UnderCover #1

Krimi-Neuerwerbungen im Frühjahr

Ihr sucht zwischen den Buchdeckeln ein bisschen Spannung? Oder darf’s auch gerne etwas mehr thrill sein? Dann zeigen wir hier jetzt einige Neuerwerbungen im Krimi-Regal. Nur eine Auswahl, mit der wir auf Titel aufmerksam machen wollen, die nicht auf der Bestsellerliste stehen, und auf Autor*innen, die (noch) eher unbekannt und zu entdecken sind.

Leonardo Padura gehört allerdings nicht zu den unbekannten: Er gilt als einer der meistgelesenen kubanischen Autoren; mit seiner Krimireihe „Das Havanna-Quartett“ wurde er auch hierzulande bekannt; seine Romane standen immer wieder auf der Krimi-Bestenliste und wurden mit Preisen gewürdigt. Die Figur des Polizeileutnant Mario Conde aus dem Havanna-Quartett und der darauf beruhenden Netflix-Serie „Four Seasons in Havanna“ spielt auch in „Die Durchlässigkeit der Zeit“ die Hauptrolle.
Er arbeitet mittlerweile als Detektiv, doch diesmal hilft er einem Freund, um eine wertvolle gestohlene Schwarze Madonna wieder zu beschaffen. Verdächtigt wird ein ehemaliger Freund des Opfers, doch dann gerät Conde an gerissene Kunsthändler – und in die Unterwelt Havannas.

Für ihre ausgefeilten Romane wird Jeong Yu-jeong auch schon mal als „die koreanische Stephen King“ bezeichnet. „Der gute Sohn“ erwacht blutverschmiert und erinnert sich nicht mehr an den letzten Abend. Als er seinen roten Fußabdrücken folgt, findet er seine ermordete Mutter. Alles deutet auf ihn selbst als Täter … – mehr verrate ich besser nicht.

Melissa Scrivner Love hat eine ungewöhnliche „Heldin“ für ihren Thriller im Gang-Milieu: Die titelgebende Lola ist unscheinbar und offenbar nur eine von den vielen chicas in dieser Latino-Macho-Welt. Tatsächlich ist sie die Chefin einer Gang, die sich bewusst unauffällig verhält. Doch plötzlich gerät sie mitten in einen Krieg zwischen etablierten Großdealern, einem mexikanischen Kartell und Drogen-Großlieferanten. Und Lolas Achillesferse ist ihre Familie … .
Bei Anne Goldmann sind es in „Das größere Verbrechen“ drei sehr unterschiedliche Frauen, die alle ihre Geheimnisse haben. Bei der unsicheren Theres bricht durch einen Anruf das wohl geordnete Familienidyll zusammen, Putzhilfe Ana macht für andere den Dreck weg und interessiert sich nicht für die Probleme dieser Mittelständler, die alte Frau Sudic hat in Bosnien furchtbares überlebt. Reale und imaginäre Bedrohungen eskalieren für die drei plötzlich zu einer tödlichen Achterbahnfahrt.

Bleiben wir doch bei weiblichen Krimi-Hauptfiguren. Kerstin Cantz lässt das „Kriminal-Fräulein“ Zeisig in München ermitteln: „Fräulein Zeisig und der frühe Tod„. Im Schwabing der 60er Jahre liefern sich Studenten Straßenkämpfe mit der Polizei, die Stimmung in der Stadt ist aufgeheizt. Die neue Münchner WKP, die Weibliche Kriminalpolizei, wurde vor allem für die Vernehmung von Frauen und Kindern gegründet. Doch dann werden die Talente von Elke Zeisig für eine Mordermittlung gebraucht. Und sie muss auch noch ihren verschwundenen Bruder suchen.
Die Drehbuch- und Romanautorin verknüpft historisches Zeitgeschehen, Lokalkolorit und Krimihandlung.

Weitere Neuerwerbungen demnächst.

HilDa

 

Mittendrin Mittwoch #99

In Indien leben fast 1,3 Milliarden Menschen, in Pakistan sind es nur 182 Millionen. Verarmt, instabil und zersplittert, scheint sich Pakistan nur über den Gegensatz zu Indien zu definieren, während Indien sich, trotz dieser Obsession, auf vielerlei Weise definiert, zum Beispiel als aufstrebende Weltmacht mit einer wachsenden Wirtschaft und einer größer werdenden Mittelschicht.

Die Macht der Geographie von Tim Marshall

In zehn Kapiteln widmet sich der Autor zehn verschiedenen Regionen der Welt und erklärt, wie die Geographie die Weltpolitik beeinflusst.
Er zeigt auf, wie Gebirge als natürliche Grenzen fungieren, wie zum Beispiel der Himalaya zwischen Indien und China, oder wie navigierbare Flüsse Länder erfolgreich machen beziehungsweise unnavigierbare Flüsse Verbindungen von Regionen und Handel erschweren. Dabei konzentriert Tim Marshall sich aber nicht ausschließlich auf die Geographie, sondern beschreibt im allgemeinen die wesentlichen Zusammenhänge, die hinter zahlreichen heutigen Konflikten in der Welt stehen.
Ich finde das Buch bisher sehr interessant, nur die Karten waren mir manchmal etwas zu klein. Dafür habe ich mal wieder meinen Diercke Weltatlas aus Schulzeiten herausgekramt, das war für eine bessere Übersicht recht hilfreich zwischendurch auch da hinein mal einen Blick zu werfen.

Das Buch könnt ihr bei uns als eBook oder vor Ort ausleihen (und den Atlas findet ihr bei uns natürlich auch 🙂 ).

lga

Elizzy von read books and fall in love hat sich für alle, die teilnehmen mögen, folgende Blogaktion ausgedacht: der „Mittendrin Mittwoch“. Er besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.

Stadtradeln? STADTRADELN!

Am Samstag, 15. Juni ging es bereits los: drei Wochen Stadtradeln in Bielefeld. Die Stadtbibliothek beteiligt sich in diesem Jahr wieder mit einem eigenen Team: Stadtbibliothek auf Rädern. Das Team ist offen für alle Freunde der Stadtbibliothek, wer mag, kann sich gerne hier anmelden.

Wir haben schon mehrmals über das Stadtradeln geschrieben, auch über unsere Motive – mal ernst, mal ironisch. Uns geht es weniger um sportliche Höchstleistungen oder rekordverdächtige Kilometerzahlen, es gibt keine Prämien, kein Kilometergeld, keinen Pokal. Der Gewinn liegt einfach im Spaß beim Fahren.

Auf geht‘s!

Es wäre schön, wenn das auch für Euch ein Anreiz wäre, öfter auf das Rad umzusteigen. Und beim Stadtradeln für Eure Stadt mitzufahren. Vielleicht sogar in unserem Team? Auf geht‘s!

HilDa

Gärtnern vor der Bibliothek

Vor kurzem ist der Neumarkt, an dem auch unsere Stadtbibliothek in Bielefeld Mitte liegt, neu gestaltet worden. Mehr Sitzmöglichkeiten, mehr Bäume und Büsche gibt es jetzt.
Nur direkt vor unserem Eingang befindet sich ein recht steiniges Beet. Wie von Zauberhand sind dort nun aber ein paar grüne Pflanzen aufgetaucht!


Wir hoffen es geht Ihnen dort gut und sie gedeihen fleißig! Und wer weiß, vielleicht vermehren sie sich ja auch noch… 😉

lga

Mittendrin Mittwoch #98

112In Bezug auf meine deutsche Staatsangehörigkeit musste ich jetzt ähnlich denken. Ich konnte sie nicht mehr so einfach wieder loswerden, auch wenn, sagen wir, der Brexit vielleicht doch nicht stattfinden sollte – was ich trotz allem immer noch sehr hoffe.

Exit Brexit : wie ich Deutsche wurde von Kate Connolly, Seite 284

Als ich damals davon erfahren habe, dass die Briten tatsächlich dafür gestimmt haben die EU zu verlassen, war ich einigermaßen schockiert und irritiert über diese Entscheidung. Kate Connolly beschreibt in ihrem Buch immer wieder, dass das eine ziemlich verbreitete Reaktion der ihr bekannten Deutschen war, die ihr auch immer wieder die eine Frage stellten: Warum wollen denn die Briten die EU verlassen?

Ich habe mich damals sehr für dieses Thema interessiert und das Ganze in den Medien verfolgt, vor allem, weil ich im Rahmen meiner Ausbildung ein paar Wochen nach dem Referendum ein Praktikum in der Bibliothek des Goethe Instituts in London gemacht habe. Der Brexit war auch bei den Kollegen dort ständiges Gesprächsthema. Viele der deutschen Kollegen machten sich Sorgen, ob es für sie in der Zukunft noch so einfach sein würde im Vereinigten Königreich zu leben und zu arbeiten, und auch die britischen Kollegen äußerten sich eher weniger begeistert vom Ergebnis des Referendums und fragten sich, was der Austritt aus der EU für Auswirkungen auf ihr Land haben könnte. Dennoch sind alle das Thema mit einer gewissen Gelassenheit und viel Humor angegangen.

Drei Jahre ist das mit dem Referendum nun her, und ich muss zugeben, dass mich das Thema Brexit zunehmend ermüdet hat, da gefühlt nichts vorangeht.
Vor kurzen bin ich dann auf das Buch Exit Brexit aufmerksam geworden. Die in England geborene Journalistin Kate Connolly lebt schon seit einigen Jahren in Deutschland und berichtet unter anderem für den britischen Guardian. In ihrem Buch erzählt sie von ihrer Entscheidung, nach dem Referendum die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, wie der Brexit sie und ihre Familie im Vereinigten Königreich spaltet und von vielen Begegnungen mit anderen Briten, die ebenfalls im EU-Ausland leben und arbeiten. Das macht das Buch einerseits zu einem sehr persönlichen Bericht über den Brexit, andererseits legt Connolly aber auch die vielfältigen Gründe dar, die zum Brexit führten, und die verschiedenen Ereignisse vor und nach dem Referendum.

Das letzte Kapitel in Connollys Buch fehlt mir noch, die paar Seiten kann ich aber bestimmt heute Abend im Zug noch schaffen. 🙂

Das Buch könnt ihr bei uns vor Ort oder als eBook ausleihen.

Zum Thema Brexit gibt es übrigens mittlerweile noch sehr viel mehr Literatur. Wer andere Bücher zum Thema sucht, hier der Link zu unserem Katalog.

lga

Elizzy von read books and fall in love hat sich für alle, die teilnehmen mögen, folgende Blogaktion ausgedacht: der „Mittendrin Mittwoch“. Er besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.

GAMES ON!

Am 11.05.2019 fand bei uns im Haus wieder die Games On statt. Zum achten Mal hat das Netzwerk Medienaktiv OWL nun schon zur Games On eingeladen, die nicht nur bei uns, sondern auch in Minden und Paderborn stattfindet. Bielefeld bildete mit den Veranstaltungen am 11.05.2019 den Abschluss.
Im Mittelpunkt der Games On stehen das Spielen, Experimentieren und Kreativwerden. Dabei werden Kinder, Jugendliche, Eltern und andere Interessierte angesprochen, die an zahlreichen Stationen digitale (aber auch analoge) Spiele testen, mit verschiedenen Medien kreativ werden und aktiv experimentieren, sich aber auch über Medienerziehung, Daten- und Verbraucherschutz informieren konnten.
Koordiniert wird das Ganze von der GMK (Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur).

Am Morgen des 11.05.2019 war es zuerst etwas hektisch. Die verschiedenen Stationen mussten aufgebaut werden und trotz genauester Planung, wer wo wie viele Tische, Stellwände, Steckdosenleisten und Sonstiges bekommt, fehlte dann doch plötzlich hier ein Tisch, dort eine Stellwand, da ein Bildschirm. Schließlich hat sich aber doch alles am richtigen Platz wiedergefunden, die Hektik legte sich für einen Moment, bis es dann um 11 Uhr erst richtig losging.
Die Station der Stadtbibliothek füllte sich schnell mit Kindern, die an unseren aufgebauten Konsolen verschiedene Spiele testen konnten. Auch unsere VR-Brille stand zum Ausprobieren bereit. Auf diese waren auch einige Erwachsene neugierig.
Auf der Literaturbühne konnte gegen einen eSportler Rocket League gespielt werden, es gab einen Escape-Room, ein MarioKart- und ein Fifa-Turnier, eine digitale Ralley, Infos zur Datensicherheit und mehr.
Um 14 Uhr schloss die Bibliothek und das Abbauen und Aufräumen ging los. Nur beim Mario Kart Turnier hat es etwas länger gedauert, die haben noch ein halbes Stündchen gebraucht, um ihr Turnier zu Ende zu bringen.

Rund ums Thema Gaming gibt es bei uns übrigens auch über das ganze Jahr verteilt verschiedene Veranstaltungen. Jeden Dienstagnachmittag finden zum Beispiel von 15 bis 17:45 Uhr Gaming-Nachmittage für Kinder und Jugendliche von sechs bis fünfzehn Jahren statt. Dort können verschiedene Konsolen und Spiele ausprobiert werden. Minecraft, Mario Kart oder Fifa zum Beispiel. Und wer schon immer mal eine VR-Brille aufsetzen wollte, kann das immer am vierten Donnerstag im Monat um 16 Uhr im GamerSpace ausprobieren und zum Beispiel mit EagleFly als Adler durch Paris fliegen.
Wer eher aufs analoge Spielen steht, dem sei die immer freitags stattfindende Veranstaltungsreihe Irgendwas is immer empfohlen. Neben anderen Aktivitäten findet da einmal im Monat ein Spielenachmittag statt, den wir gemeinsam mit der Spielwiese organisieren.
Auch ein Blick in die Stadtteilbibliotheken darf nicht vergessen werden. Dort finden ebenfalls Gaming- und Brettspielnachmittage statt.

Lesetipp: Die Seiten der Welt – Trilogie

Furia Faerfax lebt gemeinsam mit ihrem Vater und Bruder Pip auf einem entlegenen Landsitz mit einer scheinbar endlosen und lebendigen Bibliothek. Furia und ihr Vater sind Bibliomanten. Das heißt, sie können die Magie von Büchern nutzen. Natürlich strahlt diese Magie auch in die Umgebung aus. In der Bibliothek leben kleine Origami-Vögel, die den Staub von den Büchern und Regalen wischen (sowas könnten wir auch gut gebrauchen), in Furias Zimmer können Sessel und Leselampe sprechen und sich fortbewegen.

Diese Welt hat natürlich auch ihre Schattenseiten. Furias Vater ist auf der Jagd nach den leeren Büchern, um eine Entschreibung aller Bücher zu verhindern, die zur Folge hätte, dass neben allen existierenden Büchern auch die bibliomantische Welt ausgelöscht werden würde.

Zu Beginn der Trilogie darf Furia ihren Vater zum ersten Mal auf dem Weg zu einem leeren Buch begleiten. Dabei wird ihr Vater angeschossen und stirbt. Zur selben Zeit wird der Landsitz überfallen und Furia muss nach Libropolis fliehen, einem bibliomantischen Refugium (eine Parallelwelt von vielen) in London. Dort freundet sie sich mit der Diebin Cat und dem Rebellen Finnian an, die sie bei der Suche nach den verbleibenden leeren Büchern unterstützen. Die Gefahr der leeren Bücher soll aber nicht das einzige Problem bleiben. Zwischen den Seiten der Welt breiten sich sogenannte Ideen aus, die ein Refugium nach dem anderen verschlucken…

Kai Meyer entführt den Leser in eine phantastische Parallelwelt innerhalb der realen Welt. Lebende Origami-Vögel, Romanfiguren, die aus ihren Büchern gefallen in den Gettos der Refugien leben, und verschiedene Welten zwischen den Seiten der Welt. Daneben aber auch die Gefahren durch eine Entschreibung aller Bücher und die Bedrohung der Welt durch die sogenannten Ideen. Die Trilogie ist sehr spannend geschrieben und man kann sich die Welt sehr gut vorstellen.

Reihenfolge der Bände:

  1. Die Seiten der Welt
  2. Die Seiten der Welt – Nachtland
  3. Die Seiten der Welt – Blutbuch

JB

Lesepicknick im Stadtpark Brackwede

Seit Anfang des Jahres plant die Stadtteilbibliothek Brackwede mit vielen weiteren Ehrenamtlichen und Einrichtungen aus Brackwede ein Lesepicknick im Park des Stadtteils.
Am Samstag, den 08.06.2019 um 14 Uhr ist es nun so weit.
Die Organisatoren haben ein Programm mit Spielen, Vorlesen in verschiedenen Sprachen, Basteln, Malen und vielem mehr auf die Beine gestellt:

  • Geschichten auf Plattdeutsch
  • deutsch-türkische Geschichten
  • Lesung der Kinderbuchautorin Jutta Krähling „Die Tellermanns“
  • Malen mit und in der Natur
  • Bücher-Fitnesstraining
  • Büchertauschaktion
  • u.v.m.

Bitte auf keinen Fall vergessen: Picknickkorb und -decke mitbringen!

Bei Regen findet das Fest übrigens in den Räumlichkeiten des ADD statt: Cheruskerstraße 1, 33647 Bielefeld. Wir drücken aber die Daumen, dass es trocken bleibt! 😉

Organisationsteam: Ehrenamtliche und Einrichtungen aus Brackwede
Kontakt: K. Günter, Stadtteilbibliothek Brackwede, 0521 515238, stadtteilbibliothek.brackwede@bielefeld.de

Literarische Reisebeschreibungen

„Wenn Jemand eine Reise thut, // So kann er was erzählen“ (Matthias Claudius) – Das wird ja manchmal missverstanden als „… dann muss er viel erzählen!“

Ausschnittfoto: alter Koffer mit Aufklebern (u.a. „Stadtbibliothek“)

Den alten Koffer habe ich mir aus der Kinderbibliothek ausgeliehen

Da habe ich gleich zwei Assoziationen. Einmal eine Kindheitserinnerung: Gleich am ersten Schultag nach den Großen Ferien wussten wir, das Thema „Mein schönstes Ferienerlebnis“ – als Hausaufgabe oder gar als Klassenarbeit – würde uns nicht erspart bleiben. Das konnte uns im Nachhinein schon wieder die Ferien verleiden.
Oder wer kennt nicht den Familienbesuch bei diesem Onkel, der schon den Dia-Projektor aufgebaut hatte und schöne Bilder von der Tour mit dem alten Camping-Bulli durch Skandinavien zeigte? Endlose zweieinhalb Stunden lang!

Heute blüht uns das natürlich immer und überall: beim harmlosen Small Talk werden plötzlich die Fotos gezückt  – die hat man ja jetzt praktischerweise in der Hosentasche, sprich auf dem Smartphone immer dabei:

Dieses eine Bild muss ich Dir zeigen – wo ist es denn – *wischwisch* – hach, wir haben natürlich Hunderte Fotos gemacht, hihi – *wischwisch* – hier, da waren wir auch, Postkartenmotiv, das fotografiert ja jeder – *wischwisch* – und hier, lustig nicht – *wischwisch* – ach diese Sonnenuntergänge, jeden Abend so schön: hier und hier und hier …– *wischwisch* – aber was wollte ich dir noch mal zeigen – *wischwisch*

Ich muss leider sagen, so manche Reiseerzählung, die zwischen zwei Buchdeckeln gedruckt wird, ist nicht besser als das: eine Auswahl mehr oder weniger guter Amateurfotos und ein Text wie aus einem Schulaufsatz. Ich will jetzt nicht behaupten, dass wir bei unserer Auswahl für die Bibliothek niemals Fehlkäufe dieser Art dazwischen hätten. Und natürlich kann auch in einem Selbstverlag mal eine originelle Entdeckung zu finden sein.

aufgeklappter Koffer voller Reisebücher

Der Koffer ist gepackt: eine Auswahl Reiseberichte

Der Markt jedenfalls ist riesig. Wir könnten locker unseren gesamten Medienetat für das Sachgebiet Geografie nur für Reiseberichte und -erzählungen verbraten. Was wir aber nicht machen; unser Schwerpunkt liegt mehr bei den sachbezogenen Reiseführern, weniger bei den persönlichen Erlebnisberichten. Aber eine Auswahl schaffen wir in jedem Jahr an, denn literarische Reisebeschreibungen sind ein beliebtes Genre.

 

Beliebt war das Thema Reisen wohl schon an den Lagerfeuern der Steinzeit: Geschichten über das Gesehene und Erlebte jenseits des Horizonts wurden ausgeschmückt, über mehrere Generationen weitererzählt und schließlich zu Mythen, Legenden, Märchen, zuletzt vielleicht sogar von einem Dichter als Epos niedergeschrieben und verewigt. Das berühmteste Beispiel aus der Antike ist natürlich Homers Odyssee.

Das Motiv der Heldenreise ist ein Grundmuster in fiktionalen Erzählungen oder auch in Hollywoodfilmen: Der ungestüme Held zieht hinaus in die Welt, er muss fliehen oder wird mit einer Aufgabe fortgeschickt; er sieht wundersame Dinge, muss phantastische Abenteuer bestehen, gewinnt ungewöhnliche Freunde, muss sagenhafte Feinde besiegen; er besteht Prüfungen, löst Rätsel und erhält Zauberdinge; doch am Ende kehrt er in seine Heimat zurück – mit der rettenden Erkenntnis oder dem gesuchten Zaubergegenstand, aber vor allem klüger und verantwortungsvoller, ja erwachsener, denn die Heldenreise ist eben auch eine Reise zu sich selbst, eine Entwicklungsgeschichte, eine Initiation.

Ich habe jetzt sehr weit ausgeholt. Aber die Motive sind bis heute die gleichen geblieben, und man findet sie auch in nicht-fiktionalen Texten wie z.B. im Aufbau einiger Reisereportagen.

Als Leser erwarten wir von einer guten Reiseerzählung:

  • Exotik
  • Abenteuer und Anekdoten
  • nicht zuletzt Persönliches über den Erzählenden: wir wollen wissen, was die Reise mit ihm oder mit ihr gemacht hat.

Exotische Orte sind für uns heute nicht mehr unerreichbar, sie sind vom Pauschaltourismus erschlossen und in den Medien erklärt, sei es im Reiseführer, Bildband oder im dokumentarischen Film.
Exotisch kann aber auch die Art des Reisens sein:
Reisebücher aufgereiht auf einen alten Koffer

Das sind nur einige Beispiele.

Abenteuer und Anekdoten kann man durchaus auch im Weserbergland erleben. Es geht da weniger um Ort und Ziel der Reise, sondern um Originalität und vor allem das Wie des Erzählens. Wenn der in die Jahre gekommene Schriftsteller Bill Bryson so umwerfend komisch von seiner Wanderung zusammen mit seinem, nun sagen wir, auch nicht sehr sportlichen Freund erzählt, spielen weniger der Appalachian Trail oder die titelgebenden Bären die Hauptrolle (Picknick mit Bären, übrigens auch hinreißend verfilmt).

Reiseerzählung vor einem alten Koffer

Frühstück mit Kängurus / von Bill Bryson

Bill Bryson könnte, glaube ich, über jeden beliebigen Gegenstand humorvoll, selbstironisch und geistreich berichten.

Ähnlich gelang es Hape Kerkeling, das Pilgern und die historischen Pilgerrouten losgelöst vom religiösen Kontext wieder populär zu machen. Natürlich durch seine Komik, klar: Der berühmte Comedian machte aus dem Thema einen deutschen Mega-Bestseller, gedruckt und verfilmt; und auf dem Jakobsweg stieg in den Jahren nach der Veröffentlichung von „Ich bin dann mal weg“ die Zahl der deutschen Touristen auffällig an (der „Kerkeling-Effekt“). Der Autor gibt allerdings auch viel von sich selber preis, wie er in einer Schaffenskrise aufbricht zu einer ungewöhnlichen Reise und als veränderter Mensch heimkehrt. Und uns alle lässt er daran teilhaben.

Reisebuch vor altem Koffer

„Die Welt im Notizbuch“ von Ryszard Kapuscinski

Bei einer Reisereportage und einem Reisebericht erwarten wir, dass die Autorin / der Autor tatsächliche Begebenheiten schildert und wahre Erlebnisse erzählt. Aber nicht nur Karl May hat seine „Reiseerzählungen“ schlicht erfunden. In Polen wurde Ryszard Kapuściński als Journalist des Jahrhunderts ausgezeichnet; doch wenige Jahre nach seinem Tod wurden Zweifel am Wahrheitsgehalt einiger seiner Reportagen laut. Er habe fabuliert und die Fakten seinem erzählerischen Ziel untergeordnet, schrieb sein Biograf Domosławski. Aber auch wenn man diese Reportagen jetzt etwas zwiespältiger liest, gut geschriebene Literatur ist es allemal.

Ob am Lagerfeuer, in gedruckter Form, verfilmt oder im Blog – so viel hat sich nicht in diesem Genre geändert. Fakt und Fiktion fließen gerne mal durcheinander, sei es um der Dramaturgie des Textes willen oder um an der eigenen Legende zu stricken.

Das setzt mich als Bibliothekarin dann vor das Problem, dass ich nicht immer weiß, wohin ich das Buch stellen soll:

  • Reisebuch vor altem Koffer

    „Post aus Hawaii“ von Mark Twain

    Mark Twains vergnügliche Reiseberichte (z. B. „Post aus Hawaii„) aus dem Ende des 19. Jahrhunderts vielleicht besser nicht zur Geografie, sondern neben seine anderen Erzählungen und Romane? Oder zu seinen autobiografischen Schriften in die Literaturwissenschaft?

  • Hape Kerkelings Buch zu den Schauspieler-Biografien?

Geht es in einem Reisebericht um das Reisen an sich oder steht die Beschreibung einer Region,  der dortigen Sitten und der Bewohner im Vordergrund? Wo findet das Werk am ehesten seine Leser*innen?

Wenn Ihr in der Bibliothek ganz allgemein nach Reiseberichten fragt, findet Ihr diese nicht alle an einer Stelle versammelt. Die literarische Reisebeschreibung ist nun mal kein eindeutiges Genre und passt schlecht in unsere eindimensionale Aufstellungssystematik.

Nur kurz erwähnen möchte ich noch die wissenschaftliche Reisebeschreibung: die Berichte und Tagebücher zu den großen Forschungs- und Entdeckungsreisen der Geschichte. In diesem Jahr ist da besonders Alexander von Humboldt und sein Werk zu nennen.

Wir wollen Land und Leute erleben, wie wir sie selbst wohl nie mit eigenen Augen wahrnehmen und schon gar nicht in Worte fassen könnten. Wir wollen beim Lesen unterhalten werden, vielleicht mitlachen, vielleicht mitleiden – und schön bequem die Füße dabei hochlegen können. Wir wollen mehr über die Persönlichkeit des Autors oder der Autorin erfahren und durch die  Erfahrungen des anderen auch selbst ein wenig klüger und verantwortungsvoller, ja erwachsener werden. Denn Lesen und das Eintauchen in die Gedanken und Erkenntnisse eines anderen kann eben auch eine Reise zu sich selbst sein, eine Entwicklungsgeschichte, eine Heldenreise im Lesesessel.

Einige wenige Beispiele und Empfehlungen habe ich in diesen Text einfließen lassen. Mit den Hashtags #Reisebericht und #LesezeichenDerWoche geben wir einzelne Tipps auf Twitter. Und auch hier im Blog werden wir auf das Thema sicher zurückkommen: Wir haben gerade erst neue Reiseerzählungen bestellt.

Alter Koffer auf einem Rollwagen in einem leeren FlurDer nächste Koffer kann also demnächst gepackt und vorgeführt werden.

 

HilDa

 

(Für das Blog überarbeiteter Vortrag)

Mittendrin Mittwoch #97

Lange Zeit glaubte ich, daß es im Irrenhaus eine Abteilung für gescheiterte Hobby-Handwerker gibt. Heute weiß ich es. Denn ich lebe dort, hihi.

(Ich hab’s euch immer schon gesagt / von Axel Hacke. Seite 27)

Buch auf einer Decke

Ich hab‘s euch immer schon gesagt / von Axel Hacke

Es gibt so Bücher und Geschichten, die kann man so zwischendurch vernaschen, wie ein Konfekt oder (für mich passender) einen Keks; so zum Kaffee vielleicht oder vor dem Einschlafen, wenn man bereits zu müde für den dicken Roman ist. Oder an einem schlechten Tag, wenn man einfach etwas leichtes, anregendes und vor allem lustiges braucht, wenn man heute wenigstens einmal grinsen, ja laut lachen möchte. Axel Hacke schreibt solche Geschichten.

Meine erste Begegnung mit ihm war „Der kleine Erziehungsberater“ – vor vielen Jahren, da kannte ihn noch kaum jemand in meinem Bekanntenkreis; mittlerweile sind deren Kinder aber schon erwachsen. Nun, Axel Hacke schreibt Kolumnen über den Alltagswahnsinn, also den Alltag, der uns in den Wahnsinn treibt. So wie in der Geschichte „Vorhangstangen sind eigentlich doch schön“, die wie oben zitiert beginnt.

Kolumnen und Glossen lese ich einfach gerne. Diese kurzen, überspitzten Texte sind auch eine gute Vorlese-Übung. Es ist nicht leicht, die Ironie und die Pointe richtig herüber zu bringen, da müssen die Betonung, der Rhythmus, die Lesegeschwindigkeit und die Pausen genau gesetzt sein. Und der Vorleser selbst muss ganz ernst bleiben, sonst wirkt es nicht.

Texte von Axel Hacke dürfte ich nie irgendwo vorlesen. Ich habe gerade schon fast wieder meinen Kaffee über den Schreibtisch geprustet.
Ach.
Ich übe einfach noch ein wenig.

HilDa

Hacke, Axel : Ich hab’s euch immer schon gesagt : mein Alltag als Mann. – München : Kunstmann, 1998.

Elizzy von read books and fall in love hat sich für alle, die teilnehmen mögen, folgende Blogaktion ausgedacht: der „Mittendrin Mittwoch“. Er besteht aus immer neuen Zeilen aus Büchern, in denen wir aktuell wortwörtlich mittendrin stecken.