Buchtipp: Puls von Stephen King

Kürzlich überkam mich mal wieder die Lust auf einen Stephen King Roman. Ich lese seine Bücher richtig gerne und warte tatsächlich immer noch darauf, dass er mich mit einem seiner Bücher mal enttäuscht.

Anfangs dachte ich, dass er dies mit Puls vielleicht schaffen würde. In Puls begleiten wir Clay Riddell, der geschäftlich in Boston unterwegs ist, als plötzlich jeder, der gerade ein Handy am Ohr hat, wahnsinnig wird. Was sich zum Beispiel darin äußert, dass diese Personen anderen die Kehle durchbeißen oder Hunden die Ohren abkauen. Nett. Zusammen mit Tom und Alice, die er zufällig trifft, verlässt er Boston, um nach Hause zu gelangen und seine Ex-Frau und besonders seinen Sohn zu finden. Der natürlich auch ein Handy hat. (Das Buch ist von 2006, da hatten ja noch nicht alle Menschen ein Handy und so ist es durchaus plausibel, dass eben nicht jeder den Verstand verliert.)

Ich mag ja solche Endzeitgeschichten. Diese ganzen Versionen davon, wie die Menschheit zu Grunde gehen könnte, finde ich immer wieder spannend, gerade weil sie oft Aspekte aus unserem echten Leben nehmen und auf die Spitze treiben, wohin das führen könnte. Das macht das Ganze dann gleich noch gruseliger.

Hier ist es ein Gegenstand, den heute so gut wie jeder in der Tasche hat. So werden die wahnsinnig Gewordenen dann auch Handy-Verrückte genannt. Während sie anfangs noch an Zombies erinnern, entwickeln sie später noch ganz andere Züge (stinknormale Zombies hätte ich King auch nicht zugetraut :)).

Enttäuschend war für mich, dass sich die Geschichte im ersten Drittel ganz schön hingezogen hat. Ich mag ja eigentlich Kings ausschweifende Schreiberei sehr gerne, hier war mir der Anfang aber einfach zu sehr in die Länge gezogen. Zum Glück hat sich das noch geändert und den Rest des Buches über viel es mir sehr schwer dasselbige überhaupt aus der Hand zu legen. Also noch immer keine Enttäuschung. 🙂

Die Katalogdaten zum Buch findet ihr hier. Dort ist ebenfalls die Verfilmung zum Buch verzeichnet. Der Film ist von 2017, ich habe ihn bisher aber noch nicht gesehen. Verfilmungen von Stephen Kings Werken sind ja immer so eine Sache … mal sind es Meisterwerke und dann wieder eher ein Griff ins Klo. Mal sehen in welche Kategorie dieser Film für mich fallen wird. 🙂

lga

Sponsored Post Learn from the experts: Create a successful blog with our brand new courseThe WordPress.com Blog

WordPress.com is excited to announce our newest offering: a course just for beginning bloggers where you’ll learn everything you need to know about blogging from the most trusted experts in the industry. We have helped millions of blogs get up and running, we know what works, and we want you to to know everything we know. This course provides all the fundamental skills and inspiration you need to get your blog started, an interactive community forum, and content updated annually.

Bielefeld-Verschwörung

Mit Verschwörungen kennen wir uns aus in Bielefeld, ist doch eine sehr populäre nach unserer Stadt benannt. Die „Bielefeld-Verschwörung“ ist, wer hätt’s gedacht, sogar schon 26 Jahre alt und offenbar unausrottbar; zumindest die Behauptung „gibt’s doch gar nicht“ kommt garantiert, sobald auch nur das Wort „Bielefeld“ erwähnt wird – als könnte dieser „Witz“ auch nach so vielen Jahren und Wiederholungen noch irgendwie originell sein.

Doch wenn man nachfragt, wissen die wenigsten, wie diese seltsame Geschichte entstanden ist. Dabei ist sie bestens dokumentiert – im Gegensatz zu den allermeisten Verschwörungsmythen. Deren Urheber sind in der Regel nicht bekannt, und – ähnlich wie Gerüchte – entwickeln Verschwörungstheorien schnell eine Art Eigenleben, verschränken sich gerne mit anderen Mythen und Ideologien, nehmen noch ein paar Halbwahrheiten mit, reißen die ein oder andere Tatsache aus dem Zusammenhang – kurz, sie schöpfen aus vielen anonymen Quellen. Das wirkt oft wie ein schlechter Witz. Ist es aber nicht.

Nun, die Bielefeld-Verschwörung war jedenfalls nie etwas anderes: ein Studentenulk, der zu einer Satire auf Verschwörungsmythen jeglicher Art wurde. Ein gutes Beispiel, wie schnell sich so ein Mythos verselbständigen und verbreiten kann, nicht zuletzt durch die modernen Medien.

Über die Bielefeld-Verschwörung gibt es genügend Material, das ist an anderer Stelle bereits aufgedröselt und kann z.B. bei Wikipedia leicht und anschaulich nachgelesen werden. Die Aktion von Stadtmarketing Bielefeld, die wie erwartet ja keinen Beweis für die Nichtexistenz der Stadt am Teutoburger Wald erbrachte – trotz der ausgelobten 1 Million Euro („Die Bielefeldmillion“ ) – hat der „Verschwörung“ nun endgültig den Garaus gemacht. Nur der Dauerwitz bleibt uns wohl trotzdem erhalten. Nun ja.

Einige der „echten“ Verschwörungsideologien sind womöglich ganz ähnlich entstanden. Ich erinnere mich noch gut, welches Aufsehen der durchaus spannende Roman „Das Sakrileg – Der Da Vinci Code“ von Dan Brown ausgelöst hatte: Konnte es sein, dass die dort beschriebene jahrtausendealte Verschwörung der Templer und sonstiger Bruderschaften auf Tatsachen beruhte? Klangen die Deutungen der geheimnisvollen Zeichen in der Erzählung nicht sehr plausibel?
Na klar, Dan Brown weiß natürlich, wie man eine Story in sich, also innerhalb ihrer Romanwirklichkeit, plausibel konstruiert. Aber einem Faktencheck in der realen Welt hielt das nicht stand. Das war für einige begeisterte Leser wohl etwas enttäuschend. Aber der Roman war eben nichts anderes als ein spannender Thriller, ein Pageturner. Und so – nur so! – gefallen mir fantasievolle Verschwörungsmythen. 😉

Stammt die Idee mit den Reptiloiden, die Menschengestalt annehmen können, nicht aus einer SF-Fernsehserie aus den 80ern? Und die Chemtrail-Ängste gehen doch auf einen Witz zurück, der komplett außer Kontrolle geraten ist, oder? Oh bitte!

Für manche passen diese puren Erfindungen und Ideen jedoch scheinbar perfekt als Erklärung für ein Rätsel oder ein Phänomen, ergänzen ein ohnehin schon versponnenes Weltbild oder irgendwelche Ängste – die sich dann, bestärkt durch die für echt gehaltenen Geschichten, sogar ins Wahnhafte steigern können. Die erst einmal seltsam erscheinenden Theoriekonstrukte verwandeln sich im Laufe der Zeit, passen sich an und werden immer vielschichtiger und umfassender. Jeder zupft sich heraus, was in sein Weltbild zu passen scheint. Gegenargumente gelten als Manipulation durch die vermeintlichen Verschwörer und ihre Handlanger – und damit prompt als Beweis für die Richtigkeit des Mythos.

Wichtig scheint auch ein ausgemachtes Feindbild, es muss schon das Böse schlechthin sein. Gerne wird da auf bekannte Stereotype zurückgegriffen. Man selbst gehört natürlich zu den Guten, zu den Wissenden, Erleuchteten, zu den Weltrettern gar. Dagegen gilt jeder, der nicht gläubig ist, als Unwissender, „Schlafschaf“ oder sogar als Teil der Verschwörung und somit als Feind.

Und was, wenn sich mehr und mehr Anhänger finden, die in einigen Fällen gar fanatisch werden? Neu ist dieses Phänomen nicht. Aber die digitale Vernetzung bestärkt zusätzlich – und macht aus kruden Ideen und Lügen eine global vernetzte Bewegung. So mancher findet aus seiner ideologisierten Filterblase nicht mehr heraus.

Offenbar lässt sich mit den Verschwörungsgläubigen ja auch viel Geld machen: Spenden, Bücher zum Thema, Wundermittel, Goldhandel u.v.m. Oder man nutzt die leichtgläubigen Anhänger gleich zur Verwirklichung eigener Machtphantasien oder gar Umsturzpläne aus. Während die einen noch handgemalte Protestplakate schwenken und Polonaise tanzen, stürmt in ihrem Schatten ein radikalisierter Mob die Parlamentsgebäude.

Das ist kein folkloristischer Spaß, auch wenn sie noch so seltsam kostümiert sein mögen! Sie tragen Galgen vor sich her, an denen sie Andersdenkende gelyncht sehen wollen, sie sind bewaffnet und auf einen Tag X fixiert – den Umsturz, die Machtübernahme, das Ende der Demokratie, die Apokalypse, what ever. Sie bedrängen gewählte Volksvertreter, bedrohen Journalistinnen und Wissenschaftler und überhaupt alle Andersdenkenden. Dabei nutzen sie geschickt demokratische Rechte wie Meinungs- und Versammlungsfreiheit aus (die sie Andersdenkenden allerdings nicht zugestehen), tragen gar das Grundgesetz demonstrativ vor sich her, aber gleichzeitig eben auch Reichskriegsflaggen, Galgen, u. ä.  In Washington waren es sogar Waffen, Bomben, Kabelbinder zur Festsetzung von Geiseln. Bilder wie aus einem Alptraum.

Es ist mehr als verstörend, wenn Menschen im Namen der Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Freiheit, der Nächstenliebe, der Grundrechte, des Wohles der Kinder oder der ganzen Menschheit, im Namen eines gütigen und liebenden Gottes oder der Liebe zur Natur oder sonstiger hehrer Ziele aufmarschieren und dann doch nur Hass und Gewalt zeigen. Dass aus Gläubigen Fanatiker und sogar Terroristen werden können, ist schockierend, egal ob eine Religion oder Sekte, eine Ideologie oder irgendein verworrener Mythos der Auslöser ist.

Einige laufen auch einfach „nur“ gedankenlos mit den Hass- und Gewaltmenschen mit. Was für eine unselige Melange aus Impfgegnern, Esoterikern, irgendwie Unzufriedenen, Mythengläubigen und geschickt in diesem Fahrwasser lavierenden Demokratiefeinden hat sich da gebildet.

Ja, ich weiß, jetzt habe ich mich etwas weit von der doch harmlosen „Bielefeld-Verschwörung“ entfernt. Aber diese Bilder und Sprüche voller Gewaltbereitschaft und Hass in den letzten Wochen und Monaten schockieren mich. Wie einfach ist es doch für Radikale und Ideologen, die Leichtgläubigen und Faktenresistenten zu unterwandern.

Dass Menschen nicht wahr haben wollen, was nicht in ihre Weltanschauung passt, ist, wie gesagt,  nicht neu. Wir sind alle mehr oder weniger verführ- und manipulierbar. Egal wie gebildet und kultiviert wir uns wähnen, niemand gibt gerne zu, dass er/sie sich verrannt hat. Doch Scheuklappen auf und einfach an „alternative Wahrheiten“ glauben wollen? Und dann auch noch erkennbaren Demagogen und Demokratiefeinden eine Bühne geben und mit ihnen mitlaufen?

Aus Worten werden Taten – leider mussten wir das schon allzu oft erleben. Diese UnHeiligen Kriege, Hasspredigten, „Revolutionen“ und Hexenjagden kennen und fürchten wir schon seit Tausenden von Jahren. Ich dachte wirklich, unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert und in 70 Jahren Demokratie wäre stärker und aufgeklärter. Doch der kulturelle Firnis ist leider nur erschreckend dünn.

1 Million Euro, um dieses Verschwörungsgelaber bitte endlich zu beenden!

Ach, wenn’s doch nur so einfach wäre!

HilDa

Literaturtipps und im Text erwähnte Bücher:
  • Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit : wahr, falsch, plausibel? : die größten Streitfragen wissenschaftlich geprüft / Mai Thi Nguyen-Kim ; mit Illustrationen von Ivonne Schulze. Doemer-Verlag, 2021.
    Die Wissenschaftsjournalistin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim untersucht brennende Streitfragen unserer Gesellschaft; mit Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnissen kontert sie Halbwahrheiten, Fakes und Verschwörungsmythen – und zeigt, wo wir uns mangels Beweisen noch zurecht munter streiten dürfen.
  • Einspruch! : Verschwörungsmythen und Fake News kontern – in der Familie, im Freundeskreis und online / von Ingrid Brodnig ; Illustrationen Marie-Pascale Gafinen. Brandstätter-Verlag, 2021.
    Die österreichische Autorin und Publizistin Ingrid Brodnig ist Expertin für Lügengeschichten, Mobbing und Hass in unserer zunehmend digitalen Welt.
  • Verschwörungsmythen – woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können / von Michael Blume. Patmos-Verlag, 2020.
    Michael Blume ( Religionswissenschaftler, Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus) analysiert die kulturgeschichtlichen und psychologischen Hintergründe, warum es solche Mythen gibt und wie sie »funktionieren«. Er gibt Rat, was man Verschwörungsgläubigen antworten kann. (aus dem Klappentext)
  • Fake Facts: wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen / von Katharina Nocun und Pia Lamberty. Quadriga-Verlag, 2020.
    Verschwörungstheorien verbreiten sich nicht nur im Netz wie Lauffeuer und sind schon lange kein Randphänomen mehr. Katharina Nocun (Publizistin, Politik- und Wirtschaftswissenschaftlerin, Politikerin) und Pia Lamberty (Sozialpsychologin, die zu Verschwörungsideologien forscht) beschreiben, wie sich Menschen aus der Mitte der Gesellschaft durch Verschwörungstheorien radikalisieren und die Demokratie als Ganzes ablehnen. Welche Rolle spielen neue Medien in diesem Prozess? Wie schnell wird jeder von uns zu einem Verschwörungstheoretiker? Und wie können wir verdrehte Fakten aufdecken und uns vor Meinungsmache schützen? (aus dem Klappentext)
  • Fake News und Verschwörungstheorien: Wie man Gerüchten nicht auf den Leim geht / Text Gérald Bronner ; Zeichnungen & Colorierung Krassinsky ; aus dem Französischen von Edmund Jacoby. – Verlagshaus Jacoby & Stuart, 2019.
    Der kurzweilige Comic erklärt, wie Fake News und Verschwörungstheorien funktionieren, warum wir so leicht auf sie hereinfallen und wie wir Informationen auf ihren Realitätsgehalt hin checken können. (aus dem Klappentext)
  • »Nichts ist, wie es scheint« : über Verschwörungstheorien / von Michael Butter. Suhrkamp-Verlag, 2018.
    Was macht eine Erklärung zu einer Verschwörungstheorie? Warum sind sie für viele so attraktiv? Und was kann man dagegen unternehmen? Michael Butter erläutert, wie solche Erzählungen funktionieren, wo sie herkommen und welche Auswirkungen sie haben können. (aus dem Klappentext)
    Michael Butter ist Professor für amerikanische Literatur und Kulturgeschichte an der Universität Tübingen. Er leitet außerdem ein EU-Forschungsprojekt zur Analyse von Verschwörungstheorien.
  • Bullshit-Resistenz / von Philipp Hübl. Nicolai Publishing & Intelligence, 2018.
    Essay des Philosophen und Publizisten Philipp Hübl über die Plicht zum kritischen Denken, um Wahrheit von Unwahrheiten zu unterscheiden und so den allgegenwärtigen Verschwörungstheorien und Fake News etwas entgegenzusetzen.

Zur Bielefeld-Verschwörung gibt es Romane und Comics:

Über Dan Browns Roman „Das Sakrileg – The Da Vinci Code“:

    • den Roman in verschiedenen Ausgaben findet Ihr hier
    • Sakrileg entschlüsselt : Dan Browns Bestseller von A bis Z / von Simon Cox. Heyne-Verlag.
    • Das Da-Vinci-Geheimnis : Wahrheit und Mythos in Dan Browns Sakrileg / von Sangeet Duchane. White-Star-Verlag.

(Auswahl: HilDa)

SchreibRaum 2020: Projektbericht

Das war eine in jeder Beziehung besondere Schreibwerkstatt. Der Kurs sollte bereits im April 2020 beginnen (1. Versuch) und endete tatsächlich erst im Februar 2021. Die Gründe kann sich jeder leicht vorstellen: Corona, Pandemie, Lockdown 1 + 2. Im März musste leider erst einmal abgesagt werden (1. Lockdown), dann wurde aber im Sommer neu geplant und ab 29. August konnten endlich 9 Teilnehmer:innen im Alter von 14 bis 18 Jahren in den SchreibRaum starten. Doch dann kam der 2. Lockdown. Kursleiterin Andrea Gehlen organisierte auf online-Meetings via Zoom um; aber erst einmal musste der Kurs unterbrochen werden, es kamen die Ferien und Feiertage. Trotzdem gelang es, alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen motiviert zusammenzuhalten. Am Ende musste auch die Abschlussveranstaltung online stattfinden. Dazu später mehr.

Mit der Bielefelder Autorin Andrea Gehlen hatten wir eine engagierte Workshopleiterin, die von vornherein einen Plan B vorbereitet hatte. Das vom LandesMinisterium für Kultur und Wissenschaft geförderte Projekt SchreibLand NRW, eine Initiative des Literaturbüros NRW in Düsseldorf und des Verbandes der Bibliotheken NRW, sah die Möglichkeit eines Online-Workshops auch schon vor.

Doch im August hatten wir noch die Hoffnung, dass wir bis Anfang Dezember die zehn 90-Minuten-Termine als Präsenzveranstaltungen gestalten könnten. Der große Veranstaltungssaal SO2 bot genügend Platz für eine großzügige Aufstellung der Tische, so dass der nötige Abstand gewahrt werden konnte. Und die Jugendlichen waren bemerkenswert diszipliniert und hielten sich an alle Hygiene-Regeln. Samstags ab 12 Uhr verbrachten diese jungen Menschen ihren schulfreien Tag freiwillig mit einer Schulung. Und sie brachten schon Entwürfe, Ideen und sogar fertige Texte mit. Frau Gehlen war von Anfang an beeindruckt.

Man könnte die Workshop-Geschichte jetzt wie eine Heldenreise erzählen. Die Gruppe aus neun sehr unterschiedlichen Jugendlichen wuchs unter der Leitung der erfahrenen Autorin zu einem Team zusammen. Sie mussten Aufgaben bewältigen, einige jeder für sich, einige gemeinsam. Sie mussten Charaktere bilden – dabei ging es um die Figurenentwicklung in ihren Geschichten, aber auch um die eigene Biografie, wie sie z. B. für den Klappentext eine Buches benötigt würde (und bei der Abschlussveranstaltung zur Präsentation gehören sollte). Sie mussten Schauplätze erkunden, neue Perspektiven gewinnen, mit Lügen und „unzuverlässigen Erzählern“ umgehen lernen und Konflikte verschlimmern – natürlich für ihre Erzählungen. Sie haben gemeinsam die Frage nach der Moral gestellt, genauer nach der Rolle der Moral in einer Geschichte. Kurzgeschichten, Gedichte und Romananfänge sind entstanden und weiterentwickelt worden. Und dazu aller Unbill der Pandemie! Doch am Ende musste jeder einzelne sich einem Publikum stellen und mit seinen Texten die Bewährungsprobe bestehen. Ja, eine Heldenreise eben!

Schematische Darstellung einer „Heldenreise“

Die Heldenreise als Geschichtenkonstrukt war aber auch selbst ein Thema der Schulung: Am Beispiel „Harry Potter“ ging der Kurs die Stationen dieser archetypischen Erzählstruktur durch.

Sieben der insgesamt zehn Termine konnten in der Bibliothek stattfinden, drei mussten in den digitalen Raum verlegt werden. Für den Übergang – wegen des Lockdowns und der Ferien gab es erst einmal eine Unterbrechung – hielt Frau Gehlen den Kontakt mit regelmäßigen E-Mails und Schreibübungen für die Teilnehmer:innen. Nach zehn Wochen meldeten sich tatsächlich alle wieder und in drei langen Zoom-Meetings bereitete man sich auf die Abschlussveranstaltung vor: Textauswahl, Tipps und Tricks zum öffentlichen Vorlesen, Zeitplan und anderes Organisatorisches.

Die Abschlussveranstaltung fand am 13. Februar 2021 ebenfalls online statt. Wir trafen uns mit Gästen – insgesamt 30 Personen – auf dem Bildschirm. Natürlich passierte all das, was immer bei großen online-Meetings passiert: Mikrofone waren an, die eigentlich ausgeschaltet sein sollten, so dass Nebengeräusche störten; die Netzverbindungen waren nicht immer für alle stabil; eine Fotoshow, die die Pause überbrücken sollte, war schneller vorbei als geplant. Oder verlief die Zeit einfach schneller? Frau Gehlen moderierte jedenfalls souverän und die jungen Schriftsteller und Schriftstellerinnen ließen sich durch nichts aus der Fassung bringen.

Und was bekamen wir an diesem besonderen Abend zu hören?

„Glaubst du an Magie?“ – fragte gleich in einer der ersten Prosatexte ein Protagonist. Er flüsterte: „Ich erzähle dir die Geschichte meines Stammes. …“ – und ich wünsche mir möglichst bald alle Bände des Fantasy-Epos für unsere Bibliothek! (Ja, kein Witz, die Autorin hat den Entwurf für acht Bände fertig und bereits weit mehr als das vorgetragene Anfangskapitel geschrieben.)
Wer hätte gedacht, dass uns die Perspektive eines Kruges oder die eines Hundes auf dem Sofa fesseln konnte, dass wir den Traum vom perfekten Bizeps mitträumen würden – ebenso wie den Alptraum vom Tanz des Todes. Wir sympathisierten mit einem gedemütigten Dieb und mit einem einsamen, aber vergesslichen Kobold. Wir hörten kurze Prosatexte, einen Romananfang und Lyrik.

„Das Wichtigste, was ich hab‘, ist meine Gab‘“, hieß es in einem der Gedichte. Doch so bescheiden müssen diese jungen Dichter und Dichterinnen gar nicht sein, denn nach dem Applaus und den Rückmeldungen zu urteilen haben sie es uns Zuhörer:innen an diesem Abend gezeigt: Ja, auch wir glauben an die Magie der Worte.

Das waren besondere Autorenlesungen. Nach einigen besonderen Kurs-Monaten. Andrea Gehlen kommentierte in einer Rundmail kurz nach dem Ende der Veranstaltung: „nur ganz kurz, ich bin noch ganz ergriffen. Ihr wart sooooooooo toll!!!!“. Frau Rast vom Literaturbüro NRW bedankte sich am folgenden Montag für den „schönen Abend mit tollen Texten“.

Ich bin davon überzeugt, dass wir von diesen neun Autoren und Autorinnen noch viel hören werden: die neue Bielefelder Schriftsteller-Generation.

Nur schade, dass wir keine öffentliche Live-Lesung auf unserer Literaturbühne mit ihnen organisieren durften. Nun, vielleicht das nächste Mal, denn der SchreibRaum 2021 öffnet, wenn sich genügend Teilnehmer:innen finden, bereits am 17. April wieder.

HilDa

Diese Werkstatt wurde gefördert vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen im Rahmen von SchreibLand NRW – einer Initiative des Verbands der Bibliotheken des Landes NRW und des Literaturbüros NRW.

Bastelzeit: Pünktchen zum Aufhängen

Ich liebe Bastelläden, Bastelzeitschriften, Kreativmessen, Bastel-SocialMedia-Seiten und was es sonst noch gibt. Diese Quellen eignen sich nicht nur prima zum Stöbern, sondern auch, um sich Inspirationen zu holen. Ob es dann am Ende eine 1:1-Kopie oder eine ähnliche Variante von einer „Bastelei“ wird, kann ja jeder machen wie er mag. Mir geht es allerdings (leider) oft so, dass mir nur die ähnliche Variante übrigbleibt. Denn wenn ich haargenau etwas 1:1 nachmachen möchte, vergesse ich garantiert etwas. Entweder eine Farbe passt nicht, oder ein Strich wird schief oder, ach, da gibt es tausend Möglichkeiten. – Und das trotz Vorlage oder des Fotos, das ja oft gemacht werden darf, wenn man nett fragt.

Meine „Pünktchen zum Aufhängen“ sind auch solch ein Fall. Ich habe das Bild im Lieblings-Bastelladen gesehen und fand es einfach wunderbar. Anfangs habe ich mich da gar nicht herantrauen wollen. Weil ich so gar nicht, aber auch so gar nicht malen kann. L Es sei denn es gibt etwas zum Ausmalen. 🙂 Auf dem schönen Bild gab es leider nichts zum Ausmalen – noch nicht einmal „Malen nach Zahlen“ – sondern Punkte. In Gedanken überlegte ich alles Mögliche: Könnte ich mich vielleicht selber austricksen und einfach verschiedene Runde Deckel als Vorlage nehmen? Aber hatte ich überhaupt so viele verschiedene Größen? Oder vielleicht Gläser?
Ich beschloss, erst einmal nach etwas Anderem zu schauen. Fand auch was. Aber das Bild ließ mich einfach nicht los. Ich musste es immer wieder ansehen. Es sah eigentlich ganz einfach aus, aber irgendwie auch wieder nicht: eine Leinwand, schwarz angemalt und darauf eben halt die Punkte. Ganz viele. In verschiedenen Größen und Farben. Innen waren die Punkte kleiner, nach außen hin größer. Dazu vier verschiedene Farben die mit jeder Schicht heller werden. Also von Braun nach weiß. Die Punkte waren einzeln positioniert oder überlappten sich.

Ich beschloss aber trotzdem das Ganze auf „später“ zu verschieben. Aus irgendeinem Grund landete ich aber doch recht schnell wieder in besagtem Bastelladen. – Das Bild hing noch an Ort und Stelle. Ich tanzte wieder drum herum bis es mir reichte. So fragte ich endlich einmal bei der Verkäuferin nach, was man für das Bild alles benötigt – und vor allem wie man das Muster so wunderbar hinbekommt. Es stellte sich heraus, dass es „einfacher“ war, als gedacht.

Ich bekam Acrylfarben, eine Leinwand – und Stempel in verschiedener Größe. Die Punkte werden nämlich nicht gemalt, sondern gestempelt. Prima, dachte ich. Das könnte sogar ich hinbekommen. Irgendwie. Nahm alles mit, machte schnell noch ein Foto, und los konnte es gehen.
Das Schicksal des Bildes keine Originalkopie zu werden, nahm übrigens schon im Laden seinen Lauf: Die Verkäuferin wusste nicht genau, welche Farben der „Künstler“ verwendet hatte. Sie tippte auf braun, rot, rosa (es war eher magenta) und weiß. Okay, dachte ich. Das kann ja was werden. Aber egal. Man macht was man kann und probieren geht über Studieren. Ich pinselte die Leinwand schwarz an, ließ sie trocknen und versuchte in der Zwischenzeit nicht nur einmal das Foto zu hypnotisieren. Wie um alles in der Welt sollte ich das genau so hinbekommen?

Zuerst stempelte ich munter drunter und drüber auf Papier einige Testpunkte um ein Gefühl dafür zu bekommen. Als ich dachte, jetzt könnte es klappen, legte ich los: Von außen nach innen beginnend in den Ecken. In braun. Schon nach den ersten Stempeln sah ich, dass es ganz anders werden würde. Mich verließ der Mut. Dachte nach. Und fand, dass das gar nicht so schlimm war. So machte ich  weiter. Zwar immer mit dem Original im Hinterkopf, aber doch auf meine Art. So ist dann etwas ganz „eigenes ähnliches“ entstanden. Am Ende fand ich es sogar (fast) besser als das Original. Und dachte mir so: Irgendwie ist das doch das Wunderbare am selber machen … das am Ende ein anderes Ergebnis heraus kommt, als anfangs geplant. Und man mit diesem trotzdem mehr als zufrieden ist. 🙂

katinkasbackofen

Vorlesetipp: Lappland

Gerne sei dieser prächtige Bildband allen empfohlen, die Naturfotografie und die fantastische Landschaft im hohen Norden Europas lieben. Aber ein Buch über das Naturparadies Lappland als Vorlesetipp? Nun, dazu wurde es durch meine Besuche bei einem älteren Herrn. Früher ist er viel gereist, besonders gerne in die skandinavischen Länder und nach Finnland, allein oder zu zweit, meist auf eigene Faust mit seinem Bulli. Heute sind seine Erinnerungen etwas verwirrt. Aber wenn er erzählt, ist es doch egal, ob seine großartigen Abenteuer wirklich erlebt oder Phantasie sind, er erzählt gerne über seine Reisen, nur das ist wichtig.

Der Bildband war ein Geschenk seiner Kinder. Damals war er wohl nicht wirklich interessiert an dem Buch, schön, ja, aber es taugte weniger zur Vorbereitung der nächsten Reise und Fotos hatte er selbst genug gemacht. Das Buch wanderte ins Regal.

Wenn er heute gemeinsam mit seiner Tochter in dem Buch blättert, glaubt er alles auf den Bildern wiederzukennen: Jaja, da sei er überall gewesen. Wenn man an diesem Felsen rechts vorbei gehe, so erzählt er voller Überzeugung, könne man das Meer sehen. Und als er bei dem Foto eines Adlers zwei ineinander verschränkte Greifvögel zu erkennen glaubt, wischt er den geäußerten Zweifel mit den Worten fort: „Ich muss es doch wissen, ich habe das Foto ja schließlich gemacht!“ Die Personen auf den Bildern am Ende des Buches kennt er natürlich persönlich, ihm fallen nur die Namen gerade nicht ein.

Und dann erzählt er von langen Wanderungen an der norwegischen Küste entlang, Übernachtungen unter freiem Himmel, den drei Elchen, die beim Aufwachen neben ihm gelegen hätten. Er fährt mit dem Finger über die Landkarte, um den Weg nachzuzeichnen.

Beim etwas hektischen Hin-und-Her-Blättern in dem Buch kommt er natürlich immer wieder auf die selben Bilder und Karten – nur seine Geschichten sind dann plötzlich ganz andere.

Ab und zu tippt er mit dem Finger auf einen Bilduntertitel; weil er gerade keine Brille aufsetzen mag („Ich brauch‘ keine Brille!“), soll die Tochter kurz vorlesen. Dann irritiert ihn der Text vielleicht für einen kurzen Moment (Aha, das ist also doch nur ein Adler? Ja klar, eine optische Täuschung eben!). Aber meist nickt er wissend. Er akzeptiert auch, dass die Menschen auf den Fotos am Ende Fotografin und Autor des Buches sind und sicher keine Reisebekanntschaften.

Ach, er würde so gerne noch einmal dort hoch fahren und alles wieder selbst sehen und erleben.

Fotos oder eben auch so ein Bildband können wunderbar helfen, einen Menschen mit Demenz zum Erzählen zu bringen. Es geht hier nicht um das Vorlesen im eigentlichen Sinn des Wortes, vielmehr soll ein Anlass zum aktiven Erzählen geboten werden. Das gemeinsame Lesen der Texte kann das unterstützen, die Bilder sind aber der entscheidende Ansatz. Es reicht, wenn man ein Buch auswählt, das den Interessen des alten Herrn entspricht und Erinnerungen wecken kann.

Ausschnitt aus dem Regal „Schaufenster Bielefeld“ des Stadtarchivs

Das kann z. B. auch ein Fotoband über die alte Heimatstadt sein (zum alten Bielefeld und seinen Stadtteilen, aber auch zu anderen Städten und Gemeinden in der Region findet man viel in der Landesgeschichtlichen Bibliothek des Stadtarchivs, ausleihbar mit der Bibliothekskarte). Gerade die Erinnerungen aus Kindheit und Jugend sind bei Menschen mit Demenz noch sehr präsent, sie erkennen die Orte auf den alten Bildern, erzählen über eigene Erlebnisse oder Spielgefährten aus der Vergangenheit, sie wissen, was im Krieg zerstört wurde, wo welches Geschäft war …

Oder man nimmt ein Buch über irgendein Interessengebiet des alten Herrn: VW-Bullis, die Länder, durch die er einst gereist ist, das Handwerk, das er als junger Mann erlernt hat – darüber gibt es Bücher mit Fotos und Zeichnungen, erzählen kann er dann selbst.

Dabei darf man nicht unbedingt eine lineare, wahrhaftige Geschichte erwarten. Man kann schon mal vorsichtig nachfragen, sollte aber möglichst nicht viel korrigieren, egal welche Sprünge der Erzähler macht und wie unglaubwürdig seine Reiseerlebnisse auch werden. Wenn er auf dem Bild einen zweiten Adlerkopf sieht, dann ist das eben so. Wenn er auf seinen Reisen so nebenbei und schon nach wenigen Wochen die Sprache der Samen gelernt haben will, dann ist das eben so. Wenn er ganz allein vom Nordkap bis nach Spanien, zu Fuß! – na, dann lassen wir ihn doch einfach weiter fabulieren.

Und wenn er dann das Buch zuklappt und mit einem zufriedenen Seufzer erklärt, dass er dieses Buch liebe und immer wieder gern darin blättere, dass es nicht zurück ins Regal, sondern für ihn griffbereit liegen solle, ja dann freut sich auch die Tochter, die es ihm einst geschenkt hatte. War also doch genau das richtige.

Die Daten zum National-Geographic-Bildband „Lappland: das Alaska Europas“ von Erlend Haarberg und Orsolya Haarberg findet Ihr hier.

HilDa

Buchtipp: „Winter“ von Ali Smith

Die britische Schriftstellerin Ali Smith schreibt eine Jahreszeiten-Reihe, „Winter“ ist nach „Herbst“ (2019) der zweite Band, der ins Deutsche übersetzt wurde. „Frühling“ und „Sommer“ werden demnächst folgen. „Herbst“ hatte mich fasziniert (hier der Blogbeitrag), da war ich natürlich gespannt auf den neuen Band.

Man kann die Bücher unabhängig voneinander lesen. Aber der Vergleich ist natürlich reizvoll. Auch „Winter“ beginnt mit einer surreal wirkenden Szene: Eine Frau sieht einen Kopf durch ihr Haus schweben, Kopf und Schultern eines Kindes, aber kein Torso, keine Gliedmaßen; er spricht nicht, bleibt aber hartnäckig in ihrer Nähe. Danach folgt eine Szene, die auch wieder als Realsatire auf unsere moderne Zeiten gelesen werden kann: Waren es in „Herbst“ die Stolpersteine, die die Bürokratie ihren Bürgern zumutet, so ist es in „Winter“ der Service bzw. Nichtservice einer Bank. Obwohl die Dame im reifen Alter als ehemalige Geschäftsfrau und gute Kundin des Geldinstituts sogar für Extraservice bezahlt hat, wird sie auf die automatisierte Selbstbedienung verwiesen; der junge, arrogante Angestellte will beim „Servicegespräch“ nur überflüssige Versicherungen verkaufen, doch eine einfache Bargeldauszahlung – und mehr möchte die Kundin gar nicht – macht er nicht möglich.

Ali Smith schreibt einen Gegenwartsroman, in dem die Zeitgeschichte aber nicht nur satirischer oder surrealer Hintergrund ist. Da sind die Einwanderer, die ihre Nische in einem fremdenfeindlichen Land suchen, das sie als billige Arbeitskräfte ausnutzen, ansonsten aber am liebsten übersehen will, sie sollen unsichtbar bleiben oder werden hinausgeworfen (sogar aus der Bibliothek 😦 ). Da ist die leidige Brexit-Diskussion. Vor allem aber geht es in Rückblenden immer wieder zurück in die wilden Jugendjahre von Sophia und ihrer Schwester Iris. Letztere ist Aktivistin auf Demonstrationen gegen die atomare Aufrüstung, gegen Umweltzerstörung und die Ungerechtigkeiten in der Welt. Sophia dagegen hat sich ein erfolgreiches Geschäft aufgebaut und verkauft Leuten mit zu viel Geld überteuerten Design-Schnickschnack. (Auch in „Herbst“ kommt eine Mutter vor, sie ist Fan einer Antiquitäten-Show im Fernsehen und wünscht sich all diesen Schnickschnack.)

In der Rahmenhandlung des Romans fährt Arthur (Art) aus London, ein Blogger, der sich als Intellektueller versteht, nach langer Zeit mal wieder zu seiner Mutter Sophia ins ländliche Cornwall. Er hadert mit der Trennung von seiner Freundin und heuert spontan eine unbekannte junge Frau an, die er seiner Mutter unter dem Namen seiner Freundin vorstellen möchte. Doch sie finden Sophia verwirrt vor, das Haus ist kalt und so gar nicht für Besuch und die Weihnachtstage bereit. Es ist ausgerechnet die junge Frau von der Straße mit den vielen Piercings und dem fremden Akzent, die sich erwachsener und verantwortungsvoller benimmt als Art, der Sohn. Und es ist ausgerechnet Iris, die ewige Rebellin, die das seltsame Familienwochenende komplettiert. Sie kommt sofort, um zu helfen, obwohl ihre Schwester seit vielen Jahren nicht mehr mit ihr geredet hat. Vier Menschen, die einander fremd sind, auch und gerade die drei Familienmitglieder. In einem Haus, das für diese drei eine Vergangenheit hat, die dem einen völlig unbekannt ist, für die beiden anderen aber voller verdrängter, geleugneter oder erlogener Erinnerungen.

Das ist alles andere als ein seliges Weihnachtsfest im Kreis der Familie; diese Familie redet ja nicht miteinander, geht sich seit vielen Jahren erfolgreich aus dem Weg. Doch plötzlich verwirren seltsame Visionen. Die Zeitsprünge, Erinnerungen und Perspektivwechsel machen es aber auch dem Leser nicht einfach. Ali Smith lässt sogar die Zeit stillstehen, die Kirchenglocke schlägt Mitternacht – wieder und wieder.

Der Winter ist nicht mehr so, wie er früher war: das Klima erwärmt sich, doch das Zwischenmenschliche wird kälter. Wenn da nicht noch die Fremde wäre, die die Freundin von Art spielen soll (was sie aber schnell gegenüber Sophia eingesteht), die eigentlich nirgendwo dazu gehört, die durch eine Lüge ins Haus kommt und doch die Wahrhaftigste von allen ist. Sie nennt sich Lux.

Wie in „Herbst“ gibt es auch in diesem Roman viele literarische Anspielungen zu entdecken, vor allem natürlich auf Dickens und Shakespeare. Ali Smiths Sprache hat Rhythmus, ihre Dialoge sind bissig. „Herbst“ fand ich poetischer. Aber „Winter“ muss ich ja allein schon für die Bibliotheks-Szene mögen (obwohl: „Triggerwarnung“, liebe Kolleginnen und Bibliotheksfreunde, sie ist nicht unbedingt schmeichelhaft für unsere Zunft).

Wie „Herbst“ wurde auch „Winter“ von den Literaturkritikern auf die SWR-Bestenliste gewählt als eine der empfehlenswertesten Neuerscheinungen. Ausdrücklich wird auch die Übersetzerin Silvia Morawetz gelobt.

Den Roman findet Ihr sowohl in der Papierausgabe wie auch als eBook hier.

HilDa

Natürlich Eier färben zu Ostern

Eigentlich überkam es mich, mal wieder Bücher zu falten. Wir vermissen die „Irgendwas is immer“-Veranstaltungen auch sehr! Passend zu Ostern und Frühling habe ich mir eine Vorlage aus diesem Buch herausgesucht.

Passend dazu dachte ich mir, ich könnte doch noch ein paar Eier färben. Zum natürlichen Eierfärben findet man viel Inspiration. Es geht mit Zwiebeln, Gemüse aber auch mit Saft und Tee. Auf YouTube habe ich schließlich dieses gefunden und noch ein weiteres für Tee.

Auf Zwiebeln und Spinat habe ich verzichtet. Dafür habe ich Rotkohl (Glas) und Heidelbeeren verwendet. Als Teesorten habe ich Kurkuma, Rooibos und Mate genommen sowie Rote-Bete-Saft. Einen schönen Grünton soll Matcha-Tee ergeben. Es sollten aber Sorten sein, die ich anschließend verbrauche – einer der Gründe, warum diese Sorte ausschied.

Nun ging es ans Vorbereiten. Etwa 250g Heidelbeeren habe ich mit 1/2l Wasser aufgekocht und anschließend 10 Minuten leicht köcheln lassen. Den Rotkohl habe ich mit Saft und weiteren 1/2l Wasser erwärmt und ebenfalls 10 Minuten köcheln lassen. Beides wird durch ein Sieb in hitzebeständige Gefäße gefüllt. Den Rotkohlsud habe ich auf zwei Gläser verteilt und in eines zusätzlich etwas Backsoda gegeben (das entstandene Gebräu sieht giftig aus, ja). Dadurch soll das Ei eine andere Farbe erhalten. Der Effekt war bei mir aber nicht groß.

Für die Tees habe ich je 4 Teebeutel verwendet und 10 Minuten ziehen lassen. Schließlich fehlte noch der Rote-Bete-Saft. Ich habe einfach fertigen gekauft. Der kommt ebenfalls in ein Glas – hier nicht auf Textilien kleckern 😉 Zum Schluss kommt in jedes Gefäß noch etwas Essig. Vielleicht hätte ich den bei dem Rotkohl weglassen können, um einen stärkeren Soda-Effekt zu erreichen. Schließlich war auf dem Glas bereits Branntweinessig als Zutat angegeben.

In jedes Gefäß kamen zwei Eier. Rote-Beete, Rotkohl und Rotkohl-Soda bekamen jeweils eines. Nach drei Stunden habe ich jeweils ein Ei aus den Tees und dem Heidelbeersud geholt. Auch Rote Bete war fertig. Die anderen habe ich über Nacht stehen lassen. Beim Herausholen war ich etwas faul und habe den Löffel nicht zwischendurch abgewischt. So kam z.B. das Orange vom Rooibos-Tee auch an die gelben Kurkumaeier. Das ergibt aber auch einen schönen Effekt. Rotkohl war nach drei Stunden noch nicht so weit.

Letztlich macht es bei Tee kaum einen Unterschied, ob die Eier ein paar Stunden oder über Nacht stehen. Bei einem ersten Versuch hatten die Eier bereits nach einer halben Stunde gut Farbe. Da es aber helle Pastelltöne sind, können sie ruhig etwas länger stehen. Rote Bete braucht – man kann es sich denken – auch nicht so lang 😉 Heidelbeeren sind nach drei Stunden auch schon in Ordnung, der Ton wird über Nacht aber noch etwas kräftiger. Rotkohl muss über Nacht stehen.

Als ich meiner Oma ein Foto schickte, erzählte sie mir, früher hätten sie mit Bienenwachs gefärbt. Dazu habe ich ebenfalls Anleitungen gesehen. Nicht zum Färben, aber zum Verzieren. Vielleicht nächstes Jahr.

Juliane

Mal dein Bookface!

– eine Social-Media-Aktion für Groß und Klein in den Osterferien –

Du malst gerne? Dann ist diese Aktion genau richtig für dich. Such dir ein Buch aus, dessen Cover dir gefällt und leg es auf ein größeres Blatt Papier. Jetzt kannst du das Coverbild malerisch erweitern. Dabei kannst du deiner Fantasie freien Lauf lassen. Wenn du mit deinem Kunstwerk fertig bist, fotografiere es und sende es uns bis zum 11.04.2021 als Direktnachricht oder per Mail an:

stadtbibliothek.socialmedia@bielefeld.de

Bitte nenne uns dabei deinen Vornamen und (falls vorhanden) deinen Profilnamen auf Instagram oder Facebook. Wir werden es für dich in der Bookface-Reihe in unseren Social-Media-Kanälen veröffentlichen.

Sei mutig, denn in der Kunst ist alles möglich und perfekt. Es soll dir Spaß machen! Also, ran an deinen Malkasten oder Buntstifte und viel Freude dabei!

Hier ein paar Beispiele zur Inspiration, natürlich funktioniert das auch mit Büchern für Jugendliche und Erwachsene:

 

Terry Pratchett – Scheibenwelt-Zyklus

Vor einiger Zeit habe ich mir vorgenommen, die 41 Romane umfassende Reihe um Terry Pratchetts Scheibenwelt in chronologischer Reihenfolge zu lesen. Wie der Name vermuten lässt, ist diese Welt eine Scheibe – eine von vielen im Universum. Sie ruht auf 4 Elefanten, die auf der Riesenschildkröte Groß-A’Tuin stehen. Pratchett parodiert Fantasy- und Sci-Fi-Motive, aber auch Themen aus der realen Welt.

Derzeit bin ich bei Band 21, „Fliegende Fetzen“. In der Bibliothek befindet sich die englische Ausgabe unter dem Titel „Jingo“. Hier sorgt eine Insel, die wie aus dem Nichts aus dem Meer aufsteigt, für einen Konflikt zwischen zwei Ländern. Zwei Fischer – einer aus Ankh-Morpork, einer aus dem Land Klatsch – beanspruchen jeder für sich, die strategisch gut gelegene Insel zuerst gesehen zu haben. Das bringt gewisse Probleme mit sich. Nachdem in Ankh-Morpork ein Attentat auf den Botschafter von Klatsch verübt wird, stehen die Zeichen auf Krieg…

„Die Farben der Magie“ und „Das Licht der Fantasie“ – Band 1 bzw. Band 2 – sind als Film unter dem Titel „The color of magic“ verfügbar. Mit Zweiblum begibt sich der weltweit erste Tourist in die Stadt Ankh-Morpork. In seiner Heimat, dem Achatenem Reich, arbeitet er bei einer Versicherung, die er auch gleich in Ankh-Morpork einführt und als eine Art Wette erklärt: Man wettet darum, dass eine Kneipe nicht abbrennt. Brennt sie doch, muss die Versicherung zahlen. Natürlich brennt es wenig später.

Betreut wird Zweiblum von dem mäßig begabten Zauberer Rincewind, der nicht zaubern kann, da er einst einen Zauberspruch verschluckt hat, der sich jedes Mal in den Vordergrund drängt, wenn er zu zaubern versucht. Niemand weiß, was dieser Spruch bewirkt, so versucht er das Aussprechen zu verhindern.
Zu Beginn wird Rincewind verpflichtet, auf Zweiblum achtzugeben. Sowohl der Herrscher des Achatenen Reiches, als auch der Patrizier von Ankh-Morpork stimmen überein, dass schlechte Erfahrungen Zweiblums den Ruf Ankh-Morporks schaden könnten. Später sieht man im Achatenem Reich die Gefahr, dass die „Krankheit der Unzufriedenheit“ mit Zweiblums Rückkehr ins Land kommt – sie sollte also mit Hilfe der Assassinen-Gilde verhindert werden. Rincewind und Zweiblum müssen Ankh-Morpork verlassen und begeben sich auf eine Reise durch die Scheibenwelt.

In dem Roman „Alles Sense“ (Band 11 , als Hörbuch verfügbar) wird der Tod in den Ruhestand geschickt, ohne dass bereits ein geeigneter Nachfolger bereitsteht. TOD ist eine anthropomorphe Personifizierung in Form eines Skeletts mit Umhang und Sense. Eigentlich spielt für ihn Zeit keine Rolle, ab dem Zeitpunkt seiner Verrentung ist er aber sterblich und verdingt sich auf einer Farm.

Die Abwesenheit eines Todes bringt einige Probleme mit sich. Gestorben wird weiterhin, es ist aber niemand da, der die Verstorbenen ins Jenseits geleitet: Windle Poons, Erzkanzler der unsichtbaren Universität für Zauberer, erfährt dies als einer der ersten. Als Zauberer kennt Windle den Zeitpunkt seines Todes und genießt das Privileg, von TOD höchstpersönlich ins Jenseits befördert zu werden.
Windle stirbt zwar, muss aber als Zombie weiterexistieren, da TOD nicht erscheint. Er schließt sich einer Selbsthilfegruppe für Untote an, die eine Gleichstellung der Toten mit den Lebenden erreichen wollen.
Im weiteren Verlauf sammelt sich immer mehr Lebensenergie an, was das Gefüge der Welt aus dem Gleichgewicht bringt. Auch Dinge fangen an zu leben. Schließlich muss sich TOD auch noch seinem Nachfolger gegenüberstellen.

Band 18, „Mummenschanz“, ist als eBook in der Onleihe verfügbar: In der städtischen Oper in Ankh-Morpork möchte Agnes, die mit sich selbst im Duett singen kann, eine Karriere als Opernsängerin starten. Der Besitzer bevorzugt aber Christine, die zwar besser aussieht, aber nicht singen kann. Agnes muss bei Aufführungen also immer hinter Christine stehen und ihr ihre Stimme leihen. Daneben muss man sich noch mit einer Mordserie in der Oper beschäftigen… Das Werk, an das dieser Roman angelehnt ist befindet sich sowohl als DVD als auch als CD im Bestand der Stadtbibliothek.

Ich finde die Romane spannend und auch lustig geschrieben. Pratchett parodiert Fantasy-Motive wie Zauberer, Drachen und Hexen, aber auch Themen aus der realen Welt. Beginnend mit dem Tourismus bekommen später auch Film- und Musikindustrie ihr Fett weg. Ebenso gibt es auf der Scheibenwelt den Schneevater, das Äquivalent zum Weihnachtsmann.

Die Romane sind unterteilt in Zauberer-, Hexen-, Tod- und Ankh-Morpork-Geschichten. Letztere drehen sich hauptsächlich um die Geschehnisse in der Hauptstadt Ankh-Morpork. Man kann sie also chronologisch oder thematisch lesen. Natürlich kann auch mit einem Buch neuerem Datums begonnen werden, da jeder Roman in sich abgeschlossen ist. Aber es kann passieren, dass eine Geschichte auf ein früheres Buch Bezug nimmt und möglicherweise Hinweise auf dessen Ausgang gegeben werden.

Neben aktuellen Bänden sind einige der früheren Romane auf Englisch in der Bibliothek (eigentlich sollte man sie auch im Original lesen, da manches von Pratchetts Humor durch Übersetzung verloren geht) und einige in der Onleihe verfügbar. Das Phantom der Oper und andere Musicals stehen unter fC im 1. OG in der Rotunde.

Juliane

Ostereierhühner mit Fliegenholzhasen

Ostern ist ja nun auch nicht mehr lang hin. Dabei hatte ich mir für dieses Jahr fest vorgenommen, bereits im Januar mit ein paar Basteleien für das Fest anzufangen. – Das hat bisher prima geklappt. Nämlich gar nicht. Ideen hatte ich viele im Kopf – bei denen blieb es dann aber auch.

Dabei weiß ich gar nicht so genau, woran es gehapert hat, mal nicht alles auf den letzten Drücker machen zu müssen. Oder doch: Ich war einfach zu faul den Katalog durchzusehen, die Artikelnummern rauszuschreiben und schlussendlich alles zu bestellen. Da darf ich mich jetzt auch nicht beschweren … 🙂

Aber gut Ding will Weile haben und so sind mittlerweile doch zwei Sachen fertig geworden: Ostereierhühner und Holzhasen mit Fliege (oder Schleife – je nachdem wie man es nimmt). Ich finde, das reicht auch fast schon. Schließlich fuselt die Deko der vergangenen Jahre ebenfalls noch im Schrank herum und möchte selbstverständlich auch aufgestellt und beachtet werden.

Sowohl Ostereierhühner, als auch Holzhasen sind recht schnell gemacht. Gesehen habe ich sie im Lieblingsbastelladen bzw. beim Lieblingsversandhandel. [Unbezahlte Werbung: hier und bei Facebook findet ihr den Bastelladen der Kollegin]

Ostereierhühner

Benötigt werden/wird:
Styroporeier in verschiedenen Größen
Holzspieße
Betonfarbe in grau
Federn
Möhrchen
Wackelaugen oder Tonkarton in weiß und schwarz
Pinsel

Und so werden die Ostereierhühner gebastelt:
Die Styroporeier werden auf die Holzspieße gesteckt und mit der Betonfarbe je nach Belieben ein bis zwei Mal angemalt. Sobald die Farbe getrocknet ist, können die Federn oben auf den „Kopf“ gesteckt oder geklebt werden. Das Stoffmöhrchen (in diesem Fall die Nase), kann ebenfalls schon aufgeklebt werden. Ebenso die Wackelaugen. Wer keine hat, oder Pappaugen schöner findet, muss nur aus dem Tonkarton zwei unterschiedlich große Kreise ausschneiden, diese aufeinander kleben und letztendlich alles zusammen am Kopf befestigen. – Schon sind die Hühner fertig. Sie können nun in einen Eimer mit Moos gesteckt, oder in eine Vase gestellt werden, in ein mit Kies oder Sand gefülltes Glas, oder was einem sonst so einfällt. Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt.

Holzhasen mit Fliege

Benötigt werden/wird:
Holzkugeln in zwei verschiedenen Größen (30 mm und 40 mm)
Holzperlen (0,6 mm)
Draht (0,25 mm)
fertige Schleifen oder Schleifenband aus der sich leicht eine Schleife binden lässt (=Fliege)
Filz in verschiedenen Farben
schwarzer Stift (dünner Edding)
Bastelkleber
Ohren(vorlage) (gibt es im Internet oder frei zeichnen)

Und so werden die Häschen gebastelt:
Die Holzkugeln zusammen kleben. Die Bohrungen sollten dabei nach unten bzw. oben gucken. So stehen die Hasen stabiler und die Ohren können später in die Bohrung gesteckt werden.

Die Ohren anhand der Vorlage oder frei auf die farbigen Filzplatten zeichnen. Die Ohren ausschneiden ggfs. unten in den Ecken zusammen kleben und in die Bohrung der kleinen Kugel stecken.

Die Schleife und die kleine Holzperle für die Nase an den Kopf kleben. Bei der Holzperle muss die Bohrung nach links und rechts gucken, damit die Schnurrhaare darin fixiert werden können. Aus dem Kupferdraht zirka 8 cm lange Stücke schneiden. Pro Hase werden drei Schnurrhaare benötigt. Diese werden in die Holzperle geschoben und kurz vor der Bohrung mit Kleber verklebt. Wenn alles getrocknet ist, können die einzelnen Drähte nach Wunsch in Form gebracht werden. Dies geht am besten mit einem dünnen Bambusspieß oder einer Stricknadel – je nachdem, was gerade da ist.

Zum Schluss werden noch die Augen aufgemalt – fertig ist der Holzhase mit Fliege. [Unbezahlte Werbung: hier und bei Facebook findet ihr Bastelladen Nr. 2 für diese putzige Hasen]

katinkasbackofen