin Linke (beides im Klappentext) hatten mich darauf vorbereitet, dass ich hier keine Panoramabilder von gewaltigen Bergmassiven oder Alm-Idyllen sehen würde. Es geht mehr um die Illusionen der Alpenromantik und die Transformationen des Alpenraumes und seiner Kulturen. Ein Film, der keine Antworten bieten will, sondern Denkanstöße.

Der Titel „Alpi“ ist übrigens weder Verniedlichung noch Anspielung, sondern schlicht das italienische Wort für die Alpen.

Unsere Katalogdaten zur DVD hier.

HilDa

Filmtipp: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Der Film eröffnet mit einer Autofahrt. Wir schauen Mildred über die Schulter, die ihren Wagen über eine schmale Straße lenkt und schon kommen auch die drei titelgebenden Billboards ins Bild. Mildred hält plötzlich und man sieht es ihrem Gesicht an, sie hat eine Idee. Gesagt getan, sie mietet die drei Billboards und kurze Zeit später stechen jedem Vorbeifahrenden riesige schwarze Lettern auf rotem Grund ins Auge. Raped while dying sagt das erste Billboard. And still no arrests? und How come, Chief Willoughby? fragen das zweite und das dritte.

So erfährt der Zuschauer, des Mildreds Tochter Angela vor über einem Jahr vergewaltigt und ermordet wurde, ohne dass bisher der Täter gefunden wurde. Die verbitterte Mildred will das nicht akzeptieren und eckt dabei nicht nur mit den provozierenden Billboards, sondern auch mit ihrer ruppigen Art an. Der Film beschäftigt sich im Folgenden weniger damit, den Täter zu finden, sondern eher damit, einen Blick auf das Innenleben von Mildred, Sheriff Willoughby und Officer Dixon zuwerfen und welche Auswirkung die Billboards auf diese drei und die Menschen um sie herum haben.

Es ist ein intensiver Film, der mich sehr mitgenommen hat. Sehr positiv aufgefallen sind mir zudem die schauspielerischen Leistungen der drei Hauptfiguren, als von Frances McDormand, Woody Harrelson und Sam Rockwell.

Hier sehr ihr, wo der Film bei uns zu finden ist.

lga

 

Filmtipp: Blade Runner 2049

Blade Runner ist einer dieser Kultfilme, über den ich schon viel gehört habe und weiß, den ich aber tatsächlich noch nie gesehen habe. Der Film erschien 1982, Regie führte Ridley Scott, in der Hauptrolle ist Harrison Ford zu sehen. Die Grundlage bildet der Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen“ von Philip K. Dick. Den habe ich sogar gelesen, somit bin ich zumindest ansatzweise mit der Story vertraut, auch wenn der Film sich in vielen Punkten vom Roman unterscheiden soll. Den Film gibt es zudem in verschiedenen Fassungen – da wüsste ich nicht mal welche Fassung ich denn nun anschauen soll.

Was ich jedoch gesehen habe, ist die Fortsetzung „Blade Runner 2049“. Regie führt hier Denis Villeneuve (den kenne ich schon von Arrival, ein Film, der mich ebenfalls sehr beeindruckt hat und über den ich hier schon mal berichtet habe), die Hauptrolle hat Ryan Gosling inne aber auch Harrison Ford ist in seiner alten Rolle als Rick Deckard zu sehen.
Vor allem beeindruckt haben mich der Soundtrack und die visuelle Optik. Sie haben viel zu der düsteren und beklemmenden Atmosphäre beigetragen, sodass ich den ganzen Film hindurch unter Spannung stand. Ich mochte sehr, dass das hier nicht so ein typischer Actionfilm war, das Ganze hat auch ohne ewig viele Actionszenen eine wahnsinnige Spannung erzeugt. Gesprochen wird auch nicht wahnsinnig viel. Ryan Gosling schaut zum Beispiel hauptsächlich ziemlich eindringlich und eindrucksvoll durch die Gegend.

Mir hat der Film jedenfalls sehr viel Lust darauf gemacht mir nun auch das Original anzuschauen!

Hier kommt ihr zu den Katalogdaten.

lga

Filmtipp: „Loving Vincent“

Armand Roulin erhält von seinem Vater, dem Postmeister, den Auftrag, einen Brief des verstorbenen Vincent van Gogh an dessen Bruder zu liefern. Es stellt sich heraus, dass dieser ebenfalls bereits verstorben ist. Auf seiner Reise versucht Roulin, van Gogh besser kennen zu lernen. Er trifft auf verschiedene Personen aus dem Leben des Malers:  darunter den Farbenverkäufer, die Hauswirtin der Pension, in der van Gogh zuletzt gelebt hat, und seinen Therapeuten. Nach und nach entsteht ein Bild von van Goghs letzten Jahren, seinem Leben und den Umständen seines Todes. Im Laufe des Films erhärtet sich bei Roulin der Verdacht, dass van Goghs Tod eventuell kein Selbstmord gewesen sein könnte…

Loving Vincent ist eine im Krimistil erzählte Filmbiographie. Er ist der erste Animationsfilm in Spielfilmlänge, der mit realen Personen gedreht, und anschließend Bild für Bild mit Öl nachgemalt wurde. Dadurch erwachen die Bilder von van Gogh zum Leben: 130 Bilder wurden als Kulisse genutzt. Reale Schauspieler spielten ihre Szenen vor einem Greenscreen oder Teilkulissen, anschließend wurde Bild für Bild abgemalt. War das erste Bild einer Szene fertiggestellt, wurde es abfotografiert, um anschließend nur noch die Änderungen aus dem Filmmaterial übernehmen zu müssen. Schließlich wurden die gemalten Bilder in die Kulissen eingefügt.

Insgesamt wurden 65.000 Bilder auf über 1000 Leinwänden gemalt. Über 100 Maler arbeiteten an den Werken. Insgesamt wurde über 6 Jahre an dem Film gearbeitet. 2 davon, um die Bilder fertigzustellen. Die Inspiration, den Film komplett als Ölgemälde zu schaffen, war quasi ein Zitat van Goghs aus seinem letzten Brief an seinen Bruder: “Wel, de waarheid is, dat we niet anders kunnen spreken dan door middel van onze schilderijen“ (Nun ja, die Wahrheit ist, dass wir nicht anders sprechen können, als mithilfe unserer Werke).

Mir hat der Film sehr gut gefallen. Er ist spannend erzählt und durchaus auch für Zuschauer geeignet, die sich ansonsten nicht für Malerei interessieren. Die handelnden Personen sind sehr detailreich gestaltet und van Goghs Bilder bilden eine sehr schöne Hintergrundkulisse.

Juliane