Isabel Bogdan: Laufen

Literaturtage Bielefeld 2019: Wir lesen laut!

„FERTIG. Mit dem Buch. Ich muss das jetzt noch mal hinschreiben, damit ich es glaube:
Der neue Roman ist fertig
Er ist …in Satz gegangen. Und ich übe mich im Loslassen und Ausatmen.“

Isabel Bogdan war erleichtert. Anfang Mai verkündete sie auf ihrer Website, dass ihr neues Werk „Laufen“ in Druck geht. Erscheinungsdatum war der 12. September, rechtzeitig für die Literaturtage in Bielefeld.
Die Autorin ist hauptberuflich hochgeschätzte Übersetzerin, u.a. von Jonathan Safran Foer und Jane Gardam. Sie ist Bloggerin und seit 2016 auch Schriftstellerin. Ihr erster Roman „Der Pfau“ wurde auf der Stelle ein Bestseller – eine unterhaltsame, feinsinnige Komödie mit britischem Charme, angesiedelt in den schottischen Highlands. Der Pfau wird leider verrückt, attackiert alles Blaue und torpediert alle Bemühungen von Investment-Bankern, sich als Team wieder zusammen zu raufen. Das gruppendynamische Chaos nimmt seinen Lauf und der Pfau landet schließlich als Gänsebraten auf dem Tisch. Was für ein Schicksal!
Themenwechsel: Isabel Bogdan wechselt in ihrem neuesten Werk „Laufen“ die literarische Kulisse. Ein Roman über eine Frau, die nach einem schweren Schicksalsschlag quasi um ihr Leben läuft. Erst kurze Strecken, dann immer längere. Sie läuft förmlich ins Leben zurück. Es geht keineswegs nur um Gesundheit und Leichtigkeit, sondern um fundamentalere Fragen: Wie verkraftet man einen solchen Verlust? Welche Rolle spielen Freunde und Familie? Welche Rolle spielt die Zeit? Und der Beruf? Mit jedem Kilometer gewinnt die Läuferin ihre alte Souveränität zurück, ihren Humor und offensichtlich auch ihre Lebensfreude.

„Ein Buch zu schreiben ist eine Kunst. Es zu übersetzen, ist eine andere, ganz eigene Kunst.“ Isabel Bogdan.

Isabel Bogdan erhielt 2006 den Förderpreis für literarische Übersetzung, fünf Jahre später den für Literatur. 2013 war sie für einen Monat Artist in Residence an der Universität in Nanjing. Ihr erster Roman „Der Pfau“ stand im Erscheinungsjahr auf der Shortlist zum „Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels“ und wurde außerdem mit dem deutschen Hörfunkpreis „Hörkules“ ausgezeichnet.

Die Angaben zu den Romanen und einigen Übersetzungen von Isabel Bogdan im Bestand der Stadtbibliothek findet Ihr hier in unserem Online-Katalog.

Über den Roman „Laufen“ wird zurzeit viel berichtet, hier nur ein paar Beispiele:
Daniel Kaiser stellt „Laufen“ ausführlich im NDR Kulturjournal als Buch des Monats vor:
Carsten Otte lobt den Roman in der ZEIT – und traut der Autorin in der Zukunft noch weitere große Werke zu, wiederum ganz anders und überraschend.
Ein Interview mit Isabel Bogdan auf der Frankfurter Buchmesse findet man in der 3Sat-Mediathek.

Sehr empfehlenswert auch ihr Blog: is a Blog

Donnerstag, 24. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Solveig Münstermann, WDR-Journalistin
Musikalische Begleitung: Henning Rice, Flügel und Ismail Özgentürk, Saxophon
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Unsere neue Auszubildende stellt sich vor

Einen schaurig schönen Herbsttag wünscht euch Louisa Vahle, die neue Auszubildende der Stadtbibliothek Bielefeld! Ich melde mich aus Brackwede, wo ich als Teil meiner Ausbildung noch bis November durch die Räumlichkeiten der Stadtteilbibliothek spuke. Als Fachangestellte in einer Bibliothek agiert man natürlich eher wie das Gegenteil eines Poltergeistes, denn die haben mit Ruhe und Ordnung bekanntlich nicht so viel am Hut. Aber genug mit den Halloween-Anspielungen – immerhin sind es ja auch noch ein paar Tage bis zum 31.

Ich bin jedenfalls sehr glücklich, dass mich mein Weg in die FAMI-Ausbildung der Stadt Bielefeld geführt hat. Sowohl die Art und Vielfältigkeit der Aufgaben als auch die Mitarbeiter in der Stadtbibliothek, die ich bisher kennen lernen durfte, haben die ersten Wochen wie im Flug vergehen lassen. Und wie mir bereits häufiger versichert wurde, werden ihnen die nächsten Wochen und Monate ebenso zügig folgen.

Ich freue mich darauf euch, liebe Leser*innen, kennen zu lernen!

Louisa Vahle

Prof. Dr. Ute Frevert: Scham, Beschämung, Demütigung

Literaturtage Bielefeld 2019: Wir lesen laut!

Haben Gefühle eine Geschichte? Und: Machen Gefühle Geschichte?

Wie lässt sich erklären, dass geschorene Haare, besonders bei Frauen, der Einsatz von Schandmützen und andere Praktiken der Beschämung in Europa bis in die Nachkriegszeit durchgeführt wurden? Inwiefern ist Scham ein „Gefühl von ungeheurer Wucht und Wirkmächtigkeit“, wobei die Zeugenschaft Dritter von größter Bedeutung ist? Und weshalb sind Praktiken der politischen Demütigung eine Strategie, Macht zu demonstrieren und durchzusetzen?
Für „das Drama von Macht und Ohnmacht, Scham und Schande, Täter und Opfer“, Beschämung und Demütigung, das stets auf öffentlichen Schauplätzen stattfindet, liefert die moderne Geschichte vielfaches Anschauungsmaterial, das Ute Frevert in ihrem Vortrag präsentiert. Er bezieht sich auf ihr 2017 erschienenes Buch „Die Politik der Demütigung. Schauplätze von Macht und Ohnmacht“.

Prof. Dr. Ute Frevert, geb. 1954, zählt zu den wichtigsten deutschen Historikerinnen und Historikern. Nach ihrer Habilitation – „Das Duell. Ehrenmänner in der bürgerlichen Gesellschaft“ (erschienen 1991) – lehrte sie Neuere Deutsche Geschichte in Berlin, Konstanz und Bielefeld. Von 2003 bis 2007 war sie Professorin an der Yale University, seit 2008 leitet sie den Forschungsbereich „Geschichte der Gefühle“ am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. 1998 wurde sie von der DFG mit dem Leibniz-Preis ausgezeichnet und erhielt 2016 das deutsche Verdienstkreuz 1. Klasse. Zuletzt erschienen: Vertrauensfragen. Eine Obsession der Moderne (2013), Vergängliche Gefühle (2013), Die Politik der Demütigung. Schauplätze von Macht und Ohnmacht (2017) und Kapitalismus, Märkte und Moral (2019).

Die Daten zu Prof. Dr. Ute Freverts Werken in unserer Bibliothek findet Ihr in unserem Online-Katalog.
Die Literaturliste zum Ausdrucken als PDF: Frevert
Den Flyer zur Ausstellung „Die Macht der Gefühle. Deutschland 19|19“ findet Ihr hier als PDF

Mittwoch, 16. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Dr. Maria Kublitz-Kramer
Musikalische Begleitung: Matthias Klause-Gauster, Flügel
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Bereits um 19 Uhr findet die Eröffnung der Ausstellung:
Die Macht der Gefühle. Deutschland 19|19“, von Prof. Dr. Ute und Bettina Frevert
im Auftrag der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) erstellt,
im 1. Obergeschoss statt.

 

Karl-Heinz Ott: Und jeden Morgen das Meer

Literaturtage Bielefeld 2019: Wir lesen laut!

Jeden Morgen steht sie auf den Klippen, bei jedem Wind und Wetter, und jedes Mal denkt sie, ich könnte springen.

So lautet der erste Satz im Roman von Karl-Heinz Ott. Sie heißt Sonja, ist eine Frau Anfang sechzig, gerade verwitwet und hat am Bodensee ein Nobelhotel geführt. Jetzt lebt sie an der rauen Küste von Wales. Tag für Tag stellt sie sich diese existenzielle Frage. Was ist geschehen?
Sonja war mit Bruno, einem Sternekoch, verheiratet. Gemeinsam haben sie aus dem „Lindenhof“ ein erstklassiges Hotelrestaurant gemacht. Sie war eine perfekte Gastgeberin und er ein scheuer, aber begnadeter Koch. Internationale Prominenz verkehrte bei ihnen. Diesen Ruf zu verteidigen, erforderte unglaublich viel Kraft und sehr viel Zeit. Das kinderlose Ehepaar verliert sich in den eigenen und fremden Ansprüchen. Der Niedergang ist vorprogrammiert mit dem Entzug des Michelin-Sterns. Bruno vergräbt sich im eigenen Weinkeller und trinkt ihn quasi selbst aus. Sie kämpft verzweifelt gegen den Ruin an, bis Bruno Selbstmord begeht und der schäbige Schwager Sonja eilig aus dem Hotel drängt. Sie versucht, mit ihrem Renommee als Hotelmanagerin, eine neue Anstellung zu finden, scheitert aber an Vorurteilen und Altersdiskriminierung. Sie muss die demütigende Erfahrung einer sechzigjährigen, arbeitssuchenden, bemitleidenswerten Witwe machen. Auf Umwegen gelangt Sonja nach Wales in eine heruntergekommene Strandpension. Eine Zuflucht am Rande der Welt!
Das ist die Handlung. Aber was Karl-Heinz Ott auf 150 Seiten noch erzählt, ist meisterlich. Knapp und präzise werden Erinnerungen gegen die Urgewalt des Meeres gestellt. Auf wenigen Seiten erschafft er ein Gesellschaftspanorama und das Psychogramm einer nicht mehr jungen Frau, die durch das Scheitern sich selbst verliert. Ein wunderbares Herbstbuch!

Wenn einmal alles vorbei ist, bleibt keine Stille, es bleibt das Meer mit seinem Rauschen. (Karl-Heinz Ott)

Karl-Heinz Ott lebt in Freiburg im Breisgau. Er hat Musikwissenschaft studiert und ist ein meisterhafter Pianist. Für sein Werk wurde er mehrfach ausgezeichnet u.a. mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis (1999), dem Johann-Peter-Hebel-Preis (2012) sowie dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2014).

Die Daten zu Karl-Heinz Otts Werken in unserer Bibliothek findet Ihr hier.
Die Literaturliste zum Ausdrucken als PDF: Ott

Helmut Böttiger hat den Roman recht ausführlich im Deutschlandfunk Kultur vorgestellt; die Rezension von Ulrich Rüdenauer im WDR kann man lesen und im Podcast hören. Karl-Heinz Ott könne so viel in seinem eleganten, kunstvollen und eben auch menschenfreundlichen Roman, schreibt Christoph Schröder in der ZEIT ; und Ursula März lobt, ebenfalls in der ZEIT, die großartige, befreiende Frauenfigur in diesem sparsamen und gerade dadurch so glänzenden kleinen Roman.

Dienstag, 15. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Angelika Teller
Musikalische Begleitung: Valentin Katter, Trompete/Flügelhorn und Alexander Lipan, Gitarre
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Marion Brasch: Lieber woanders

Literaturtage Bielefeld 2019: Wir lesen laut!

Wer wäre nicht manchmal „Lieber woanders“, so der programmatische Titel des neuen Romans von Marion Brasch.
Die junge Toni lebt in einem Dorf unweit von Berlin in einem Wohnwagen und möchte nach Neuseeland auswandern. Alex arbeitet als Roadie, hat eine Frau, eine Tochter und eine Geliebte. Alex und Toni kennen sich nicht, dennoch verbindet sie eine gemeinsame Geschichte, die ihrer beider Leben nachhaltig verändert hat. Nach sieben Jahren, am Ende eines Tages im Oktober, werden sich ihre Wege wieder kreuzen. Wendungsreich und multiperspektivisch erzählt, geht es um Schuld und Sühne sowie die Unverhandelbarkeit des Schicksals und trügerische Erinnerungen, also um das Leben schlechthin. Dabei ist der Ton niemals larmoyant, manchmal komisch, manchmal melancholisch und seinen beiden Protagonisten auf den Leib geschneidert. 

„…ein feines Buch über Zufälle und Gedankenspiele – und das wunderbare Prinzip der Ziellosigkeit.“ dpa

Marion Brasch, 1961 in Berlin geboren, arbeitet als Rundfunkjournalistin und hat bisher vier Bücher veröffentlicht. Ihr Debüt gab sie mit dem autobiographischen Roman „Ab jetzt ist Ruhe“ über ihre berühmte Familie. Braschs jüdische Eltern siedelten nach der Rückkehr aus dem Exil nach Ostberlin über. Der Vater wurde ein von der Sache überzeugter ranghoher Funktionär in der DDR-Nomenklatura, während die drei heranwachsenden Söhne rebellierten. Alle Brüder von Marion Brasch wurden als Dramatiker, Schauspieler oder Autoren berühmt, scheiterten jedoch an ihrer eigenen Zerrissenheit und starben früh. Gerne werden die Braschs auch als die Manns des Ostens bezeichnet.
Marion Brasch hat sich mit den drei folgenden Romanen von dieser Familiengeschichte emanzipiert und ihren ganz eigenen erzählerischen Stil gefunden.

Die Daten zu Marion Braschs Werken findet Ihr in unserem Online-Katalog,
die Literaturliste gibt es auch zum Ausdrucken als PDF: Brasch
Am 3.11. zeigt die Literarische Gesellschaft OWL in Kooperation mit dem Lichtwerk in einer Matinee den 2018 gedrehten Film „Familie Brasch“. Anschließend gibt es ein Gespräch mit Marion Brasch.

Freitag, 11. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Dr. Dagmar Nowitzki
Musikalische Begleitung: Nils Rabente, Bass und Kevin Hemkemeier, Flügel
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Literarischen Gesellschaft OWL.

Olga Tokarczuk: Die Jakobsbücher

Literaturtage Bielefeld 2019: Wir lesen laut!

Den einen galt er als Weiser und Messias, den anderen als Scharlatan und Ketzer. Eine der bedeutendsten Figuren des 18. Jahrhunderts ist er allemal: Jakob Frank, 1726 im polnischen Korolówka geboren, 1791 in Offenbach am Main gestorben. Als Anführer einer mystischen Bewegung, der Frankisten, war Jakob fest entschlossen, sein Volk, die Juden Osteuropas, endlich für die Moderne zu öffnen; zeit seines Lebens setzte er sich für ihre Rechte ein, für Freiheit, Gleichheit, Emanzipation. Tausende Anhänger scharte Jakob um sich, tausende Feinde machte er sich. Und sie alle, Bewunderer wie Gegner, erzählen hier die schier unglaubliche Lebensgeschichte dieses Grenzgängers, den es weder bei einer Religion noch je lange an einem Ort hielt. Es entsteht das schillernde Porträt einer kontroversen historischen Figur und das Panorama einer krisenhaften Welt an der Schwelle zur Moderne. Zugleich aber ist Olga Tokarczuks ebenso metaphysischer wie lebenspraller Roman ein Buch ganz für unsere Zeit, stellt es doch die Frage danach, wie wir uns die Welt als eine gerechte vorstellen können – ein Buch, das Grenzen überschreitet.
Olga Tokarczuks neuer Roman ist voll skurrilem Witz, voller Welterkenntnis.

„Von der Größe eines W. G. Sebald.“ (Annie Proulx)

1962 geboren, studierte Olga Tokarczuk in Warschau Psychologie, lebt im südpolnischen Eulengebirge und ist heute eine bedeutende europäische Schriftstellerin des magischen Realismus. Den Man Booker International Prize 2018 erhielt sie für ihren Roman, der auf Deutsch unter dem Titel „Unrast“ erschien.
Meine Kollegin hat den Unrast vor kurzem gelesen, ihr Blogbeitrag dazu hier.

Am 10.10.2019 verkündete die Schwedische Akademie in Stockholm, dass Olga Tokarczuk den Nobelpreis für Literatur 2018 erhält.

Unsere Katalogdaten zu den Werken von Olga Tokarczuk findet Ihr hier und die Literaturliste zum Ausdrucken als PDF Tokarczuk

Der Kampa-Verlag bietet ein berührendes Video-Porträt der Autorin an.

Donnerstag, 10. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Übersetzer: Dr. Lothar Quinkenstein
Lesung der deutschsprachigen Texte: Dr. Barbara Frey
Moderation: Klaus-Georg Loest
Musikalische Begleitung: Axana Derksen, Gesang und Flügel
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Michael Krüger: Vorübergehende

Literaturtage Bielefeld 2019: Wir lesen laut!

Der namenlose Ich-Erzähler ist ein Kulturpessimist par exellence. Er beobachtet seine Umwelt und scheint dabei von Weltekel erfüllt. In beißenden kleinen Exkursen seziert er den sogenannten Zeitgeist. Beispielsweise mokiert er sich über den heutigen Massentourismus:

„… die Städtetrips, die Kulturangebote, der Last-Minute-Flug nach Istanbul, die zauberhaften Weltuntergänge am Bosporus, aber auch die Oper in Verona, alles inklusive, früher einhundertzwanzig Euro, jetzt die Hälfte, Getränke sind mitzubringen.“

Oder er sinniert über den Zerfall Europas:

„Meine geliebte Türkei, Sehnsuchtsland meiner Jugend, wurde von einem Faschisten beherrscht, der tatsächlich, ohne mit der Wimper zu zucken, mehr als hunderttausend Andersdenkende ins Gefängnis warf; die Polen hatten sich einen patriotischen Giftzwerg als Chef gewählt, der seine Gegner im Parlament als Mörder seines Bruders bezichtigte, ohne dafür vor Gericht gestellt zu werden…“.

Dabei hat er jahrzehntelang mit seinem Job als sogenannter Motivationscoach selbst zum Zeitgeist gehört. Sein phrasenreiches Hauptwerk „Stärken stärken, Schwächen schwächen“ machte ihn zu einem gefragten Vortragsredner und Berater für mittelständische Unternehmen. Jetzt ist er ein alter, einsamer Mann ohne Geldsorgen, der seine bisherigen Thesen verachtet. Scheinbar nur aus Langeweile nimmt er noch gelegentlich Aufträge an. Bei einer dieser Reisen begegnet er Jara. Während er im Zug eingeschlafen ist, hat sich das Kind, welches auf ihn wie „eine eigentümliche Mischung aus Kobold und Fee“ wirkt, an seine Schulter geschmiegt. Von da an begleitet Jara ihn. Er nimmt sie, ein Flüchtlingskind, mit nach Hause und kümmert sich fürsorglich um sie. Allerdings verweigert das rätselhafte Mädchen konsequent jede Auskunft über seine Herkunft und Familie. Tagelang zeichnet sie seltsame Chiffren, die der altkluge Nachbarsjunge als „Atlas der verborgenen Erinnerungen“ betitelt. Dabei wirkt sie nicht bemitleidenswert, eher eigenwillig und autark. Scheinbar im Vorübergehen berühren sich in dieser zart und etwas wehmütig erzählten Geschichte zwei Fremde.

„Das ist mit Leichtigkeit und Eleganz entwickelt, mit Humor, der durchaus wütend, doch nie zynisch ist.“ (Carsten Hueck, DLF)

Michael Krüger war viele Jahre Chef des Hanser-Verlages und ist Autor mehrerer Gedichtbände, Romane und Übersetzungen. Für sein schriftstellerisches Werk wurde er vielfach geehrt. So erhielt er u.a. den Peter-Huchel-Preis (1986), den Joseph-Breitbach-Preis (2010), sowie den Eichendorff-Literaturpreis (2017).

Michael Krüger als Verfasser, Herausgeber oder Übersetzer in unserem Online-Katalog.
Unser Literaturverzeichnis als PDF: Krueger

Carsten Hueck hat den Roman für Deutschlandfunk Kultur besprochen, kann man hier nachlesen. Eine Rezension von Julia Schröder in der ZEIT findet sich hier.

Mittwoch, 9. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Angelika Teller
Musikalische Begleitung: Henning Rice, Flügel und Ismail Özgentürk, Saxophon
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten

Literaturtage Bielefeld 2019: Wir lesen laut!

„Als litte die Motorisierte an einer Wahrnehmungsstörung, las sie anstelle von
Ausfahrt freihalten
    Freiheit aushalten…“

Terezia ist Klosterschülerin, ein 12-jähriges Mädchen, das mit einer fluoreszierenden Madonnen-Figur von Tür zu Tür geht, um die Kirche zu den Menschen zu bringen.

Es gehe ihr, so äußert sich die Autorin in der FAZ, um die einfachen Menschen:

„die liegen mir am Herzen, die kenne ich gut.“

Mit der Madonna auf Wanderschaft lernen wir einen schwulen Friseur des Salons „Ewige Schönheit“ kennen, einen Zeitungsverkäufer und die Mechaniker der Autowerkstadt „Autopia“. Die großen Helden oder die großen Verbrecher der argentinischen Geschichte stünden nicht im Zentrum der Geschichte, sondern die Atmosphäre dieser Jahre – die leisen Zwischentöne. Geschildert werden diese mit erstaunlichem Sprachwitz, typografischen Elementen und einer aus der Kinderperspektive herrührenden Unbeschwertheit.
Trotzdem ist es eine präzise Momentaufnahme Argentiniens 1975, eines Landes, kurz bevor die Gräueltaten der Militärdiktatur stattfinden, und das von aufkommenden Ängsten geprägt ist.

María Cecilia Barbetta, 1972 in Buenos Aires geboren, wuchs in dem dortigen Einwandererviertel Ballester auf, dem Handlungsort des Romans. Als Studentin zog sie nach Berlin, wo sie bis heute lebt. Die Autorin schreibt ein enorm variantenreiches Deutsch, schildert feinste Beobachtungen mit ungewöhnlichen Wendungen. »Nachtleuchten« wurde mit dem Alfred-Döblin-Preis geehrt, stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und war Spitzentitel der SWR-Bestenliste. Bereits ihr erster Roman, »Änderungsschneiderei Los Milagros«, war ein großer Erfolg bei der Kritik und beim Publikum.

Die Katalogdaten zu ihren Werken im Bestand der Standbibliothek findet Ihr hier.
Wer lieber unser Literaturverzeichnis ausdrucken möchte: PDF Barbetta

Wer auf sein Kind in sich höre, werde mit diesem Roman großen Spaß haben, verspricht Tobias Lehmkuhl in der ZEIT.
Das Interview in der Sendung Lesart im Deutschlandfunk Kultur kann man zwar leider nicht mehr hören, aber noch nachlesen hier.

Montag, 7. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Dr. Jochen Rath
Musikalische Begleitung: Harald Kießlich, Akkordeon/Bandoneon
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

In Kooperation mit dem Verein der Freunde und
Förderer der Stadtbibliothek Bielefeld e.V.

Elisabeth Plessen: Die Unerwünschte

Literaturtage Bielefeld 2019: Wir lesen laut!

„So viel Familie, zum Ersticken.“ (Elisabeth Plessen)

„Die Unerwünschte“ ist der letzte Teil einer autofiktionalen Roman-Trilogie, die sich mit der Geschichte einer norddeutschen Adelsfamilie beschäftigt. Denn Elisabeth Plessen wurde als Elisabeth Charlotte Marguerite Gräfin von Plessen in Holstein geboren. Ihre Herkunft und die daraus resultierenden Folgen für ihr Leben sind bereits in den Romanen „Mitteilung an den Adel“ (1976) und „Das Kavaliershaus“ (2006) Thema. In allen drei Büchern reibt sich die Erzählerin an der tradierten Frauenrolle:

„Kinder, vor allem Töchter, waren Gänse, die zu stopfen waren und zu gehorchen hatten.“

Zudem kritisiert die Autorin ein Geschichtsbewusstsein, welches sich vor allem auf die eigene Herkunft und Bewahrung von Tradition und Besitz versteht, aber nicht auf die Vergangenheit bzw. Verantwortung Deutschlands vor und während des zweiten Weltkrieges. Mit dem Roman „Mitteilung an den Adel“, in dem sie sich konsequent von dem Adelsgeschlecht derer von Plessen und damit der Elterngeneration abwendet, löst sie einen Skandal aus. In “Das Kavaliershaus“ erzählt die Autorin die Pubertätsgeschichte einer höheren Tochter in den 1950er Jahren. Oberstes Ziel der Erziehung war offenbar die Zurichtung der Mädchen für eine standesgemäße Heirat. Sich dem zu widersetzen, war ein schmerzhafter Prozess.

Nach vierzig Jahren besucht Elisabeth Plessen erneut ihre Familie und beschreibt deren Geschichte anhand starker und eigensinniger Charaktere. Wieder sind es die Frauen, die im Fokus stehen. Stephanie, Charlotte, Alma – drei Generationen spiegeln über siebzig Jahre Familienvergangenheit und ihren mühsamen Kampf um Emanzipation.

Elisabeth Plessen veröffentlichte mehrere Romane, Erzähl- und Gedichtbände und ist auch als Übersetzerin bekannt. Für ihr Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

Die Katalogdaten zu ihren Werken in der Stadtbibliothek Bielefeld findet Ihr hier.
Wer lieber unser Literaturverzeichnis ausdrucken möchte: PDF Plessen.

Eine ausführliche Buchrezension findet man hier bei WDR 3: zum Hören oder Lesen, mit einigen Zitaten aus dem Roman – eine Empfehlung von Jutta Duhm-Heitzmann.
Der Deutschlandfunk sendete ein Interview mit Elisabeth Plessen, kann man hier hören und lesen.

Mittwoch, 2. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Angelika Teller
Musikalische Begleitung: Anna Suzuki, Gesang und Flügel
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

Abbas Khider: Deutsch für alle – das endgültige Lehrbuch

Literaturtage Bielefeld 2019: Wir lesen laut!

„Diese Sprache ist nichts weniger als ein Ungeheuer.“

Die drei Wörter, die Abbas Khider in deutscher Sprache kennt, als er aus dem Irak flieht, sind: Hitler, Scheiße, Lufthansa. Einige Jahre später hat er sich durch sein Philosophiestudium an der Universität München im Kampf mit den Sprachschöpfungen von Kant, Hegel und Heidegger bis zum „Himalaya des Deutschlernens“ hochgearbeitet. Wer könnte jetzt besser Auskunft über unsere Sprache geben?

Wobei Abbas Khider es nicht bei seinen urkomischen Anekdoten, scharfsinnigen Analysen und frechen Analogien belässt, sondern, aus menschenfreundlicher Motivation heraus, gleich die deutsche Sprache in einigen Teilen erneuert. Dabei geht es nur um die Korrektur der wüstesten logischen Fehler dieser unserer Sprache, Fehlentwicklungen der letzten Jahrhunderte, die jetzt endlich reformiert werden. Und selbst Bielefeld spielt dabei eine wichtige Rolle, nämlich wenn es um die katastrophale Trennung von Familien und Verben geht.

»Eine charmante Satire, nicht nur über die Sprache der Deutschen, sondern auch über ihre Gesellschaft.« (Florian Holler in der Süddeutschen Zeitung)

Wir konnten Abbas Khider bereits 2013 mit seinem Roman „Brief in die Auberginenrepublik“ in unserer Stadtbibliothek kennen lernen. Vier Romane sind von dem in Bagdad geborenen und heute in Berlin-Kreuzberg wohnenden Autoren erschienen. Ausgezeichnet wurde seine Erzählkunst unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis und dem Villa Aurora-Stipendium.

Die Katalogdaten zu seinen Werken im Bestand der Standbibliothek findet Ihr hier.
Wer lieber unser Literaturverzeichnis ausdrucken möchte: PDF  Khider

Im BR-Fernsehen gab es in der Sendung puzzle: viele Kulturen – ein Land einen ausführlichen Bericht, den man hier sehen und nachlesen kann.
Launige Interviews mit Abbas Khider zu seinem nicht ganz ernst gemeinten Sachbuch-Bestseller sendeten Deutschlandfunk (ein Gespräch mit Dina Netz in der Sendung Büchermarkt hier) und Deutschlandfunk Kultur (Gespräch mit Joachim Scholl bei Lesart hier).

Dienstag, 1. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Eröffnung mit Dr. Katja Bartlakowski, Direktorin der Stadtbibliothek Bielefeld
Grußwort durch den Förderverein
Moderation: Klaus-G. Loest
Musikalische Begleitung: Thomas Schweitzer, Saxophon
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

In Kooperation mit dem Verein der Freunde und
Förderer der Stadtbibliothek Bielefeld e.V.

In memoriam Prof. Dr. Dr. Ludwig Huber und gewidmet den Teamern und Teilnehmerinnen und Teilnehmern des „Dialogs in Deutsch“ (Verein der Freunde und Förderer der Stadtbibliothek Bielefeld, e.V.).