Kindheitserinnerung

Manchmal denkt man ja an die verrücktesten Sachen. Und oft weiß ich noch nicht mal, wie ich darauf komme.
Ich glaube, in diesem Fall war es ein Nachdenken darüber, was man früher so als Kind angezogen bekommen hat. Schuhe waren bei mir immer blau, schwarz, grau, weiß. Aber nicht nur weiß, denn die wurden ja zu schnell schmutzig. Witzig fand ich es immer, wenn die Schuhverkäuferin fragte, ob ich die Turnschuhe lieber mit Klettverschluss oder zum Schnüren haben wollte. Ich hasse Klettverschlüsse und deshalb hatte ich nur welche mit Schnürbändern. Wenn die Bänder zu lang waren, machte ich halt eine Doppel- oder Dreifachschleife. 🙂 Oft erstaunte es die Verkäuferin, da wohl die meisten Kinder zu den Klettverschlüssen tendiert haben.

Während der Grundschulzeit hatte ein Mädchen aus meiner Klasse auf einmal pinke Turnschuhe  an, die vor Sternchen, Blumen und Glitzer nur so funkelten. Ich glaube, die Sohle blinkte auch noch. Was waren wir neidisch auf diese Schuhe der Marke „Lelly Kelly“. Sagt euch das noch was?
Leider (oder zum Glück) bekam ich nie solche Schuhe. Als ich mal wieder neue Schuhe brauchte, habe ich natürlich im Schuhgeschäft vor der Schuhpyramide mit den Glitzerteilen gestanden, aber es gab für mich dann doch wieder die üblichen blauen Turnschuhe, aber mit quietschgrünen Elementen drin. An der Kasse ging dann ein Träumchen in Erfüllung. Jemand wollte bei einem Lelly-Kelly-Schuhkauf den Karton nicht mitnehmen und die Verkäuferin hat meine Schuhe kurzerhand in diesem Karton gepackt. Oh, ich war so stolz! So einen hübschen Schuhkarton hatte ich nie wieder. Im Vergleich aus heutiger Sicht zu den Schuhen war der wirklich toll. Altrosa mit pinken Rosen drauf.  Und das sich darin keine Glitzerschuhe befanden, fand ich dann auch gar nicht schlimm. Ein paar Monate später hat sie eh keiner mehr getragen. Den Karton allerdings habe ich jahrelang behalten… 🙂

kwk

Advertisements

Mittendrin Mittwoch #53

Dorothy Vaughans erste Fahrt zwischen Newport News und Farmville sollte nicht die letzte bleiben, obwohl das unerbittliche Tempo der Forschung Heimatbesuche, von kurzen Abstechern abgesehen, unmöglich machte. Der Vollmaßstab-Tunnel war rund um die Uhr in Betrieb, und alle anderen Ingenieurabteilungen waren bis an die Grenzen ihrer Kapazität ausgelastet. So kam es, dass Dorothy zur Expertin für Achtzehnstundentage wurde und, wann immer sie es schaffte, den ersten Bus nach Farmville nahm. Sie blieb so lange sie konnte bei ihren Kindern, bevor sie irgendwann spät in der Nacht in ihre Nische der Kriegsmaschinerie zurückkehrte, wo ihr am nächsten Tag die Zahlen auf den Datenblättern vor den Augen verschwammen.

Hidden Figures. Unerkannte Heldinnen von Margot Lee Shetterly, Seite 99

Vor kurzem entdeckte ich bei uns in der Bibliothek das Sachbuch Hidden Figures. Der Titel und das Cover des Buches brachten bei mir sofort eine Glocke zum Läuten, heißt so doch auch ein Film, der auf diesem Sachbuch basiert. Da mir der Film, als ich ihn letztes Jahr sah, sehr gut gefallen hat, habe ich mir das Buch direkt aus dem Regal gegriffen und ausgeliehen.

Das Buch erzählt die Geschichte von afroamerikanischen Frauen, wie Dorothy Vaughan oder Katherine Johnson, die seit 1943 von der NACA, die später zur NASA wurde, eingestellt wurden. Zu dieser Zeit wurde händeringend nach Personal gesucht, um die wachsende Kriegsmaschinerie der USA am Laufen zu halten. So eröffneten sich für Frauen im allgemeinen aber eben auch für schwarze Frauen ganz neue berufliche Möglichkeiten. Dorothy Vaughan gehörte zu den West-Computern. Sie war quasi ein menschlicher Computer und berechnete somit alle möglichen Daten, um zum Beispiel die amerikanischen Flugzeuge für den Zweiten Weltkrieg zu verbessern.

Shetterly berichtet von den Leben und Werdegängen verschiedener Frauen, bisher vor allem von Dorothy Vaughan. Es ist spannend und beeindruckend etwas über diese Frauen zu erfahren, wie sie sich trotz aller Widrigkeiten (die zu dieser Zeit in Amerika für Schwarze natürlich zu Hauf bestanden) zu behaupten wissen.

Daneben ist ihre Arbeit an sich bei der NACA auch einfach sehr interessant und wird sich im Verlaufe des Buches auch noch der Raumfahrt zuwenden (und mit dem Thema bin ich immer zu begeistern). 🙂

Hier die Katalogdaten zum Buch, welches ihr bei uns vor Ort oder in der Onleihe ausleihen könnt. Die Infos zum Film gibt es hier.

lga

Elizzy von read books and fall in love hat sich die Blogaktion ausgedacht. Der „Mittendrin Mittwoch“ besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.

Nur mal kurz was nachgucken…

Ihr kennt es bestimmt- da will man „nur mal schnell was im Internet nachgucken“ und auf einmal ist einem die Zeit davon gerannt. Oftmals muss man dann auch noch scharf nachdenken um sich überhaupt noch daran zu erinnern, was man eigentlich in Erfahrung bringen wollte.

So passierte es mir letztens auch wieder.

Im Fernsehen lief eine Etappe des Giro d’Italia, man radelte zum Ätna. Und ich dachte mir, von Sizilien weißt du nicht viel – schau doch mal kurz, wo denn der Ätna eigentlich auf der Insel liegt. Gesagt, getan. Man sah sogar Rauch bei der Ansicht von Google Maps. 🙂
Faszinierend. Und dann konnte ich doch gleich mit einem Wisch auf dem Smartphone-Display noch auf das Festland hüpfen und schauen, wo genau in Neapel der Vesuv liegt. Das wusste ich auch nicht so genau. Bei dem war übrigens kein Rauch zu sehen. Ich kann euch sagen- Google Maps ist seeehr verführerisch. Man kann sich Orte anschauen, die man noch nie gesehen hat, Städte von oben betrachten, ohne sich auf einen Wolkenkratzer begeben zu müssen.
Schwups, war ich in Washington D.C. und habe Ausschau nach dem Weißen Haus gehalten (und erst nicht gefunden muss ich zu meiner Schande gestehen). Das Washington Monument, Lincoln Memorial, selbst Teile vom Smithsonian habe ich entdeckt. Naja, nach einigem Suchen fand ich es schließlich. 😉 Sollte ich irgendwann mal die amerikanische Hauptstadt bereisen, bin ich nun gewappnet. Aber das war noch nicht das Ende- morgens hatte ich bei Instagram einen Post von Reese Witherspoon gesehen, in dem sie wieder Werbung für ihr Modelabel „Draper James“ machte. Die Website wollte ich mir schon immer mal ansehen und ich tauchte ein in die Welt von fröhlich-bunten Röcken und Kleidern…

Irgendwann … schaute ich zum Fernseher und sah, dass die Radler ein ganzes Stückchen der Tagesetappe geschafft hatten. Und ich dachte „Warum warst du jetzt nochmal im Internet?“

Ach ja, der Ätna…

Mittendrin Mittwoch #52

„Als ihr Wagen ein paar Tage später durch den Bois de Boulogne rollte, beschlichen Gabrielle erste Zweifel an ihrem Vorhaben. Sie starrte auf die sich herbstlich verfärbenden Bäume und fragte sich, ob sie nicht zu ungestüm vorging. Eine so hohe Summe für ein Taschentuch zu bezahlen, das sich im Labor womöglich als wertlos erweisen könnte, war verrückt.“

Michelle Marly „Mademoiselle Coco und der Duft der Liebe„, S. 141

Zugegeben- ich mag Parfüm von Chanel nicht besonders. Aber mich interessiert die Person Coco Chanel und ich lese quasi alles, was mir über sie so in die Hände fällt, egal ob Roman oder Biografie. 🙂 Nach Camilla Läckberg hatte ich mal wieder Lust auf etwas kitschig-romantisches. Und auch hier zog mich das wunderschöne Cover wieder magisch an.

Coco Chanel hat gerade ihren Geliebten bei einem Autounfall verloren. Mit Hilfe ihrer Freundin Misia gelingt es ihr, die Wochen der Depressionen einigermaßen hinter sich zu lassen und sich wieder um ihr Atelier zu kümmern. Ein neuer Wunsch keimt in ihr auf- sie möchte ein Parfüm kreieren, ein einzigartiger Duft für die moderne Frau soll es werden (na, könnt ihr euch schon denken, um welches Parfüm es sich handelt?). Sie trifft auf Dimitri Romanow, einen russischen Großfürsten, der im Exil lebt und auf Igor Strawinsky. Ich bin gespannt, wie es weitergeht- mit den Männern und natürlich mit dem besagten Taschentuch aus der Textstelle oben. Das soll nun auf seine Duftstoffe untersucht werden. Ob das möglich ist? Es gehörte der verstorbenen Großfürstin Maria Pawlowna und genau nach seinem Duft hat Coco gesucht…

Bei uns befindet sich das Buch gerade in der Einarbeitung, deshalb habe ich einfach mein privates Exemplar fotografiert. 😉

kwk

Elizzy von read books and fall in love hat sich die Blogaktion ausgedacht. Der „Mittendrin Mittwoch“ besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.

Lebenslanges Lernen mit Athene

Griechische Sagen und Sekundärliteratur dazu, wunderbares Bildmaterial und viele interessante Bezüge bis hin zur modernen Lebenswelt

Ein kleiner Seniorenkreis, Kaffee und Kuchen und dann irgendwas mit Literatur oder so, nur ein kleiner Vortrag, das Thema durfte ich selbst wählen. Ja, Sagen und Märchen gehen immer. Warum also nicht Sagen aus der griechischen Mythologie? Das muss man natürlich noch etwas einschränken, vielleicht auf eine Heldengestalt? Ein Epos?

Einbändige Werkausgabe Hesiod

Hesiod schrieb u.a. eine Theogonie

Ich entschied mich für eine Göttin: einfach ein paar Sagen rund um Athene nacherzählen. Da war schnell einiges gefunden, sogar zu viel; es gibt unterschiedliche Versionen und einzelne Geschichten widersprechen sich sogar. Hesiod verfasste die berühmteste Theogonie (Lehre über die Abstammung und Verwandtschaft von Göttern und Heroen), in den Epen des Homer wurde Athene natürlich auch mehrfach erwähnt; doch welche anderen Dichter sollte ich noch heranziehen?

Zeus nahm Metis als seine Geliebte. Doch Gaia und Uranos orakelten,
die Tochter der Metis, sollte sie geboren werden, wäre dem Göttervater
an Weisheit gleich, der Sohn würde ihn sogar vom Thron stoßen,
so wie Zeus ja auch seinen Vater einst entmachtet hatte. Da
verschlang Zeus die schwangere Metis. Doch er bekam
fürchterliche Kopfschmerzen und bat Hephaistos, den Gott der Schmiedekunst,
ihm den Kopf zu spalten. Klingt nach einem drastischen Schmerzmittel,
aber als Unsterblicher hatte Zeus nichts zu fürchten.
Hephaistos nahm also seinen gewaltigen Hammer und spaltete
den Kopf des Zeus. Da sprang, in voller Rüstung und mit
erhobenem Wurfspeer, die Göttin Athene heraus. Und weil
sie aus dem Kopf des Zeus geboren wurde, war sie
ihm an Weisheit gleich, genau so wie es geweissagt worden war.

„Sagen des klassischen Altertums“ von Gustav Schwab

Meine erste Geschichtslehrerin konnte wunderbar erzählen; in meiner Erinnerung bestand ihr Unterricht hauptsächlich darin, uns die Sagen des klassischen Altertums zu erzählen. Auch wenn meine Erinnerung da sicher übertreibt, ich habe ihre Geschichten geliebt. So hat sie mein Interesse an der Geschichte des Altertums nachhaltiger geprägt als andere Lehrer oder irgendein Schulbuch es je konnten. Sie nahm ich mir zum Vorbild für den Vortrag. Und natürlich den Klassiker unter den Prosa-Nacherzählungen der Sagen des Altertums: Gustav Schwab.

Athene wurde zusammen mit Pallas, der Tochter des Meeresgottes Triton,
erzogen, sie waren beste Freundinnen. Bei einem ungestümen
Trainingskampf bekam Zeus Angst um seine Lieblingstochter.
Zu ihrem Schutz hielt er sein Schild zwischen die Kämpferinnen.
Doch Pallas erschrak darüber so sehr, dass sie den Schwerthieb der Athene
nicht sah und nicht parierte. Pallas wurde tödlich getroffen und starb
in den Armen der untröstlichen Freundin. Zum Gedenken schuf Athene
ein Standbild, das Palladion, und übergab es Zeus, der es später,mit
dem Einverständnis seiner Tochter, anlässlich der Gründung der Stadt
Illion/Troja
vom Himmel fallen ließ und den
Trojanern als Schutzbild schenkte.

Athene nannte sich fortan Pallas Athene. So machte sie zumindest
den Namen ihrer Freundin unsterblich.

Einige Bücher zur antiken Mythologie aus der Stadtbibliothek

 

So liest man sich durch diverse Bücher über die Welt der alten Griechen, folgt den vielen  Registereintragungen, klickt sich durch die Wikipedia-Verweise; erst wird die Stichwortliste, dann die Literaturliste immer länger. Doch der Termin rückt näher und näher. Und es soll doch auch nur ein kleiner Vortrag werden.

 

 


Poseidon und Athene wetteiferten um die Schutzherrschaft über eine

neu erbaute Stadt in Attika. Der Stadtgründer und König Kekrops sollte
wählen: Der Gott, der den Menschen das bessere Geschenk macht,
sollte ihre Schutzgottheit werden.

Poseidon schlug mit seinem Dreizack gegen den Berg, den wir heute
als Akropolis kennen, und eine Quelle sprudelte hervor. Leider nur mit Salzwasser.
Athene pflanzte einen Olivenbaum. Kekrops entschied, dass
das Holz, die Früchte und das daraus gewonnene Öl
das viel wertvollere Göttergeschenk sei.
So wurde Athene die hochverehrte Schutzgöttin der neuen Stadt,
die auch ihren Namen erhielt: Athen.

„Götterwelten“ von Holger Sonnabend — „Götter und Helden der Griechen“ von Apollodoros, übersetzt von Kai Brodersen — „Homerische Hymnen“ übersetzt von Ludwig Bernays

Nur wenige Tage vor dem geplanten Vortrag erhielt ich drei neue Bücher. Doch so faszinierend sie auch waren und so spannend die Lektüre darin – für meine Zwecke erbrachten sie wenig. Aus den „Homerischen Hymnen“ übernahm ich immerhin zwei kurze Zitate. Der Apollodoros kostete mich einen ganzen Tag ohne verwertbares Ergebnis. Das Sachbuch von Holger Sonnabend „Götterwelten : Die Religionen der Antike“ bot ein gut zusammengefasstes Kapitel zur Religion der Griechen, interessantes Hintergrundwissen zu meinem Thema, aber keine einzige Sage. So blieb es bei den ursprünglich herausgesuchten Geschichten.

Den Trojanern war gesagt worden, solange sie im Besitz des Palladion seien,
könne niemand ihre Stadt erobern. Nun war Athene, die einst
dieses Schutzbild angefertigt hatte, beim Trojanischen Krieg aber
auf Seiten der Griechen. Sie gab ihrem Schützling Odysseus den Hinweis,
dass er das Palladion stehlen solle. Der listenreiche Held gelangte verkleidet
und mit Hilfe der Göttin in die belagerte Stadt und zum Heiligtum.
Er stahl das Bild und brachte es ins griechische Lager.

Meine Zuhörerinnen applaudierten am Ende höflich. So weit, so gut. Im anschließenden Gespräch hatten sie Fragen und wollten mehr über die zeitliche Einordnung wissen, über den Einfluss der Mythologie auf Dichtung und Philosophie der Griechen. Wir unterhielten uns über die Wechselwirkung mit anderen Kulturen und natürlich über die Übernahme der griechischen Götterwelt in die römische Religion (aus Athene wurde Minerva). Und wir diskutierten kurz über die Konkurrenz der vielen Götter mit der nach der Zeitenwende aufkommenden christlichen Religion. Wie gut, dass ich mich bei meinen Vorbereitungen in der Lektüre verzettelt hatte und jetzt mitreden konnte.

An Athene
Pallas Athene, die Stadtbeschützerin, will ich besingen,

diese Gewaltige, die sich mit Ares um Werke des Krieges
kümmert, um Städteeroberung, Schlachtruf und Kampfesgetümmel,
und unser Kriegsvolk beschützt beim Auszug wie bei der Heimkehr:
sei mir, Göttin, gegrüßt und schenke mir Glück und Gedeihen.
(Homerische Hymnen / übersetzt von Ludwig Bernays. – Darmstadt : WBG, 2017. S. 123f)

Das lehrte mich an diesem Nachmittag die Seniorengruppe: Man ist nie zu alt zum Lernen!
Oder wie es die Vulkanier (keine Götter, aber auch eine Spezies mit übermenschlichen Fähigkeiten) sagen:

Live long and prosper. 🖖

HilDa

Mittendrin Mittwoch #51

Und als die ausgemergelte Bibliothekarin dem Vater ein paar Strophen lang zugehört und einen Blick auf den Buchumschlag erhascht hatte, schob sie angewidert ein einziges Wort durch die bräunlichen Zähne: Juden-Heine!, spie sie, aber der Vater sagte nur: Dichter!, und merkte nicht, dass er längst im Sterben saß und die hölzernen Deckenverstrebungen des Luftschutzkellers tiefer und tiefer kamen.

Die Frau besah sich den Vater eine Weile, während draußen Flakgranaten explodierten und Sprengstücke auf den Bürgersteig knallten, dann erklärte sie ihm, dass dieser Juden-Heine auf der Liste stehe, und Gwendolins Vater beharrte darauf, dass das nicht stimme, weil sich die Verirrten ihre Loreley nicht nehmen ließen, im Leben nicht.

(Pirasol / von Susan Kreller. – Berlin-Verlag, 2017. – Seite 55f.)

Nein, die „Verirrten“ haben die „Loreley“ weiterhin gesungen, aber sie leugneten, dass Heinrich Heine der Dichter ist; in den Lesebüchern wurde unter das Gedicht einfach  „Autor unbekannt“ geschrieben. Bis heute glauben nicht wenige, die „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten …“ gefühlsduselig anstimmen, sie sängen ein uraltes, anonym verfasstes Volkslied, weil sie es so in der Schule gelernt haben.

Roman „Pirasol“ von Susan Kreller vor einem alten Katalogkasten

Pirasol / Roman von Susan Kreller. – Berlin-Verlag, 2017

In dem Roman von Susan Kreller wird der Vater der Hauptfigur Gwendolin von der zufällig im Luftschutzkeller anwesenden Bibliothekarin denunziert, er wird abgeholt, in ein Lager gesteckt, von den unsagbaren Strapazen wird er sich nie erholen. Für Gwendolin, die im Krieg auch ihre Mutter verliert, endet die Kindheit abrupt. Nur ein Handlungsstrang des wunderbaren Romans „Pirasol“.

Ins Gefängnis, Arbeitslager, letztlich sogar in den Tod, nur weil er aus dem Werk Heinrich Heines vorgelesen hat. Beim Gespräch mit der Autorin, die am Welttag des Buches bei uns gelesen hat, habe ich nicht gefragt, ob sie bei dieser Szene in ihrem Roman einen realen Fall vor Augen hatte. Aber dass es Fälle dieser Art gegeben hat, steht außer Frage. Und leider haben auch Bibliothekarinnen in dieser Zeit eine unrühmliche Rolle gespielt: „Schwarze Listen“, „Säuberungen“ der Bibliotheksbestände; den propagandistischen Höhepunkt bildeten die öffentlichen Bücherverbrennungen in mehreren Städten rund um den 10. Mai 1933 (hier mehr dazu auf dem Internet-Portal „Westfälische Geschichte“, ein Beitrag von der Historikerin Christine Witte). Doch es blieb nicht bei symbolischen Bücherverbrennungen: Zensur, Überwachung, „Gleichschaltung“ der Verbände, Publikations- und Berufsverbote; Autor*innen und Journalist*innen, die nicht ins System passten, wurden eingeschüchtert, ins Exil getrieben, verfolgt, inhaftiert, mundtot gemacht oder gar ermordet.

Plakat der Aktion „Lesen gegen das Vergessen 2018“

„Lesen gegen das Vergessen“ am 9. Mai 2018, Rathausvorplatz Bielefeld

Und nicht nur zeitgenössische kritische Stimmen wollte man zum Schweigen bringen, auch die Vergangenheit sollte der Ideologie entsprechend „bereinigt“ werden, also alles (und alle), was als „undeutsch“ eingeordnet wurde, sollte aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht werden, die Werke genauso wie die Personen selbst. Und für viele (Exil-)Schriftsteller*innen wurde das auch tatsächlich erreicht, ihre Schriften blieben vergessen. Daran erinnert die Aktion „Lesen gegen das Vergessen“ am 9. Mai 2018, ab 17 Uhr auf dem Rathausvorplatz in Bielefeld (eine ähnliche Veranstaltungen gab es auch schon am 26. April auf unserer Lesebühne).

„Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher
Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.

(aus der Tragödie „Almansor“ von Heinrich Heine, 1821)

Wieder Heine, der sich vor fast 200 Jahren in seinem Drama zwar auf die Inquisition in Spanien um das Jahr 1500 bezog, aber mit diesem Zitat geradezu prophetisch für das 20. Jahrhundert wirkt. Und heute? Reicht es, an vergangene Diktaturen zu erinnern oder auf Autokraten in fernen Ländern zu zeigen? Leider denken auch heute und hierzulande viel zu viele Menschen, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Sie leugnen oder brüllen alles nieder, was nicht in ihre Denke passt, sie behaupten „Fake News“ oder schüchtern Andersdenkende ein.

In dem Roman „Pirasol“ von Susan Kreller gelingt es der Hauptfigur Gwendolin im hochbetagten Alter, endlich „Nein“ zu sagen und sich zu widersetzen. In drei kunstvoll verwobenen Handlungssträngen auf drei Zeitebenen lesen wir über eine Frau, die dem Schicksal und den despotischen Menschen in ihrem Leben scheinbar ausgeliefert ist, ihnen kaum etwas entgegen zu setzen weiß. Erst mit 84 Jahren wagt sie ein klares Nein. Wie schrecklich angesichts der verlorenen Zeit? Autorin und Publikum waren sich bei der Lesung am Welttag des Buches einig, die Schlussaussage des Romans ist: Es ist immer möglich, noch einen Neuanfang zu wagen! Was für ein optimistisches und hoffnungsvolles Ende. „Das ist mir wichtig“, erklärte Susan Kreller.

Hier die Katalogdaten zum Roman „Pirasol“.

Elizzy von read books and fall in love hat sich die Blogaktion ausgedacht. Der „Mittendrin Mittwoch“ besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.
Die Blogaktion-Regeln habe ich hier allerdings leicht unterlaufen, denn tatsächlich habe ich den Roman bereits vor einigen Wochen gelesen. Aber anlässlich des Tages des freien Buches am 10. Mai bin ich noch einmal mittendrin eingestiegen.

HilDa

Hibakusha weltweit: Die „nukleare Kette“

Vom 8. Mai bis zum 16. Juni 2018 wird auf der Ausstellungsfläche im 1. OG der Stadtbibliothek am Neumarkt die Ausstellung Hibakusha weltweit: Die „nukleare Kette“ zu sehen sein.

Die Ausstellung zeigt die Gesundheits- und Umweltfolgen der „nuklearen Kette“: vom Uranbergbau über die Urananreicherung, zivile Atomunglücke, Atomwaffentests, militärische Atomunfälle, Atombombenangriffe bis hin zu Atommüll und abgereicherter Uranmunition. Sie ist denen gewidmet, deren Leben durch die Atomindustrie beeinträchtigt wurden: den indigenen Völkern, deren Heimat durch Uranbergbau in atomare Wüsten verwandelt wurde, den „Downwinders“ von mehr als 2.000 Atomwaffentests, den Überlebenden der Atomwaffenangriffe von Hiroshima und Nagasaki sowie den Menschen, die durch radioaktiven Niederschlag von zivilen und militärischen Atomkatastrophen betroffen sind. Sie alle hätten ein besseres Leben, wenn man das Uran im Boden belassen hätte.

Eine Ausstellung der Deutschen Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs, Ärzte in sozialer Verantwortung e.V. ( IPPNW ), die 1985 den Friedensnobelpreis erhielt. Die IPPNW ist Gründungsmitglied der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen ( ICAN ), die 2017 den Friedensnobelpreis erhielt.

Eröffnet wird die Ausstellung am Dienstag, den 8. Mai mit Herrn Oberbürgermeister Pit Claussen, Mitglied des weltweiten „Städtebündnisses Bürgermeister für den Frieden“ und Dr. med. Angelika Clausen (ICAN). Die Eröffnung startet um 17.45 Uhr neben der Ausstellungsfläche, der Eintritt ist frei.

Fundsache der Woche

Ab sofort herrscht in unserer Bibliothek absolutes Halteverbot! Wir sind die abgestellte Autos in der Eingangshalle mittlerweile echt leid.

Spaß beiseite. Wir waren auch etwas überrascht, dass gestern morgen ein Absolutes Halteverbot Schild am Empfang lag. Wir wissen leider weder wo es herkommt, noch wem es gehört oder wer es an unseren Empfang gelegt hat. Es wartet jetzt darauf abgeholt zu werden. 😉

 

Mittendrin Mittwoch #50

„Hinkston, Lustig – ich könnte Ihr Vater sein. Ich bin gerade achtzig geworden, 1950 in Illinois geboren. Durch Gottes Gnade und dank einer Wissenschaft, die es in den letzten fünfzig Jahren fertiggebracht hat, einige alte Männer wieder jung zu machen, bin ich jetzt hier auf dem Mars, kaum erschöpfter als die Übrigen, aber unendlich misstrauischer. Die Stadt da draußen sieht sehr friedlich und kühl aus und ähnelt Green Bluff in Illinois so sehr, dass es mir fast Angst macht. Sie ähnelt Green Bluff viel zu sehr.“ Er wandte sich an den Funker. „Teilen Sie der Erde mit, dass wir gelandet sind. Das ist alles. Sagen die, dass wir morgen einen kompletten Bericht durchgeben.

Die Mars-Chroniken von Ray Bradbury, Seite 77

Die Mars-Chroniken von Ray Bradbury thematisieren eine Kolonisierung des Mars. Erschienen ist der Roman 1950 und spiegelt somit Ängste und Vorstellungen der US-Amerikaner zur damaligen Zeit wieder. Ich bin auch kurz über die Beschreibung des Marshimmel als blau gestolpert, habe mich dann vom Impressum aber mal über das Erscheinungsjahr aufklären lassen.

Ansonsten hat mich das Buch direkt in seinen Bann geschlagen. Bisher habe ich über zwei erste Erkundungsmissionen zum Mars gelesen. Es war wahnsinnig spannend, auf welche Art und Weise diese jeweils durch die Interaktion mit den Marsbewohnern gescheitert sind. Ich bin mal gespannt, ob die dritte Mission, bei der ich gerade angelangt bin, mehr Erfolg haben wird.

Insgesamt umspannt das Buch die Jahre 1999 bis 2026. Das Marsbewohner und Menschen über diesen Zeitraum friedlich miteinander auskommen bezweifle ich gerade irgendwie, ich lasse mich mal überraschen, wie das Ganze ausgeht.

Das Buch könnt ihr bei uns auf deutsch oder englisch ausleihen, die genauen Infos findet ihr hier.

lga

Elizzy von read books and fall in love hat sich die Blogaktion ausgedacht. Der „Mittendrin Mittwoch“ besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.