Mittendrin Mittwoch #72

Und Froster sagt: Mann, Vandam, da hast du was Feines erkämpft, damals auf der Nationalstraße.

Wäre es nicht Froster, sondern jemand anders, würde der schon den Boden küssen.

Und Froster fährt fort: So hast du dir das damals nicht träumen lassen, was? Dass es ein so beschissenes Ende nimmt.

Und einer fragt: Was meinst du mit Nationalstraße?

Froster sagt: Dort hat Vandam es doch losgetreten.

Und ein anderer sagt: Hä? Wo?

Und Froster sagt: Unten in der Stadt sag ich, auf der Nationalstraße. Damals im November 1989.

(Seite 62)

„Nationalstraße“ von Jaroslav Rudis

Da schwadroniert ein Ich-Erzähler, der so ziemlich alles darstellt, was mich abstößt: er ist ein Schläger, ein gescheiterter Macho, ein gewalttätiger Ex-Polizist mit rechtsradikaler Einstellung. Und der Autor lässt diesen furchtbaren Menschen reden: In einem großen Monolog erklärt er seinem Gegenüber (noch ist nicht klar, wer das ist), wie und wo man sich seine Gegner für eine Schlägerei aussucht, wie man einen Kampf überlebt, gewinnt und zum König der örtlichen Kneipe wird; er erzählt so nebenbei auch von einer Kindheit im Plattenbau, dem Selbstmord des Vaters, dem Milieu der Gescheiterten und Abgehängten.

Der wie im Fieberwahn gesprochene Monolog mit seinen vielen Wiederholungen nervt manchmal, aber ich kann mich kaum entziehen: dieser  direkte Einblick in den Kopf, in das Denken und Fühlen eines so fremden, abstoßenden Menschen. Aber eben ein Mensch. Jaroslav Rudis zeichnet ihn grob, aber nicht in krassem Schwarz-Weiß-Kontrast, sondern als einen Menschen, wie wir ihn in irgendeiner Kneipe treffen könnten und der uns plötzlich seine Fassade öffnet. Die Wiederholungen geben der Rede einen Rhythmus, ja fast etwas poetisch-episches. Da überrascht es mich nicht, dass ich gerade in einer Rezension lese, dass Jaroslav Rudis auch als Musiker und für das Theater arbeitet. Als Graphic-Novel-Autor kannte ich ihn bereits.

Durch diese Rezension (Lerke von Saalfeld beim Deutschlandfunk) weiß ich jetzt allerdings auch, wie das Buch weitergeht. Ich bin sehr gespannt auf die Autorenlesung im Rahmen unserer Literaturtage morgen. Wie trägt man so einen provozierenden Text vor? Was hat den Autor inspiriert?

Erlesenes – mittendrin und mittendabei: Wir zeigen am Mittendrin-Mittwoch die Lektüre, in der wir gerade mittendrin stecken; die Literatur führt uns mitten in ein unbekanntes Leben und in die Gedankenwelt eines Menschen, mit dem man sich im realen Leben vielleicht nicht gerade unterhalten möchte; die Literaturtage lassen uns im Gespräch mit dem Autoren teilhaben am Schreibprozess.
Mitlesen könnt Ihr immer: unsere Katalogdaten zu den Werken von Jaroslav Rudis hier. Bei den Literaturtagen könnt Ihr auch mitreden, z. B. morgen mit dem Autor von „Nationalstraße“.

Donnerstag, 18. Oktober, 19 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 18:30 Uhr, Beginn 19 Uhr
Moderation: Dr. Maria Kublitz-Kramer, Literarische Gesellschaft
Musikalische Begleitung: Three Times Blues: Milan Böse, Valentin Katter, Uwe Martin
Eintrittspreis: 8 €, ermäßigt 6 €, Dauerkarte 50 €.

Das vollständige Programm der Literaturtage hier.

HilDa

Elizzy von read books and fall in love hat sich für alle, die teilnehmen mögen, folgende Blogaktion ausgedacht: der „Mittendrin Mittwoch“. Er besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.

Literaturtage: Anja Kampmann „Wie hoch die Wasser steigen“

Wenzel arbeitet auf Bohrinseln, bodenlos über den Wellen, im Nirgendwo auf dem Globus. Im Dorf seiner Vorfahren war er mit Milena verheiratet, konnte sich finanziell dort aber nicht über Wasser halten. Sie ist ihm fremd geworden, genauso wie es seine Jugendfreunde und sein ehemaliges Zuhause sind. Einziger Halt ist die immer intensiver werdende Freundschaft zu seinem Kollegen Matyas. Als ein nächtlicher Sturm vor der nordafrikanischen Küste Matyas verschluckt hat, macht sich Wenzel auf den Weg – eigentlich nur um dessen Familie in Ungarn die Hinterlassenschaften zu bringen. Doch dann steigt er aus. Erst aus dem Taxi, das ihn zur Bohrinsel zurückbringen sollte, dann aus dem Arbeitsleben. Uber Malta und Italien irrt er nach Norden, fährt im geliehenen alten Fiat in ein erloschenes Ruhrgebiet, in das sein Vater auf der Suche nach Bergmannsarbeit gegangen war. Im Gepäck hat er eine Brieftaube, die geradlinig ihren Weg zurücknehmen wird. Sie fliegt zurück zu dem am Alpenrand lebenden Alois, dem Freund seines Vaters, seiner einzigen noch vitalen Verbindung zur Vergangenheit.

„Er dachte, dass er etwas in der Ferne gesucht hatte, aber dass dort nichts war.“
~Wenzel~

Anja Kampmanns aus der Büchermenge dieses Jahres herausragender Debütroman erzählt in dichter, poetischer Sprache von der sonnendurchglühten Hafenstadt Tanger, der staubigen ungarische Puszta, dem verrusten Ruhrgebiet von Wenzels Kindheit, der Rückkehr aus der Fremde, vom Versuch, aus einer harten Arbeitswelt zurückzufinden ins eigene Leben. Die bisher als Lyrikerin bekannte 35-jährige Hamburgerin schreibt ohne Schnörkel, ohne Psychologisierung, erfindet höchst intensive Bilder und wurde damit in diesem Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Hier ist eine Autorin zu entdecken„, so Tobias Lehmkuhl in der ZEIT (Rezension einschließlich fast 7 Minuten Video-Lesung). Na dann:

Mittwoch, 17. Oktober, 19 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 18.30 Uhr, Beginn: 19.00 Uhr
Moderation: Klaus-Georg Loest
Musikalische Begleitung: Matthias Kämper, Flügel
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Hier geht es zu Anja Kampmanns Werken in unserem Katalog und hier gelangt ihr zum gesamten Programm der Literaturtage.

Literaturtage: Michael Kleeberg „Der Idiot des 21. Jahrhunderts“

Wenn ein Roman den Untertitel Ein Divan trägt, kann er seine Verwandten nicht verleugnen. Alles läge dem Autor ferner, als dies zu tun. Die Verbindung zu Goethes West-östlichem Divan und zu einer zweiten Quelle der Inspiration, dem Märchen von Leyla und Madschnun des persischen Dichters Nizami. Michael Kleeberg gilt als realistischer Schreiber und so mögen zwar manche Passagen seines Romans märchenhaft klingen und von blumiger Sprache leben, aber in den 12 Kapiteln, oder besser „Büchern“, die Titel tragen wie „Buch der drei Lieben“ oder „Buch des westlichen Exils“ oder „Buch der Utopie“, werden wir auf den Boden der Tatsachen gestellt.

Buch mit Programmheft der Literaturtage

Michael Kleeberg „Der Idiot des 21. Jahrhunderts“

Es geht um die großen Themen der Welt. Es geht um eine Welt der Globalisierung, der Fluchten, der Menschenströme, der Schicksale zwischen Orient und Okzident, der Strukturlogik internationaler Konfrontationen, die hier in Einzelgeschichten und Gesprächen eines alt gewordenen Freundeskreises – man kennt sich seit Jahren, nimmt aneinander Anteil – erörtert werden. Man denkt unweigerlich an 1968 und die Folgen, vor allem daran, wie sich doch alles anders entwickelt hat, als man es sich vorgestellt und erhofft oder erträumt hat.

Michael Kleeberg, Jahrgang 1959, verarbeitet in diesem Roman seine intensive Beschäftigung mit dem politischen „Nahen Osten“ und der Kultur des Orients. Er nimmt die aktuellen Fragen einer Einwanderungsgesellschaft auf, die Fragen von Vertrautheit und Fremdheit und singt das Lob der Gastfreundschaft. Zuletzt war er in Bielefeld mit seinem Roman „Vaterjahre“ aus dem Jahre 2014 zu Gast.

Michael Kleeberg ist ein unendlich begabter, unverschämt maliziöser Schriftsteller, der souverän über alle Register der großen Romanorgel verfügt. (Ijoma Mangold, Die ZEIT)

Ein aufschlussreiches Interview mit dem Autor über seinen neuen Roman findet Ihr beim Deutschlandfunk Kultur, eine sehr ausführliche Besprechung im Radio-Feature von Maike Albath im Deutschlandfunk.

Montag, 15. Oktober, 19 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 18.30 Uhr, Beginn: 19.00 Uhr
Moderation: Harald Pilzer
Musikalische Begleitung: Henning Rice, Flügel und Ismail Özgentürk, Saxophon
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Hier findet Ihr die Katalogdaten zu den Büchern von und über Michael Kleeberg einschließlich einiger Übersetzungsarbeiten von ihm; und hier das gesamte Programm der Literaturtage.

 

Literaturtage: Gert Loschütz „Ein schönes Paar“

Es geht in dem Roman, der bisweilen autobiographisch anmutet, um die Geschichte des schönen Paares Herta und Georg, erzählt aus der Perspektive des Sohnes Philipp. Er nennt seine Eltern beim Vornamen und zeichnet ihre Biographien, Begegnungen und Handlungen nach. Die beiden lernen sich in einer Kleinstadt im Brandenburgischen vor dem II. Weltkrieg kennen. Sie ist eine Schönheit und träumt sich fort aus der Enge. Er ist groß, schlaksig und Soldat. Als der Krieg vorbei ist, bleiben sie dort. Georg hat eine Stellung in einem nahegelegenen Betrieb, muss aber überstürzt in den Westen fliehen, da sein Kontakt zum bundesdeutschen Verteidigungsministerium entdeckt wird. Die Mutter, mit einer teuren Ostkamera im Gepäck, und der Sohn folgen in die Schieferstadt Tautenburg. Der Neubeginn ist nicht einfach und die Kamera, als Wertanlage gekauft, lässt sich nicht veräußern. Daraus entsteht eine Katastrophe für das Paar und das Kind. Sie trennen sich und die Mutter verschwindet. Philipp wächst bei dem Vater auf.

Beharrlich leuchtet Gert Loschütz diese Liebesgeschichte aus, beschreibt dabei detailreich Episoden aus dem gemeinsamen Leben und erzählt dennoch sensibel und diskret.

 „Die Geschichte des schönen Paares ist eine Geschichte vom Verlust der Vorstellung eines möglichen Gelingens.“
(Marion Victor in Faust-Kultur; hier die vollständige Rezension)

Weitere Besprechungen:

Christoph Schröder schreibt in der ZEIT, der Liebesroman stecke voller literarischer Eleganz.

Lerke von Saalfeld fragt in der FAZ: Was manifestiert sich da?

Salli Sallmann von kulturradio rbb spricht von einem großen Roman über ein kleines Schicksal.

Gert Loschütz hat Gedichte, Theaterstücke, Drehbücher und Romane geschrieben. Er erhielt dafür zahlreiche Preise und Stipendien.

Freitag, 12. Oktober, 19 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 18.30 Uhr, Beginn: 19.00 Uhr
Moderation: Angelika Teller
Musikalische Begleitung: Valentin Katter, Trompete/Flügelhorn und Nils Rabente am Flügel
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Hier findet ihr Ausleihhinweise zu den Büchern von Gert Loschütz und hier das gesamte Programm der Literaturtage.

 

Mittendrin Mittwoch #71

Sarah bemerkte, wie ein Gefühl der Bitterkeit in ihr hochkroch, gemischt mit Verachtung. Wie ignorant und rückständig sie waren! Aber durfte man das – seine eigenen Familie verachten? Seine Familie musste man doch lieben! Das tat sie ja auch, überlegte Sarah. Sie verachtete nur ihre Rückständigkeit. Gerade weil sie ihre Familie liebte, schmerzte es sie zu sehen, wie zufrieden sie alle mit sich waren, obwohl sie so weit hinter ihren Möglichkeiten zurückblieben. Wenn sie Boris nicht getroffen hätte, wäre sie jetzt vermutlich auch so. Sie konnten nichts dafür, sie mussten erst noch auf den richtigen Weg gebracht werden.

Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer, Seite 204 bis 205

Im Jahr 1886 kommt Boris Sidis, ein ukrainischer Einwanderer, in New York an. Überzeugt davon, dass sein Verstand alles ist, was er benötigt, wirft er sein Gepäck und sein Erspartes fort. Mittellos steht er nun in New York, landet über einen Bekannten aber schließlich in Boston, wo er nach einiger Zeit gezwungen ist zu unterrichten, um sich zu finanzieren. Er ist ein guter Lehrer und geht dieser Beschäftigung auch gerne nach, jedoch ist es ihm unangenehm, dafür Geld zu nehmen. Er betrachtet Bildung als ein Gut, dass jedem zugänglich sein sollte, um die Menschen aus der Dummheit, an der seiner Ansicht nach die Meisten leiden, herauszuführen.
Bei seiner Lehrtätigkeit lernt er seine zukünftige Frau Sarah kennen. 1898 wird ihr gemeinsamer Sohn William James Sidis geboren. Zu diesem Zeitpunkt ist Boris zu einem berühmten Psychologen avanciert und findet es schier unerträglich, seinen Sohn zu einem „normalen“ Kind heranwachsen zu lassen. Er ist fest davon überzeugt, dass man jedes Kind dazu erziehen kann, ein Genie zu werden. Seine Methoden scheinen auch zu wirken. William lernt sehr früh zu sprechen, und zwar gleich 4 Sprachen auf einmal, diskutiert mit den Erwachsenen, kann zu jedem Datum in Zukunft oder Vergangenheit auf Anhieb den Wochentag nennen usw.

Ich bin momentan bei genau diesem Abschnitt von Williams Leben, nämlich seiner frühen Kindheit, nachdem sich der Großteil der ersten 200 Seiten hauptsächlich mit Boris Sidis beschäftigt hat. In der Beschreibung seiner frühen Erziehung bahnt sich schon an, warum wohl die wenigsten von William James Sidis gehört haben, obwohl er als der Mensch mit dem höchsten IQ gilt und als wahres Wunderkind gefeiert wurde. In seinem Erwachsenenleben kann er seine Genialität nämlich nicht nutzen, um etwas Bleibendes zu hinterlassen. Bei all seiner Erziehung, um aus William ein Genie zu machen, hat Boris nämlich auch viele Dinge außer Acht gelassen wie Fantasie oder soziale Kompetenzen. Da wundert es mich nicht, dass William nicht ganz der Mensch wird, den Boris sich gewünscht hat.

Obwohl sowohl Boris als auch seine Frau Sarah eher unsympathische Gesellen sind, finde ich es dennoch interessant von ihren Leben gelesen zu haben. Beide sind eher gezwungenermaßen in Amerika gelandet, beide sind durch Bildung voran gekommen und halten diese sehr hoch. Mit ihrer Verachtung und Überheblichkeit anderen Menschen gegenüber könnten sie allerdings etwas sparsamer umgehen. Ich gehe mal davon aus, dass sich die restlichen gut 400 Seiten des Buches nun aber eher auf William fokussieren werden, da es schließlich ein biographischer Roman über ihn ist, und bin schon gespannt, wie genau seine Wunderkindjahre und dann sein Leben als Erwachsener bis zu seinem frühen Tod verlaufen werden.

Klaus Cäsar Zehrer ist im Rahmen der Literaturtage übrigens am 23.10.2018 bei uns zu Gast und wird aus Das Genie lesen.

Die Details zur Lesung:
Dienstag 23. Oktober 2018
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 18.30 Uhr, Beginn: 19.00 Uhr
Moderation: Harald Pilzer
Musikalische Begleitung: Thomas Schweitzer, Saxophon
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Hier findet ihr Ausleihhinweise zum Buch und hier das gesamte Programm der Literaturtage.

lga

Elizzy von read books and fall in love hat sich für alle, die teilnehmen mögen, folgende Blogaktion ausgedacht: der „Mittendrin Mittwoch“. Er besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.

Literaturtage: Hans Pleschinski „Wiesenstein“

„Der Opel Blitz kroch über die Mordgrundbrücke.“

So beginnt der biographische Roman um einen der erfolgreichsten deutschsprachigen Großschriftsteller, Gerhart Hauptmann, in seinen letzten beiden Lebensjahren.

Roman „Wiesenstein“ mit dem Programmheft der Literaturtage 2018

„Wiesenstein“ von Hans Pleschinski,
Literaturtage Bielefeld, 9.10.2018

März 1945, Dresden: Während Millionen Reichsdeutsche in Massen vor der roten Armee nach Westen fliehen, will allein der 82jährige Nobelpreisträger ausgerechnet nach Osten. Zurück in seine mondäne Villa „Wiesenstein“ ins Schlesische Gebirge, wo er Freunde und Prominente, Künstler und Politiker bei opulenten Soireen im Frack empfangen hat. Wieder so leben, als könne alles so weitergehen: bedient und umhegt von seiner Frau Margarete, dem persönlichen Masseur, Zofe, Buttler und Gärtner. Das Ungeheuerliche der Zeit wird, inspiriert durch bisher unveröffentlichte Tagebuchaufzeichnungen des Ehepaares, prägnant herausgearbeitet: das plötzliche Verschwinden von Nazis und Sicherheitskräften, das Leben im Machtvakuum, die Grausamkeiten, die ersten Begegnungen mit russischen Truppenteilen und polnischen Milizen und Neusiedlern. Wie werden die neuen Herrschenden den Dichter der „Weber“, den Hauptakteur des literarischen Naturalismus, behandeln, der sich politisch derart ambivalent in der NS-Zeit positionierte? Erhält er einen der begehrten Schutzbriefe oder wird er deportiert? In der lähmenden Wartezeit überarbeitet Hauptmann mit seiner Sekretärin Anne Pollak detailversessen seine Werke und bietet damit immer wieder Einblicke in die literarische Arbeit des Schriftstellers, der von seinem Rivalen Thomas Mann als „Volkskönig“ etikettiert und in dessen „Zauberberg“ verulkt wurde.

 „… einem Holländer, einem Säufer, … einer intellektuellen Ruine, … zieht Thomas Mann meine Kleider an.“
(Beschwerde über die Zeichnung der „Zauberberg“-Figur Mijnheer Peeperkorn im Brief Gerhart Hauptmanns vom 4. Januar 1925 an S. Fischer.)

Hans Pleschinski lebt als freier Autor in München. In seinem letzten Roman „Königsallee“ zeigte er auf amüsante Weise, wie Thomas Mann 1954, erstmals nach seinem US-Exil nach Deutschland zurückgekehrt, in einem Düsseldorfer Luxushotel ausgerechnet seine unterdrückte homoerotische Liebe wiedertreffen könnte.

Dienstag 9. Oktober 2018
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 18.30 Uhr, Beginn: 19.00 Uhr
Moderation: Klaus-Georg Loest
Musikalische Begleitung: Thomas Schweitzer, Saxophon
Eintrittspreis 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte: 50,– €.

Die von Hans Pleschinski geschriebenen oder herausgegebenen Werke in der Stadtbibliothek findet Ihr in unserem Katalog hier.

Karen Duve und Grimms Märchen

Das Buchcover zeigt einen schwarzen Scherenschnitt vor blauem Hintergrund: eine Jagdszene, bei der mehrere Tiere in einen Abgrund stürzen

Fräulein Nettes kurzer Sommer / von Karen Duve

Gerade geht die Eröffnungsveranstaltung zu den Literaturtagen Bielefeld zu Ende. Karen Duve las aus ihrem neuen Bestseller-Roman „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ und erzählte von den interessanten Recherchearbeiten und der dichten Quellenlage rund um Annette von Droste-Hülshoff und ihre Zeit. Dabei tauchen auch die Brüder Grimm auf. Annette war über die Familie von Haxthausen aus dem Paderborner Land (ihre Mutter war eine geborene von Haxthausen)früh mit den Märchensammlern bekannt. Im Roman schreibt Karen Duve dazu offenbar witzige Dialoge und Szenen. Allein dafür gehört das Buch jetzt auf meine Leseliste.

Karen Duve hatte bereits im Grimm-Jahr 2012 ihre eigenen Versionen zu einigen Märchen der Brüder Grimm veröffentlicht, eine Sammlung, die mir offenbar viel Spaß gemacht hat, jedenfalls habe ich damals dies dazu notiert:

Das Buchcover zeigt den Kopf eines zähnefletschenden Wolfes

Grrrimm / von Karen Duve. –

Man kann die Volksmärchen á la Grimm noch vage erkennen: Karen Duve hat vier der bekanntesten Geschichten (plus eine eher weniger geläufige) aus der Sammlung der Brüder Grimm ausgewählt und erzählt sie komplett neu – ganz ohne romantischen Schnickschnack, frivol, frech, gegen den Strich gebürstet, ohne Happy End. Nicht gerade Gute-Nacht-Geschichten für die lieben Kleinen! Die phantastisch-düstere Welt ist brutal und gnadenlos. Es gibt nicht Gut und Böse; die Figuren sind boshaft und verschlagen. ALLE!

Eine Geschichte wird z.B. aus der Perspektive eines fiesen bösartigen kleinen Goldgräbers erzählt, der mit sechs anderen Kumpel im Wald in einem Bergwerk arbeitet. Eines Tages kommt eine bildhübsche Frau zur einsamen Hütte und behauptet, eine echte Prinzessin auf der Flucht vor ihrer bösen Stiefmutter zu sein. Wer’s glaubt! Sicher eine Hochstaplerin.
Aber Sie glauben, Sie kennen diese Geschichte? Oh nein, so jedenfalls nicht!

Hier die Katalogdaten zu Buch und Hörbuch von „Grrrimm„.

HilDa

Mittendrin Mittwoch #70

Ich fragte mich, ob ich mit ihr leben wollen würde.
Meine Einladung zum Reisen war ja eine Einladung zum Leben gewesen, zum Versuch damit, doch vielleicht würde sich ja herausstellen, dass die Reise unser Leben war, die komprimierte Fassung davon.
Ora fuhr und schaute gelegentlich zu mir herüber.
Du denkst daran, was werden wird, sagte sie.
Wird nicht immer etwas aus dem, was gewesen ist?

(S. 134)

Buch „Tage mit Ora“ und Programmheft zu den Literaturtagen 2018

„Tage mit Ora“ von Michael Kumpfmüller

 

Eine Reise ist ein beliebter Rahmen für eine Romanhandlung, sogar schon in Märchen und großen antiken Epen. „Tage mit Ora“ hat aber wenig von einer Heldenreise á la Odyssee; hier werden keine phantastischen Abenteuer aneinander gereiht. Michael Kumpfmüllers Erzählung konzentriert sich ganz auf die beiden Hauptfiguren, den Ich-Erzähler und die im Titel genannte Ora. Und auf die Liebesgeschichte.

Aber ist das überhaupt eine Liebesgeschichte?
Zwei Menschen, die sich bisher nur oberflächlich kennen, wollen gemeinsam einzelne Orte entlang der Westküste der USA bereisen und dann einfach sehen, ob und was sich daraus entwickelt. Haben die beiden mehr gemeinsam als nur die gleichen Psychopharmaka, die sie nehmen müssen oder hat am Ende die Therapeutin des Erzählers mit ihrer Warnung vor dieser Beziehung recht?

Es gibt keinen Plan, aber beide haben bereits bittere Erfahrungen in der Vergangenheit gemacht; so blieb die erste Annäherung bisher zögerlich. Die gemeinsame Reise in einem kleinen Mietwagen soll dem Kennenlernen dienen und ist eine Probe, ob intime Nähe und die Eigenheiten des anderen überhaupt erträglich sind, auch eine Probe für die eigenen Gefühle.

Kein aufregender Plot, aber wunderbar erzählt. Mir gefällt Michael Kumpfmüllers Sprache sehr, der leise Humor zwischen den Zeilen, die inneren Monologe des Erzählers zwischen Depression, euphorischer Verliebtheit und abgeklärter Selbstironie.

Am Montag, 22. Oktober ist der Autor zu Gast bei unseren Bielefelder Literaturtagen.

Unsere Katalogdaten zu dem Buch gibt es hier.

HilDa

Elizzy von read books and fall in love hat sich für alle, die teilnehmen mögen, folgende Blogaktion ausgedacht: der „Mittendrin Mittwoch“. Er besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.

Literaturtage Bielefeld

Am Donnerstag, den 04.10.2018 ist es wieder so weit – die 23. Literaturtage Bielefeld beginnen! Zur Eröffnung haben wir Karen Duve eingeladen, die aus ihrem Buch „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ liest. Bei besagtem Fräulein Nette handelt es sich um Annette von Droste-Hülshoff. Karen Duve hält sich in ihrem Roman eng an die historische Vorlage und berichtet von der Zeit der Romantik und des Biedermeiers.

Am Montag darauf haben wir Lucy Fricke zu Gast. Über ihr Buch „Töchter“ berichtete ich schon in einem MittendrinMittwoch. Mittlerweile habe ich das Buch ausgelesen, bin immer noch begeistert und freue mich schon sehr auf die Lesung!

Ein weiteres Buch, dass mich ebenfalls sehr interessiert ist „Das Genie“ von Klaus Cäsar Zehrer, der am 23. Oktober bei uns ist. Bisher habe ich noch nicht geschafft anzufangen aber es steht zumindest schon Zuhause im Regal und wartet auf mich.

Wenn ich genug Zeit hätte würde ich auch gerne noch „Tage mit Ora“ von Michael Kumpfmüller oder auch Nationalstraße von Jaroslav Rudis lesen oder … ich zähle jetzt mal nicht auch noch alle anderen Bücher auf, die schaffe ich sowieso nicht mehr alle zu lesen 😉

Bei den Lesungen dürft ihr euch außerdem immer darauf freuen die Abende mit musikalischer Begleitung und einem Glas Wein o.ä. zu genießen.

Insgesamt finden dieses Jahr zwischen dem 04.10.2018 und dem 02.11.2018 12 Lesungen statt. Hier seht ihr eine kleine Übersicht über das gesamte Programm:

Und das ausführliche Programmheft ist hier zu finden oder in gedruckter Form natürlich auch bei uns vor Ort. 🙂

lga