Die Recycling Roadshow kommt nach Bielefeld

Aus alt mach neu. Getreu dem Motto werden in Bielefeld zur Zeit alte Jeans gesammelt, die in etwas neues verwandelt werden sollen: einen Bielefeld-Sweater! Organisiert wird diese Recycling Roadshow, die zur Zeit durch Europa tourt, vom Unternehmen Blue LOOP Originals. Zusammen mit der Stadt Bielefeld möchte das Unternehmen zeigen, wie Kleidung nachhaltiger produziert werden kann.

Der Bielefeld-Sweater wird aus den recycelten Jeans nachhaltig in Europa produziert – ohne Unmengen wertvollen Wassers zu verbrauchen und ohne riesigen CO2 Abdruck. Die Jeans werden in Gronau bei ALTEX zu einer Reissfaser verarbeitet, bei ESG in Belgien zu einem Garn gesponnen und in Portugal bei Sampaio und CPC zu einem individuellen Bielefeld Sweater gefertigt.

Wenn ihr auch alte abgetragene, zu klein oder zu groß gewordene oder nicht mehr reparierbare Jeans Zuhause liegen habt, könnt ihr diese bis zum 20.11.2021 bei verschiedenen Sammelstellen in Bielefeld abgeben, unter anderem auch bei uns in der Stadtbibliothek am Neumarkt. Dort findet ihr im Erdgeschoss bei den Medien aus dem Bereich Hauswirtschaft einen schwarzen Korb. Die weiteren Sammelstellen findet ihr hier. Dort wird es auch Informationen geben, wo und wann ihr die Bielefeld-Sweater kaufen könnt.

lga

Buchtipp: Autobiographie von Hannes Wader

Buch "Trotz alledem" von Hannes Wader
Wader, Hannes : Trotz alledem – Mein Leben

Autobiografien sind eigentlich nicht so mein Ding. Aber als mir eine Mitarbeiterin der Stadt-Bibliothek den dicken Wälzer von Hannes Wader in die Hand drückte, hat es mich sofort gepackt – zumal ich ihn in den 60er, 70er-Jahren in Bielefeld gelegentlich live erlebte.

Ich wusste, dass er während des 2. Weltkrieges in Bielefeld geboren ist, am Poetenweg aufwuchs und eine Dekorateurslehre bei Sievert (Fiebach) absolvierte, bevor er seinen Weg in die Singer-Songwriter-Szene fand. Was ich nicht wusste ist, unter welchen Entbehrungen er Kindheit und Jugend verbrachte, arm, ohne familiäre Nestwärme, ohne Freunde, scheu und voller Komplexe, mehr oder weniger alleine barfuß im Wald. Allein die Musik gibt ihm später Halt und Selbstsicherheit – aber eine richtige Rampensau wird er nie. 

Aufrichtig, schonungslos und ehrlich schildert Wader sein Leben. Für mich ist das ein „Bielefeld-Buch“ mit vielen Orten, Lokalen, Menschen, die auch ich kenne oder kannte. Ein „Geschichts-Buch“, in dem gesellschaftliche Entwicklungen von der (Nach-)Kriegszeit bis heute leicht nachvollziehbar werden. Ein „Musik-Buch“ – nicht nur über die Liedermacher-Szene. Und gleichzeitig liest es sich wie ein Roman, denn was Hannes Wader in seinen bisher 79 Jahren alles so erlebt – und angestellt – hat, da mag man das Buch gar nicht aus der Hand legen!

Zusatztipp 1: 592 Seiten machen das Buch recht schwer. Wer´s leichter mag: Es kann auch per Onleihe auf den eBook-Reader geladen werden.
(Die Katalogdaten aller Ausgaben findet Ihr hier)

Zusatztipp 2: Waders alter Schulweg, die „Apfelbaumallee“ in Hoberge-Uerentrup wurde 2020 auf Initiative alter Weggefährten in „Hannes-Wader-Aue“ umbenannt. Mit Erinnerungsstein – und schön zu erwandern.
(Der Beitrag der WDR-Lokalzeit OWL vom 30. Oktober 2020 hier)

Findling mit der Aufschrift "Hannes Wader Aue" an einem Wanderweg
Findling zur Hannes-Wader-Aue

Website von Hannes Wader hier

Ein Gastbeitrag von
Jörg-Ingo Peter



Wir haben die Kolleginnen und Kollegen nach ihren Lesetipps für diesen Sommer gefragt und werden diese so nach und nach hier veröffentlichen.
Viel Freude beim Lesen.

Radtour nach Dienstschluss

Stadtradeln in Bielefeld ist für dieses Jahr vorbei, aber wir möchten gerne unsere gemeinsame Radtour mit Euch teilen.

Wir trafen uns an einem Samstag mittags kurz nach Dienstschluss: Kolleginnen und Partner, insgesamt 12 Teilnehmer*innen. Die gemeinsam gefahrenen Kilometer sollten unserem Stadtradeln-Team „Stadtbibliothek auf Rädern“ gut geschrieben werden. Als es hieß, die Strecke sei ca. 30 km lang, war ich nicht sicher, ob ich mithalten könnte. Zum Glück war nicht die einfache Strecke gemeint, sondern wirklich der gesamte Rundkurs. Nun, das erschien machbar, auch wenn ich keine elektrische Unterstützung an meinem Fahrrad habe.

Eine erfahrene Kollegin hatte den Kurs für uns ausgesucht und vorbereitet; gleich zu Beginn skizzierte sie kurz den Schwierigkeitsgrad und die Richtung, „warnte“ uns schon mal vor, es gäbe unterwegs auch ein bisschen Stadtgeschichte und Kultur, vor allem aber eine Eisdiele als Zielort. Und schon ging es los.

Erste Wegmarke war das Gelände bei den Oetker-Werken. Wir mussten erst einmal durch die Stadt: Turnerstraße, Altstadt, am Naturkundemuseums vorbei, über den Adenauerplatz unter der Sparrenburg her nach Bethel, dort dann zur Radrennbahn.

Auf dem Foto ist ein Schotterweg, dahinter eine umzäunte Grünfläche zu erkennen, im Hintergrund Bäume und Häuser, in der Ferne der Turm der Sparrenburg

Moment, sagt jetzt vielleicht nicht nur die Zugezogene, sondern auch so mancher ortskundige Bielefelder: Die Radrennbahn ist doch im Osten der Stadt in den Heeper Fichten. Stimmt, doch die erste Bielefelder Radrennbahn vor gut 130 Jahren – und noch mit den kuriosen Hochrädern befahren – war am Bolbrinker in Gadderbaum. Viel erkennen kann man von der alten Pracht zwar nicht mehr, aber ein Zeitungsartikel vom 12.2.2016 in der NW erzählt etwas mehr über die Geschichte des Bolbrinkers. Ich bin nur froh, dass unsere Fahrräder heute moderner und leichter zu fahren sind als die Hochräder, auf denen damals hier die Rennen ausgetragen wurden. Eine Skulptur gibt einen Eindruck. Sieht ja beeindruckend aus. Aber auf so einem Hochrad und noch dazu mit langem Kleid hätte ich unsere Radtour nicht gemacht. Wir fuhren eine Ehrenrunde auf der 333,3-Meter-Strecke und stellten uns dabei den tosenden Applaus der Massen auf den Rängen vor: Wir gewannen das Mannschaftsrennen.

Ohne Applaus ging es weiter: erst den Ostwestfalendamm überqueren (Brücke natürlich) und eine kurze Strecke parallel dazu über den Kamm (die erste anstrengende Steigung) zur Lutter, genauer zu der Ems-Lutter. Wusste ich auch nicht: Es gibt zwei Lutter, die Weser-Lutter (auch Bielefelder Lutter oder Lutterbach genannt) fließt (wieder) durch die Stadt und mündet später über Aa und Werre in die Weser; wir folgten ein Stück der Ems-Lutter (auch Gütersloher Lutter genannt) durch ein herrliches Wäldchen mit vielen kleinen Feuchtbiotopen.

Schild "Luttertal: Wandern auf dem Ems-Lutter-Weg" mit Karte, Legende und Beschreibungen (auf dem Foto nicht lesbar)
Das Luttertal ist Teil eines Wander- und Radwanderweges

Da kam es zu einer kleinen Panne, wir bemerkten erst gar nicht, dass wir zwei Mitfahrerinnen verloren hatten. Zum Glück gibt es Smartphones. Und zumindest einer von uns hatte Werkzeug dabei und konnte helfen. Während wir warteten, habe ich diese gelbe Blume fotografiert, die ich später als Wasserlilie identifizieren konnte.

Wasserlilie inmitten von Gras und Schilf
Wasserlilie im Feuchtbiotop

Der nächste kurze Haltepunkt war der Campingplatz in Quelle „Campingpark Bielefeld, Meyer zu Bentrup“ mit Hinweis auf den kleinen Zoo, den Hofladen und vor allem den Biergarten. Aber wir machten hier noch keine Rast. Nach einer kurzen Diskussion über die Lokalpolitik zum geplanten Badesee bei Bielefeld, der wohl nicht öffentlich zugänglich, sondern nur für Campingplatzkunden nutzbar sein wird, fuhren wir weiter, vorbei an grünen Landschaften und blühenden Vorgärten.

Die Autobahnbrücke über die A33 war die zweite Steigung auf unserer Strecke, aber hatte dann auch eine schöne Abfahrt. Und schon rollten wir in das alte Städtchen Steinhagen, an der Gemeindebücherei vorbei zur Kirche, wo wir die Fahrräder abgestellt haben, um uns mit einem Eis zu belohnen. „Mandarine-Schmand“ war die besondere Empfehlung, der ich mich anschließen kann. Lecker.

Alte Kirche, an der Mauer zum Kirchhof lehnen Fahrräder, im Hintergrund ein Fachwerkhaus
Ev. Pfarrkirche Steinhagen, Rückfront

Aus Steinhagen kommt übrigens auch der „Steinhäger“ – klingt jetzt wenig originell, aber mir war das wirklich neu, den Ortsnamen Steinhagen gibt es ja wohl öfter. Die urigen Flaschen („Kruke“ aus braunem Steinzeug) des Branntweins kenne ich natürlich. Also vom Sehen.

Für den Rückweg nahmen wir fast die gleiche Strecke nur mit einem kleinen Schlenker zu Niemöllers Mühle, die letzte noch funktionstüchtige Mühle Bielefelds, liebevoll restauriert und gepflegt von ehrenamtlichen Vereinsmitgliedern. Ein schönes Ausflugsziel, normalerweise auch mit einem Veranstaltungsprogramm: Führungen, Brotbacken und andere Workshops. Mehr findet Ihr auf der Website des Mühlenvereins.

Foto von dem Mühlrad, auf das von oben Wasser fällt, das in einem Bach weiterfließt
Niemöllers Mühle

Wieder in Bielefeld City angekommen, war der logische Abschluss ein Biergarten in der Altstadt. Ein runder Nachmittag: gut vorbereitete Tour, fröhliches und rücksichtsvolles Team. Und das ideale Radfahr-Wetter: trocken, nicht zu warm und ohne Gegenwind. Die schönen Tour- und Ausflugsziele geben wir hiermit gerne weiter.

Zum Schluss noch unser Ergebnis beim Stadtradeln:
Unser Team „Stadtbibliothek auf Rädern“ hatte 40 aktive Mitfahrer*innen. Zusammen haben wir fast genau 11.800 km erradelt, das macht im Durchschnitt 295 km pro Person; nun ja, Durchschnitt heißt, einige sind sportlich auf über 1000 km gekommen und andere haben einen deutlich kleineren Beitrag geleistet. Jeder nach seinen Möglichkeiten, jeder einzelne Kilometer war willkommen. Ich liege mit meiner Gesamtleistung von 140 km jedenfalls sehr deutlich unter dem Durchschnitt, aber immerhin über meinem Vorjahresergebnis.
Spaß gemacht hat‘s, darauf kommt es an.

HilDa

Stadtwanderung

Ich habe auch zu denen gehört, die zur Kirschblüte in die Straße „Auf dem langen Kampe“ gepilgert sind, um ein Foto von der Blütenpracht zu machen. Dabei stand unter fast jedem Baum bereits ein Grüppchen junger Leute, die sich gegenseitig in allen möglichen Posen mit der rosa Allee im Hintergrund fotografierten: lächelnd, hüpfend, scherzend, allein, zu zweit im Arm liegend, küssend; Eltern hockten mit den Kindern auf der Straße für ein Foto, da mussten die Autos halt kurz warten. Es gab viele Spaziergänger wie mich und auch Radfahrer. Nahezu jeder hatte sein Smartphone griffbereit und suchte die eine besondere Perspektive, das eine originelle Motiv. Oder beobachtete die anderen bei ihren Posen. Ich habe mich gar nicht getraut, mein Handy zu zücken. Wer möchte schon inmitten all der Möchtegern-Influencer* für eine Möchtegern-Influencerin gehalten werden?

Aber bei diesem einen Baum fast schon am Ende der Allee, der als einziger weiße Blüten hatte, konnte ich dann doch nicht widerstehen. Blöderweise waren kurz zuvor Wolken aufgezogen, so sieht man nicht gut, dass der Baum auch einige Äste mit rosa Blüten hat, eine botanische Besonderheit, die gerade niemanden sonst interessierte. Nun ja, ich bin auch keine gute Fotografin, ein Filter hat etwas geholfen.

Ihr werdet im Netz mit dem Hashtag #AufDemLangenKampe genügend Bilder finden: Schnappschüsse, Selfies, professionelle Fotografien, jeder Baum einzeln, die volle Blütenpracht in der Totalen und sogar Luftaufnahmen.

Die Straße ist übrigens auch zu jeder anderen Jahreszeit ein Spaziergang wert, nicht nur in den wenigen überlaufenen Tagen der Kirschblüte. Zumal man die Allee in einen Rundweg einbauen kann, als Spaziergang ein ordentlicher Marsch und auch als kleine Radtour gut geeignet. Mein Abendspaziergang nach dem Dienst hatte natürlich die Bibliothek am Neumarkt als Ausgangspunkt. Bis zum Ostbahnhof gibt es einen etwas versteckten Fußweg durch Kleingartenanlagen (parallel zur Werner-Bock-Straße hinter der Seidenstickerhalle vorbei, dann Am Stadtholz überqueren und rechts an der Feuerwache vorbei bis zur Bleichstraße).

Graffiti an einer Kleingarten-Vereinshütte

Ich muss gestehen, dort habe ich etwas die Orientierung verloren und bin einmal im Kreis gegangen, aber man kommt an der Bleichstraße in der Nähe des Ostbahnhofs heraus, an dem auch schon die insgesamt 1,3 km lange, mit Japanischen Kirschbäumen gesäumte Wohnstraße mit dem ungewöhnlichen Namen Auf dem Langen Kampe beginnt. Am anderen Ende erreicht man die Radrennbahn und kann von dort auch noch weiter wandern oder fahren z. B. in Richtung Heepen. Ich habe den Rückweg an den Lutter-Stauteichen vorbei gewählt. Bis zur Teutoburger Straße kann man durch einen Grünzug gehen und danach durch verkehrsberuhigte Wohnstraßen ins Zentrum gelangen (Ravensberger Straße). Auch ohne Kirschblüten gibt es genug zu sehen auf dieser Wanderung oder Radtour: Schrebergärten, Wasservögel, Spielplätze u.v.m. Ganz zu schweigen von den Menschen, die man unterwegs trifft, denn nicht nur zur Kirschblütenzeit haben auch andere diese stadtnahen Möglichkeiten entdeckt und nutzen sie bei schönem Wetter ausgiebig. Natürlich verrate ich hier alles andere als einen Geheimtipp; ich empfehle in dieser Zeit sicher nicht, dass sich jetzt halb Bielefeld zur gleichen Abendrunde aufmachen soll – während der Kirschblüte war es anstrengend genug, den Abstand einzuhalten, ein Slalomlauf.

Spielplatz in einer Wohnsiedlung
Weg zwischen Kleingärten
Stauteich in der Abendsonne

Bielefeld und seine nähere Umgebung bieten viele Möglichkeiten für Spaziergänge oder Radtouren. Es muss gar nicht die großgeplante Tour sein. Selbst ein Spaziergang durch das eigene Wohnviertel, durch Straßen und Fußwege, die man sonst nie nutzt, kann zu interessanten Entdeckungen und Beobachtungen in der eigenen Stadt führen: Mich interessieren zum Beispiel die Siedlungsarchitektur, die Bepflanzung und Gestaltung in Vor- und Schrebergärten, alte Hausfassaden, Haustüren aus Holz, schmiedeeiserne Gitter und Geländer, originelle Graffiti, … . Und dann sind da noch die Naturbeobachtungen, die man ohne viel Aufwand machen kann: zurzeit das Ergrünen und Aufblühen im Frühling, Schwäne und Enten mit ihren Küken, Reiher in Lauerstellung, Singvögel bei Nestbau oder Futtersuche, …

Ihr müsst nur los ziehen, die Augen offen halten und aufmerksam sein.

Die fabelhafte Wibke Ladwig (@sinnundverstand) nennt es ihre #CoronaWanderreisen, in denen sie ihre Stadt Köln neu kennen lernt. Und ihren #GangInsHeimbüro, bei dem sie in ihrem eigenen Viertel ungewöhnliche Alltagsentdeckungen macht. Die Fotos mit ihren witzigen Kommentaren findet Ihr bei Instagram und Facebook oder auch in einigen Beiträgen ihres Blogs (z.B. Gang ins Heimbüro hier). Ihr besonderer Blick für scheinbare Kleinigkeiten war es, der mich zu nun auch zu meinen Stadtspaziergängen angeregt hat. Und ihre wertschätzende Offenheit ist ein gutes Vorbild. Ich kann zumindest sagen: Es tut mir gut.

Im Juni ist in Bielefeld wieder für drei Wochen Stadtradeln, auch eine gute Gelegenheit, sein Umfeld neu zu „erfahren“.

HilDa

Eine Art von Wahrheit – Literaturtage 2020

Die Literaturtage sind immer wieder eines der vielen Highlights unseres Veranstaltungsjahres. Olga Tokarczuk hat uns im letzten Jahr einen ziemlich aufregenden Tag bereitet, indem sie nur wenige Stunden vor der Lesung bei uns den Literaturnobelpreis gewann. Mit ihrer Nobelpreisrede am 7. Dezember 2019 liefert sie uns auch das diesjährige Motto: „In der Flut von Definitionen, die es für den Begriff ‚Fiktion‘ gibt, gefällt mir die Älteste am besten, die auf Aristoteles zurück geht und besagt, dass Fiktion immer eine Art von Wahrheit sei.“

Im letzten Jahr waren mit Abbas Khider und Olga Tokarczuk gleich zwei Veranstaltungen restlos ausverkauft. Ich wage die Vermutung aufzustellen, dass wir das in diesem Jahr toppen und alle neun Lesungen ausverkauft sein werden. Denn statt der gewohnten 300 Plätze stehen in diesem Jahr aufgrund einiger Komplikationen mit einem gewissen Virus – wir wollen an dieser Stelle keine Namen nennen – weit weniger Plätze zur Verfügung. Aber solange die Lesungen überhaupt stattfinden, sind wir schon zufrieden. Und alle, die jetzt schon fürchten, keine Karten mehr zu bekommen, möchte ich direkt beruhigen. Zu allen Lesungen wird es einen Livestream geben. Wir haben uns für diese Möglichkeit entschieden, um trotz allem so vielen unserer Gäste wie möglich einen – wenn auch etwas anderen – Zugang zu den Veranstaltungen zu ermöglichen.

Ein Ticket für den Livestream kostet 2 €. Die Tickets können ab dem 28. September über unsere Webseite erworben werden. Die regulären Tickets gibt es ab sofort über unsere Ticketbuchung oder vor Ort in der Stadtbibliothek am Neumarkt. Der Eintritt beträgt 10 €, ermäßigt 6 €.

Aber auf das wichtigste bin ich bisher noch gar nicht zu sprechen gekommen. Das sind natürlich wie immer die Autorinnen und Autoren, die sich auf den Weg zu uns nach Bielefeld machen. Die Eröffnungsveranstaltung am 1. Oktober begehen wir mit Denis Scheck, der uns seinen Kanon „Die 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur von ‚Krieg und Frieden‘ bis ‚Tim und Struppi'“ vorstellt und uns die Bücher präsentiert, die wir in unserer begrenzten Lebenszeit gelesen haben sollten.
Mit Lutz Seiler erleben wir am 7. Oktober eine Geschichte, die  kurz nach dem Mauerfall spielt und von zwei Eltern handelt, die sich einen Lebenstraum erfüllen und einem Sohn der zurückbleibt und ziellos durch Berlin treibt.
Die DDR ist auch eines der Themen in Jackie Thomaes Roman „Brüder“. Zwei Brüder, die sich nicht kennen, die aber verbunden sind durch den selben Vater, der 1970 aus dem Senegal in die DDR kam um Medizin zu studieren. Ihre Geschichten, die zwischen 1985 und 2005 spielen, werden in zwei Teilen getrennt erzählt.

Damit habe ich nun wahllos einige unserer Autorinnen und Autoren herausgegriffen, das ganze Programm könnt ihr ausführlich hier nachlesen.

Mit musikalischer Umrahmung und bei einem Gläschen Wein stellen uns all diese Autoren ihre eigene Art von Wahrheit vor.

lga

Der Turm der Sparrenburg – wie hoch ist er wirklich?

Vor einiger Zeit wurde der Turm der Sparrenburg von Radio Bielefeld und einem Vermessungsbüro neu vermessen. Dabei stellte sich heraus, dass der Turm nicht wie gedacht 37 m hoch ist, sondern kleiner ist als gedacht. Nur 31,5 m misst der Turm tatsächlich. Die Sparrenburg selbst liegt 60 Meter über der Stadt. Das ist immer noch hoch genug, wie ich finde.

Urkundlich erstmals erwähnt wurde sie im 13. Jahrhundert, und im Laufe der Jahrhunderte erweitert. Sie ist die nördlichste Spornburg Deutschlands. Eine Spornburg hat zu mindestens zwei Seiten steil abfallendes Gelände. Außerdem hat man einen sehr guten Überblick über das umliegende Gebiet. Nach dem 30-jährigen Krieg verliert die Sparrenburg ihre Bedeutung als Festung. Sie wird als Gefängnis genutzt und schließlich dem Verfall preisgegeben. Um 1840 gründete sich ein Komitee zur Wiederherstellung des Turmes. 40 Jahre später kaufte die Stadt Bielefeld die Burg vom Staat Preußen für 8.934,90 Mark.

Zurück in das Jahr 2020 vor einigen Wochen auf der Sparrenburg: Ich hatte das schöne Wetter für einen Spaziergang zur Sparrenburg genutzt. Der Weg führte mich in den Burghof und anschließend einmal rum. Als ich den Hof verlassen wollte, wurde dieser von einer Familie betreten. Das etwa 4-jährige Kind sah nun den Turm und rief: „WOW! Ist der hoch!“ Hier hatte sich der Tag also schon mal gelohnt. Auf der anschließenden Runde fiel mir ein etwa 10 bis 12-Jähriger auf (ich kann schlecht schätzen), der – wie man das heute so macht – sein Smartphone in Richtung Turm hielt und andächtig sprach: „Das ist der Turm der Sparrenburg. Wie im Mittelalter. Einfach genial!“ Ob für eine Instagram-Story oder vielleicht doch für eine Schulaufgabe ist nicht überliefert.

Juliane

Update Coronavirus

Nach den Nachrichten der letzten Tage kommt es nicht wirklich überraschend. Ab sofort haben auch die Stadtbibliothek am Neumarkt und die Stadtteilbibliotheken bis zum 18.04. geschlossen.

Um die Ausbreitung des Coronavirus zu entschleunigen und einer Überlastung unseres Gesundheitssystems vorzubeugen, ist das auf jeden Fall der richtige Schritt.

Hier einmal alle Hinweise und Informationen zu unserer Schließung:

  • Alle Tages- und Abendveranstaltungen entfallen bis einschließlich zum 30.04.2020.
  • Bitte gebt bereits erworbene Tickets für Lesungen oder sonstige Abendveranstaltung vorerst nicht zurück. Wir bemühen uns um Alternativtermine und werden euch frühzeitig hierüber informieren.
  • Die Leihfristen für Medien sind mindestens bis zum 30.04.2020 ausgesetzt. Bitte erkundigt euch nach dem genauen Rückgabedatum in eurem Bibliothekskonto.
  • Es werden bis zum 30.04.2020 keine Säumnisgebühren erhoben. Nutzt ggf. auch die Möglichkeit der Online-Verlängerung.
  • Mahnungen werden wir aussetzen. Bücher, für die ihr bereits eine Mahnung erhalten habt, gebt bitte erst zurück, wenn die Bibliothek wieder geöffnet ist. Alternativ könnt ihr wie gehabt die Außenrückgabe der Stadtbibliothek am Neumarkt nutzen.
  • Fernleihbestellungen, Vorbestellungen sowie Medienbestellungen aus den anderen Stadtteilbibliotheken entfallen; etwaige Gebühren werden storniert.
  • Ihr erreicht uns weiterhin per E-Mail unter stadtbibliothek.information@bielefeld.de sowie Mo-Fr zwischen 10:00 und 16:00 Uhr über die Hotline 0521 51-5000.

Aber bitte nicht verzweifeln, dass ihr keine Medien mehr bei uns vor Ort ausleihen könnt. Nicht geschlossen wird nämlich die Onleihe, die Virenverbreitung ist dort eher gering. 🙂
Ihr könnt euch dort also mit eBooks, eAudios usw. gegen die etwaige Langeweile eindecken.

Wir wünschen euch alles gute und genießt den Sonnenschein – zumindest das Wetter macht hier heute gute Laune. 🙂

Update 17.03.2020:

  • Eure Bibliotheksausweise könnt Ihr jetzt auch telefonisch verlängern, anfallende Gebühren online bezahlen. Hotline Mo-Fr 10-16 Uhr 0521 51-5000.

Juliana Kálnay „aufgeschlagen: OWL: Die Stadt ist nicht die Stadt – 80 Feststellungen“

Literaturtage Bielefeld 2019: Wir lesen laut!

„Seitdem der Fluss trocken ist, regnet es in der Stadt“.

In Bielefeld gibt es keinen Fluss, da die nicht standesgemäße Geliebte des Grafen sich mit Steinen in den Rocksäumen in ihm ertränkte. Dieses Unglück mussten Fluss und Wassergräben mit ihrer Trockenlegung büßen.  Die Schriftstellerin Juliana Kálnay hat für eine Auftragsarbeit des Literaturbüros OWL ihr eigenes Kapitel zur „OWL-Metropole“ aufgeschlagen. Im März durchstreifte sie Bielefeld im Dauerregen und mit Notizbuch in der Tasche. Entstanden sind „80 Feststellungen – Die Stadt ist nicht die Stadt“. Es ist eine, so Kálnay, „poetische Verschränkung“, eine prosaische, assoziative Annährung an die Menschen, die Geschichte(n), die Plätze und Straßen der Stadt, in der Reales und Fantastisches ineinanderfließen. In der Stadtbibliothek erlebt der Text seine Urlesung.

Früher sagten die Leute häufiger, man würde jemanden durchhecheln, wenn man schlecht über ihn redete. Aber wir müssen auch nicht alle über einen Kamm scheren. (Juliana Kálnay, Die Stadt ist nicht die Stadt)

Einen anderen Blick auf eine westliche Großstadt, die namenlos bleibt und Bielefeld sein könnte, richtet F. C. Delius mit seinem Roman „Adenauerplatz“. Die Schauspielerin Inka Friedrich geht in ihrer Lesung mit dem deutsch-chilenischen Exilanten Felipe durch die nächtliche Stadt, schaut aus der Distanz des Außenstehenden bis ins Innerste. Inka Friedrich liest an Stelle der kurzfristig verhinderten Schauspielerin Jeanette Hain.

Juliana Kálnay, geboren 1988, wuchs in Köln und Malaga auf. Für ihren 2017 erschienenen Debütroman „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ wurde sie 2017 mit dem ZDF-aspekte Literaturpreis sowie dem Hebbelpreis 2018 ausgezeichnet.

Inka Friedrich (geboren 1965) wurde 1990 vom Magazin Theater heute zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres gewählt und ist nach mehreren festen Engagements seit 1998 als freie Schauspielerin an vielen Bühnen im deutschsprachigen Raum tätig. Bekannt ist sie auch durch viele Film- und Fernsehrollen.

Das Werk von Juliana Kálnay in unserem Online-Katalog findet Ihr hier, ebenso den Roman „Adenauerplatz“ von Friedrich Christian Delius;
das Literaturverzeichnis zur Lesung hier als PDF: Kalnay

Der Debütroman von Juliana Kálnay wurde im Feuilleton bei seinem Erscheinen 2017 geradezu hymnisch gelobt, z. B. in der TAZ; der ZDF-Beitrag zum Aspekte-Literaturpreis 2017 ist hier.
Zu den aktuellen Texten gibt es natürlich noch keine Besprechungen, sie werden am 31.10 erstmals vorgestellt.

Donnerstag, 31. Oktober, 20 Uhr
Stadtbibliothek, Neumarkt 1
Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr
Moderation: Iris Hennig, Leiterin des Literaturbüros OWL
Musikalische Begleitung: Matthias Kämper, Flügel
Eintrittspreis: 8,– €, ermäßigt 6,– €, Dauerkarte 50,– €

In Kooperation mit dem Literaturbüro OWL und der Literarischen Gesellschaft OWL.

Literaturtage Bielefeld 2019

Wir lesen laut!

Seit Monaten bereiten wir sie bereits vor und nun wird es ernst: In der nächsten Woche beginnen die 24. Bielefelder Literaturtage mit 12 Autor*innen und ihren Werken. „Wir lesen laut!“ ist das Motto. Wer das live mit erleben möchte, kann schon für alle Veranstaltungen Karten erwerben.

Kartenvorverkauf: am Neumarkt im Erdgeschoss während unserer neuen personalgestützten Öffnungszeiten: montags bis freitags von 10 bis 17 Uhr, samstags von 10 bis 14 Uhr.
Der Eintritt beträgt 8,- €, ermäßigt 6,- €, Dauerkarte 50,- €

Ticket-Vorverkauf, auch mit Online-Kartenvorbestellung, bei der Tourist-Information Bielefeld , Tel. 0521 / 51-6999.

Alle Veranstaltungen beginnen um 20 Uhr, Einlass ist ab 19:30 Uhr.

An den Abenden gibt es außerdem musikalische Begleitung, einen Getränkestand und den Büchertisch einer örtlichen Buchhandlung.

Wir werden auf unseren Social-Media-Kanälen die Veranstaltungen begleiten (z.B. live twittern mit #LitBi19) und zusätzliche Informationen liefern (z.B. unser Literaturverzeichnis gedruckt und als PDF hier im Blog, dazu Links zu Rezensionen und Interviews).

Aber das kann natürlich nicht das Dabeisein, das Hören der Lesung und die Teilhabe am Gespräch ersetzen. Und auch nicht die Lektüre der vorgestellten Bücher.

Das ausführliche Programmheft findet Ihr hier. In gedruckter Form liegt es bei uns und auch an einigen anderen Orten in Bielefeld aus.

HilDa

 

Laut lesen

Naheliegend, dass man bei einer Lesung vor Publikum laut liest. Oder überhaupt wenn man jemandem vorliest. Aber ich lese manchmal auch nur für mich alleine laut, lese also nur mir selber vor.
Nun, die einfachste Erklärung ist: Ich spiele in meiner Freizeit Theater und trainiere mit dem lauten Lesen meine Stimme, meine Aussprache, meine Modulation. Das ist übrigens auch für Nicht-Schauspieler sinnvoll, denn jeder kommt mal in die Verlegenheit, dass er besonders laut, deutlich und ausdrucksstark reden muss – auf einer Bühne, am Rednerpult, in einem Schulungsraum, bei einem Vorstellungsgespräch oder bei einer Bibliotheksführung. 🙂 Da wollen wir dann doch klar, verständlich und vor allem nicht eintönig und verdruckst herüberkommen. Und jeder, der schon mal eine Nacht durchgegrölt hat, weiß, dass eine Stimme auch überanstrengt werden kann. Lautlesen ist wirklich ein gutes Stimmtraining, und eine trainierte Stimme wird nicht so schnell heiser.

Na ja, zumindest waren das die Gründe, warum ich mit dem lauten Lesen nur für mich selbst begonnen habe. Mittlerweile gehört das Lautlesen aber zu meinem Genusslesen dazu. Natürlich gibt es Bücher, bei denen mich einfach nur der Inhalt oder die Story interessiert, ich lese sie schnell, überfliege die Seiten womöglich sogar nur oder lese gar quer, d.h. ich überspringe viel und lese nur das für mich gerade wesentliche. Aber manche Texte zwingen, nein, verführen zum langsamen und aufmerksamen Lesen. Schön konstruierte Sätze, feine Metaphern, wechselnde Perspektiven, Mehrdeutigkeiten und Ironie – das macht das Lesen nicht unbedingt einfach. Aber zum Genuss. Es fordert zum Interpretieren und manchmal auch Experimentieren heraus. Dann spiele ich gerne mit Rhythmus und Geschwindigkeit, mit unterschiedlichen Stimmen bei den Dialogen, ich höre dem Klang der Sprache nach oder teste ihre Doppelbödigkeit. Lesegenuss, den ich mir buchstäblich auf der Zunge zergehen lasse.

Bei Dramentexten ist es ganz klar, dass man sie sprechen muss. Bei Lyrik auch, Lyrik muss man laut lesen und jedes Wort und jede Pause, ja jedes Satzzeichen ausprobieren, denn alles hat in einem Gedicht eine Bedeutung und beeinflusst Sprache, Sprechen und Wirkung. Lyrik ist zur Rezitation geschrieben.
Und manchmal überkommt es mich sogar bei gut formulierten Sachtexten und eben bei Erzählungen und Romanen – ich lese sie zumindest passagenweise laut. Das zwingt mich zur Langsamkeit, so manchen Abschnitt oder Satz muss ich sogar mehrfach lesen. Aber es ist eben auch ein intensives Lesen, bei dem ich spontan interpretiere oder verschiedene Interpretationen ausprobiere – und so die Schönheit der Sprache würdige, in der der Text verfasst ist, das Sprach-Kunstwerk.

Wir lesen laut!
Das ist das diesjährige Motto der Literaturtage Bielefeld. Im Vorwort des Programmheftes heißt es: „Die mündliche Überlieferung steht am Anfang aller Literatur. Geschichtenerzähler, Barden, manchmal waren es Schamanen oder gar Heilige, haben in vielen Kulturen ihre Kenntnisse und Phantasien vorgestellt …“. Literatur und Theater haben also durchaus die gleichen Vorläufer. Das geschriebene Wort und die Rezitation gehören zusammen.

Wir lesen laut!
Das Motto hat sogar ein Ausrufezeichen. Da ist nicht nur das Vorlesen während der zwölf Veranstaltung im Oktober gemeint. Das ist auch ein Statement: Wir geben der Kunst des Erzählens eine Stimme und wir wollen die Schönheit der Sprache genießen und feiern – gerne gemeinsam mit Euch.

Das vollständige Programm zu den 24. Bielefelder Literaturtagen findet Ihr hier.

HilDa